Coronavirus weltweit

Spanien 90 Prozent, Kongo 0,1 Prozent: Ärzte ohne Grenzen klagt ungerechte Impfquoten an

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Ein Kontinent der Ungeimpften ist Afrika. Während Länder wie Spanien Impfungen im Überschuss hamstern, sträuben sich Konzerne wie Pfizer und Moderna gegen die Aufhebung ihrer Impfstoff-Patente. Und dann ist da noch die Frage nach der - trotz Impf-Flaute - eher geringen Zahl der Covid-Erkrankten in Nigeria und Co.

70 Prozent der Ungeimpften lehne die Covid-19-Impfung ab, weil sie ihnen unsicher erscheine. Das meldete Ende 2021 Spaniens Forschungsinstitut Carlos III. und meinte natürlich nur den kleinen Teil der Welt, in der wir leben. Es gibt da aber einen ganzen Kontinent, auf dem es sogar schwer ist, Menschen mit nur einer Impfdosis gegen das Coronavirus zu finden: Afrika. Ein ganzer Erdteil, der sich gegen Pfizer und Co. sträubt, vielleicht sogar Geimpfte ächtet? Mitnichten. Der Grund ist: Es kommen nur so wenige Impfstoffe auf dem Kontinent an. 500 Millionen Dosen erhielt ganz Afrika im ganzen Jahr 2021. Die EU, Großbritannien und USA bekamen indes allein im Monat vor Weihnachten 513 Millionen Dosen. Was steckt hinter den wahnsinnigen Unterschieden?

Ärzte ohne Grenzenprivate Hilfsorganisation
Gründung: 22. Dezember 1971, Paris, Frankreich
Hauptsitz: Genf, Schweiz
Anzahl der Beschäftigten: 36.482

Spaniens Ärzte ohne Grenzen klagt ungerechte Impfquoten an

„Es gibt zwei Probleme, die zusammenhängen“, erklärt Mila Font von Spaniens Ärzten ohne Grenzen, Médicos Sin Fronteras, in der Region Valencia. „Erstens werden nicht genug Impfdosen produziert. Zweitens: Was bleibt, sichern sich durch Hamsterkäufe die reichen Länder.“ Schon seit Beginn der Pandemie warnt die internationale Nothilfe-Organisation, die am 21. Dezember 50 Jahre alt wurde, vor ungerechter medizinischer Versorgung gegen das Coronavirus. „Die Initiative Covax der Weltgesundheitsorganisation für faire Verteilung der Impfstoffe funktioniert nicht“, kritisiert Mila Font angesichts der gewaltigen Impfquoten-Unterschiede. Regelrechte „Pakte“ schmieden indes die Industrieländer mit Entwicklern wie Pfizer oder Moderna.

Gegen die ungerechte Verteilung der Corona-Impfungen gebe es nur eine Medizin: „Würden die Impfstoff-Patente ausgesetzt, könnten viel mehr Dosen produziert werden.“ Als positives Beispiel nennt die Sprecherin der spanischen Ärzte ohne Grenzen den Kampf gegen Aids. Bis 2000 richtete die Krankheit etwa in Botswana fatale Zustände an. Dann raufte sich die internationale Gemeinschaft allerdings zusammen und hob die Patente für die Arzneimittel auf. „Prompt kostete die Behandlung eines Patienten nicht 10.000 Dollar im Jahr, sondern nur noch hundert Dollar“, lobt Mila Font. Ein entscheidender Schritt im Kampf gegen die Krankheit, von dem auch unter Corona zu lernen sei, glaubt Médicos Sin Fronteras.

 „Wir definieren auch Begleitschäden der Pandemie: Gesundheitssysteme, die noch prekärer werden, Lieferengpässe, Stopps von Impfungen gegen andere Krankheiten. Aber auch den wirtschaftlichen Einschlag, wachsende Armut, schlechtere Ernährung.“

Mila Font, Ärzte ohne Grenzen Valencia/Spanien

Impfhersteller in Afrika stünden bereit: Kongo fast ungeimpft

Was spricht aber für einen rigiden Patentschutz? Dessen Befürworter - allem voran die Pharmakonzerne wie Pfizer oder Moderna - meinen, dass ohne die geschützten Patente der Anreiz für Forschung und Weiterentwicklung verschwände. „Aber wir sind in einer akuten Notlage, die auch angesichts immer neuer Corona-Varianten wie Omikron besondere Maßnahmen verlangt“, betont Mila Font von Spaniens Ärzten ohne Grenzen. Weltweit, auch in Afrika, stünden Unternehmen bereit, die Impfstoffe auf Basis der sich bereits auf dem Markt befindenden Produkte herzustellen und so die ungerechten Impfquoten weltweit zu bereinigen. Doch daran seien die entscheidenden Akteure des Pharmageschäfts eben nicht interessiert, meint Ärzte ohne Grenzen.

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In welcher Zone der Welt die Impfquoten besonders dürftig ausfallen, fragen wir Mila Font. „Besonders im Subsahara-Afrika“, sagt die Médicos-Sin-Fronteras-Aktivistin. „Wir haben etwa Nigeria mit zwei Prozent vollständig Geimpfter. Kongo kommt nicht einmal auf ein Prozent, Sudan auf 1,6.“ Hier haken wir nach und verweisen auf die Coronavirus-Todeszahlen. In Nigeria sterben (Stand 10. Januar, 7-Tage-Mittelwert) sechs Menschen pro Tag in Zusammenhang mit Covid-19. Natürlich zählt jedes Menschenleben. Aber ist eine solche Zahl etwa im Vergleich zum viel kleineren Spanien, das am 10. Januar 80 Todesfälle aufwies, ein dramatischer Wert?

Keine einfachen Zahlenspiele: „Auch Begleitschäden der Pandemie“

Eine einfache Zahlensuche sei hier nicht genug, entgegnet Mila Font. „Einerseits, weil zu medizinischer Versorgung auch die Diagnostik gehört. Wenn die fehlt, stimmen die Zahlen nicht.“ Ferner habe Nigeria, mit deutlich jüngerer Bevölkerung, eine „ganz andere demografische Struktur als wir“. Erst eine „retrospektive Analyse“ würde das wahre Bild zeigen. Zudem, so die Sprecherin der Ärzte ohne Grenzen in Valencia, seien nicht nur Erkrankte und Verstorbene als Covid-19-Opfer zu sehen. „Wir definieren auch Begleitschäden der Pandemie: Gesundheitssysteme, die noch prekärer werden, Lieferengpässe, Stopps von Impfungen gegen andere Krankheiten. Aber auch den wirtschaftlichen Einschlag, wachsende Armut, schlechtere Ernährung“, sagt Mila Font.

Einen guten Überblick kann man den Médicos Sin Fronteras nicht absprechen. In über 70 Ländern der Welt ist die am 21. Dezember 1971 von zwölf Ärzten und Journalisten in Paris gegründete Organisation präsent. Menschen retten um jeden Preis: Mit der Devise wagen sich die nur durch Spenden finanzierten Ärzte ohne Grenzen in gefährlichste Krisen- oder Kriegsgebiete - ob Kongo, Libanon, Ukraine oder Afghanistan. Dort leisten sie nicht nur wertvolle medizinische Hilfen, sondern berichten zudem zu Medien der westlichen Welt detailliert über die Lage vor Ort. Für die Einsätze erhielt die Organisation 1999 den Friedensnobelpreis. Wie agiert Ärzte ohne Grenzen gegen die ungerechte Impf-Verteilung? „Vor allem, indem wir Zeugnis ablegen“, sagt Mila Font.

Impfquoten weltweit (3. Januar 2022): Ärzte ohne Grenzen übt scharfe Kritik.

Kampagne für faire Versorgung - Eine Frage der Priorität

„Als Ärzte ohne Grenzen vor 20 Jahren den Friedensnobelpreis erhielt, wurde entschieden, die Einkünfte in die Access Campaign zu stecken“, erklärt die Sprecherin der Médicos Sin Fronteras. „Es handelte sich um eine Kampagne für den fairen Anschluss aller Menschen auf der Welt an die medizinische Versorgung.“ Dabei ginge es nicht nur um Impfstoffe, „sondern auch um Tests und Diagnostik“. In der Corona-Lage ist die Kampagne angesichts der ungerechten Impfquoten wieder besonders gefragt. Doch wie will die Hilfsorganisation die Big Player des Pharma-Geschäfts zum Umdenken bringen? „Die Frage des Patents muss auf Ebene der Welthandelsorganisation geklärt werden. Hier müssen die Regierungen Druck ausüben“, sagt Mila Font.

Durchaus zeige etwa Spanien in der Frage der Impfstoff-Patente zuletzt gegenüber den armen Ländern Afrikas einen guten Willen. „Aber Europa ist gegen die Aufhebung der Patente. Die USA genauso. Und das, obgleich über 100 Länder, angeführt von Indien und Südafrika, es einfordern“, berichtet die Spanierin von Ärzte ohne Grenzen aus Valencia. Vor allem Pfizer und Moderna gelten unter Kritikern der ungerechten Impfquoten weltweit als besonders energische Verteidiger ihres Patents und auch ihrer Preise. „Dabei bliebt der reale Produktionspleis der Impfstoffe völlig im Nebel. Denn bei den Abkommen mit den Staaten wurden keinerlei Klauseln zur Verwendung von Steuergeldern vereinbart“, warnt Mila Font.

„Die Priorität bleibt der Profit, nicht die Gesundheit der Menschen.“

Keineswegs sei das eigensinnige Vorgehen der Großunternehmen auf die Coronavirus-Krise beschränkt, berichtet die Sprecherin der Médicos Sin Fronteras. „Nehmen wir das Beispiel Diabetes. An der Krankheit leiden 463 Millionen Menschen. Aber nur 50 Prozent von ihnen bekommt Insulin verabreicht.“ 99 Prozent des Marktes kontrollierten hier drei Firmen, so Mila Font, und trieben den Preis in die Höhe, obleich das Patent einst nur einen Doller gekostet habe. Die Folge? „Diabetes hat sich in 30 Jahren verdoppelt, und das vor allem in Ländern mit geringem Einkommen.“ Wie die Big-Pharma-Unternehmen auf den Widerstand von Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen reagieren, wollen wir noch wissen.

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„Die Pharmakonzerne sind höchstens zu kleinen Änderungen bereit“, stellt Mila Font fest. „Aber sie ändern nicht das System. Die Priorität bleibt der Profit, nicht die Gesundheit der Menschen.“ Durchaus ist Ärzte ohne Grenzen daran beteiligt, dass sich das Bild der Pharmaindustrie wieder wandelt. Galten die Hersteller der Corona-Impfstoffe Ende des vergangenen Jahres im öffentlichen Bewusstsein vermehrt als große Heilsbringer, häuften sich zum Jahreswechsel 2021-2022 die Berichte über die - eben auch durch wirtschaftliche Interessen der Konzerne - geförderten ungerechten Impfquoten auf der Welt.

„Vor allem Zeugnis ablegen“: Ärzte ohne Grenzen kämpft seit 50 Jahren für faire medizinische Versorgung.

Übrigens: Laut Hilfswerken werden bei aktueller Impfstoff-Verteilung die G7-Länder bis kommenden März - selbst wenn alle Erwachsenen eine Booster-Impfung erhalten sollten - 1,4 Milliarden Coronavirus-Imfpdosen im Überschuss haben. In Afrika dagegen wird es an Weihnachten 2022 immer noch nicht genügend Impfungen für alle Erwachsenen geben. Ferner wies Oxfam zum Jahreswechsel auf eine Studie hin, nach der 78 Prozent der Menschen in Afrika - mehr als in mancher Industrienation - willig seien, eine Corona-Impfung zu erhalten. Noch mehr Befürworter dürfte die Bekämpfung eines anderen – nicht mehr zu leugnenden – Erregers haben. Eines Virus, der ein System, das eigentlich gesund machen soll, in schwere Krankheit gestürzt hat.

Rubriklistenbild: © Our World in Data/MSF

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