Mega-Solarpak von Solarcentury in Andalusien.
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Mega-Solarpak von Solarcentury in Andalusien.

Grüne Energiewende Spanien

Spanien: Goldrausch bei Erneuerbaren Energien - Tausende Mega-Solarparks geplant

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Bis zu 3.000 Mega-Solarparks und riesige Windparks werden im Zuge der EU-finanzierten „grünen Revolution“ in Spanien entstehen. Der Boom in der Energiewende bedroht Natur und Kulturlandschaften, aber auch Bauern mit Enteignung. Gewinner sind Konzerne und große Finanzinvestoren, der spanische Staat scheut eine vernünftige Regulierung.

Granada - Noch vor kurzem lachte die Welt über die Sonnensteuer im Sonnenland Spanien, welche dafür sorgte, dass die Energieerzeugung Sache der großen Konzerne blieb. Jetzt schwankt das Land ins andere Extrem. Sie kommt zwar, die grüne Energie, doch ausgerechnet sie könnte für eine erneute Zerstörung der Umwelt sorgen, ohne, dass der in Spanien besonders teure Strom billiger wird.

Was auf den Plan steht: Die spanische Regierung will und - wegen der Vorgaben aus Brüssel - muss so schnell wie möglich Projekte mit einem Investitionsvolumen von 92 Milliarden Euro an den Mann bringen, um die "grüne Revolution" auf dem Energiesektor umzusetzen, die Klimaziele zu erreichen, koste es, was es wolle. Dieses schnelle, billige Geld hat ein regelrechtes Solar- und Windkraftfieber ausgelöst. Schon ohne Subventionen wirft der Sektor in Spanien eine Rendite von rund 10 Prozent ab und lockt daher große Kapitalgesellschaften an, gegen deren Finanzpower nachhaltige, lokale Projekte fast untergehen. Mit den großzügigen EU-Subventionen ist die Branche nun völlig außer Rand und Band. Die Vorstellung war wohl von Anfang an zu idyllisch, private Häuslebauer in Spanien würden ihre Dächer mit Photovoltaik-Anlagen zum Eigenbedarf bestücken, Kommunen in Spanien energetisch autark werden, Bauern ihre Ölmühlen und Bewässerungspumpen mit dezentralen Photovoltaik-Anlagen speisen. Diese Projekte gibt es auch, sie gehen aber im Boom der Megaparks unter.

Spaniens Mega-Solarparks könnten die fünffache Fläche Mallorcas bedecken

Bis 2030 hatte die spanische Regierung mit rund 57 Gigawatt Zuwachs auf dem von Sonne und Wind gespeisten Strommarkt kalkuliert, doch die bis heute vorliegenden Anträge belaufen sich bereits auf 147 Gigawatt. Alle Solar- und Windparks in Spanien über 50 Megawatt gelten als Mega-Parks und müssen zentral vom Energie- und Umweltministerium genehmigt werden. Bis dato werden dort 2.992 dieser Parks konkret bearbeitet, mit einer projektierten Leistung von 125 Gigawatt (94 Solar-, 31, Windenergie), hat die Zeitung "El País" im Ministerium ermitteln lassen. Darunter sind vier der fünf größten Einzelprojekte der gesamten EU. Würden alle Projekte genehmigt, könnten sie eine Fläche von acht bis zu 17.000 Quadratkilometern bedecken, also bis zu fünfmal die Fläche von Mallorca oder mehr als die gesamte Region Murcia, bis zu 3,3 Prozent der gesamten Landfläche Spaniens.

Das 300-Megwatt-Projekt in Talayuela bei Cáceres (Extremadura). Sieht so Spaniens Energiezukunft aus?

Ist das im Sinne des Erfinders? Schon heute liegt im Ministerium für den Ökologischen Umbau noch ein Stapel Anträge, der bis 2017 zurückreicht, bei den neuen Projekten herrscht Stau. Aber nicht bei allen, denn viele Projekte fallen in Landeshhoheit, auch, weil clevere Investoren sie in mehrere kleine Projekte aufteilen, um die zentrale Genehmigung umgehen zu können oder die Projekte so groß machen, dass das Ministerium sie zum "öffentlichen Interesse" deklariert, was den Genehmigungsvorgang beschleunigt, aber auch Umwelt- und Eigentumshindernisse einfacher umgeht.

Bauern in Spanien droht wegen Solarparks Enteignung: Energiekonzerne machen Druck

Die Zeitung "El País" ist nach Caniles gereist, mitten ins andalusische Olivenmeer der Provinz Granada. Dort traf sie einen, der die Zeche für den Solar-Boom zahlen soll, den Olivenbauern José Sánchez. Der 64-jährige bearbeitet händisch mit seinen Söhnen 3.000 Olivenbäume. Im März 2021 erhielt er eine Anfrage von Capital Energy, einem der großen "vertikal integrierten" Player auf dem Markt für Erneuerbare in Spanien. Will sagen, der Investor hat unter seinen Fittichen sowohl die Projekte, also die Solar- und Windparks, stellt aber auch selbst die Photovoltaik-Anlagen und Windräder her, installiert, konnektiert und vermarktet den Strom.

Capital Energy bot dem Olivenbauern Sánchez an, "mein Land zu mieten", 1.400 Euro pro Hektar und Jahr wollten sie zahlen, dabei erlöst er mit den Oliven rund das Fünffache. Sánchez lehnte ab "und drei Tage später fand ich mich im Amtsblatt als ein Kandidat zur Enteignung wieder". Eine Anfrage der Zeitung, wie viele Bauern und andere Grundstückseigner mit einer Enteignung gegen gesetzliche Minimalentschädigung rechnen müssen, wurde vom Ministerium nicht beantwortet. Es verwies einfach auf die kommunalen und Landesbehörden, die diese umsetzen.

Auf Einzelschicksale wie auf eine gewachsene Kulturlandschaft und die Existenzen von Landwirten, - die Oliven sind für Andalusien praktisch das Aushängeschild - scheinen sowohl Capital Energy und andere Investoren als auch die Regierung keine Rücksicht zu nehmen. Auf 446 Hektar soll auf Sánchez' Grund und dem von 113 Nachbarn eine 250-Megawatt-Solarpark entstehen mit bis zu 560.000 Panelen.

Spaniens Energiewende: Boom bei grüner Energie, der Natur vernichtet? - Widerstand formiert sich

"Analysten" wie Bosco Ojeda von der UBS-Bank sehen "ein enormes Interesse, das kaum zu glauben ist. Es sind die Jahrhzehnte des fast kostenlosen Geldes, dazu kommt die grüne Energie, die gesellschaftlich akzeptiert ist, der Gesetzgeber ist auch auf deiner Seite, alles läuft bestens". Das einzige was dem Banker Sorge macht, ist der "Exzess der Investitionen, der zu viel Konkurrenz" in den Markt bringen könnte, darunter eben auch Schwarze Schafe. Eine Umschreibung für eine kommende Blase? Ökologische Sorgen machen sich die Analysten nicht, denn kein Investor hätte Interesse daran, Umweltgruppen gegen sich zu haben, mit einer Selbstverpflichtungserklärung sei es aber genug, so der UBS-Mann.

„Erneuerbare Energien ja! - Aber nicht so!“ Demo von Aliente in Madrid im Oktober 2021.

Nicht so billig abspeisen lassen will sich da Luis Bolonio, Biologe und Sprecher der Alianza Energía y Territorio (Aliente), in der sich 180 Umwelt- und Sozialvereine zusammengeschlossen haben, um die grüne Energiewende tatsächlich nachhaltig werden zu lassen. Er findet klare Worte: "Spaniens wertvollste Biodiversität findet sich auf den Feldern ohne Bewässerung (Mandel- und Olivenhaine, extensiver Weinanbau) und in der extensiven Viehzucht, einer Landschaft mit dem Potential für ländlichen und ökologischen Tourismus." All das werde durch die Megaparks gefährdet. "Außerdem vernachlässigen wir die Chance, solche Anlagen auf brachliegendem, häufig vernachlässigtem öffentlichen Grund zu installieren", den es "in jedem Dorf Spaniens" gebe.

Die Installation der Megaparks, ob für Wind- oder Sonnenenergie, vernichte jedes Mal ein Biotop und bringe gefährdete Arten weiter in Bedrängnis. Erreicht also das Gegenteil von dem, was die Energiewende unter anderem erreichen wollte. Aliente fordert ein generelles Moratorium für neue Projekte und die Re-Dimensionierung bestehender Anträge auf eine jeweils lokal verträgliche, angepasste Größenordnung. Außerdem müssten die Kommunen, auf deren Land die Mega-Parks errichtet werden, mehr und direkter von den Umsätzen profitieren.

Regionen Spaniens bei Solarparks überfordert: Energie-Lobby gegen Gemeinden und Umweltschützer

Einige Regionen treten bereits auf die Bremse, soweit das in ihrer Macht steht. So hat die Xunta, die Landesregierung von Galicien, bereits ein Moratorium für neue Mega-Parks bis 2023 verhängt, nachdem Anträge für 7,2 Gigawatt eingegangen seien. Die Verwaltung von Kastilien und La Mancha musste 108 Mitarbeiter neu einstellen, um die 396 beantragten Parks in ihrer Region überhaupt abarbeiten zu können, dabei mutmaßt der für die Energiewende zuständige Generaldirektor bei der Landesregierung, Manuel Guirao, dass "viele der Projekte gar nicht realisiert werden" und lässt durchklingen, dass unter den Anträgen viele auch von Glücksrittern seien, die denken, sie könnten schnell an hohe Subventionen gelangen. Er jedenfalls wolle beim Thema "Umwelt besonders strikt" bleiben, "der Sektor ist nervös und ungeduldig und droht uns allenthalben mit juristischen Schritten", so der Funktionär.

Zum Thema: Fuerteventura: Erneuerbare Energien bedrohen Paradies der Kanaren

Auch die Ministerin für Energiewende in Madrid, Teresa Ribera, sieht die Grenzen der Invest-Lawine längst überschritten, "150 Gigawatt sind viel mehr als nötig und sinnvoll ist". Man werde daher "aussieben", welche Projekte "unternehmerisch Sinn ergeben und welche eher spekulativ" seien und man wolle dabei auch "die Rechte der im Einzugsgebiet lebenden Menschen" berücksichtigen. Es könne nicht sein, so die Ministerin, dass ein Solarpark praktisch das ganze Umland eine Ortes belegt. Unter den Projekten seien auch einige, die bereits nach reiner Spekulation riechen, erläutert die Vereinigung Aliente. Diese würden die Parks errichten, ans Stromnetz anschließen und dann sofort verkaufen, teils noch bevor sie das Gelände rechtskräftig besitzen oder die letzte Umweltgenehmigung vorliegt.

Mega-Solarpark in Benaixama in Alicante.

Die spanische Regierung könnte die Genehmigung ins Verhältnis zum Strombedarf des jeweiligen Einzugsgebiet setzen und die Projekte so anpassen, klein vor groß. Doch das darf sie nicht, denn dann würden sich nicht nur die Anwälte der Investoren, sondern auch die Wettbewerbsaufsicht aus Brüssel melden, weil die Big Player Diskriminierung geltend machen könnten. Ihre Lobbyisten waren es nämlich, die die Leitlinien zur Verwendung der EU-Milliarden mitschrieben, genauso wie die EU-Normen für den Strommarkt bei Erzeugung und Vermarktung. Auch der Vorstoß, aus Gas und Kernkraft erzeugte Energie als „grün“ einzustufen, kommt nicht von Ungefähr. Und so sitzt die „grüne Revolution“ in Spanien zwischen allen Stühlen.

Tricks der Energiekonzerne: Fragmentierung - Kommunen drängen auf Solarparks mit Sinn und Verstand

Und Appa, der Verband der Unternehmen der Erneuerbaren Energien in Spanien warnt bereits, "für den Kohleausstieg braucht es kleine, aber auch große Anlagen. Wenn die Administration die nicht zulässt, ist das nicht Schuld der Investoren", beklagt sich Lucía Dólera, Projektmanagerin bei Appa schon, was dezent nach Ausfallklagen und Entschädigungen klingt. Und die Anwälte sind bereits im Dauereinsatz, auf beiden Seiten. In Trillo (Guadalajara), zum Beispiel, wurden mit einer Investition von 220 Millionen Euro 13 einzelne Anlagen eines Investors beantragt, jede bringt 49,9 Megawatt, gerade so unter dem Limit, ab dem Madrid genehmigen müsste und höhere Umweltauflagen in Kraft treten. "Diese Fragmentierung macht sich über die Verwaltung lustig", kommentiert ein Anwalt, Jaime Doreste, der bereits bei mehreren solcher trickreichen Projekten in Aragón und Tabernas (Almería) eingeschritten ist.

Zurück zum Olivenbauer Sánchez in Granada. Ihm nutzen vorerst die warmen Worte der Ministerin in Madrid nichts, er sieht weiter der Enteignung ins Auge. Andalusien ist die Region mit den meisten geplanten Megapark-Projekten, 737 ingesamt für 20 Gigawatt. Das Projekt Ququima in Caniles, das Sánchez Olivenbäume bedroht, wurde mittlerweile von hunderten Anwohner beeinsprucht. Die Bürgermeisterin führt den Protest an und will das Projekt nicht ablehnen, aber auf ein sinnvolles Maß dimensionieren: "Wir sind doch nicht gegen Erneuerbare Energien, aber für unseren Ort und die Umgebung wären maximal 100 Hektar sinnvoll, nicht die geforderten 700 Hektar, darin sind sich alle Fachleute in meinem Bereich, egal welcher Partei sie angehören, einig", sagt sie. Ihre Stimme wird lauter, denn viele Kommunen und zunehmend auch Landespolitiker begehren gegen den Größenwahn der Megaparks auf.

Ihr widerspricht natürlich der Investor, Capital Energy, man sei schon von 700 auf 446 Hektar zurückgegangen, es ginge nur um 8 Prozent von 114 Landwirten, die sich dem Fortschritt entgegenstellten, der Rest war "mit unserem Angebot" zufrieden. Die Firma würde "das Zehnfache eines Jahreseinkommens" für das Land zahlen, doch die Bauern rechnen vor, dass sie mit Mandeln, Oliven oder Bio-Gemüse fünfmal mehr umsetzen könnten. Das ist nicht überall so, in Valencia zum Beispiel sind viele Orangenbauern, in der Vega Baja die Zitronenbauern, die seit langem schon draufzahlen, froh um die Angebote der Multis. Dass die meisten Bauern unterschreiben und ihr Land vermietet haben, hat auch damit zu tun, dass viele Landwirte der vielen Preiskämpfe, der durch den Klimawandel bedingten Plagen müde geworden sind, keinen Nachfolger für den Betrieb finden - oder Brachland gewinnbringend loswerden. Denn auch unter den Bauern gibt es große und kleine und nicht wenige, die eben nicht mit eigener Hände Arbeit ihr Geld verdienen, wie es Olivenbauer Sánchez noch tut, wenn man ihn lässt.

Zum Thema: Solaranlagen im Orangenhain: Alicantes Bauern suchen die Zukunft

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