Mehrere junge Menschen mit und ohne Mundschutz gehen über eine belebte Straße in Barcelona.
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Junge Leute in Spanien haben die Nase voll von Corona - unter ihnen steigt die Inzidenz wieder leicht an.

Covid-19 in Spanien

Spanien aktuell: Corona-Inzidenz sinkt weiter - Delta-Variante angekommen

  • Judith Finsterbusch
    VonJudith Finsterbusch
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In Spanien sinkt die Corona-Inzidenz weiter - unter jungen Leuten steigt sie allerdings leicht an. Während Urlauber dank des EU-Impfpasses wieder einfacher ins Land kommen, bringen Reisende ein unerwünschtes Mitbringsel mit: Die gefürchtete Delta-Variante.

Update, 18. Juni: Jetzt hat Ministerpräsident Pedro Sánchez ein Datum genannt: Die Maskenpflicht im Freien soll am Samstag, 26. Juni, abgeschafft werden. Die Details will die Regierung am Donnerstag, 24. Juni, bekannt geben.

Madrid - „Bald werden wir die Maske im Freien ablegen“, versprach Ministerpräsident Pedro Sánchez am Mittwoch – und ließ es bei dem Versprechen, ohne ein Datum oder andere Details für die Abschaffung der Corona-Maskenpflicht in Spanien zu nennen. Ein wenig Geduld ist noch gefragt, Geduld, die immer schwerer aufzubringen ist. Die jungen Leute wollen endlich zur Normalität zurück, nachdem sie monatelang Rücksicht auf die Älteren genommen haben, und die Älteren meinen, das Thema Corona sei mit der zweiten Impfung für sie erledigt.

Corona in Spanien aktuell: Inzidenz steigt unter jungen Leuten leicht an

Ganz so einfach ist es aber nicht, und Fernando Simón als Chef des spanischen Krisenstabs zur Corona-Bewältigung sorgt jeden Montag bei seiner Pressekonferenz dafür, dass Covid-19 zumindest einmal in der Woche wieder ganz vorne in den TV-Nachrichten in Spanien erscheint. „Corona ist nach wie vor unter uns, es wird weiterhin Ausbrüche und Infizierte geben“, mahnte Simón mit seiner Reibeisen-Stimme und meinte damit vor allem die Jugend.

Denn während die 14-Tages-Inzidenz in ganz Spanien weiterhin sehr langsam, aber sicher sinkt – am Mittwoch rutschte sie erstmals wieder unter 100 Corona-Fälle pro 100.000 Einwohner – steigt sie in den jungen Altersgruppen leicht an. „Auch Junge können schwer erkranken, ins Krankenhaus und auf die Intensivstation kommen – und einige wenige von ihnen sterben auch“, so Simón. Und: „Auch wenn es schlimm klingt: Es ist nicht dasselbe, wenn ein 95-Jähriger an Covid-19 stirbt als wenn es sich um einen 20-Jährigen handelt“.

Corona in Spanien aktuell: Volle Bars, volle Ausgehviertel

Trotzdem sind die Bars voll, in Ausgehvierteln wie dem Barrio in Alicante an der Costa Blanca geht es fast schon wieder zu wie vor der Pandemie. Wie jetzt bekannt wurde, steckten sich in Torrevieja Anfang Juni in einer Diskothek mindestens 26 Jugendliche an, 100 weitere Partygäste werden noch auf Corona getestet. Vergangenes Wochenende durften Diskotheken, Nachtclubs und Pubs in der Region Valencia erstmals legal wieder öffnen, danach geht es bei Trinkgelagen im Freien weiter. Das Versteckspiel mit der Polizei wird mit jedem Punkt, um den die Inzidenz sinkt, offensichtlicher – das EM-Fieber mit Sevilla als Austragungsort in Spanien tut ein Übriges.

Parallel macht die Impfkampagne aber weiterhin Fortschritte, auch diese Woche fanden wieder über dreieinhalb Millionen Impfdosen ihren Weg nach Spanien. Noch vor dem Wochenende will das Gesundheitsministerium die 15-Millionen-Marke der vollständig Geimpften knacken. Die Strategie, die sich Spanien Ende 2020 zurechtlegte, um nach Alters- und Risikogruppen gegen Corona zu impfen, geht auf. Das Land steht im EU-Vergleich an vierter Stelle der Länder, die die meisten Impfdosen pro 100 Einwohner verabreichen.

Schwere fünfte Corona-Welle in Spanien unwahrscheinlich

Die gefährdetsten Altersgruppen sind weitestgehend durchgeimpft, unter den über 50-Jährigen haben 92 Prozent mindestens eine Dosis bekommen, 57 Prozent schon beide. Doch auch hier warnt Spielverderber Simón: „Von einer Herdenimmunität spricht man, wenn 70 Prozent der Bevölkerung immunisiert sind. Davon sind wir noch weit entfernt, und es gibt Altersgruppen, die praktisch noch gar nicht geimpft sind. Ein allgemeiner Schutz besteht erst, wenn die Impfung quer durch alle Altersgruppen erfolgt ist“, so der Virologe.

Dass es eine fünfte, schwerwiegende Corona-Wellen in Spanien geben könnte, glaubt Simón aber nicht. „Innerhalb der jüngeren Altersgruppen wird es weiterhin Wellen und Spitzen geben, die sich dann aber nicht mehr so stark auf die nationalen Werte auswirken werden“, meint Simón. In Gesamt-Spanien müsste die Inzidenz seiner Einschätzung nach weiterhin langsam sinken.

Corona-Impfung in Spanien aktuell: 40- bis 49-Jährige bekommen Covid-Schutz

Die Corona-Impfung der Altersgruppe 40 bis 49 Jahre läuft derweil quer durch Spanien auf Hochtouren, und das soll auch im Sommer so bleiben. Damit die Reisepläne für den wohlverdienten Urlaub das Impftempo nicht ausbremsen, arbeiten die Behörden aktuell an einer einheitlichen Lösung, damit die Impfung im Sommer nicht zwangsläufig an den Wohnsitz gebunden ist. Valencias Landesministerpräsident Ximo Puig kündigte darüber hinaus „Mechanismen“ an, um den Impftermin unproblematisch verschieben zu können, wenn er in den Urlaub fällt.

Hier wird der Impfstoff für Madrid gelagert: Spanien impft aktuell die 40- bis 49-Jährigen gegen Corona.

Parallel dazu schlägt sich das Gesundheitsministerium mit den unter 60-Jährigen herum, die als erste Dosis AstraZeneca bekamen, bevor der Stoff auf 60 bis 69 Jahre beschränkt wurde. Das betrifft vor allem Lehrer und Sicherheitskräfte, und den Pädagogen schmeckt es gar nicht, dass das Gesundheitsministerium für die zweite Dosis Pfizer empfiehlt. Sie wollen mehrheitlich AstraZeneca, der aber für Ältere vorgesehen und somit nicht ausreichend verfügbar ist.

Corona in Spanien aktuell: EU-Pass vereinfacht Reisen

Die Lehrer beschweren sich darüber, dass sie als Laien die Entscheidung fällen müssen, welcher Impfstoff ihnen für die zweite Dosis gespritzt werden soll. Mehrere klagten außerdem gegenüber Medien, dass sie 16 oder 17 Wochen nach der ersten Spritze noch keinen Termin für die zweite bekommen haben. Womit wir noch einmal beim Thema Geduld angelangt wären.

Nicht mehr so viel Geduld ist bei den Flughafen-Kontrollen aufzubringen. Als eines der ersten Länder stellt Spanien seit dem 7. Juni den digitalen EU-Pass über Impfung, Genesung und Test aus, der die Einreise vereinfacht und beschleunigt. Nach einer Woche hat das Gesundheitsministerium Bilanz gezogen: Knapp 817.000 digitale Covid-Pässe wurden binnen sieben Tagen ausgestellt. Andersrum haben mehr als 5.000 Reisende aus anderen Ländern den digitalen Pass auf das Einreise-Formular SpTH geladen und bei der Einreise nach Spanien, die seit 7. Juni vereinfacht ist, am Flughafen vorgezeigt.

Corona-Variante Delta bereitet Sorgen in Madrid

15 von 17 Comunidades Autónomas stellen in Spanien bereits den digitalen EU-Pass aus, fünf – darunter Andalusien – bislang nur für vollständig Geimpfte, zehn – darunter Valencia – bereits für Geimpfte, Corona-Genesene und Getestete. Auch die Region Murcia hat dieser Tage mit der Ausstellung des digitalen Zertifikats begonnen, und zwar in allen drei Varianten.

Apropos Varianten: Die gefürchtete Corona-Mutation Delta – auch bekannt als indische Variante – bereitet in der Region Madrid Sorge. Eingeschleppt wird sie vor allem von Reisenden, die am Flughafen Barajas landen. Landesgesundheitsminister Enrique Ruiz Escudero sprach nach 22 Fällen von einer „allgemeinen Ausbreitung“ und zog die Zweitimpfung der über 60-Jährigen um eine Woche vor. Die Variante gilt als ansteckender als die europäischen Mutationen, aus gesamt-spanischer Sicht gab Chef-Virologe Fernando Simón aber Entwarnung. „85 Prozent der Infektionen gehen auf die britische Alpha-Variante zurück. Acht bis zehn Prozent sind auf diverse Varianten zurückzuführen, fünf bis sieben Prozent verteilen sich auf vier Mutationen, darunter die Delta-Variante.“ Simón nannte die Fälle in Madrid „nicht exzessiv besorgniserregend“.

Der Sommer kann also kommen, und wenn Simón Recht behält, dürfte die Urlaubssaison Spanien nicht wie letztes Jahr die nächste verheerende Corona-Welle bescheren. Noch ein bisschen Geduld, dann ist die Herden-Immunität erreicht. Und noch ein bisschen mehr Geduld, dann ist Corona vielleicht nicht ganz passé, aber zumindest kein Grund mehr zur Panik.

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