Krankenhaus mit Covid-Abteilung in Spanien.
+
Spanien ist bei Corona gewarnt und achtsam, hat die Lage im Moment aber europaweit mit am besten im Griff.

Covid-19-Lage

Kein 3G und 2G in Spanien: Höchste Impfquote, wenigste Corona-Fälle in Europa - Solidarität als beste Medizin

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
    schließen

Medien in aller Welt und selbst die WHO bekommen sich derzeit gar nicht mehr ein vor Lobeshymnen auf den erfolgreichsten Covid-19-Killer Europas: Spanien. Höchste Impfquote, wenigste Fälle, fast keine Restriktionen. 3G, 2G? Kennen die Spanien gar nicht. Noch nicht. Hinter dem Teilerfolg gegen Corona steckt kein großes Geheimnis, aber eine Tugend. Spanien geht so mit aufmerksamer Gelassenheit in den zweiten Corona-Winter.

Madrid – Die Lobeshymnen gehen der Regierung Sánchez runter wie warmes Olivenöl extra virgen. Die melodischsten stammen vom Europa-Direktor der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, Hans Kluge, bei seinem Besuch in Spanien dieser Tage: „In Spanien vertrauen die Menschen in den Impfstoff, in die gesundheitliche Erstversorgung und deren Stärke“, sagte der Belgier Kluge und gratulierte der Regierung Sánchez zu ihrem „Erfolg“ bei der Impfkampagne in Spanien, „weit über dem europäischen Schnitt“. Das Land sei in seinem Covid-Management mittlerweile „ein Vorbild für alle“, die WHO werde Spaniens Erfolge „und die Führungsstärke von Regierungschef Sánchez“ in alle Welt tragen, auch wenn, natürlich „das Virus nach wie vor nicht als besiegt gelten darf“, mahnte Kluge pflichtgemäß.

In Spanien sind fast 90 Prozent der Zielgruppe geimpft, die Krankenhäuser fast leer: Die Frage nach 3G oder 2G stellt sich deshalb gar nicht

Spanien meldet für Mittwoch, 10. November, eine 14-Tages-Inzidenz von 63 Corona-Fällen auf 100.000 Einwohner, der 7-Tage-Wert liegt bei 35, deutet also eine weitere leichte Steigerung für die kommenden Tage an. Werte, um die Spanien der Rest Europas beneidet. Zum Vergleich: Die 14-Tage-Inzidenz in Deutschland liegt per 10. November bei 407, in Tschechien bei 882, in Österreich 1.030.

In Spanien mit 47,4 Millionen Einwohnern lagen am Mittwoch genau 400 Patienten wegen Covid-19 auf einer Intensivstation. Genauso viele wie in Österreich mit knapp neun Millionen Einwohnern. 74 Menschen starben binnen der letzten sieben Tage in Spanien wegen Covid-19. Die Krankenbetten sind lediglich noch zu 1,5 Prozent mit Corona-Patienten ausgelastet, in den Intensivstationen sind es 4,4 Prozent, am stärksten belastet sind Katalonien mit 7,7 und La Rioja mit 16 Prozent.

Die Impfquote in Österreich ab zwölf Jahre ist 62, in Spanien fast 90 Prozent. In Österreich wie in Deutschland, gelten 3G-, mitunter sogar 2G-Regeln für Gastronomie, Kulturbetrieb und „körpernahe Dienstleistungen“, und immer öfter auch am Arbeitsplatz. Das Ungeheuer „Winter-Lockdown“ geistert schon wieder durch die Medien.

Spaniens Gesundheitsministerin Carolina Darias kann im Unterschied zu ihren EU-Amtskollegen meist gute Nachrichten verkünden.

In Spanien wissen die meisten nicht einmal, was 3G und 2G überhaupt bedeuten. Einen Impfpass, Test oder Genesungsnachweis muss man hier nur bei der Einreise vorlegen, im normalen Leben, in dem alles geöffnet und voll besetzbar ist, spielt das keine Rolle. In Spanien gibt es fast keine Covid-Restriktionen mehr. Warum auch, wenn 90 Prozent geimpft sind und damit die Gefährdung für einen schweren Verlauf soweit minimiert ist, wie es der Stand der Wissenschaft heute ermöglicht?

Solidarität als Tugend: Warum die Impfquote in Spanien so hoch ist

Die einzige Corona-Regel, die uns in Spanien im täglichen Leben begleitet – und ja, sie nervt –, ist die Maske, die auch draußen Pflicht ist, wenn der Mindestabstand nicht zu gewährleisten ist. Die meisten halten sich nicht nur dran, viele tragen die Maske lieber einmal mehr und auch noch um die nächste Ecke und sie sitzt in Spanien fast immer auch über der Nase, während sie, sobald man sich teutonischen Hoheitsgebieten nähert, fast generell auf halb acht rutscht, wenn sie überhaupt getragen wird. Selbst in Innenräumen verweigern sie viele und brüsten sich damit, zum Beispiel, im MDR-Fernsehen, oft auf sächsisch und in 1989er Heldenpose.

Die Impfquote in Deutschland liegt bei 67 Prozent, läge sie wie in Spanien bei 90, gäbe es kein 3G oder 2G, also auch keine Gründe zu Meckern. Aber vielleicht ist es genau das, was die „Opfer“ der „Spaltung“ der Gesellschaft ja wollen. Die Spanier - man sollte den Lärm in den "Sozialen" Medien nicht mit dem realen Leben verwechseln - sind das Problem der Pandemie nach den schrecklichen Erfahrungen und Tragödien aus Überforderung, Versagen und Leichtsinn sehr pragmatisch und vor allem konsequent angegangen und vertrauten der Wissenschaft, was sich neben guten Zahlen und weniger Bedrohung durch dieses Virus vor allem in einem Ergebnis widerspiegelt: Weitestgehende Normalität bei geringstmöglichem Risiko.

Was Durchbruchsinfektionen mit Winterreifen zu tun haben

Das Rezept dahinter trägt eine einfache, aber mächtige Aufschrift: Solidarische Gesellschaft. Die entsteht, wenn der „Stärkere“, in dem Falle also der Gesunde, kleine Unbequemlichkeiten auf sich nimmt (also zwei bis drei Piekse), um die Schwächeren zu schützen. Wer aus diesem Konzept, noch dazu mit wissenschaftlich unhaltbaren Thesen, ausschert, der spaltet, nicht, wer Solidarität einfordert. Spanien kann es sich aufgrund der Durchimpfung leisten, die paar Ungeimpften mitzuschützen, sie mitzuschleppen und muss sie daher auch nicht "diskriminieren". Das entspannt am Ende alle.

Auch Spanien setzt auf Booster und wartet auf U12-Impfung

Doch auch in Spanien ist noch nicht alles Sonnenschein hinsichtlich Corona. Das Land weiß um seine strukturellen Schwächen im Gesundheitswesen, Ergebnis von Spar- und Privaitisierungswahn unterschiedlicher Epochen und mangelnder Vorausschau. Auch die Infektionszahlen in der jüngeren, wenig oder gar nicht geimpften Bevölkerung machen ein wenig Sorgen, auch die wachsende Zahl von „Durchbruchsinfektionen“ bei Geimpften, vor allem im Umfeld der Altersgruppen, die auch mit Impfung noch als „gefährdet“ für schwere Verläufe zu betrachten sind, also alte Menschen, nehmen zu und der Winter, der laut WHO-Kluge „in Europa 500.000 zusätzliche Covid-Tote“ bringen könnte, wird auch in Spanien Opfer fordern, die es ohne Corona nicht oder nicht so bald geben würde. Mit den Booster-Shots, die für immer breitere Altersschichten freigegeben wird und mit der Hoffnung auf eine baldige Zulassung der U12-Impfungen, wird Spanien auch diesem Problem erfolgreich begegnen.

Dass immer mehr Geimpfte unter den stationär Behandelten zu finden sind, ist logisch, wenn fast alle geimpft sind, doch in Summe sind es eben weniger als früher, wegen der Impfung und vor allem weniger schwere Fälle, diese haben die Ungeimpften zu 80 Prozent gepachtet. „Wenn 99 Prozent der Autounfälle im Winter auf deutschen Straßen mit Winterreifen stattfinden, dann hat es auch keinen Sinn, welche aufzuziehen“, zieht ein Meme im Internet die infantile Logik der Leugner und Relativierer - und die gibt es natürlich auch in Spanien - dorthin, wo sie hingehört: ins Lächerliche.

Coronavirus Spanien, das navarresische Paradoxon: Hohe Infektionszahlen, kaum Kranke

Regionale Unterschiede in Spanien geben zudem Rätsel auf. Während in Spanien die Inzidenz um die 60 kurvt (Andalusien 38, Murcia 53, Valencia 70), liegt sie in Navarra oder im Baskenland diese Woche deutlich über 100, eigentlich eher ländliche Gebiete. Im Vergleich mit der neuen Welle im Rest Europas immer noch marginal. Die Navarreser Landesregierung weiß auch nicht recht, warum Navarra seit Beginn der Pandemie stets mit hohen Infektionszahlen gebeutelt war, verweist aber darauf, dass nur ein Prozent der Intensivbetten der Region mit Covid-Patienten belegt seien, obwohl man pro Einwohner auch nicht über mehr Betten verfüge als zum Beispiel Katalonien, wo die Belegung achtfach höher ist.

Auch hier, so die Landesregierung Navarra, spielt die Impfquote eine entscheidende Rolle, wie auch die hohe Zahl von Bürgern, die die Krankheit über- und durchlebt haben. Von Herden-“Immunität“ kann auch Navarra nicht sprechen, weil die Impfung nicht immunisiert, wohl aber von Herden-“Widerstandsfähigkeit“, auch als Resilienz bekannt.

Spanien als Vorbild für die Welt: Arme Länder nicht vergessen

Herr Kluge von der WHO und Spaniens Gesundheitsministerin Carolina Darias nutzten ihren Medienauftritt aber nicht nur für Mahnungen und Schulterklopfen, sondern für einen Appell, der an Aktualität und Brisanz nicht verloren hat: Die „Dritte Welt“ bei der Impfung nicht zu vergessen. Spanien habe derzeit 20 Millionen Impfgaben gespendet, 50 Millionen sollen es bis Ende des Jahres werden.

Die katastrophale Impfquote in den armen Ländern schnell zu erhöhen, sei schließlich auch im eigenen Interesse Europas und Spaniens. Man hat hier keine Lust auf neue, unkalkulierbare Virus-Varianten, die vor allem dort entstehen, wo sich das Virus frei entfalten kann. Doch aus Madrid kommt zur gleichen Zeit die Meldung, dass die regionale Gesundheitsverwaltung gerade 100.000 Impfdosen wegwerfen musste, weil sie in den Kühlhäusern vergammelten. Solidarität hat also auch in Spanien ihre Grenzen, und zwar an der Stelle, wo die Pandemie politisiert wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare