Spanische Schüler an einer Oberschule.
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Nach der Schule in die Arbeitslosigkeit? Spaniens Jugend fehlt es an Perspektiven.

Jugend in Spanien

Jugend in Spanien: Jeder fünfte ohne Job, Studium oder Lehrstelle - OECD-Studie

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Dass laut OECD jeder fünfte Jugendliche in Spanien weder arbeitet, noch lernt oder studiert, liegt nicht an deren Faulheit, sondern an einem System, dass junge Leute auspresst und dann fallen lässt. Vor allem „inaktive“ Frauen arbeiten oft rund um die Uhr, ohne dafür Geld oder eine Perspektive zu sehen. Ein nationales Drama.

Madrid - Die Organisation für Europäische Entwicklung und Zusammenarbeit, OECD, hat Spanien ein weiteres Mal ein schlechtes Zeugnis hinsichtlich der Jugend-, Arbeits- und Bildungspolitik ausgestellt. Spanien hat europaweit die zweithöchste Quote Jugendlicher, die weder studieren, noch einen Beruf erlernen oder arbeiten. Jeder fünfte Jugendliche, 19,9 Prozent zwischen 18 und 24 gehörte 2020 zu dieser Gruppe von "NiNis" (ni estudian, ni trabajan), wie sie in Spanien abgekürzt, aber auch despektierlich genannt werden. Das Land fällt 2020 in dieser Statistik noch hinter Griechenland (19,3%) zurück, nur in Italien sieht die Lage mit 24,8 Prozent noch verheerender aus. Der Schnitt in der EU liegt liegt bei 13,3 Prozent, in den OECD-Staaten bei 15,1 Prozent. In den entwickelsten Staaten Europas wie Deutschland oder Skandinavien liegt diese Quote deutlich unter 10 Prozent.

16 Prozent Schulabbrecher in Spanien: Schnelle Verbesserung mit mehr Personal sichtbar

Auch hinsichtlich der Jugendarbeitslosigkeit hält Spanien mit 39,6 Prozent 2021 einen traurigen Europarekord, während der Finanzkrise erreichte diese Quote sogar 56 Prozent. Hinsichtlich der
Schulabbrecher ist Spanien - und das praktisch seit der Demokratisierung - trauriges Schlusslicht, 16 Prozent der Kinder brechen die Schule noch während der Pflichtschulzeit ab. Wie Initiativen belegen, ist diese Rate selbst in sozial problematischen Schulbezirken durch einen Mehreinsatz von Lehrern und Sozialarbeitern binnen weniger Jahre halbierbar. Auch eine Veränderung der Schulpolitik hinsichtlich des "Nachsitzens", also des Wiederholens von Klassenstufen, zeigt positive Effekte auf Selbstbewusstsein, Durchhaltewillen und letztlich messbare Ergebnisse von Schülern mit einem zunächst niedrigeren Leistungsprofil.

Polarisierung des Arbeitsmarktes in Spanien: Einmal Kellner, immer Kellner?

Die Coronavirus-Pandemie hat indes die Situation vor allem am Arbeitsmarkt für die jungen Menschen nochmals verschärft, zumal sowohl die Struktur des Arbeitsmarktes mit seinem Übergewicht von saisonalen Billigjobs in der Gastronomie - Stichwort: Spanien, der Kellner Europas - als auch die arbeitsrechtliche Lage (prekäre Arbeitsverhältnisse, wenig Kontrollen) Probleme darstellen, die sich nicht von Heute auf Morgen überwinden lassen. "Die Pandemie hat zudem viele dieser Jobs vernichtet, zu denen junge Leute auch ohne Ausbildung einfachen Zugang hatten", erklärt Nacho Sequeira von der Stiftung Exit, die sich um Jugendliche aus prekären Verhältnissen kümmert. Diese Jobs seien zwar meist nicht sehr zukunftsweisend gewesen, hätten aber immerhin ein Grundeinkommen ermöglicht. "Doch ein Kellnerjob führt am Ende zu nichts weiter als einem anderen Kellnerjob".

Kellner an der Costa Blanca. Gequältes Lächeln oder schon der schiere Schmerz?

Sequeira spricht von einer verschärften "Polarisierung des Arbeitsmarktes", in dem es für eine größer werdende Gruppe schlechte ausgebildeter junger Menschen immer schwieriger wird Zugang zu Qualifikation und damit gut bezahlten Jobs zu bekommen. Doch selbst ein Studium schützt in Spanien nicht vor prekären Lebensverhältnissen, "immer mehr selbst in ihrem Studienberuf tätige Berufseinsteiger können mit den Einstiegsgehältern kaum über die Runden kommen". Weswegen nicht wenige entweder ins Ausland abwandern - Brain drain - oder auf weniger qualifizierte Jobs umsatteln, die zumindest den Lebensunterhalt sichern, aber auch die Karriere unterbrechen.

Trotz dieses schwierigen Einstiegs in den Beruf, bleibe ein Schul-, Berufs- oder Studienabschluss die "Minmalanforderung" für den Arbeitsmarkt. Nach Jahren des Rückgangs bei den "Ninis" von 23,2 Prozent 2016 auf 19,9 Prozent 2019, stellt die OECD jetzt erstmals wieder eine Zunahme fest, nicht nur in Spanien. Doch in Spanien sei der Anteil jener besonders hoch, die "inaktiv" blieben, also sich nicht mal um einen Job oder eine Ausbildung bemühten: auf 46 Prozent träfe das laut OECD zu, die 9,2 Prozent der gesamten arbeitsfähigen Bevölkerung repräsentieren. Diese Quote ist in Spanien damit knapp doppelt so hoch wie in Schweden, Deutschland oder den Niederlanden (um die 5 Prozent).

90 Prozent der als "inaktiv" geführten Frauen in Spanien arbeiten rund um die Uhr

Dabei sei es meist gar nicht "Faulheit", die diesen Teil der Jugendlichen für den Markt "inaktiv" werden lasse, denn viele, so die Studie, seien zu Hause eingespannt, um Ältere zu pflegen oder drifteten in den Schwarzmarkt und in illegale Tätigkeiten (Drogenhandel, Schmuggel) ab. Hier öffnet sich auch eine Geschlechterschere. Während 42,7 Prozent der männlichen Jugendlichen, die weder arbeiten, noch studieren, arbeitslos gemeldet, also zumindest im Sozialsystem registriert sind, gelten 50,1 Prozent der jungen Frauen ohne Job und Lehrstelle als komplett "inaktiv". Doch 90 Prozent davon, fand eine Studie der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound) heraus, kümmern sich um eigene und fremde Kinder und Angehörige sowie den Haushalt. Sie arbeiten also praktisch rund um die Uhr, verdienen dabei aber nichts, was den Begriff der "Ninis" als dezidiert falsch belegt.

Reformbedarf in Spanien: Wer rüttelt am System?

Die OECD-Studie ist quasi eine Arbeitsanleitung für die spanische Regierung, über Ad-hoc-Aktionspläne hinaus. Die ist mit Regierungschef Sánchez und seinen Koalitionspartnern der Linken so sozial motiviert wie lange nicht, kann aber als Minderheitsregierung nur schwer Mehrheiten für wirklich strukturelle Veränderungen finden. Die umgesetzte Bildungsreform kümmerte sich mehr um weltoffene Inhalte und eine Stärkung des öffentlichen Schulbetriebs als um den Zustand, also die personelle Ausstattung der Schulen selbst. Und die schrittweise Anhebung des Mindestlohns in Spanien sowie das zwar löbliche Grundeinkommen für die Ärmsten, auch jene, die bis dato nicht im System vorkamen, federn das Problem lediglich etwas ab, bekämpfen aber nicht dessen Ursachen.

Spanien braucht eine radikale Arbeitsmarktreform

Eine Arbeitsmarktreform, die unter anderem große Teile der ständestaatlichen (Kritiker sagen auch sklavenhalterähnlichen) Maßnahmen der Rajoy-Ära im Nachklang der Finanzkrise ausbügeln sollte, liegt aufgrund der Priorität schnellen Wachstums nach Corona auf Eis oder wurde bis zur Unkenntlichkeit verwässert. Eigentlich sollten damit aber genau jene Arbeitsverhältnisse rechtlich neu geordnet und besser kontrollierbar werden, die bis dato für die große Fluktuation und die prekären Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt zuständig waren: Saisonarbeit und gefakte Teilzeitverträge. In Frage gestellt werden durch die Lage der Jugendlichen auch Bestrebungen, die Lebensarbeitszeit der Alten zu verlängern, um das Rentensystem zu entlasten. Laut Arbeitsmarktexperten könnte auch eine Verringerung der allgemeinen Wochenarbeitszeit neue Stellen schaffen und den Arbeitsmarkt für Einsteiger so durchlässiger machen.

Es wundert aufgrund der Faktenlage nicht, dass sich 80 Prozent der "Nini"-Jugendlichen vom "Staat im Stich gelassen" fühlen oder "nicht auf ihn zählen" können, wenn es um ihre Zukunft geht. "Oder glauben Sie, es macht uns Spaß, bei und von den Eltern oder von Stütze zu leben?" fragt ein 21-Jähriger in "El País", angesprochen auf die OECD-Studie über die "Nichtstuer". Spanische Medien sprechen von einer "nationalen Tragödie" und von der Studie als "Tabelle der Schande", bleiben aber - ganz wie die Parteien - bei ihren Lösungsvorschlägen ihren jeweiligen ideologischen Dogmen treu.

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