Migration in Spanien, Krise in Ceuta.
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Über 200 nach Ceuta geflohene Jugendliche wurden in einem Industriegebiet zusammengepfercht und werden nun auf ganz Spanien verteilt.

Flüchtlingsdrama in Ceuta

Konfrontation Marokko - Spanien: Konflikt um Westsahara auf dem Rücken der Schwächsten

  • Marco Schicker
    vonMarco Schicker
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Die jüngste Eskalation in den Beziehungen zwischen Marokko und Spanien, ein Nebenschauplatz der Westsahara-Krise, hat globale Motive, aber auch historische Wurzeln. Ausgetragen wird sie auf dem Rücken der Schwächsten und Ärmsten, wie das Flüchtlingsdrama in Ceuta zeigt. Wie Spanien versucht, aus der Klemme zu kommen.

Madrid/Rabat – „Das hat alles nichts mit Europa zu tun“, beharrt der Außenminister von Marokko Naser Burita in einem Interview über das Flüchtlingsdrama in Ceuta im französischen Fernsehen darauf, dass es sich bei der unkontrollierten Grenzöffnung vorige Woche „um eine bilaterale Krise handelt, die Spanien ausgelöst“ habe. Wenn sie diesen „Herren“, gemeint Brahim Gali, Chef der Frente Polisario zur Befreiung der Westsahara, „genauso aus dem Land schaffen, wie sie ihn hereingebracht haben, ist sogar ein Bruch der Beziehungen möglich“, droht der Minister aus Rabat unumwunden.

Westsahara: Marokko und Spanien, Algerien und Frankreich - und die USA

Gali ist zur ärztlichen Behandlung nach Spanien geholt worden, eine „humanitäre Geste“ der Regierung Sánchez, die innen- und außenpolitisch viel Staub aufwirbelt, zumal Gali nicht nur der ehrenhafte Freiheitskämpfer ist, als den er sich vermarkten lässt, ihm werden genauso Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen, wie den Marokkanern, wenn es um die Westsahara geht. „Marokko hat die Einwanderungswaffe angewendet, um Europa unter Druck zu setzen“, schreibt „Le Monde“. Aus marokkanischer Sicht ist Spanien quasi zur Kriegspartei im wieder offen ausgetragenen Dauerkonflikt um die Westsahara geworden, ein Gebiet, das Marokko beansprucht und das der Frente Polisario – nicht zu Unrecht – unterstellt, der lange Arm Algeriens zu sein.

Es war mal wieder die USA, die Öl ins Feuer gossen: „Trump hat den Anspruch Marokkos auf die Westsahara anerkannt, doch das eigentliche Problem ist, dass Biden das bis jetzt nicht widerrufen hat“, kommentierte am Wochenende die „New York Times“ die globalen Stellschrauben hinter dem Konflikt, der zum Ziel habe, Algerien zu destabilisieren, ein Kontrahent der USA auf dem Ölmarkt. Dieses Denkmuster aus dem Kalten Krieg übergeht Europa völlig, das in den USA als politisch uneins, langsam und somit schwach gilt.

Beziehungen Spanien und Marokko: Nachbarn statt Feinde, trotz kriegerischer Geschichte

Für die Nachbarn Spanien und Marokko steht viel auf dem Spiel, auch über das „Geiseldrama“ mit Flüchtlingen, Handel und Tourismus hinaus. Denn die Kooperation bei der Bekämpfung von islamistischen Terrornetzwerken und Menschenhandel ist eng, weniger beim Kampf gegen Drogen. Zigtausende marokkanische Saison- und Gastarbeiter leben und arbeiten in Spanien und überweisen viel Geld in die Heimat. Und der Konflikt hat durchaus mit Europa zu tun, denn die Straße von Gibraltar sowie die Grenze zwischen Ceuta und Marokko markiert eine EU-Außengrenze.

Marokko hat die Einwanderungswaffe angewendet, um Europa unter Druck zu setzen.

Le Monde, Paris

Es geht aber auch um alte Rechnungen: Spaniens Kolonialarmeen massakrierten die marokkanische Zivilbevölkerung in vielen Eroberungskriegen. 1883 besetzte Spanien die Westsahara und zog 1975, mit dem Tode Francos, hastig und blutig ab. Aufschluss über diese Zeit gibt ein Blick in die Geschichte der spanischen Fremdenlegion. Marokkos König Hassan II. ließ das Gebiet daraufhin mit 350.000 Menschen zwangsbesiedeln, was bis heute als „Grüner Marsch“ beim Nationalfeiertag begangen wird. In Marokko sind auch die Hunderttausenden Glaubensbrüder nicht vergessen, die Spanien, vor allem ab 1492, aus Ál-Andalus deportierte, viele nach Marokko.

Rund 5.000 Migranten erreichen über Ceuta spanisches Gebiet.

Rund rund 8.000 der jetzt irregulär von Marokko ins spanische Ceuta gekommenen Flüchtlinge sind bereits wieder zurückgeschickt worden, knapp 1.000 warten noch auf die Abschiebung, einige verstecken sich, mehrere Menschen starben. Die spanische Regierung hat lediglich die Verlegung von rund 200 unbegleiteten Minderjährigen auf das spanische Festland aus „humanitären Gründen“ verfügt und muss sich dafür von der rechten Opposition beschimpfen lassen.

Ceuta oder Westsahara: Flüchtlinge bleiben Geiseln der Weltpolitik

Sánchez hätte Spanien zur Geisel eines korrupten Regimes werden lassen, die Rechte will mit den Muskeln spielen. Denn sie müssen die Konsequenzen einer dauerhaften Verschlechterung der Beziehungen zum südlichen Nachbarn schließlich nicht ausbaden. Die Regierung Sánchez setzt hingegen auf stille Diplomatie auf Ebene der Technokraten und hofft, dass die Zeit die Wogen beruhigt, EU-Politiker ziehen an eigenen Strippen, Sánchez hat um Zurückhaltung gebeten, weiß die EU im Zweifel aber hinter sich - was immer das helfen würde. Eine globale Lösung für die Flüchtlinge in der Westsahara und jene, die über Marokko nach Spanien streben, ist nach wie vor nicht in Sicht, sie bleiben Geiseln der Weltpolitik, Spanien will nur aus der momentanen Klemme raus - ohne Marokkos Ansprüche auf die Westsahara anzuerkennen.

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