Madrids Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso am Rednerpult.
+
Die Präsidentin der Region Madrid, Isabel Díaz Ayuso, will ein Kindergeld einführen.

Isabel Díaz Ayuso will Kindergeld einführen

Kindergeld in Spanien: Madrid lockt junge Mütter auf die konservative Seite

  • Stephan Kippes
    VonStephan Kippes
    schließen

Madrids neue Regionalpräsidentin Isabel Ayuso sorgt mit einem Vorstoß für Aufsehen: Ab 2022 sollen Mütter unter 30 Jahren Kindergeld bekommen.

Madrid – Madrids frisch wiedergewählte Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso will mit einem verlockenden Angebot junge Familien auf die Seite der Volkspartei ziehen. Die 42-Jährige will in der Region Madrid Kindergeld einführen, das jungen Müttern unter 30 Jahren bei der Erziehung in den ersten beiden Jahren helfen soll. 500 Euro pro Monat und Kind vom fünften Schwangerschaftsmonat an bis zum zweiten Lebensjahr zahlt die Region Madrid ab 2022. Das Geld geht an Frauen, die seit mindestens zehn Jahren in Madrid wohnen und weniger als 30.000 Euro im Jahr verdienen.

Region Madrid will Kindergeld einführen: Konservativer Vorstoß in Sozialpolitik

Diese Subvention kostet die Region etwa 250 Millionen Euro und steht im Kontrast zu den gewohnten neoliberalen Steuererleichterungen, mit denen die energische PP-Politikern Ayuso ihre sozialistischen Kollegen in den Regionen bisweilen vor die Köpfe stößt. „Wir werden das Problem der Geburtenrate entschieden angehen“, gab Ayuso den Landtagsabgeordneten zu verstehen.

Vom Kindergeld könnten bis zu 14.000 junge Frauen in der Region Madrid profitieren, mit bis zu 14.500 Euro pro Kind. Viel Geld in Spanien. Trotzdem, weit über 70 Prozent aller Mütter in Madrid würden von dieser Hilfe keinen Cent sehen, denn in der Hauptstadtregion bekommen aus statistischer Sicht Frauen mit knapp 33 Jahren ihr erstes und mit knapp 35 Jahren ihr zweites Kind.

Kindergeld in Spanien: Von Zapateros Baby-Scheck zu regionalen Willkommensgeschenken

Isabel Díaz Ayuso kann es sich auch nicht auf die Fahnen schreiben, die Förderung der Geburten und des Nachwuchses in Spanien angestoßen zu haben. Der sozialistische Regierungspräsident José Luis Rodríguez führte Ende 2007 den cheque bebé ein. Jede Frau, die ab 1. Juli jenes Jahres ein Kind zur Welt brachte oder adoptierte, bekam damals einmalig 2.500 Euro, unabhängig von Alter oder Staatszugehörigkeit. Die einzige Voraussetzung: Die Mutter musste mindestens seit zwei Jahren in Spanien leben. Unbürokratischer lässt sich eine staatliche Hilfe kaum regeln. Was gut ist, währt in der spanischen Politik leider nicht immer lange. Nach drei Jahren fiel Zapateros Baby-Geld der Sparpolitik zum Opfer, mit dem Spanien die Wirtschafts- und Finanzkrise überwinden wollte.

Seitdem gibt es in Spanien eigentlich gar kein Kindergeld mehr. In Deutschland bekommt eine Mutter über 215 Euro pro Kind und Monat, in Spanien mancherorts nicht einmal einen Schnuller. Dabei kostet Verbraucherschutzverbänden zufolge ein Baby die Familie in seinem ersten Lebensjahr 7.700 Euro. Die hohen Kosten und vor allem aber die Unsicherheit am Arbeitsmarkt führen auch dazu, dass viele Paare ihre Kinderträume immer wieder auf die lange Bank schieben.

Kindergeld in Spanien: In manchen Regionen gibt es nicht einmal einen Schnuller

Dabei steht es mit der demografischen Entwicklung in Spanien wirklich nicht zum Besten. So wenig Kinder wie vergangenes Jahr kamen seit dem Bürgerkrieg nicht mehr auf die Welt, so viele Menschen wie 2020 haben sie seitdem auch nicht mehr verlassen. Laut dem Nationalen Institut für Statistik brachte das 47 Millionen spanische Volk nur 339.206 Kinder zur Welt, fast sechs Prozent weniger als 2019. Gleichzeitig verstarben 492.930 Menschen in Spanien, fast 18 Prozent mehr als 2019. Ein so hohes Defizit von 153.724 was die Differenz zwischen Geburten und Todesfälle anbelangt, taucht in spanischen Statistiken bisher nur 2020 auf, es ist um ein Dreifaches höher als 2019. In Spanien sterben seit 2015 mehr Menschen als geboren werden.

Die Politik unternimmt bisher recht wenig, um Anreize für Familiengründungen zu schaffen, Staat und Regionen bieten einige Steuererleichterungen, sicherlich, es gibt Zuschüsse für Betreuungseinrichtungen oder die Schulmensa und Hilfen für Großfamilien mit drei Kindern und mehr. Die Region Galicien unterstützt junge Familien mit jährlich 1.200 Euro drei Jahre lang, auch im Baskenland winkt Familien ein bescheidenes Geld fürs erste Kind, dann drei Zuschüsse fürs zweite. Jede Region regelt die Nachwuchsförderung anders oder, wie Andalusien, gar nicht.

Mit einem großzügigen Kindergeld sticht jetzt Madrid mit Ayusos Vorstoß heraus. Allerdings fehlt es nicht an Soziologen, die andere Gründe in Bereichen Wirtschaft, Gesundheitswesen, Bildung und Arbeit anführen, die einer Familiengründung in der Hauptstadtregion im Wege stehen, und die mit dem Kindergeld nicht aus der Welt geschaffen werden. Die Lebenshaltungskosten liegen in der Region so hoch wie in keiner anderen, nirgendwo sonst zahlt man vergleichbar hohe Mietkosten. Acht Prozent der Bevölkerung können die Wohnung nicht adäquat klimatisieren, weder im Winter noch im Sommer.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare