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Coronavirus Spanien: Rekorde und Fatalismus in 6. Welle - Infos zum Boostern für Ausländer 

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Von: Marco Schicker

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Barcelona zu Weihnachten.
Vorgetäuschte, weihnachtliche Normalität in Barcelona. Nachts gilt wieder eine Ausgangssperre. © Jordi Boixareu/dpa

Bürger und Politik in Spanien scheinen einen stillen Pakt geschlossen zu haben, die sechste Coronavirus-Welle in Spanien auszusitzen und wegzuboostern. Inzidenzen explodieren, der Druck in Hospitälern steigt, aber ein Kollaps droht nicht. Stoisch und holprig zugleich lernt ein Land, mit dem Virus zu leben. + Infos zur Booster-Impfung in Spanien.

Update, 31. Dezember: Spanien hat die verordnete Isolationsdauer nach einer Corona-Infektion ohne Symptome von zehn auf sieben Tage verkürzt. Ein Test ist nicht erforderlich, um die Quarantäne zu beenden. Damit will man Beeinträchtigungen der Grundversorgung wegen der hohen Infektionszahlen verhindern. Das Gesundheitsministerium hat am Donnerstagabend eine 14-Tage-Inzidenz von 1.775 Neuinfektionen mit dem Coronavirus unter 100.000 Einwohnern vermeldet, der 7-Tage-Inzidenzwert liegt bei 1.086.

Málaga/Murcia/Alicante – Spanien legt derzeit die Omikron-Zwischenprüfung im Hauptfach „Leben mit dem Coronavirus“ ab. Hier eine Art Gesellenprüfung, holen andere EU-Länder noch Hausaufgaben aus der Grundschule nach. Obwohl die 14-Tage-Inzidenz am Dienstag, 28. Dezember, in Spanien mit 1.360 (+154 binnen 24 Stunden) pro 100.000 Einwohnern (Andalusien: 898, Murcia: 1.228, Valencia: 999) wieder einen Allzeit-Rekord markiert und allein über das Weihnachtswochenende um 450 Punkte nach oben schoss, brechen weder Behörden noch Bürger in Panik aus. Die Restriktionen wurden längst von der Inzidenz abgekoppelt und unterliegen dem politischen Opportunismus.

Zum Thema: Die 3G-Regeln in der Region Andalusien. Die 3G-Regeln in der Region Valencia.

Arzt im Hospital Torrevieja lässt sich boostern.
Ein Arzt im Hospital Torrevieja lässt sich boostern. © Hospital Torrevieja

Dabei ist die Lage, trotz weitgehender Durchimpfung, wachsender natürlicher Immunität und schwächerer Omikron-Verläufe in Spanien gar nicht so gut. Denn über Weihnachten mussten 1.606 Patienten neu wegen Covid-19 stationär in Krankenhäuser eingeliefert werden, 9.852 waren es am Mittwoch, 29. Dezember, insgesamt. 200 weitere Patienten, 1.736 insgesamt, ringen auf Intensivstationen mit dem Tod, 120 Menschen starben in Spanien zwischen dem 23. und 27. Dezember wegen Covid-19, 247 waren es in den vergangenen sieben Tagen.

Spanien: Covid-Todesrate 92 Prozent geringer als in ersten Wellen

So viele starben in Spanien 2020 mitunter an einem Tag bis zum frühen Vormittag. Im Verhältnis zum Infektionsgeschehen also ist die Lage gar nicht so schlecht. Oder doch? Der Druck auf die Krankenhäuser wächst permanent, aber nicht so beängstigend wie in den ersten Wellen.

Eine Überlastung, die dramatische Konsequenten haben kann, gibt es, aber mehr in der Erstversorgung, also in den Gesundheitszentren, die von Booster- und Terminsuchenden, Impfnachzüglern, Testwilligen, Menschen mit Corona-Symptomen, Menschen mit Bekannten mit Symptomen und Patienten mit anderen Krankheiten überrannt werden. In den Hospitälern sind per 28. Dezember 2021 8 Prozent der Betten mit Covid-Patienten belegt sowie 18,7 Prozent der Intensivbetten (Andalusien: 10, Murcia: 16, Valencia: 24 Prozent). Weit entfernt vom früheren Kollaps. Doch jedes neu belegte Intensivbett bindet sieben medizinische Fachkräfte, die anderswo fehlen.

Gute Nachrichten: Die Region Valencia errechnete, dass die Covid-Todesrate in den Hospitälern um 92 Prozent gesunken ist. Das heißt, starben früher 100 Menschen an Covid, sind es heute noch acht. Ähnliche Entwicklungen gibt es bei schweren Verläufen. Auch die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Hospital ist um ein Drittel gefallen. Das ist ein signifikanter Erfolg aus mehreren Faktoren: Allem voran die Impfung, gefolgt von der Immunisierung durch Ansteckung/Erkrankung, der Wirkung der zwar ansteckenderen, aber nicht so letalen Omikron-Variante und, nicht zuletzt, sind die anfälligsten Opfer des Virus bereits tot.

Zum Thema: Übersterblichkeit wegen des Coronavirus in Spanien.

Coronavirus 6. Welle in Spanien: Gleiten in einen undeklarierten Lockdown

Der explosionsartige Anstieg der Infektionen bei einem nicht mal mehr durch Quantencomputer justierbaren Chaos bei Testdichte und Kontaktverfolgung in Spanien, gibt natürliche keine verlässlichen Ergebnisse mehr her über den Infektionsstand in der Bevölkerung. Doch die heftig ansteigende Tendenz - trotz weniger amtlicher Tests an den Weihnachtsfeiertagen - führt nicht nur zu neuen Sorgen in den Krankenhäusern, sondern setzt auch immer mehr Polizisten, Pfleger, Kraftfahrer, Lehrer außer Gefecht, sei es auch symptomfrei oder mit leichten Verläufen. Das gesellschaftliche Leben könnte so allmählich in einen undeklarierten Lockdown gleiten.

Das spanische Gesundheitsministerium, so verlautet es am Mittwoch, 29. Dezember, prüft daher bereits, die Quarantäne-Dauer für positiv Getestete zu verkürzen, wie es u.a. die USA und Großbritannien bereits umsetzen. In der Praxis verläuft die Quarantäne ohnehin nicht selten schon auf telefonischen Zuruf über den Hausarzt, auch mal ohne abschließenden Test.

Die Antwort der Politik, ebenso coronamüde wie das Volk, ist alles, nur nicht stringent. Die Zentralregierung deklarierte die erneute Maskenpflicht im Freien, überlässt den Rest aber den Regionen. Die kümmern sich ums Boostern, schimpfen, je nach politischer Coleur, auf die Zentralregierung, verhängen mal Sperrstunden für Nachtbars, bisher nur in Katalonien auch eine nächtliche Ausgangssperre (1-6 Uhr), und hier und da Belegungsgrenzen, schieben die Verantwortung aber auf die Gemeinden ab, wenn es um Abhaltung oder Absage von zentralen Silvesterfeiern oder den Dreikönigs-Umzügen geht.

Party auf Krypton: Spaniens Politik verschlampt Verantwortung von oben nach unten

Den Bürgermeistern wiederum bleibt nur, an das „individuelle Verantwortungsgefühl“ und „die Vernunft jedes Einzelnen“ zu appellieren, an jene Kultiviertheit also, die das Problem Corona eigentlich am effizientesten eindämmen könnte, aber vor allem in den entwickeltsten Ländern Europas am kläglichsten versagt hat. So wird die Verantwortlichkeit von oben nach unten verschlampt.

Nicht ganz so geduldig wie Politik und Bürger Spaniens ist das Ausland mit Spaniens Corona-Entwicklung, Deutschland und andere Staaten haben Spanien wieder zum Hochrisikogebiet erklärt, mit entsprechenden Erschwernissen beim Reisen.

Und dann wäre da noch Madrid, der Planet Krypton im spanischen Universum, wo Präsidentin Ayuso „faule“ Mitarbeiter der Gesundheitszentren für Warteschlangen verantwortlich macht und Stadtchefs, die um kohärente Maßnahmen bitten, zu Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez schickt, „weil der ja nichts macht“. Restriktionen gibt es, neben der zentral verhängten Maske, in Madrid praktisch keine mehr, anders in den Nordländern Galicien, Baskenland und La Rioja, die sogar in Betracht ziehen, zum Jahreswechsel die Gastronomie ganz zu schließen.

Silvesterfeiern und Dreikönigs-Umzüge in Spanien: Absagen und Wegschauen

In Andalusien fallen „Campanadas“, die Silvesterfeiern auf zentralen Plätzen, in den meisten Innenstädten aus, in Madrid nicht. El Campello an der Costa Blanca sagt den Drei-Königs-Umzug ab, im benachbarten Alicante schlagen sich die Leute um die Karten dafür. In Badajoz naschen die Menschen die Trauben auf dem Markt, in Cáceres wird sogar der bekannte Silvesterlauf abgesagt. In Valencia und Palma de Mallorca bleiben die Plätze vor den Rathäusern am 31. Dezember leer, in Bilbao und Valladolid (Inzidenz: 2.500!) dürfen sie sich füllen (Stand: 27. Dezember).

Ein unausgesprochener Pakt zwischen Bürgern und Politik scheint geschlossen, die sechste Welle auszusitzen und wegzuboostern. Die Mortalität auf ein Zehntel der bisherigen Todesrate gesenkt zu haben, scheint der Mehrheit zu genügen. Die Politik verweigert ihre Pflicht, als vorausschauende Lenker auch das vitale Interesse immungeschwächter „Minderheiten“ zu verteidigen. So leiden und sterben auch in Spanien ein paar mehr Menschen an Covid-19 als sicherlich vermeidbar, während der Rest damit zu leben lernt.

Boostern in Spanien: Wie komme ich an einen Termin, wann bin ich dran, darf ich auch ohne Wohnsitz in Spanien?

Um in Spanien gegen das Coronavirus geimpft zu werden, brauchen Ausländer eine SIP-Karte, die das Gesundheitszentrum ausstellt. Bislang wurde dafür eine Meldebescheinigung vom Rathaus, das Empadronamiento, verlangt. In der Region Valencia können Langzeiturlauber mit über einem Monat Aufenthalt auch ohne diesen „Padrón“ eine SIP-Karte für die Impfung erhalten. In der Praxis ist die Handhabung jedoch je nach Gemeinde unterschiedlich und muss vor Ort erfragt werden. Auch können die Altersgruppen für die Terminzuweisungen kurzfristig geändert werden, je nach Verfügbarkeit von Impfstoffen und Nachfrage nach den Booster-Shots.

Renitente Residenten? Die Impfquoten in Orten mit hohem Ausländeranteil in Spanien liegen deutlich unter dem Landesschnitt.

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