Demonstration in Barcelona für die Unabhängigkeit von Spanien.
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Zehntausende gingen in Barcelona wieder für die Unabhängigkeit von Spanien auf die Straße. Viel weniger als vor Corona.

Katalonien-Krise

Katalonien-Feiertag: Separatisten ohne Mehrheit, Unabhängigkeitsbewegung gespalten

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Am Samstag, 11. September, feierten die Katalanen ihre „Diada“, den regionalen Feiertag Kataloniens. Rund 100.000 Menschen machten in Barcelona Druck, um die Idee der staatlichen Unabhängikeit Kataloniens von Spanien wieder mehr Leben einzuhauchen. Mit Video.

Barcelona - Die katalanische Unabhängigkeitsbewegung ist so gespalten wie lange nicht. Die Idee der Seperation von Spanien hat derzeit keine Mehrheit. Drei verschiedene Demonstrationen artikulierten ihre Forderungen während des "Diada"-Feiertages für eine Abspaltung von Spanien auf ganz unterschiedliche Weise. Laut Organisatoren der Assemblea Nacional Catalana (ANC), Òmnium Cultural und der Assemblea de Municipis per la Independència (AMI), den drei radikalsten separatistischen Zivilorganisationen mit ihrer politischen Partei JxCat, nahmen daran 400.000 Menschen teil. Die Guardia Urbana spricht von 108.000, "El País" von ungefähr 85.000. ERC und CUP die linken Separatistenparteien, die derzeit die Landesregierung stellen, hielten eigene Kundgebungen ab.

Demos in Barcelona am Nationalfeiertag Kataloniens: Häftlinge als Helden - Pfiffe für Mitgefangenen

So weit wie die Zahlen, liegen auch die Ideen auseinander. Während die ANC ihre vom spanischen Regierungschef Pedro Sánchez per Dekret aus der Haft entlassenene, begnadigten Separatisten als Helden feiert, wird Oriol Junqueras von der republikanischen Linken (ERC) von den Hardlinern ausgebuht und sogar bedrängt. Er saß wegen seiner Ideen und Handlungen für die Unabhängigkeit ebenso in Haft. Setzt aber nun auf Dialog mit der Regierung Sánchez, die durch ihr Entgegenkommen einen solchen wieder möglich machte.

Die "Diada" wird seit 1896 gefeiert und geht eigentlich auf eine krachende Niederlage der Katalanen zurück, als nämlich Barcelona in einer der letzten Schlachten des Erbfolgekrieges 1714 fiel. Damit kamen die Bourbonen als Könige ins Land, Katalonien stand auf der Seite eines Habsburgers. Nicht nur die Begnadigung der Separatistenführer aus spanischer Haft, auch die alltäglichen Nöte der Menschen in der Coronavirus-Pandemie und der fehlende Konsens - je nach Umfragen sind mal etwas mehr, mal etwas weniger der Katalanen für oder gegen die Unabhängigkeit - haben die Bewegung geschwächt. Immer mehr Katalanen sehen in der Unabhängigkeit kein soziales Projekt mehr, sondern nur die Ablösung einer "Bande" durch eine andere.

Katalonien: Hardliner der Unabhängigkeit - "Keine Verhandlungen mit dem spanischen Unterdrücker-Staat"

ANC und die Partei, die das Erbe des flüchtigen Ex-Präsidenten Kataloniens, Carles Puigdemont verwaltet, bleiben hart und unversöhnlich: "Wir fordern von der katalanischen Regierung, dass sie aufhört auf Zugeständnisse von Seiten des spanischen Staates zu warten, die sowieso nie kommen werden", sagt ANC-Präsidentin Elisenda Paluzie. Sie bleibt dabei: "Das Recht auf Selbstbestimmung erbettelt man nicht beim Unterdrückerstaat, das müssen wir selbst erkämpfen", sagt sie und besteht darauf, dass "nur der Weg des Referendums vom 1. Oktober unser Weg sein kann". Gemeint ist das als illegal erklärte und polizeilich unterdrückte Referendum zur Unabhängigkeit 2017, dem Höhepunkt der Katalonien-Spanien-Krise.

Kataloniens Regierungschef zwischen den Stühlen

Kataloniens Regierungschef Pedro Aragonés, wie Junqueras von der Republikanischen Linken (ERC) sitzt zwischen allen Stühlen. Eigentlich will auch er die Unabhängigkeit und ventilierte ein "verbindliches Referendum" bis 2030. Doch der Weg dahin solle über Kooperation nicht weitere Konfrontation mit Madrid gehen, so lange dort mit Sánchez ein moderater halbwegs linker Politiker das Sagen hat. ANC und die Puigdemont-Parteien lehnen solche Manöver an: "Wir brauchen eine einheitliche Unabhängigkeitsstrategie", so ANC. Am Abend brannten Fotos von König Felipe und Premier Sánchez und spanische Flaggen ab, es wurde randaliert.

Jordi Cuixart, Ex-Häftling und Präisdent von Òmnium Cultural behauptet: "Wenn wir in einer Demokratie leben wollen, brauchen wir dazu die Unabhängigkeit". Nicht nur seine Äußerungen erinnern immer mehr an das Mantra von Sekten, denn dass die katalanischen Institutionen demokratischer wären als jene in anderen Teilen Spaniens, dafür gibt es keine Anhaltspunkte, erst recht nicht, seitdem immer mehr Fälle von beruflichen und juristischen Repressalien gegen "Feinde" der Unabhängigkeit bekannt wurden. Auch die Korruption in Katalonien ist nicht geringer als im Rest Spaniens. Die Familie von Ex-Präsident Pujol ist lebendiger und gerichtsanhängiger Beweis. Gegen die Argumente aus, muss der Glaube gestärkt werden.

Der Verhandlungstisch, den Sánchez und Aragonés vereinbart und eingeweiht haben und bei dem es nicht nur um institutionelle Schönwettergespräche, sondern um konkrete Wirtschaftshilfen (EU-Gelder) gehen soll, wird von den Hardlinern als trojanisches Pferd wahrgenommen, um die Bewegung zu schwächen. Auch die CUP, eigentlich Koalitionspartner der ERC, sieht das so, "Es gibt mit dem Staat nichts zu verhandeln", meint CUP-Sprecher Edgar Fernández, "außer die Selbstverwaltung". Dieser Ansicht folgen immer weniger Katalanen, was auch auf den Straßen bei dieser Diada 2021 sichtbar war.

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