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Spanien gibt Gas: Scholz wirbt für MidCat-Gaspipeline

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Von: Stephan Kippes

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Arbeiter dreht ein Verschlussrad einer Gaspipeline
Neue Gasepipelines braucht die EU. Bundeskanzler Olaf Scholz sucht sie im Westen. © Pavlo Palamarchuk/dpa

Besser spät als nie - der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz entdeckt bei der Suche nach Erdgas die Pläne für die MidCat-Pipeline in Spanien.

Madrid – Bundeskanzler Olaf Scholz streckt seine Fühler nach Energiequellen aus dem Westen aus und drängt auf eine Gasleitung von der Iberischen Halbinsel über Frankreich nach Zentraleuropa. Damit legt der deutsche Regierungsschef wieder die MidCat-Gasleitung auf den Tisch, die von Barcelona in Spanien aus nach Südfrankreich verlaufen sollte, bereits angefangen, aber nie fertig gebaut wurde, auch weil es Frankreich damals wirtschaftlicher erschien, Gas aus Russland zu beziehen. Die Vorzeichen aber haben sich seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine Ende Februar geändert.

Spanien und die MidCat-Gasleitung: Ribera rechnet mit neun Monaten Bauzeit

In acht bis neun Monaten, meint Energieministerin Teresa Ribera, könnte Spanien die Gaspipeline MidCat funktionstüchtig haben und an das französische Leitungsnetz andocken. Das setzt voraus, dass Frankreich auch Gas gibt und die Infrastruktur auf seinem Territorium fertigstellt, damit das Gas in andere EU-Länder transportiert werden kann. Zwei Jahre scheint nach derzeitiger Einschätzung ein realistischer Zeitraum.

Gespräche zwischen den Fachleuten beider Nachbarn über die Fertigstellung der fehlenden 226 Kilometer laufen längst. Nur hörte man seit Wochen nichts mehr davon – auch weil die Finanzierung der rund 400 Millionen Euro teuren Anlage nicht geklärt ist, die Plänen zufolge 7.300 Millionen Kubikmeter Gas pro Jahr transportieren könnte. Der Einwurf von Scholz und die Gespräche mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen darüber stärkt die Strategie Spaniens, nach der es sich um ein europäisches Projekt handelt, das die EU finanzieren müsst.

Spanien und die Gasversorgung: Europa muss besser vernetzt werden

Stets hat Energieministerin Ribera bedauert, dass Europas Gasleitungsnetz nicht bis zur Iberischen Halbinsel reicht. Dieser Anschluss könnte die energetische Vernetzung Europas stärken, nicht nur für einen fossilen Rohstoff wie Erdgas, wie Ribera betont, sondern in Zukunft auch für Wasserstoff.

Ribera stellt sich eine Lebenszeit 40 Jahre vor und denkt wie Scholz auch an Ziele wie CO₂-Neutralität, bei der Wasserstoff eine große Rolle spielen soll und wofür auch jede Menge Strom aus Erneuerbaren Energien notwendig sein wird. „Wir haben gar nicht so viel Zeit“, meinte Scholz.

Mittels dieser MidCat-Gaspipeline könnte Russland als wichtigster Energielieferant der EU durch Algerien ersetzt werden. Algerien galt bisher als größter Gaslieferant Spaniens. Infolge diplomatischer Streitigkeiten wegen des Schwenks auf die Linie der EU und Marokkos bezüglich der Westsahara drehte Algerien den Hahn zu und der Anteil an den spanischen Gaseinfuhren sackte von knapp 50 auf zuletzt 29 Prozent ab. Dafür stiegen die Importe aus den USA auf gut 28 Prozent wichtiger, die aus Nigeria auf 14 und die aus Russland auf 9 Prozent. Spanien importiert in erster Linie Flüssiggas und verfügt über sechs LNG-Terminals oder Regasifizierungsanlagen, in denen Flüssig- in Erdgas umgewandelt wird. „Spanien kann Gas in die EU exportieren“, versicherte Ministerpräsident Pedro Sánchez wiederholt. Dabei stellte er auch eine Gaslieferung per Schiff in Aussicht. Im Dezember sollen die Terminals in Gijón ihren Betrieb aufnehmen, Spanien könnte mehr Flüssiggas per Schiff ordern, die Lieferungen in Erdgas umwandeln und Zentraleuropa versorgen.

Ministerin Ribera drängt aber auch auf eine Erhöhung der Effizienz der beiden kleineren Gasleitungen, die vom Baskenland aus nach Frankreich verlaufen. Die Gasmenge von acht Milliarden Kubikmeter könnte um 20 bis 30 Prozent erhöht werden, was die Notlage nicht lösen, aber doch lindern könne. Zum Vergleich: Die gestoppte Nord-Stream-2-Pipeline hätte 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr geliefert.

Wie wichtig ein solcher Strategiewechsel wäre, macht der Gasnotfallplan der EU deutlich, der Mitgliedsstaaten anhält wegen dieser Abhängigkeit zu Russland ihren Gasverbrauch um 15 Prozent beziehungsweise im Fall von Spanien um sieben Prozent einzuschränken. Diese Diskrepanz rührt vom spanischen Energiemix her, der das Land bereits jetzt von Russland weitgehend unabhängig macht. Aus Solidarität geht in Spanien trotzdem die Schaufensterbeleuchtung der Geschäfte und die Bestrahlung öffentlicher Monumente um 22 Uhr aus und Geschäfte und öffentliche Gebäude werden nicht mehr unter 27 und in Ausnahmefällen 25 Grad klimatisiert.

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