Coronavirus Impfung in Spanien bei jungen Leuten.
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Die Corona-Impfung als Instagram-taugliches Event. Danach geht‘s zum Strand. Spanien impft bereits die Generation ab 12 Jahren.

Coronavirus Spanien aktuell

Hitzewelle schlägt Coronavirus: Spanien bei Impfung Weltspitze - Aktuelle Lage im August

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Dass die Hitze in Spanien als schlimmer empfunden wird als das Coronavirus, könnte Zeichen einer Normalisierung sein, - wenn diese Hitze noch normal wäre. In Spanien sind Werbekampagnen für die Corona-Impfung unnötig, Kampagnen für einen Urlaub im Land sowieso. So mild wie die meisten Verläufe, sind in Spanien auch die Corona-Restriktionen. Der Stand der Dinge.

Málaga/Murcia/Valencia - Dass die aktuelle Hitzewelle in Spanien mehr mediale und öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen scheint als die Corona-Welle, kann ein Zeichen dafür sein, dass sich die Pandemie-Lage auch in Spanien tatsächlich entspannt, und die Menschen zu gewohnten saisonalen Aufregern zurückkehren können.

Doch mittlerweile beobachten wir das etwas schräge Phänomen, dass Menschen auf Wetterprognosen mitunter genauso gereizt, feindselig und irrational reagieren wie auf die Wasserstandsmeldungen der Pandemie. Hieß es hier „das ist doch nur eine Grippe“, heißt es nun „das ist doch im Sommer normal“ - mit der prophylaktischen Absicht, jeden Versuch der Journaille im Keim zu ersticken, die Hitzewelle auch nur in die Nähe eines „angeblichen“ Klimawandels zu bringen, für den man womöglich auch noch persönlich verantwortlich sein soll.

Coronavirus oder Klimawandel: Wissenschaft und Vernunft weisen den Ausweg

Es gibt tatsächlich Menschen, die uns den Wetterbericht übel nehmen. Da war die spanische Inquisition toleranter. Es fehlte nur noch die Aufforderung, dass wir doch einfach nicht ständig auf das Thermometer schauen sollten, dann wäre es auch nicht so verdammt heiß! Und den SUV kann man schließlich auch auf einem Hügel parken, dann machen die Überschwemmungen kaum noch was aus. Kleiner Spoiler gefällig? Tatsächlich wird der Klimawandel langfristig schlimmere Konsequenzen zeitigen als das Coronavirus, auch für jene, die Warnungen der Wissenschaft reflexartig in den Wind schlagen. Es ist schwer verdaulich, das eigene Lebenskonzept in Frage gestellt zu sehen, am Ende den Jungen den Planeten als Scherbenhaufen zu hinterlassen. Die Leugnung macht es nicht besser, weder für einen selbst, noch für kommende Generationen.

Doch schauen wir zunächst auf das „Thermometer“ der Corona-Pandemie in Spanien, wird einmal mehr klar, dass hinter dem ganzen Theaterdonner, mit dem sich „Erwachte“ von persönlicher Verantwortung oder gar Mitgefühl für Artgenossen und kommende Generationen freischreien wollen, die ruhige Hand der Wissenschaft, mithin der Mainstream, die Menschen aus der Krise führt, zumindest aus der sanitären. Mehr von ihr zu fordern, wäre unlauter.

Spanien: Todesrate und Zahl der Krankenhauspatienten sinken dank Impfung drastisch

Zahlen bitte: Mussten während der Wellen vor der Covid-Impfkampagne in Spanien fünf bis acht von 1.000 positiv Getesteten im Krankenhaus behandelt werden, sank dieser Wert in Spanien auf unter eins. Starben von 1.000 Covid-Patienten in Krankenhäusern früher sechs bis acht, liegt auch dieser Wert bereits unter eins, die Todesrate in Spanien konnte also um das Sechzigfache gesenkt werden. Dafür gibt es einen Nebengrund: Die Schwächsten starben bereits an Covid. Der Hauptgrund aber: Die Impfung wirkt. Und zwar gründlich.

Inzidenzen, Todesfälle, Krankenhausbelegung, Stand der Impfung: Aktuelle Entwicklung des Coronavirus in Spanien

  • Die Corona-Inzidenz je 100.000 Einwohner binnen 14 Tagen beträgt in Spanien am Dienstag, 10. August 528 (3. August 654, 27. Juli 702). In Andalusien 559 (594, 532), Balearen 723 (916, 886), Kanarische Inseln 439 (500, 456), Madrid 601 (742, 718), Murcia 437 (473, 424), Region Valencia 453 (569, 586). Die Balearen, La Rioja, Navarra und Madrid verzeichnen mit über 600 derzeit die höchste Inzidenz in Spanien. Asturien, Murcia und die Kanarischen Inseln mit Werten unter 450 sind die Regionen mit der niedrigsten Inzidenz.
  • Der europäische Vergleich: Deutschland, Dienstag, 10. August 43 (3. August 33, 27. Juli), Schweiz 132 (113, 90), Österreich 78 (65, 52), Großbritannien 559 (644, 852), Portugal 325 (385, 437).
  • Die Covid-Todesfälle beliefen sich in Spanien binnen sieben Tagen per 10. August auf 284, fast unverändert zur Vorwoche mit 280.
  • Am 10. August wurden in Spaniens Krankenhäusern insgesamt 10.001 Patienten wegen Covid-19 stationär behandelt, in der Woche davor waren es etwa 300 mehr. Die Bettenauslastung liegt aktuell bei 8,5 Prozent. Von den jetzt stationär Betreuten liegen 1.987 und damit 120 mehr als in der Vorwoche auf Intensivstationen, diese sind zu 21,5 Prozent (+1,5) mit Covid-19-Patienten belegt.
  • Stand der Covid-Impfung bis 10. August: 63,8 Millionen Impfdosen wurden geliefert, 3,3 Millionen binnen einer Woche. 59,4 Millionen Dosen wurden verabreicht. 28,8 Millionen Personen erhielten bislang die vollständige Dosis, das sind 60,6 Prozent der Bevölkerung (58), während gut 33,5 Millionen Menschen, also 70,8 Prozent der Bürger zumindest eine Dosis erhalten haben.
  • Quelle für alle Daten: spanisches Gesundheitsministerium

Das erkennt man in Spanien unter anderem auch daran, dass die Krankenhäuser des Landes trotz einer Inzidenz, die an die schlimmsten Zeiten der ersten Wellen erinnerte, nicht einmal mehr annähernd an ihre Kapazitätsgrenzen gerieten. Auf dem Höhepunkt dieser fünften Welle erreichten die Einweisungen in Hospitäler nur noch ein Drittel der Zahl der dritten Welle. Abgesehen allerdings von einigen Regionen, wo die absolute Zahl der Infektionen so hoch schnellte, dass sich Hospitäler trotz geringer Einweisungsquote zwangsläufig füllten.

Coronavirus Spanien: Patienten unter 60 Jahren mittlerweile Mehrheit in Krankenhäusern

Diese fünfte Welle ist auch deshalb eine atypische, da die Patienten unter 60 Jahren mit 60 Prozent der Belegungen mittlerweile die klare Mehrheit stellen. Auch das ist ein sehr starkes Indiz, dass die Impfung wirkt, denn in Spanien liegt die Impfquote der Ü-40-Gruppe bei 88,7 Prozent, ein weltweiter Spitzenwert, den nur Kanada noch überbietet. Bei den Ü-60 erreicht Spanien sogar 97,1 Prozent. Am Dienstag, 10. August, waren 60,6 Prozent aller Spanier bereits vollständig geimpft und sie springen auch alle ganz quicklebendig durchs Leben, auch wenn nicht wenige ein, zwei Tage durchhingen, vor allem nach dem zweiten „Shot“.

Keine Impfpflicht in Spanien nötig: "Mehr" Freiheit für Geimpfte keine "Privilegien"

Eine Impfung ist ein medizinischer, ein chemischer Eingriff in den Körper, der eine Reaktion provozieren soll. Natürlich ist das kein Vergnügen. Doch die Vor- und Nachteile abgewogen, kann es für eine Gesellschaft gar keine andere Entscheidung geben, als die Durchimpfung resolut durchzusetzen. In Spanien ist es dazu nicht nötig, über eine Impfpflicht auch nur zu diskutieren. Auch die Frage nach „Privilegien“ für Geimpfte oder „Diskriminierung“ von Impfverweigerern ist in gewisser Weise irregeführt. Denn bei der Erlangung der üblichen, garantierten Freiheiten handelt es sich ja nicht um Privilegien.

Spanien im zweiten Corona-Sommer: Die Strände am Mittelmeer, wie hier auf Mallorca, sind voll. Einschränkungen gibt es nur noch wenige.

Unterschieden wird einfach in Menschen, die sich und andere – zum Beispiel solche, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können – und die gesellschaftlichen Ressourcen nicht oder weniger und solche, die sie vorsätzlich gefährden. Der Staat hat da natürlich – im allgemeinen Interesse – nicht nur ein Recht, sondern die Pflicht, einen Unterschied zu machen. Es gibt kein Recht auf Allgemeingefährdung. Darüber können die „Betroffenen“ toben, das ist ihr Recht. Schwächere in Gefahr bringen, wie gesagt, nicht.

Spaniens Corona-Sommer: Wenig Einschränkungen, Tourismus atmet auf - Spanier retten Spanien

Trotz des Ärgers der eigentlich unnötigen fünften Welle, die auf ein zu schnelles und zu umfangreiches Hochfahren des gesellschaftlichen Lebens aus wirtschaftlichem Druck – und mangels ausreichender staatlicher Hilfen – zum Teil auch aus existentieller Notwendigkeit zurückzuführen war, konnte Spanien den Sommer ohne erneute tiefgreifende Einschränkungen absolvieren. Die Maskenpflicht wurde deutlich gelockert, Reisen in alle Richtungen ist möglich, es gibt nur noch lokal nächtliche Ausgangssperren, einige Belegungs- und Abstandsregeln.

Zur Lage in den Küstenregionen: Valencia (Costa Blanca), Andalusien (Costa del Sol), Murcia (Costa Cálida)

Die Strände und Bars in Spanien aber sind voll, die Spanier vermieden Auslandsreisen weitgehend und retteten damit der eigenen Tourismusbranche den Sommer, weil sie die Stornierungen der Ausländer angesichts wieder hoher Zahlen abfingen. Nicht so vollständig glichen sie die dadurch ausbleibenden Einnahmen aus, aber der Tourismus insgesamt läuft in Spanien 2021 wieder auf rund 70 Prozent. Danach sah es Anfang des Jahres noch gar nicht aus. Nicht wenige Orte, Hotels und Strände melden sogar Vollbelegung. Dass sich allerdings irgendetwas in Richtung sanfter Tourismus, Entmassifizierung oder Nachhaltigkeit als Lehre aus dem Coronavirus blicken ließe, diese Hoffnung kann man aufgeben, alles strebt nur danach, alte Rekorde zu überflügeln. Wir haben nichts gelernt?

Coronavirus Spanien: Über 2.000 Menschen liegen noch und wieder auf Intensivstationen

Dass mit 61 Prozent geimpfter Bevölkerung noch nicht alles gewonnen ist, zeigen die Daten der Krankenhäuser. Zwar sank – erstmals seit Juni – die Zahl der wegen Covid-19 in Hospitälern stationär behandelten Menschen wieder, auf jetzt knapp über 10.000, doch Covid-19 ist eine tückische und mitunter hartnäckige Krankheit, so liegen 175 Personen mehr auf Intensivstationen als vorige Woche, landesweit derzeit 2.031. Im Landesschnitt ist noch und wieder jedes fünfte Intensivbett mit einem Covid-Patienten belegt. Auch hier stellt die Gruppe der U60 mittlerweile die Mehrheit, bei den Covid-Toten noch nicht, wenn auch Berichte, wie der über den Covid-Tod einer 20-Jährigen in Marbella Anfang der Woche aufhorchen lassen, ebenso wie Studien über Langzeitsymptome bei jungen Menschen, die auch neurologische Beeinträchtigungen beinhalten.

Impfung in Spanien ab 12 Jahre: Junge Generation strömt in die Impfzentren

Sahen die Haltestellen der Sonderbusse in die Impfzentren vor wenigen Wochen noch aus wie der Treffpunkt von Butterfahrten, hat sich das Bild in Spanien gründlich gewandelt. Jetzt sieht es eher nach Schulausflug aus, nicht wenige der jungen Leute nehmen zur Impfung gleich die Badesachen mit, um anschließend an den Strand zu fahren. Die ersten Daten verweisen darauf, dass die Impfbereitschaft der oft wegen der „botellones“ als verantwortungslos gescholtenen jungen Generationen mindestens so hoch ist wie die ihrer Eltern und Großeltern.

Gibt es ab 2022 den Booster-Shot gegen Corona mit einem Impfstoff aus Spanien?

In den meisten spanischen Regionen sind bereits alle ab zwölf Jahre zur Impfung eingeladen, mancherorts wie gehabt mit zentraler Terminvergabe, in einigen Regionen bereits auch per Selbstanmeldung. Auf den Balearen, in Katalonien und in Andalusien gibt es bereits auch freie Impfzentren, die ohne Termin funktionieren. Das hängt auch damit zusammen, dass viele von den rund zwölf Prozent der Ü-40-Generation, die noch nicht vollständig geimpft sind, ihren zweiten Shot nicht abholen, im Urlaub sind oder zu der in Spanien verschwindend geringen Gruppe der aktiven Verweigerer gehören.

Die Seguridad Social durchforstet ihre Telefonverzeichnisse gründlich und spricht sich mit den privaten Krankenversicherung ab, um möglicherweise übersehene Impfkandidaten doch noch aufzuspüren. Denn Experten machten bereits klar, dass das zunächst ausgegebene Ziel einer Durchimpfung von rund 70 Prozent der Bevölkerung, das man wohl locker im September, eventuell sogar davor, erreichen wird, nicht genügt, um den anfälligeren Teil der Bevölkerung, auch der geimpften, gegen Varianten zu sichern, die durch den Leichtsinn der letzten Wellen viel Zeit und Gelegenheiten hatten, ihre Vermehrungs- und Verbreitungstaktiken zu verfeinern.

Booster-Shots bald mit spanischem Impfstoff?

Auch die sogenannten Booster-Shots werden in Spanien spätestens im Herbst und Winter ein Thema werden, zumindest für die älteren Gruppen. Bis dahin gibt es womöglich schon ein hauseigenes, spanisches Vakzin: Die Medikamentenaufsicht hat klinische Tests mit Menschen des Impfstoffs Hipra genehmigt. Mehrere Labore in Spanien arbeiten an einem nationalen Coronavirus-Impfstoff. Derzeit untersuchen Virologen und Ärzte, ob und wie die Kombination Covid-/Grippe-Impfungen sich insofern ergänzen, dass die dritte Covid-Impfung möglicherweise doch umgangen werden kann.

Ein Leser, Mitarbeiter eines Schweizer Kreditinstituts, schrieb uns vorwurfsvoll, „ihr könnt doch nicht alle Leben retten wollen. Was wird denn dann aus der Wirtschaft?“. Leben und ein bisschen sterben lassen? Abgesehen davon, dass in unserer Gutmenschen-Blase die Wirtschaft dem Menschen dienen sollte, nicht umgekehrt - auch wenn das Banken naturgemäß nicht so sehen können-, überschätzt der Leser unsere Fähigkeit Menschenleben retten zu können gewaltig. Das können die Menschen nur selbst tun, zum Beispiel in dem sie sich impfen lassen und die nach wie vor so lästigen wie manchmal unverständlichen Einschränkungen gelassen hinnehmen – was im sonnigen Spanien gemeinhin leichter fällt als anderswo. Naja, wenn da diese Hitzewelle nicht wäre.

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