forscherin untersucht im labor
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Ein durch die Finanzkrise geschwächtes Team am CSIC-Institut sucht fieberhaft nach einem Impfstoff.

Coronavirus Impfung Spanien

Impfung gegen Covid-19: Spanien entwickelt drei eigene Impfstoffe

  • Marco Schicker
    vonMarco Schicker
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Spanien zieht aus dem EU-Desaster um die Beschaffung der Covid-Impfstoffe Konsequenzen und entwickelt, unter staatlicher Aufsicht, drei eigene Impfstoffe gegen das Coronavirus. Die Zulassung soll noch dieses Jahr erfolgen, die Vakzine sollen effizienter, anpassungsfähiger und vor allem stets verfügbar sein. 

Madrid - Unter den Fittichen des staatlichen Wissenschaftsrates Spaniens, CSIC, dem Consejo Superior de Investigaciones Científicas, der mehrere hoch angesehene Institute und Labore betreibt, entwickelt Spanien eigene Impfstoffe gegen das Coronavirus. Denn "Wir brauchen mehr und bessere Impfstoffe", auch wenn die erste Durchimpfung mit den verfügbaren Mitteln von Pfizer, Moderna und AstraZeneca erreicht ist, und: "wir wollen sie aus eigener, nationaler Produktion", heißt es aus dem CSIC. Die Forscherinnen des Zentrums für biologische Studien am CSIC, Mercedes Jiménez und Nuria Campillo, sind sich sicher, dass "wir über das wissenschaftliche Know How verfügen, um den technologischen Sprung zu schaffen, eigene Impfstoffe zu entwickeln und ihre nationale Produktion voranzutreiben, um nicht von ausländischen Multis abhängig zu sein", erklären sie in "El País".

Impfstoffe aus Spanien: Nicht nur Covid-19 in Schach halten, sondern das Coronavirus vernichten

Drei Projekte in "vorklinischer" Phase laufen in Spanien derzeit und dafür sind mehrere kluge Köpfe aus der Pensionierung in ihre früheren Labore zurückgekehrt. Labore übrigens, die nach der Finanzkrise im Rausch einer völlig verfehlten Sparpolitik teilweise fast zu Tode geschrumpft wurden. Alle drei spanischen Vakzin-Projekte eint, dass sie nicht nur versuchen sollen, die Symptome der Covid-19-Erkrankung zu lindern und so schwere Verläufe und Todesfälle einzudämmen, sondern sie sollen "die Übertragung des Virus durch geimpfte Personen unterbinden". "Sterilisierende Vakzine" nennen die Forscher das. "Wie es aussieht, können einige der Projekte noch dieses Jahr in die Produktionsphase", zeigt sich das CSIC optimistisch und sogar das spanische Gesundheitsministerium publizierte bereits erste Aussichten auf einen nationalen, spanischen Impfstoff.

Der spanische Wissenschaftsminister Pedro Duque (links) und CSIC-Forschungsleiter Esteban

Der erste Ansatz der Forscher ist "die Schaffung einer unbewaffneten Coronavirus-Kopie", die das Immunsystem anregt, dem tatsächlichen Virus die Zähne zu ziehen, mit denen er die Zellen befallen und sich vervielfachen kann. "Der Virus kommt in den Körper, kommt aber nicht mehr raus", ist also nicht mehr ansteckend. Und der Körper sorgt zudem dafür, dass er keinen Schaden anrichtet. Dazu wird unter anderem ein Impf-Spray getestet, weil die Forscher jene Antikörper zuerst aktivieren wollen, die "direkt in den Atemwegen gebildet werden", - die erste Verteidigungslinie sozusagen. Außerdem können die Forscher aufgrund der Entwicklung bei ihren Präparaten bereits auf die bekannten Varianten des Virus reagieren.

Impfstoffe aus Spanien: Synthetische DNA als Königsweg - effizienter und anpassungsfähiger?

Ein zweites Projekt, am Centro Nacional de Biotecnología (CNB), das auch dem CSIC untersteht, arbeitet an der Adaption des Vaccinia-Virus, das der Schlüssel für die Ausrottung der Pocken in dern 1970-er Jahren war. Mariano Esteban und Juan García Arriaza vom CNB erläutern, dass sie einen geschwächtem Stamm des Virus mit der DNA des S-Proteins des Coronavirus manipuliert haben, was zwei Vorteile bringen soll: "leichterer Zugang in die Zellen und dadurch eine höhere Stabilität" als die ARN-Impfstoffe (wie Pfizer), die der Zelle praktisch nur Montageanleitungen für die Abwehr liefern, nicht aber das Baumaterial selbst oder zumindest ein maßstabsgerechtes Modell. Das CNB konnte eine 100-prozentige Wirksamkeit ihrer Formel bei Mäusen nachweisen und "noch im Frühjahr wollen wir mit den ersten Studien an Menschen beginnen". Dabei geht man davon aus, dass eine einmalige Impfdosis genügt.

Auch das dritte Projekt arbeitet mit manipulierten Zellen, einem "synthetischen DNA-Strang als Einfallsgen für die Protein-Informationen des SARS-CoV-2". Die Idee ist auch hier, die Proteine des Virus im Körper entstehen zu lassen, ohne dass sie Schaden anrichten können, sondern nur dafür, dass die Immunabwehr sie als Fremdkörper registriert und bekämpft. Kommt dann das richtige, gefährliche Virus, ist der Körper vorbereitet und wird nicht überrascht. Bei den Impfstoffen aus synthetsicher DNA kämen als große Vorteile neben der maximalen Effizienz noch hinzu, dass sie nicht ultratiergefroren gelagert werden müssen - und, dass man, laut den drei führenden Forscherinnen Mercedes Jiménez, Nuria Campillo und Matilde Cañelles, "die Formel leicht auf Varianten anpassen kann", das ginge "sogar innerhalb eines Monats".

Von Pfizer bis Sputnik: Impfstoffe - Kleiner Pieks und große Politik, Spanien sucht eigene Wege

Die Covid-19-Impfstoffe von BioNTech Pifzer, Moderna und das medial geprügelte Oxford/AstraZeneca sind derzeit die gängigen in Europa und so auch in Spanien. Mitte April kommt die erste Lieferung des Single-Shot-Vakzins von Janssen (Johnson & Johnson) hinzu. In der internationalen "Pipeline" warten derzeit das deutsche Curevac und das US-Vakzin Novavax. Ungarn impft bereits auch mit dem russischen "Sputnik V"-Impfstoff, obwohl die EMA, die EU-Medikamentenagentur das noch gar nicht zugelassen hat. Dahinter steht propagandistisches Kalkül. Auch in Söders Bayern und in Spanien gab es, von der Madrider Landeschefin und "Querdenkerin" Isabel Díaz Ayuso Überlegungen, Sputnik zu beschaffen, vor allem, weil ein PP-naher Geschäftsmann damit einen exklusiven Reibach machen wollte und das Ausscheren Ayuos Natur ist. Das chinesische Präparat Sinovac beäugt man aus golbalstrategischen Überlegungen in Europa noch skeptischer, zumal dessen Wirksamkeit als relativ niedrig eingestuft wird.

Lehre aus EU-Versagen und Egoismus der Global Player: Spanien denkt über Nationalisierung der Impfstoffe nach

Luis Enjuanes kam extra aus der Pensionierung zurück ans Institut des CSIC, um bei der Entwicklung eines spanischen Covid-Impfstoffes mitzuwirken.

Die bisher verfügbaren Impfstoffe haben zwei eklatante Schwächen aufzuweisen, einen medizinischen und einen strategischen: Zum Einen sind sie - bei unterschiedlicher Wirkweise und Wirksamkeit - darauf ausgelegt, in erster Linie schwere Verläufe und Todesfälle zu Covid-19 zu verhindern bzw. signifikant zu reduzieren. Sie schaffen das, nach bisherigem Kenntnisstand bei zwischen 74 und 96 Prozent der Geimpften. Die Virulenz, also Übertragungsfähigkeit des Coronavirus von Geimpften auf andere zu verhindern, ist ein gewünschter, aber bis dato nur zweitraniger Effekt, der noch zu wenig erforscht ist und dessen Erhebung in der Praxis so lange fast unmöglich ist, so lange die Durchimpfung so gering ist.

Das zweite Problem ist das wirtschaftliche Gebahren der Global Player, also die Beschaffungsgarantie. Wie erlebt, hat sich die EU über den Tisch ziehen lassen, so dass ein großer Teil der ersten Produktionschargen nach Großbritannien, in die USA, nach Israel und an andere gute Zahler im Nahen Osten abwanderten und zu einer Verzögerung der Impfkampagne führten. Das ist auch deshalb skandalös, weil die EU den Impfherstellern und 7,5 Milliarden Euro für die Beschleunigung der Forschungs- und Produktionsprozesse überwies, aber dann weder Zugriff auf die Formeln, also Patente, noch auf die produzierten Mengen durchsetzte. Erst Drohgebärden und zeitaufwendige Nachverhandlungen brachten die Hersteller halbwegs zur Räson.

Einen strategisch so wichtigen Bereich wie die Pharmazie und speziell den Bereich der Immunologie in nationale Hände zu nehmen, so weit denkt keine der neoliberal ausgerichteten Regierungen Europas, unabhängig ob konservativ oder sozialdemokratisch geleitet. Da eine Pandemie vom Schlage des Coronavirus, die in der Lage ist, unsere gesamten Gesellschaftsstrukturen zu erschüttern, aber aller Voraussicht nach kein singuläres Ereignis bleibt, sind solche Überlegungen weder "kommunistisch", noch "marktfeindlich", sondern schlicht vernünftig. Spaniens Entwicklung eigener Impfstoffe in staatlichen Laboren könnte sich in der Zukunft also auch für ganz Europa noch als weiser Schritt herausstellen.

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