Mercadona-Supermarkt in Spanien
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Einkaufen macht immer missmutiger bei Preissteigerungen, wie sie auch die Spanier jetzt verkraften müssen.

Preisentwicklung Spanien

Inflation in Spanien: Preise bei Energie und Lebensmitteln außer Rand und Band

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Die Konsumenten-Preise steigen auch in Spanien heftig, die Post-Covid-Inflation tobt sich vor allem bei Energie und Kraftstoffen, aber auch bei Lebensmitteln, aus. Nur der Wein in Spanien bleibt billig und gut. Immerhin. Doch den Ärmsten und Älteren hilft das wenig.

Madrid - Im Oktober 2021 zogen die Preise in Spanien im Schnitt um 5,4, im November um 5,5 Prozent gegenüber den Vorjahresmonaten an. Das ist die höchste Teuerung seit 29 Jahren. Die bisher vereinbarten Anhebungen von Löhnen, im privaten wie im öffentlichen Sektor, sowie der Renten erreichen hingegen nur 2 bis 2,5 Prozent.

Wie immer schlagen hohe Preise vor allem bei jenen stark ins Budget, die einen höheren Anteil ihres Einkommens für das Lebensnotwendige aufbringen müssen, also die armen Menschen in Spanien, zu denen auch vergleichsweise viele junge Spanier in Armut zählen, und der Konsumentenpreisindex (IPC) spiegelt die tatsächliche Teuerung für diese Gruppen auch daher nur teilweise wider, weil zum Beispiel ältere Mensche andere Bedürfnisse und damit Gewichtungen in ihrem "Warenkorb" haben als der Schnitt.

Preise in Spanien: Wohnen und Essen verteuern sich am meisten

Auf Jahresbasis gerechnet, stiegen die Kosten für das Wohnen mit 16,8 Prozent in Spanien 2021 am stärksten, neben Mieten sind darin auch die Strom- und Gaspreise einberechnet, die fast täglich neue Rekorde markieren (Details weiter unten). Kosten für den Transportsektor in Summe stiegen um 13,5 Prozent, was sowohl die Tankfüllung für den eigenen Pkw teurer macht, aber auch Busunternehmen, vor allem aber das Transportgewerbe belastet, deren gestiegene Spritkosten wiederum auf die Preise der transportierten Waren durchschlagen.

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Benzinpreise in Spanien "außer Kontrolle", auch Gastronomie wird um ein Viertel teurer

Die Kosten für Benzin und Diesel sind praktisch außer Kontrolle geraten, binnen 12 Monaten stiegen die Preise dafür um 29,4 bzw. um 32,8 Prozent. Dabei schlägt die Preiserhöhung auf den Weltmärkten noch nicht einmal vollständig auf die Endkunden durch, denn das Fass Rohöl der Marke Brent - die Branchenreferenz - verteuerte sich binnen 12 Monaten um 44 Prozent. Die Folgen spüren alle Branchen, selbst Möbel, sonst im Warenkorb seit Jahren Ladenhüter, verteuern sich um fast fünf Prozent, obwohl die Nachfrage niedriger war als in den Jahren zuvor.

Lebensmittel und nichtalkoholische Getränke stiegen zwar "nur" um 3,3 Prozent in diesem Jahr, allerdings mit erheblichen Unterschieden bei den Warengruppen. Im Bereich der Lebensmittel sind die Unterschiede gewaltig und die sozialen Auswirkungen ebenso, wenn man bedenkt, dass die große Gruppe der sogenannten "Mileuristas" in Spanien, also jene, die monatlich mit um die 1.000 Euro Einkommen über die Runden kommen müssen, rund 35 Prozent ihres Einkommens für Essen und Trinken aufwenden müssen.

Diesel wurde in Spanien 2021 um fast ein Drittel teurer.

Laut dem spanischen Statistikamt INE sind alle Fleischsorten außer Schwein teurer geworden, im November vor allem Schaf- und Ziegenfleisch mit +7 Prozent in einem Monat und 15 Prozent im Jahresverlauf. Auf Jahresbasis zogen Oliven am meisten an (+25,5 Prozent), gefolgt von Erfrischungsgetränken und Mineralwasser mit einer Teuerung von 10,5 Prozent. Nudeln, aber auch haltbare Bohnen, Linsen, Kichererbsen wurden über 10 Prozent teurer, Babynahrung zog um 7,2 Prozent an und frisches Obst verteuerte sich um 6 Prozent, Käse um 4. In Summe steuern die Lebensmittel den größten Anteil am "Warenkorb" der Statistiker bei, absolut gesehen sind sie so auch die größten Preistreiber für den Konsumenten.

Preise in Spanien: Strom steigt um 47 Prozent in einem Jahr, die Gasflasche wird ein Drittel teurer

Binnen eines Monats verteuerte sich die Gastronomie in Spanien um 2,5 Prozent, über die letzten 12 Monate sogar um 24,2 Prozent. Die Gastronomen hätten die Saison verlängert, um ihre Verluste aus den Corona-Lockdowns wieder wett zu machen, begründen das die Analysten, doch natürlich sind auch für die Wirte die Großhandelspreise gestiegen. Interessant: Die Teuerungen in der Gastronomie gehen fast ausschließlich auf Restaurants zurück, denn die Cafés und Bars, zu der auch die "bar de toda la vida" ums Eck zählt und die von Stammkundschaft lebt, steigerte die Preise nur um 1,8 Prozent.

Rentner in Spanien demonstrieren seit langem für eine Anpassung ihrer Bezüge an die Inflation.

Strom wurde in Spanien im November 2021 gegenüber dem Oktober 2021 um 6,8 Prozent "billiger", verteuerte sich aber binnen eines Jahres um 46,7 Prozent, an diesem Montag, 13. Dezember, markierte die Megawattstunde mit 291 Euro einen neuen Allzeit-Rekord, gleich danach folgten weitere Rekorde bis hin zu 360 Euro je Mw/h am 22. Dezember. Erdgas wurde seit November 2020 um 11,3 Prozent teurer, Gas in Flaschen, wie es in Spanien noch zum Alltag sowohl zum Heizen wie für Warmwasser gehört, stieg um 33,6 Prozent.

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Ursachen und Inflationsprognose: Moderater Rückgang der Preissteigerung in Spanien ab zweitem Halbjahr 2022 - Explosive Mischung

Die Prognosen der von "El País" befragten Analysten - staatlicher wie privater - sind sehr verhalten, die meisten gehen von einer "deutlichen Verlangsamung der Teuerung", aber erst ab der der zweiten Hälfte 2022 aus, aber keinesfalls von einer Rückkehr auf Vor-Covid-Niveau. Doch vor allem bei der Energie und den Kraftstoffen werde in einigen Monaten die Spitze erreicht sein. Finanzmarktexperten machen auch die massiven Corona-Hilfspakete in den USA und der EU für die Inflation verantwortlich, was logisch ist, denn wenn mehr Geld verfügbar ist, sinkt dessen Wert, also steigen die Preise. Gleichzeitig zieht nach Corona die Nachfrage an, allerdings asynchron und es gibt Engpässe bei der Belieferung mit Rohmaterialien, Transportengpässe und eine mittlere Energiekrise bei der globalen Umstellung auf nachhaltigere Ressourcen. Eine explosive Mischung in der Weltwirtschaft, die in diesem System letztlich immer die Endkunden ausbaden müssen.

Vor Weihnachten werden Spaniens Fischmärkte zum Börsenparkett.

Der Einkauf für das traditionell üppige spanische Weihnachtsessen wird so für viele spanische Familien schmerzhaft, für nicht wenige ein Ding der Unmöglichkeit. Ein spezielles und in Spanien sehr wichtiges Warensegement ist aufgrund zu hoher Lagerbestände und schwächerer Nachfrage allerdings gesunken: Weine aus Spanien. Das ist für die Erzeuger zwar überhaupt keine gute Nachricht, weil ihre Kosten für die neue Produktion ebenfalls steigen, aber kann für die gepeinigten Konsumenten zumindest kurzfristig einen realen - und noch leistbaren - Trost bedeuten. Aber ohne Oliven dazu.

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