Ein spanischer Soldat in Afghanistan
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Nichts wie weg: Während Spanien die Evakuierung der letzten Spanier aus Afghanistan vor dem Ansturm der Taliban organisiert, stellt sich die Frage: Wer von den afghanischen Helfern darf mit?

Spanier in Afghanistan

Panische Flucht aus Afghanistan: Spanien will eigene Bürger und hunderte Helfer vor der Taliban retten - zu spät?

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Die Taliban sind seit Sonntag in Kabul. Spanien will die letzten Landsleute, darunter den Botschafter und hunderte afghanische Zivilisten und ihre Familien, denen als Kollaborateure der Tod droht, in letzter Minute evakuieren. Doch dabei sind sie vollständig auf die Hilfe der USA angewiesen. Für viele kommt die (s)panische Rettungsaktion wohl bereits zu spät.

Update, 20. August: Am Mittwoch hob ein spanisches Militärflugzeug mit 57 Insassen - Spanier und afghanische Helfer - von Kabul nach Dubai ab. Am Donnerstag landeten 53 Evakuierte in Spanien. Zwei Transportmaschinen sowie, im Standby ein Lazarett-Flieger des spanischen Militärs, sind weiterhin in Bereitschaft, um Menschen aus Afghanistan evakuieren zu können.

Erstmeldung, 15. August. Madrid/Kabul - Die Szenen erinnern an die panische Flucht der Amerikaner aus Saigon am Ende des Vietnamkrieges 1975. Am Sonntag fielen die ersten Einheiten der Taliban in die afghanische Hauptstadt Kabul ein, nachdem zuvor die Provinzhauptstädte reihenweise und oft ohne großen Widerstand in ihre Hände fielen. Gleichzeitig heben US-Militärhubschrauber ab und fliegen Menschen aus. Die "Koalition der Willigen" steht vor den Trümmern ihrer militärischen Intervention und auch die Entwicklungsprojekte aus den vergangenen 20 Jahren sind dem Untergang geweiht. US-Präsident Biden entsendet 5.000 Soldaten, um den Abzug der eigenen Leute und ihrer Helfer und Familien zu sichern.

Flucht aus Kabul: Spanien will niemanden zurücklassen - es geht um hunderte Menschen

Unter deren Schutz wollen auch die Spanier die letzten eigenen Kräfte abziehen. Man werde die "Rückholung maximal beschleunigen", hieß es am Freitag aus dem spanischen Außenministerium. Außenminister José Manuel Albares - erst seit ein paar Wochen im Amt und direkt in einer veritablen Feuertaufe - erklärte: "wir werden niemanden zurücklassen" und die Evakuierung werde umgesetzt, "sobald das möglich ist". Am Sonntag war aus dem Außenministerium noch nichts zu hören, obwohl sich die Lage dramatisch verschlechterte. Mittlerweile dürfte das Verteidigungsministerium übernommen haben.

Spaniens Außenminister José Manuel Albares, erst wenige Wochen im Amt und schon mitten in einer handfesten Feuertaufe.

Konkret geht es bei der spanischen Evakuierung aus Afghanistan um mehrere hundert Menschen, genaue Angaben macht das Außenministerium in Madrid nicht. Dabei handelt es sich um sechs in Afghanistan gemeldete Spanier sowie den Botschafter und den Geschäftsträger der spanischen Botschaft in Kabul und deren 17-Mann starke Schutztruppe. Den größten Teil der zu rettenden Personen machen jedoch die Übersetzer und anderen zivilen Zuarbeiter aus, sowohl für ISAF als auch für die Agentur für Aufbauhilfe und Kooperation, AECID. Laut Minister sei Spanien "auf jede Eventualität vorbereitet, auch auf eine umgehende Räumung der Botschaft". Das Signal zum Aufbruch werden indes die Amerikaner geben, denn nur sie haben die militärische Kraft, den Airport Kabul zumindest noch eine Weile zu sichern, bis die Taliban das in Jahrzehnten blutende Land endgültig wieder unter ihre brutalen Fittiche nehmen können.

Spanischer Übersetzer in Afghanistan: "Sie werden uns alle köpfen" - Kommt Evakuierung zu spät?

Zwar hatte Spanien seine ISAF-Truppen bereits 2014 aus den Provinzen Herat und Badghis zurückgezogen, ganz zum Ärger der USA, doch erst im Mai 2020 verließen die letzten uniformierten Spanier Afghanistan, Verbindungssoldaten zum US-Hauptquartier, die vor allem den Schutz der Aufbauhelfer und ihrer Projekte koordinierten.

Sieben Jahre lang arbeitete zum Beispiel Fawad Ahmad in der Provinz Badghis für die Spanier. Der 34-Jährige erklärte in "El Independiente", dass "die Taliban uns alle, die wir für das spanische Militär gearbeitet haben, köpfen werden", auch wenn er tatsächlich für eine norwegische NGO tätig war, die unter spanischem Schutz stand, "die machen da keine Unterschiede". Ahmad spricht von "dramatischen Angriffen in den letzten Tagen in Badghis, alle wollen fliehen, wissen aber nicht, wohin". Mit diesen Aussagen ist klar, dass die "Beschleunigung" des spanischen Außenministeriums für viele Familien zu spät kommen dürfte, denn die betroffenen Provinzhauptstädte sind bereits seit Tagen in Händen der Taliban, die Straßen nach Kabul stehen unter Beschuss.

Spanischer Einsatz in Afghanistan: 16.000 Soldaten, 93 Tote - Renaissance der Fremdenlegion

Es gibt bereits Kritik aus Militärkreisen. Mit der Materie vertraute Veteranen glauben, dass das Verteidigungsministerium lediglich eine Transportmaschine vom Typ A400M bereithält. Doch deren Kapazität reiche nur für 116 Personen, "viel zu wenig". Ob die Maschine mehrfach fliegen kann, ist bei der schnellen Veränderung der Front sehr fraglich, trotz der Lufthoheit der USA.

Die spanische Mission in Afghanistan begann mit der UN-Resoultion 2001, zunächst entsandte Spanien 450 humanitäre Helfer und einige Militärs zu deren Schutz. Doch die USA drängten auf immer mehr militärische Kräfte beim Plan "der Befreiung von den Taliban". 2011 erreichte die spanische Präsenz, ASPFOR, im Rahmen der ISAF mit über 1.500 Soldaten seinen Höhepunkt.

Im Laufe der Jahre dienten durch die Rotation 16.627 spanische Militärangehörige in Afghanistan, darunter übrigens auch nicht wenige Lateinamerikaner, die über die spanische Fremdenlegion rekrutiert wurden und mit der Uniform auch den spanischen Pass erhielten. Die spanische Fremdenlegion, La Legión, fand in den Auslandseinsätzen eine neue Existenzberechtigung, nach ihrer blutigen kolonialen Geschichte.

Von den in Afghanistan stationierten spanischen Militärs starben rund 120: acht spanische Soldaten fielen Sprengstoffanschlägen zum Opfer, drei weitere Scharfschützen, 18 weitere starben bei Unfällen, zwei durch Herzinfarkte im oder unmittelbar nach dem Einsatz. 62 Menschen - Soldaten wie Zivilisten - kamen allein beim Flugzeugabsturz einer Yak-42 in der Türkei beim Rücktransport in die Heimat ums Leben. Aufsehen erregte auch der Angriff der Taliban auf die spanische Botschaft in Kabul im Juli 2015, bei dem zwei spanische Polizisten starben. 3,7 Milliarden Euro soll der spanische Einsatz gekostet haben. Suizide nach dem Einsatz, aber auch Unfälle bei der Ausbildung in der Heimat, werden in der Statistik nicht als Einsatzopfer gezählt.

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