Eine Frau mit Maske und Koffer steht auf einer Rolltreppe in einem Flughafen.
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Wann wird Reisen wieder möglich sein? Spanien spekuliert in der dritten Corona-Welle darüber.

Coronavirus Spanien

Reisen nach Spanien: Debatte über EU-Impfpass und Ostern

  • vonMarco Schicker
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Widersprüchliche Aussagen von Politikern zur Lage des Coronavirus in Spanien lösen Spekulation über Reisefreiheit ab Ostern aus. Dabei muss Spanien - noch mitten in der dritten Coronavirus-Welle - froh sein, wenn es den Sommer 2021 retten kann. Derweil schließt Portugal seine Grenze. Experten bestehen auf klaren Kennziffern.

Madrid - Kennen Sie noch den Ohrwurm von Showmaster Rudi Carrell: Wann wird’s mal wieder richtig Sommer? Das Lied singt derzeit ganz Europa, das bei der langsamen Impfkampagne gegen Covid-19 fürchten muss, eine zweite Sommersaison an das Coronavirus zu verlieren. Den Spaniern machte ihre Tourismusministerin Reyes Maroto dieser Tage dahingehend unnötige Hoffnungen, sogar schon zu Ostern reisen zu können. Die geplagten Seelen hörten freilich nur den ersten Halbsatz von Maroto, dass: „Reisen zu Ostern wieder möglich sind“. Ab „...wenn die medizinische Sicherheit gegeben ist...“ hörte schon niemand in Spanien mehr zu.

Spanien sehnt sich nach Touristen: 80 Prozent Einbruch im Gastgewerbe

Dass die Ministerin im Interesse der spanischen Tourismus-Branche agieren will, die rund jeden fünften Euro in Spanien erwirtschaftet und 2020 mit einem Kundenrückgang von fast 80 Prozent geschlagen wurde, scheint verständlich. 2019 kamen noch 83 Millionen Touristen aus dem Ausland, 2020 waren es keine 19 Millionen mehr. Anstelle der 91 Milliarden Euro, die ausländische Reisende 2019 in Spanien ausgaben, waren es 2020 unter 20 Milliarden. Allein aus Deutschland reisten noch 2019 neun Millionen Touristen ein, berichtet auch wa.de* im Zusammenhang mit den Hoffnungen auf einen Spanien-Urlaub schon im Frühling*.

Nicht weniger wichtig ist in Spanien der Inlandstourismus. Doch wir erinnern uns noch mit Grauen an das europaweite Feilschen um Touristen im Coronasommer 2020, das dem Land am Ende eine tödliche zweite Corona-Welle einbrachte und die Einsicht, dass sich nichts normalisieren lässt, solange man das „Viech“, el bicho, wie viele Spanier das Virus nur noch nennen, nicht unter Kontrolle hat.

Auch Regierungschef Pedro Sánchez hat sich an diesem Montag sehr weit aus dem Fenster gelehnt, als er während der Eröffnung der neuen AVE-Strecke nach Orihuela und Elche sagte, dass diese Einweihung ein Symbol „für die vollständige Wiederherstellung der Mobilität in den kommenden Monaten“ sei. Die „kommenden Monate“ aber heißen März und April.

Reisen von und nach Spanien: Inzidenz unter 150, Durchimpfung und Virus-Mutationen im Griff

Ein Bild so traurig wie ein Fado. Portugal schloss seine Grenze zu Spanien wegen des Coronavirus.

Der Schlagmann des spanischen Zurückruderteams ist der Chef des sanitären Krisenstabes der Regierung, Fernando Simón. Der Corona-Guru gibt den Takt vor und schoss diese Woche den Vogel in der spätbabylonischen Kakophonie ab. Auf der allabendlichen Pressekonferenz nach den Reiseaussichten zur Semana Santa in Spanien befragt, sagte er, er wüsste gar nicht, wann genau dieses Jahr Ostern sei, könne daher auch nichts dazu sagen, zumal er einer Ministerin nicht widersprechen wolle. Nicht zu wissen, wann Ostern ist, kommt in Spanien offener Blasphemie gleich.

Simón wiederholte sein Mantra, eine innerspanische Bewegungsfreiheit sei für ihn „akzeptabel“, sobald man eine stabile 14-Tages-Inzidenz zwischen 50 und 150 Fällen pro 100.000 Einwohnern in Spanien erreiche. „Aber eben keine 500, keine 400, auch nicht 300 oder 200“, schob er nach. Sei es nun zu Ostern, Weihnachten oder zur Heiligen Bárbara. Derzeit steht Spanien bei einer Corona-Inzidenz um die 850. Hinzu kommen aber noch zwei weitere entscheidende Faktoren: Eine annähernd 70-prozentige Durchimpfung der Gesellschaft, die aufgrund der Verzögerungen bei der Impfkampagne in Europa und Spanien fraglich ist und eine Kontrolle über die Mutationen und Varianten.

Klare Ansage aus Valencia: "Reisen hat derzeit in Spanien keine Priorität - Menschenleben haben Priorität"

Karneval, Osterprozessionen, auch die für Anfang Juli fälligen Sanfermines, das Stiertreiben in Pamplona, das für Spanier zum Sommerbeginn gehört wie die Strandbar, sind abgesagt. Die Autonomen Gemeinschaften sind abgesperrt, ebenso viele Gemeinden, je nach sich ändernder Corona-Lage. Jetzt an Urlaub zu denken, ist zwar verständlich, aber eigentlich auch sinnlos.

Ximo Puig, Ministerpräsident der Region Valencia, derzeit Corona-Schlusslicht in Spanien, hält es für „sehr, sehr riskant“ von Reisen in der Osterwoche überhaupt zu sprechen. „In der jetzigen Situation hat das keine Priorität. Priorität hat das Retten von Menschenleben und dann von Jobs und Firmen“, so Puig, hörbar genervt über die allfälligen Spekulationen.

Kommt der EU-Impfpass? - Privilegien für Geimpfte?

Derweil wütet die dritte Welle mit voller Wucht in den Krankenhäusern Spaniens und tötet täglich hunderte Menschen. Portugal schließt – gefühlt erstmals seit der Unabhängigkeit 1668 – seine Grenzen zum Nachbarn Spanien und Europas Staaten bleiben auf absehbare Zeit eingeigelt. Es gelten für Reisen von und nach Spanien immer noch strenge Regeln.

Wie wir bereits einmal vorrechneten, würde es beim jetzigen Impfrhythmus über fünf Jahre dauern, bis eine akzeptable Immunität in Spanien und Europa erreicht wäre. Daher hat das Ringen um Impfstoffe und das Durchziehen der Impfkampagne für die Regierung auch Priorität, vor allen Planspielen für einen wie auch immer gearteten Tourismus. Immerhin gab es dieser Tage Neuigkeiten zur Impfung für EU-Ausländer in Spanien.

„In der jetzigen Situation hat Reisen keine Priorität. Priorität hat das Retten von Menschenleben und dann von Jobs und Firmen.“

Ximo Puig, Ministerpräsident Valencias

Die EU-Staaten einigten sich inzwischen auf eine Art Impfpass. Dabei sollen Dokumente aller 27 Mitgliedstaaten – elektronisch oder auf Papier – anerkannt werden, wenn sie bestimmte festgelegte Daten enthalten. Neben Basisinformationen etwa zur Person, dem verwendeten Impfstoff und der ausstellenden Behörde soll es eine Art elektronisches Siegel geben, zum Beispiel einen QR-Code oder eine Registrierung. Ziel sei, den Impfstatus einer Person schnell und eindeutig festzustellen, heißt es in den Richtlinien. Wann der Impfpass eingeführt wird und ob er Geimpften größere Reisefreiheiten gewähren darf als Ungeimpften, ist noch offen und auch rechtlich durchaus streitbar.

Die Semana Santa 2021 ist in Spanien übrigens vom 28. März bis 4. April, aber das nur am Rande. *costanachrichten.com und wa.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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