Fleischtheke im Supermarkt in Spanien.
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Darf‘s ein bisschen mehr sein? Zumindest nicht weniger, meint Spaniens Regierung - bis auf ein Minister.

Fleischkonsum in Spanien

Spanien: Minister kritisiert Massentierhaltung und löst „Aufstand der Fleischfresser“ aus

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Spaniens Konsumminister will die Massentierhaltung mit ihrem negativen Einfluss auf Gesundheit, Umwelt und Tierwohl eindämmen und ruft zu weniger Fleischkonsum auf. Für die Lobby und die Rechte ist das ein Frontalangriff auf Spaniens Kultur. Selbst die eigene Regierung sticht dem Minister das Fleischermesser in den Rücken.

Madrid - Spaniens Minister für Konsum, Alberto Garzón, hat es schon wieder getan. In einem Interview mit der britischen Zeitung "The Guardian" Ende Dezember wiederholte er, dass Spanien den negativen Einfluss der industriellen Massentierhaltung auf die Umwelt anerkennen und entsprechend gegensteuern müsse, auch über das Konsumverhalten. Bereits im Sommer 2021 rief Spaniens Konsumminister in einer Kampagne "Weniger Fleisch, mehr Leben" die Spanier zum Konsum von weniger Fleisch auf, der eigenen Gesundheit und der Umwelt zuliebe. Und damals wie heute blasen Fleischlobby und die rechten Oppositionsparteien mit einem Furor zum Gegenangriff und zur Verteidigung der Branche, als stünden die Mauren wieder vor Toledo.

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Doch selbst die eigene Regierung fällt seinem Minister von der Vereinigten Linken/Podemos in den Rücken. Im Sommer fühlte sich Regierungschef Pedro Sánchez vor laufenden Kameras sogar dazu genötigt, zu sagen, dass "ein auf den Punkt gebratenes Steak schwer zu schlagen" für ihn sei und ließ die Kampagne einstampfen. Diesmal distanzierte sich Regierungsprecherin Isabel Rodríguez und lobte die "hohe Qualität" der spanischen Fleischprouktion über den grünen Futterklee, über Missstände in der Branche verlor sie kein Wort. Die spanische Regierung hatte erst zum Jahreswechsel ein Gesetz in Kraft gesetzt, dass Haustiere als "fühlende Wesen" von Dingen zu Lebewesen, sogar zu Familienmitgliedern mit Schutzrechten macht, doch an der Fleischtheke hört auch für die Sozialisten noch die Tierliebe auf.

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Dass die Aussagen Garzóns sachlich richtig und unwiderlegbar sind und auf Entwicklungen abzielen, die nicht nur Umweltschäden, Tierwohl und gesundheitliche Folgen der Exzesse für den Menschen im Auge haben, sondern den spanischen Produzenten in der Zukunft sogar einen Wettbewerbsvorteil verschaffen könnten, zählt in der sofort emotionalisierten Debatte nicht. Die tonangebende Industrie, Bauernverbände wie die notorische Asaja und die politische Rechte spielen die Karte des Kulturkampfes gegen die kulinarische Cancel-Culture des "Kommunisten", bezichtigen ihn der Nestbeschmutzung in einem ausländischen Medium und seine eigenen Koalitionspartner von der PSOE fürchten um ein Absinken in der Wählergunst, da viele Konsumenten/Wähler für die simplifizierten, wenn auch entstellten Gegenargumente genauso empfänglich sein könnten, wie für die Verlockungen des Billigfleisches in den Supermärkten.

Emotionen statt Argumente: Spaniens Minister lobt nachhaltige Fleischerzeugung, warnt vor Schäden für Tourismus durch Umweltzerstörung

Was hat Garzón, der sich diesmal wehrt: "meine Aussagen sind astrein richtig", eigentlich gesagt und gewollt? Will er den Spaniern wirklich den Ibérico-Schinken vom bocadillo klauen, die berühmten galicischen Chuletones verbieten oder die spanischen Chorizos nur noch aus Tofu gestatten? Nein, will er nicht. Aber allein das Wort "weniger" in einem Satz mit "Fleisch" genügt, um in Spaniens ohnehin durch "Genderwahn" unterdrückter, alter, weißer Männerwelt den Panikmodus auszulösen. Frauen soll man nicht mehr züchtigen, Schwule dürfen heiraten, Haustiere bekommen den Status von Familienmitgliedern, bald verbieten sie Verbrennungsmotoren und jetzt sollen wir auch noch weniger Fleisch essen? Irgendwann ist mal Schluss. Während viele Medien offen Lobby-Interessen vertreten, schreiben andere sarkastisch vom "Aufstand der spanischen Fleischfresser".

Spaniens Minister Alberto Garzón, allein auf weiter Flur beim Thema Massentierhaltung.

Garzón beklagt im "Guardian", dass die Debatte über Tierwohl "in Spanien lange ein Tabu" gewesen sei, "die Menschen verbanden die Effekte klimaschädlicher Gase vor allem mit Autos und dem Verkehr, nicht aber mit der Massenhaltung von Rindern und Schweinen". Andere Länder seien da weiter, wiewohl klar ist, dass Spanien vom Klimawandel besonders betroffen sein wird. "Das Spanien, das wir kennen und lieben, läuft Gefahr für immer zu verschwinden". Und Touristen würden schließlich auch nicht in eine Wüste in den Urlaub fahren wollen. Das Problem betreffe also die Zukunft des ganzen Landes und vieler Branchen.

Massentierhaltung in Spanien "vergiftet die Erde, das Wasser und misshandelt Tiere", höchster Fleischkonsum in Europa

Minister Garzón differenzierte in seinen Aussagen sehr deutlich und lobte ausdrücklich die "nachhaltige, traditionelle, extensive Viehzucht, wie sie in Asturien, Andalusien, Extremadura oder Kastilien" umgesetzt werde und die entsprechende Qualität erzeuge, während "die Mega-Farmen, bei denen vor allem in bevölkerungsarmen Landstrichen 4.000, 5.000 oder sogar 10.000 Rinder auf engem Raum zusammengepfercht und schnell aufgezogen werden, die Erde vergiftet, das Wasser verdirbt und dann dieses minderwertige Fleisch von misshandelten Tieren exportiert".

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So kommt es, rechnet Garzón vor, dass die "größten 20 Zuchtbetriebe (Europas) für mehr Treibhausgase verantwortlich sind als ganze Länder wie Deutschland, Großbritannien oder Frankreich". Die intensive Viehzucht in Spanien sei allein für rund 15 Prozent der Treibhausgase zuständig. "Die Spanier essen mehr Fleisch als jeder andere Europäer, der Durchschnittsspanier verzehrt pro Woche über ein Kilogramm Fleisch, während die Empfehlung bei 200 bis 500 Gramm liegt. Pro Jahr werden 70 Millionen Tiere geschlachtet und zu 7,6 Millionen Tonnen Fleisch verarbeitet".

Aufruf zu "weniger Fleischkonsum" in Spanien "Angriff auf die Männlichkeit"

Die heftigen Reaktionen auf seine Argumente überraschten ihn nicht, er wusste, dass selbst in der eigenen Koalition und sogar in der eigenen Partei das Thema weitgehend tabu war, "Es war das erste Mal in Spanien, dass jemand aus der Regierung sagt, was Wissenschaftler schon seit langem sagen. Andere Länder sind da schon viel weiter", so der Minister, der weiter Öl ins Barbecue goss, in dem er anmerkte, dass sich "mancher bei uns wohl in seiner Männlichkeit angegriffen sieht, während Frauen viel offener für meine Botschaft" seien. "Die gesellschaftliche Debatte darüber ist bei uns überfällig".

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Garzóns konsumpädagogische Versuche machten ihn nicht nur im Lebensmittelsektor zu einem beliebten Feindbild. Er legte den endemischen Wettbüros engere Zügel an, ließ auf Kinder abzielende Werbung für Zucker-, Fettbomben und andere ungesunde Lebensmittel verbieten, kampagnisiert gegen Gendersterotype in der Spielzeugwelt und musste sich daher von Anfang an Vorwürfe gefallen lassen, er würde sich unzulässig in die Lebenswelt und Freiheit der Menschen einmischen.

Regierungssprecherin Isabel Rodríguez, die auch Ministerin für Territorialpolitik ist und so die Problematik der monolithischen Mega-Farmen eigentlich kennen müsste, die ganze Orte und Landstriche in ökologischer und ökonomischer Geiselhaft halten, spielte Garzóns Äußerungen als "persönliche Meinung" des Ministers herunter und gab damit zu verstehen, dass die Industrie der Massentierhaltung auch von ihrer "Regierung des Fortschritts" wenig Probleme fürchten muss. Mehr noch, "der Sektor der Viehzucht mit seiner hohen Qualität hat für uns Priorität", legte sie in TV und Radio nach. Auf die Frage, ob Garzón "zurücktreten sollte", antwortete sie: "Das müssen sie ihn fragen".

Spaniens "Regierung des Fortschritts" rührt Massentierhaltung nicht an

Da ist es nicht mehr weit, ihm das Fleischermesser direkt in den Rücken zu rammen, gut möglich, dass Regierungschef Sánchez ihn bald auf der Schlachtbank des Opportunismus opfert. Die PP provoziert, "Sánchez ist es doch egal, ob einer seiner Minister im Ausland schlecht über Spanien spricht", giftete Volkspartei-Chef Pablo Casado aus seiner Corona-Quarantäne. Jener Casado, der Spanien regelmäßig in Brüssel anschwärzt, um die Auszahlung von EU-Hilfsgeldern zu bremsen, damit Sánchez schlecht dasteht. PP-nahe Medien kramten sogar die Menükarte von Garzóns Hochzeit aus den Archiven und rieben ihm das "solomillo", das Rinderfilet, darauf genüsslich unter die Nase.

„Nein zur Massentierhaltung“. Greenpeace-Protest gegen die macrogranjas in Spanien.

Neben lokalen und regionalen PSOE-Baronen, vor allem in Kastilien und León, das im Februar eine Landtagswahl vor sich hat, mischte sich auch die PSOE-Bildungsministerin Pilar Alegría in die Debatte ein, "Spanien ist ein großer Qualitätsproduzent von Fleisch, wo extensive und intensive Modelle koexistieren, beide bringen Arbeit und Wohlstand für unsere Dörfer... Nichts von dem, was der Minister sagte, spiegelt auch nur eine Position der Regierung wider." Dabei scheint die spanische Gesellschaft, vor allem die jüngere schon deutlich weiter. Auf Twitter wurden Fotos von fetten Steaks, die unter anderem von PP-Politikern gepostet wurden, Ziel von regelrechten Spott-Wellen, die Sánchez daran erinnern könnten, dass der von ihm allerorten propagierte Fortschritt nicht an der Fleischtheke aufhören muss.

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