1. Costa Nachrichten
  2. Spanien
  3. Politik und Wirtschaft

Seltene Erden: Spaniens verborgener Schatz könnte Europa unabhängiger machen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Marco Schicker

Kommentare

Spaniens Bodenschätze und Bergbauregionen im Jahre 1879
Spaniens Bodenschätze und Bergbauregionen im Jahre 1879. Die Karte wurde vom Ingenieur Federico de Botella und Kartographie-Pionier Francisco Coello, geb. 1822, erstellt. © Public Domain/WikiCommons

Spanien hat beachtliche Vorkommen an Metallen der Seltenen Erden, dem „Gold des 21. Jahrhunderts“. Doch erst wegen der Kosten und jetzt wegen des Umweltschutzes zögert die Regierung mit der Förderung.

Madrid – Europa muss 98 Prozent der benötigten Seltenen Erden importieren, das allermeiste davon kommt aus China. Angesichts wachsender Konfrontationen und Blockbildungen, sich verschärfender Krisen, dem Ukraine-Krieg, den Unsicherheiten einer übertriebenen Globalisierung und dem wachsenden Misstrauen China gegenüber, werden Europa seine Abhängigkeiten vor Augen geführt und lösen in der Konsumgesellschaft Verlustängste aus. Finnland und Spanien gelten als die beiden Länder mit den größten bekannten förderbaren Vorkommen an Seltenen Erden in Europa.

Ohne Seltene Erden kein High-Tech: Spanien könnte Abhängigkeit von China verringern

Gemeint sind 17 Elemente, hochreaktive, oft giftige Metalle, die als Metalloxide aufwendig und teuer auch von radioaktiven Begleitern getrennt werden müssen. Diese Elemente verfügen über außergewöhnliche Eigenschaften, ohne die kein moderner Industriezweig mehr auskommt: In Handys, Laptops, Flachbildschirmen, Autobatterien, Lasertechnik, Turbinen, sogar Brillengläsern sind sie unverzichtbar geworden. Überall, wo es um höchste Reinheit, Supraleitbarkeit und effizienten Magnetismus auf geringstem Raum und mit wenig Gewicht geht, kommen Seltene Erden ins Spiel. Manche Experten nennen sie das Öl des 21. Jahrhunderts, andere das neue Gold.

In der EU, auf den Welthandel mit vermeintlich verlässlichen Partner setzend, gibt es bis heute kein relevantes Abbaugebiet für Cerum, Neodym, Promethium, Europium, Thulium, Lutetium und so weiter. 14 Projekte sind in der Studierphase irgendwo auf den Gängen der EU-Kommission in Aktenordnern unterwegs, keines davon allerdings ist in Spanien angesiedelt, obwohl hier das Potential am größten wäre. Auch die Regierung in Madrid zeigt sich hinsichtlich der Erschließung sehr zurückhaltend.

Projekte abgesagt: Spanien lässt Seltene Erden im Boden - vorerst

Diese Unentschlossenheit hat Auswirkungen: In Matamulas bei Ciudad Real sollte Monazit abgebaut werden, das für seine magnetischen Eigenschaften geschätzt wird. 500 Arbeitsplätze hätte das Projekt von Quantum Minería gebracht. Eine Investition von 60 Millionen Euro sollte jährlich 30.000 Tonnen des gefragten Phosphats fördern und damit rund zwei Drittel des europäischen Bedarfs mindestes für die kommenden zehn Jahre decken.

Metalle der Seltenen Erden
Das Gold des 21. Jahrhunderts: Metalle der Seltenen Erden. © Peggy Greb/WikiCommons

Zusammen mit einem weiteren Fundort bei Pontevedra am Monte Galiñeiro des südafrikanischen Unternehmens Umbono hätte Spanien sogar ein Viertel des Weltmarktes von Monazit abdecken können. Doch Umweltschützer starteten eine Kampagne, um die 240 fraglichen Hektar in der Mancha unberührt zu lassen. Richter folgten ihnen und die Landesregierungen zogen 2019 und nochmals 2021 den Schwanz ein. Bei Erneuerbaren Energien, gigantischen Solarparks, die Spanien überfluten, sind die Behörden laxer.

Das Projekt Seltene Erden in Ciudad Real liegt seitdem auf Eis, doch Weltmarktpreise und veränderte politische Konstellationen holen es wieder auf den Schirm. Selbst bei edlen, aber konventionellen Bodenschätzen wie Gold, Silber und Kupfer, Zink oder Blei, Metalle, die in Spanien teils seit 3.000 Jahren abgebaut werden, wollen Minenunternehmen aus aller Welt alte Fundstätten wiederbeleben, die nach Regierungsbeschlüssen nach und nach, aus Umwelt- und Effizienzgründen, geschlossen wurden.

So schielt die Grupo México, einer der größten Kupferproduzenten der Welt, auf die Zechen Aznalcóllar in Sevilla, die 1998 durch einen Bruch eines Lagerbeckens für giftige Abfälle fast eine Umweltkatastrophe im Naturpark Doñana verursacht hätten. Auch die Minas de Alquife in Granada, Toura in A Coruña, Besaya in Kantabrien sowie der Coto Wagner in León, längst zu Bergwerk-Museen geworden, könnten bald eine Renaissance erleben. Das Gleiche gilt für Riotinto in Huelva, eine der berühmtesten wie berüchtigtsten Bergbauregionen Spaniens, in der aber auch Seltene Erden vermutet werden.

Industrie macht Druck: Spanien soll Seltene Erden fördern

Spanien habe „lohnenswerte Mengen in abbaufähigen Gefilden“, schätzen in- wie ausländische Experten ein, die in Spaniens Erdreich nach Seltenheiten schnüffeln. Andere äußern sich eher im eigenen Interesse, wie Vicente Gutiérrez Peinador, Präsident der spanischen Vereinigung der Bergbauunternehmer Confedem: „Spanien liegt bei den bekannten Vorkommen an Seltenen Erden an zweiter Stelle in Europa, nach Finnland. Es gibt also Potential.“ Die Unternehmer kritisieren die Unentschlossenheit der Politik scharf. Für das Management von Quantum Minería in Ciudad Real sind die Umweltargumente schlichtweg erfunden, alles Nötige könne man gesetzlich regeln.

Luftbild einer Mine für Seltene Erden in China.
Fast die Hälfte der Seltenen Erden Chinas stammt aus den Minen von Baiyun Ebo in der Provinz Innere Mongolei. © NASA

Laut staatlichem Geologieinstitut Igme könnte Spanien rund 70.000 Tonnen Seltene Erden fördern, „was auf weltweiter Ebene nicht viel erscheint, für europäische Verhältnisse aber bedeutend ist“, meint Igme-Ingenieur Roberto Martínez. Abbau-Unternehmen und Finanzinvestoren schielen auch ins Meer. Für Deep Sea Mining würde sich beispielsweise ein Vulkan von 35 Kilometer Durchmesser vor den Kanarischen Inseln eignen. Gerade erst wurde dort aber das Bohren nach Öl und Gas untersagt und das Gesetz zum Klimawandel und Umweltschutz, das Spanien erst kürzlich als Leitfaden verabschiedete, sieht überhaupt keine Neuvergabe von Schürflizenzen vor, während bestehende auslaufen sollen.

Umweltschutz bleibt heikles Thema bei Seltenen Erden in Spanien

Das ökologische Dilemma bleibt bei Seltenen Erden bestehen, Spanien fürchtet, dass am Ende der Staat - wieder einmal - auf den Kosten und Risiken für die Entsorgung oder Lagerung radioaktiver Abfälle sitzen bleibt. Genauso hoch aber bleibt auch der ökonomische Druck: An der Politik wäre es nun, einen Kompromiss zu finden oder klare Argumente dafür oder dagegen vorzulegen. Aber eine Entscheidung muss her.

Doch Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez, der sonst ein Investitions-Förderpaket nach dem anderen schnürt, für Halbleiter, Autobatterien und alles, was Zukunft und Arbeit verspricht, blieb bisher beim Thema Seltene Erden, den tierras raras, sehr schweigsam. Denn die Umweltschützer sitzen mit der Podemos-Partei in seiner Koalition und die ist bereits angespannt genug. Bohrungen im Meer oder die Erschließung ökologisch problematischer Minen im Inland könnten zwar ökonomisch aussichtsreich sein, ökologisch und politisch würden sie aber die Büchse der Pandora öffnen, in der nicht nur Seltene Erden warten.

Auch interessant

Kommentare