Junge Leute feiern auf einem Platz in Madrid.
+
Kein Halten nach dem Aus der Sperrstunde in Madrid: „Freiheit!“ und „Ayuso!“ riefen die jungen Leute der Polizei entgegen.

Ende Notstand in Spanien

Ende des Corona-Notstands in Spanien: Exzessive Feiern in Madrid, Barcelona, Mallorca - Regionen bangen um Touristen

  • Marco Schicker
    vonMarco Schicker
    schließen

Zigtausende, vor allem junge Leute, haben in Spanien das Ende des landesweiten Coronavirus-Notstands am Wochenende mit Massenbesäufnissen und ausgelassenen Partys in den Straßen gefeiert. Die Polizei in Madrid, Barcelona, Bilbao, auf Mallorca und vielen anderen Städten war überfordert. Die Urlaubsregionen Spaniens fürchten nun, dass sich die Bilder bald an den Stränden wiederholen und suchen nach juristischen Mitteln, Restriktionen durchzusetzen.

Madrid/Barcelona/Alicante - Es sind Bilder, die an frenetische Feiern von Fußballfans erinnern, nicht aber an ein Land, das, wie Spanien, gerade die vierte Welle einer tödlichen Pandemie halbwegs gezähmt hat. Das Ende des nationalen Corona-Notstands in Spanien und damit auch der Wegfall der nächtlichen Ausgangssperren in den meisten Regionen nahmen Zigtausende, vor allem junge Menschen, zum Anlass, um die Nacht zum Tag und die Straßen zu Tollhäusern werden zu lassen.

Spanien außer Rand und Band: Polizei gegen Massenpartys in Madrid und Barcelona machtlos, 16 Verhaftungen auf Mallorca

Die Puerta del Sol, Madrids Dreh- und Angelpunkt, wurde in der Nacht zum Samstag eine einzige Feiermeile. Die - gesetzlich vorgeschriebenen - Masken wurden gar nicht oder nur noch als zufälliges Anhängsel getragen, Abstandsregeln, die Beschränkung von Kontakten auf wenige Personen, aber auch das Verbot des Alkoholkonsums in der Öffentlichkeit, setzten die Feiernden komplett außer Kraft. Allein an der Puerta del Sol, der Plaza del Dos de Mayo und am Stadion Wanda Metropolitano sowie in etlichen Altstadtgassen Madrids musste die Polizei am Wochenende 450 mal eingreifen, in Barcelona wurden bei Partys auf der Straße, den sogenannten botellones (von botella: Flasche), insgesamt 6.500 Personen auseinander getrieben und teils mit Platzverweisen belegt.

In Palma de Mallorca wurden 16 Personen verhaftet, nachdem vier Polizisten bei der Auflösung einer illegalen nächtlichen Party verletzt worden waren. Auf den Balearen herrscht, wie in drei anderen Regionen, darunter auch Valencia, noch eine nächtliche Ausgangssperre, wenn auch juristisch disputiert. In Alicante musste die Kneipenmeile Castaños von der Polizei schon am späten Nachmittag wegen Überfüllung abgeriegelt werden, in Bilbao wurde die halbe Innenstadt geräumt, ähnliche Szenen gab es in Salamanca, San Sebastián, Valladolid, Burgos, León oder Ávila. In Andalusien, sonst bei Fiestas immer ganz vorne, blieben Massenansammlungen weitgehend aus.

Madrid: Während Menschen auf Intensivstationen um ihr Leben kämpfen, feiern junge Leute Ayusos „Freiheit“

In Madrid tanzten, soffen die Menschen, sprangen halbnackt in Springbrunnen, veranstalteten Polonaisen und empfingen die Polizei mit Sprechchören. Immer wieder war der Ruf „Libertad“, Freiheit, zu hören, das Wahlkampfmotto von Landeschefin Isabel Díaz Ayuso. Dabei hat Madrid eine Corona-Inzidenz von über 300 und sind die Intensivstationen der Krankenhäuser nach wie vor schwer mit Covid-Patienten im kritischen Zustand beschäftigt. „Auf ein Bier gehen“, war eine der Definitionen von Freiheit, mit der die PP-Landeschefin im Wahlkampf hausieren ging. Die Geister, die sie damit rief, machten sich nun selbständig und forderten dieses Recht auch gegenüber der Polizei, mitunter aggressiv, ein.

Massenpartys in Spanien: Über ein Jahr Frust und Langeweile entladen sich - Madrids Bürgermeister "bedauert"

„Das sind bedauerliche Bilder“, sagte am Sonntag José Luis Martínez-Almeida, Madrids Bürgermeister und ein Parteifreund Ayusos, zu den Szenen. „Sie haben Gläser und Flaschen nach uns geworfen“, erklärte die Polizei, nachdem sie mehrfach gerufen wurde, um überfüllte Bars zu räumen. Der Bürgermeister erklärte am Sonntag hilflos, dass „die Freiheit nicht darin besteht, die Gesetze zu verletzen, botellones sind nach wie vor nicht erlaubt.“

Barcelonas Stadtstrand, Barceloneta, wurde am 9. Mai, zum Ende des nationalen Corona-Notstands in Spanien zur unkontrollierbaren Partymeile.

Auch Barcelona war auf Fiesta getrimmt, da nutzte auch die Aufstockung der nächtlichen Polizeikräfte um ein Drittel nicht viel. Die Beamten drängten sich durch die Reihen und baten darum, dass „maximal sechs Personen“ zusammenstehen dürften. Ihre Hilflosigkeit hatte etwas mitleiderregendes, wie Videos zeigen. Denn kaum hatte sich die Menge in Grüppchen aufgespalten, wogten die Massen wieder zu einem Haufen zusammen, sobald die Polizei weiterzog.

Dass sich am Wochenende in Spanien ein über Monate, ja über ein Jahr angestauter Frust und Langeweile in einer riesigen Party entlud, mag in gewisser Weise verständlich sein, die Konsequenzen daraus können bei einer Durchimpfungsrate von gerade 15 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in Spanien tödlich werden.

„Die Madrilenen kommen“: Spaniens Urlaubsregionen und Tourismusbranche bangen um Sommer und Urlauber

Die Urlaubsregionen Spaniens, voran die Costa Blanca in Valencia, die Costa del Sol in Andalusien, die Costa Cálida in Murcia, aber auch Katalonien, die Balearen und die Kanaren, zu denen nun freie Fahrt herrscht, fürchten, dass sich die Bilder von Madrid am Wochenende bald an den Stränden und Uferpromenanden des Mittelmeeres wiederholen könnten, wenn die Inlands-Spanier an den Wochenenden und mit den Ferien in Massen an „ihre“ Strände fahren. Die Urlaubsregionen Spaniens fürchten dabei, neben einer fünften Corona-Welle, vor allem auch, die Sommersaison zu gefährden, die für den Tourismussektor nach über einem Jahr eine Überlebensfrage geworden ist. Mit einem hohen Anstieg bei den Fallzahlen im Juni könnten die Costa Blanca oder Costa del Sol, Mallorca oder die Kanaren wieder zu Risikogebieten erklärt werden und ausländische wie inländische Touristen andere Urlaubsländer ansteuern.

Auch in der Innenstadt von Barcelona kam es zu Massenansammlungen und Besäufnissen, die Polizei spricht von über 6.500 Menschen, die sich nicht an die Auflagen hielten.

Das Problem: In Madrid ist die Corona-Inzidenz fast um das zehnfache höher als in zum Beispiel in Valencia. Im Baskenland ist die vierte Welle sogar völlig außer Kontrolle geraten. Doch fast alle Maßnahmen der Regionen, die über eine Sperrstunde für die Gastronomie und die Kontaktlimitierung hinausgehen, - also nächtliche Ausgangssperren oder die Abriegelung - werden derzeit von Gerichten reihenweise abgeschmettert, mit dem Verweis, dass die pauschale Einschränkung von Grundrechten ohne einen nationalen Notstand rechtlich nicht durchsetzbar sei. Ausgenommen die Maskenpflicht, die durch ein nationales Gesetz definiert wurde.

Spanien nach dem Notstand: Wer darf was verbieten? - Tourismus im Sommer in Gefahr

Spaniens Justizminister Juan Carlos Campo verweist inzwischen darauf, dass die Gesetzeslage es den Regionen ermöglicht, bei der Zentralregierung in Madrid einen regionalen sanitären Notstand zu beantragen. „Die Gesetzeslage ist flexibel und angemessen genug, um den Herausforderungen zu begegnen, die Regionen können Maßnahmen umsetzen“. Doch auf einen regional beschränkten Notstand können Regionen nur zurückgreifen, wenn Inzidenzen und Krankenhausauslastung bereits im gesamten Bundesland auf kritische Werte zusteuern, das Kind also schon in den Brunnen gefallen ist.

Regionen, die Restriktionen aus präventiven Überlegungen aufrechterhalten oder einführen wollen, stehen juristisch in einem Niemandsland und sind vom Ermessen der zuständigen Richter des jeweiligen Oberlandesgerichts abhängig. Alle Regeln in allen Regionen nach Ende des Notstands in Spanien. Lediglich auf lokaler und Kreisebene können sie derzeit aktiv werden, - auch dort unter dem Auge der Richter. Das hat natürlich auch etwas Gutes, belegt es nämlich, dass die Gewalten in Spanien funktionieren und der Bürger der Politik eben nicht hilflos ausgeliefert ist, wie das die Negationistenbewegung immer behauptet.

Ende des Notstands in Spanien: Bis Ende Mai sollen alle über 60 Jahren geimpft sein

So bleibt der Politik in Spanien im Moment nicht viel mehr, als an die „Besonnenheit“ und das „Verantwortungsgefühl“ der Menschen zu appellieren. Das fällt nicht leicht, wenn die „Freiheit“ durch manche Politiker auch als Freiheit, andere um ihre Gesundheit zu bringen, geduldet wird, um beim Wahlvolk zu punkten, so wie es Madrids Landeschefin Ayuso bei der Landtagswahl erfolgreich vorgemacht hatte. Noch immer sterben in Spanien pro Woche um die 600 Menschen wegen Covid-19, erinnert das Gesundheitsministerium und legt gleichzeitig nach, dass es sich lohnt, noch ein paar Wochen die Füße still zu halten: Bis Ende Mai sollte die Bevölkerung über 60 Jahren durchgeimpft sein, jene Gruppe, die 95 Prozent der Covid-Todesfälle stellt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare