Eine Frau sitzt am Schreibtisch vor dem Computer und hält sich die Hände vors Gesicht.
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Viele Menschen leiden in der Coronavirus-Krise unter Antriebslosigkeit.

Zu wenig Psychologen im Gesundheitswesen

Reif für den Psychologen: Spanien bietet keine Hilfe bei Angst und Depressionen

  • Stephan Kippes
    vonStephan Kippes
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Wahlkampf, Corona und vielen andere Probleme beschäftigen Spanien - das stille Leid Tausender bemerkt niemand. Ein Politiker fordert Hilfe und wird ausgelacht.

Madrid - Wer es hat, der zahlt, wer nicht, der muss die Zähne zusammenbeißen. Diese Einstellung bezüglich mentaler Probleme und psychologischer Hilfe scheint in Spanien weit verbreitet zu sein. Der Abgeordnete von Más País, Iñigo Errejón, schlug vor einigen Tagen den sich immer mehr in Misstrauensanträgen, Wahlkämpfen und billigen Floskeln verstrickenden Parlamentariern vor, doch zur Abwechslung mal “Politik für das Volk” zu machen und die psychologische Betreuung im öffentlichen Gesundheitswesen zu verdoppeln. Der frühere Podemos-Abgeordnete konnte nicht einmal seine Argumente ausführen, da rief ihm ein Kollege schon aus den hinteren rechten Reihen zu. “Geht doch zum Arzt!”

Psychologische Betreuung in Spanien: Wer das Geld hat, nimmt private Hilfe in Anspruch

Genau da liegt das Problem. Kommt ein Parlamentsabgeordneter mit sich selbst nicht mehr zurecht, kann er zum Psychologen gehen und sich privat versorgen lassen, viele Spanier haben kaum die 50 Euro übrig, die häufig die erste Sitzung kostet. Wie Errejón ausführte, leiden sechs von zehn Spaniern unter Symptomen, die Depressionen oder Angstzuständen zugeordnet werden. Statistisch gesehen, nehmen sich jeden Tag zehn Spanier das Leben – diese Daten beruhen auf Erhebungen des öffentlichen Meinungsforschungsinstituts CIS.

All diesen vielen und vielschichtigen Problemen stellen sich im öffentlichen Gesundheitswesen in Spanien viel zu wenig Psychologen, auf 100.000 Einwohner kommen gerademal sechs – was etwa einem Drittel des EU-Schnitts entspricht. Wer psychologische Hilfe benötigt und das Geld dafür nicht hat, kommt möglicherweise nicht viel weiter als zur nächsten Apotheke.

Psychologische Betreuung in Spanien: Beruhigungsmittel werden immer verbreiteter

“Wenn ich Ihnen sage Diazepam, Valium oder Trankimazin – warum wissen wir dann alle, worüber wir reden? Würde ich Ihnen die Namen von Medikamenten zur Behandlung der Leber oder der Nieren nennen, hätten Sie keine Ahnung, wovon ich spreche. Wie kann es sein, dass wir es als normal hinnehmen, dass unsere Gesellschaft nur funktioniert, wenn wir permanent unter dem Einfluss von Medikamenten leben?”, fragte Errejón die Abgeordneten.

Nun deuten aber gerade die Wirtschaftskrise und auch Coronavirus-Pandemie daraufhin, dass in naher Zukunft die psychologischen Probleme eher zu- als abnehmen. Bereits im Jahr 2020 stieg der Verkauf von Medikamenten gegen Angstzustände, Depressionen und Schlafstörungen in Spanien um 4,8 Prozent gegenüber dem vorherigen, im Jahr 2019 betrug der Anstieg lediglich zwei Prozent.

Die mentale Gesundheit gilt gemeinhin als das schwächste Glied im ohnehin nicht stark aufgestellten Gesundheitswesen in Spanien. Gerademal fünf Prozent des zur Verfügung stehenden Etats wird nach Meinung von Experten in diesen Bereich investiert. Hinzu kommt, dass es dem Gesundheitswesen leichter fällt, die Behandlung konkreter, medizinischer Probleme anzupacken. Wer nicht genau weiß, worunter er leidet, muss sich auf einen langen Spießrutenlauf einstellen und wird oft von A nach B verwiesen, ohne ans Ziel zu gelangen. Experten fordern seit Jahren, dass jedes Gesundheitszentrum über einen Psychologen verfügen sollte.

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