Ausschreitungen in Spanien

Krawalle in Spanien: Verhaftung eines Rappers löst Demos und Gewalt in Barcelona, Madrid und Valencia aus

  • vonStephan Kippes
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  • Marco Schicker
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Die Verhaftung des Rappers Pablo Hasél hat in ganz Spanien Proteste ausgelöst, die vor allem in Madrid und Barcelona in Gewalt und Plünderungen umschlug. Soziale Wut suchte und fand ein Ventil, kriminelle Energie diskreditiert Ansinnen der Protestierenden.

Update, 22. Februar: Am Wochenende eskalierte die Gewalt in Barcelona erneut. Vor allem am Samstagabend kam es im Zentrum der katalanischen Hauptstadt sowohl zu einer weiteren friedlichen Demonstration von etwa 1.500 Personen an der Plaza Universitat gegen die Inhaftierung des Rappers Pablo Hasél, die als ideologisch einseitig und gegen die Meinungsfreiheit gerichtet, bewertet wird. Gruppen mehrerer hundert zumeist Jugendlicher, nahmen die Proteste erneut zum Anlass, die Polizei anzugreifen, Container anzuzünden, städtisches Mobiliar und Geschäfte vor allem auf dem Paseo de Gracia zu zerstören und zu plündern. Aus den Video-Übertragungen war ersichtlich, dass die Gruppen der Randalierer separat aufmarschierten und die Demo als Vehikel für die eigenen Ambitionen kaperten.

Plünderungen im Zentrum vom Barcelona am Samstag 20. Februar 2021.

Die Polizei in Barcelona spricht von knapp 50 Verhaftungen und mehreren Verletzten Beamten, Zahlen über andere verletzte Beteiligte wurden nicht veröffentlicht. Es gab erneut auch Vorwürfe unangemessener Gewalt von Seiten der Polizei, so sind Aufnahmen zu sehen, wo Mossos auf Personen einschlagen, die sichtbar nicht zu den gewalttätigen Gruppen gehörten oder auch auf Fahrzeuge eindroschen, die sich lediglich einen Weg durch das Szenario bahnen wollten. Geplündert wurden unter anderem ein Juwelier, Telekom- und Sportgeschäfte.In der Nacht zuvor wurde auch das Konzerthaus, Palau de la Música Catalana, angegriffen. Geldautomaten, aber auch Mopeds gingen in Flammen auf.

Manifestationen gab es auch in den katalanischen Städten Lleida, Mataró, Sabadell, Girona, Reus und Tarragona. In Madrid und Valencia ebbten die Demos am Wochenende ab, am Sonntag gab es auch in Barcelona nur noch einzelne Scharmützel zwischen kleineren Gruppen und der Polizei, die die Lage zunehmend effizienter in den Griff bekam.

Update, 19. Februar: Erneut kommt es am Abend des 18. Februar zu Zusammenstössen zwischen Polizei und radikalen Demonstranten am Rande der Proteste gegen die Verhaftung des Rappers Pablo Hasél und der Demonstrationen für Meinungsfreiheit in mehreren spanischen Städten. Die größten Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten trugen sich in Valencia und Barcelona zu, wobei in der dritten Nacht der Unruhen die Zahl der Demonstranten spürbar nachließ.

Nach Berichten der Zeitung „El País“ forderten am Dienstagabend noch 4.500 Menschen in Barcelona die Freiheit des inhaftierten Musikers Pablo Hasél, am Donnerstag schätzten die Einsatzkräfte die Zahl noch auf 500. Eier, Flaschen und Absperrungen flogen den Einsatzkräften auch in Sabadell entgegen und auch in Tarragona brannten Müllcontainer in den Straßen. Die Auseinandersetzungen sorgten auch für Spannungen in der spanischen Politik, da die linke Regierungspartei Podemos nach Meinung der konservativen Parteien nicht klar genug die gewalttätigen Ausschreitungen verurteilt und sich mit den Demonstrationen für Meinungsfreiheit solidarisiert. Madrids Ministerpräsidenten Isabel Ayuso brachte daraufhin empört einen Pflasterstein in den Landtag, der angeblich auf Polizisten geworfen wurde und forderte den Rücktritt von Vizeministerpräsident Pablo Iglesias. Von einem Schritt hin zu einer Lösung des eigentlichen Auslösers des Malheurs, nämlich gewisse Äußerungen gegen Krone, Kirche und Terrorpolitik aus dem Strafrecht zu nehmen und ins Zivilrecht zu überführen, hörte man freilich nichts. Derweil kritisierte der linke Bürgermeister von Valencia Joan Ribo das Vorgehen der Polizei in Valencia als überzogen, die Partei Compromís stellt ein Video ins Netz, in dem zu sehen ist wie ein Polizist einem ihrer Abgeordneten mit einem Schlagstock von hinten in die Beine schlägt. Es kommt auch zu Übergriffen von Demonstranten auf Journalisten.

Madrid/Barcelona - Die sozialen Proteste in Spanien nehmen zu. In mehreren Städten sind am Dienstag tausende Menschen wegen der Verhaftung des Rappers Pablo Hasél auf die Straßen gegangen. Die Bilder von Randalen am Dienstag und Mittwochabend glichen denen in Linares am Wochenende. Im Zuge der Ausschreitungen in Städten wie Lleida, Girona, Barcelona, Tarragona, Valencia und Madrid sind inzwischen über 100 Personen festgenommen worden, um die 50 erlitten Verletzungen, darunter etliche Polizisten. Eine Frau hat bei Unruhen in Barcelona ein Auge verloren, als sie ein Schaumstoffgeschoss der Sicherheitskräfte im Gesicht traf.

Pablo Hasélspanischer Rapper
Geboren1988, Lleida
Vollständiger NamePablo Rivadulla Duró

Proteste in Spanien: Verhaftung des Rappers Pablo Hasél als Auslöser

Auslöser der Proteste in Spanien war die Verhaftung des Rappers Pablo Hasél am Dienstagmorgen*, berichtet auch merkur.de*. Gegen den Musiker lag bereits am Freitag ein Haftbefehl wegen Verherrlichung des Terrorismus und Schmähungen gegen die Krone vor. Der Aktivist verbarrikadierte sich daraufhin mit Studenten in der Universität Lleida und propagierte seinen Fall als ein Beispiel für die Unterdrückung von Meinungsfreiheit – was freilich nur teilweise stimmt. Denn der Rapper Pablo Hasél landet – mit Verlaub – nicht nur wegen seines losen Mundwerks im Knast, sondern weil er bereits einige Strafen auf dem Kerbholz hat – bezeichnenderweise einen Übergriff auf Journalisten – und deswegen die geringe Strafe von neuneinhalb Monaten in der Haftanstalt verbüßen sollte.

Andererseits stellten Politiker in Spanien fest, dass sie schon schlimmere Kommentare in den Sozialen Netzwerken gegen ihre Person erdulden mussten als das Twitter-Gebell, für das der Rapper belangt wurde. Bei dem 32-Jährigen macht der Ton die Musik, für Pablo Hasél sind Polizisten „beschissene Söldner“ und es ist ein „faschistischer Staat“, der ihn festnimmt. Was aber auf viele verstörend wirkte: Die Polizei holte am Dienstag mit Spezialkräften mit Pablo Hasél einen linken Chaoten aus der Uni, aber am selben Tag unternahm sie nichts gegen den Aufmarsch von Neonazis in Madrid mit Hommage an die División Azul samt einer üblen antisemitischen Hetzrede einer jungen Neo-Nazi-Frau.

Proteste nach Verhaftung des Rappers Pablo Hasél: Debatte über Meinungsfreiheit

Der Fall des Rappers Pablo Hasél hat in Spanien eine Debatte darüber ausgelöst, ob Beleidigungen gegen die Krone Teil freier Meinungsäußerung oder ein Fall für das Strafgesetz sind. Nun plädieren Politiker dafür, solche Angelegenheiten zivilrechtlich zu regeln. Nur die Anstachelung zum Hass müsse eine Grenze sein, die nie überschritten werden dürfe. Über 200 Künstler haben in einer Petition gegen die Bestrafung des Künstlers protestiert. Spanien wird bisweilen von der EU gerügt, weil Gesetze der Meinungsfreiheit enge Fesseln anlegen – die aber, wie in diesem Fall, links meist fester geschnürt werden als rechts.

Die Verhaftung des Rappers Pablo Hasél hat in mehreren Städten Spaniens teils gewaltsame Proteste ausgelöst.

So zogen in Barcelona nach der Verhaftung des Rappers Pablo Hasél Menschen mit „Free Pablo“-Schildern durch die Straßen. Sein Antlitz erschien auf den Plakaten wie das bekannte Bild von Che Guevara. Als sich die Demonstration bereits aufzulösen begann, fingen Radikale an, Mülltonnen anzuzünden und Steine auf die Polizei zu werfen. Dass die Proteste so eskalieren, dürfte allerdings nicht nur an der Empörung über die Verhaftung liegen: Auch macht sich gerade eine frustrierte Jugend in Spanien Luft wegen der Corona-Auflagen, der Arbeits- und Perspektivlosigkeit.

Proteste in Spanien: Immer mehr Ausschreitungen und gewaltsame Auseinandersetzungen

Auch in anderen Städten Spaniens kippte die Stimmung bei den Protesten gegen die Verhaftung des Rappers Pablo Hasél auf der Straße: In Lleida fing das Fernsehteam des staatlichen Senders RTVE einen Polizisten auf einem Motorrad ein, wie er von einem Objekt getroffen wird, von der Maschine fällt und verletzt weggebracht wird. Minuten später brannte der Scooter. Am Mittwoch setzten sich die Proteste fort, die Polizei musste in Städten wie Barcelona und Girona brennende Mülltonnen und Straßenbarrikaden überwinden, es flogen Steine und Flaschen. Am Mittwochnachmittag übertrugen sich die Ausschreitungen nach der Verhaftung des Rappers auf Spaniens Hauptstadt Madrid*, berichtet auch fr.de*. Hunderte gingen dort auf die Straße, bis zum späten Abend flogen Fäuste und Gummistöcke.

Auch vor der Verhaftung des Rappers Pablo Hasél kam es in anderen Teilen Spaniens jüngst zu Protesten. Bei Ausschreitungen in Linares zwischen Demonstranten und Polizisten sind am Wochenende mehrere Polizisten und Demonstranten verletzt worden. Die Situation eskalierte, als zwei Nationalpolizisten außer Dienst aus unbekanntem Grund am Freitag auf einen Mann und dessen 14-jährige Tochter auf der Terrasse einer Bar in der Stadt in der Provinz Jaén einprügelten.

Proeteste in Spanien: Frust wegen Arbeits- und Perspektivlosigkeit

Mehrere Bürger eilten den Opfern zu Hilfe, einige filmten die Schlägerei und das aggressive Gebaren der offensichtlich angetrunkenen Polizisten. Die Aufnahmen gelangen ins Netz, Tausende hörten die panischen Schreie des Mädchens „Hilfe! Sie bringen meinen Vater um“. Während die Opfer im Krankenhaus behandelt wurden, standen Demonstranten vor dem Polizeirevier und sangen „Ihr seid nichts ohne eure Plaketten“. Nichts half es, dass die Nationalpolizei die Vorfälle verurteilte und die beiden Polizisten, die sich in ihre Reihen verirrt hatten, umgehend verhaftet wurden.

Für all das, was am Samstag in den Straßen von Linares passierte, dürfte die Aggression der Polizisten nur der Auslöser sein. Eine frustrierte Jugend in einem aufgrund von Arbeitslosigkeit, wirtschaftlichem Niedergang, Perspektivlosigkeit und den spanischen Corona-Auflagen noch frustrierender wirkenden Umfeld, fand ein Ventil für die angestaute Frustration. Linares gilt seit den Jahren der Schließung des Automobilwerks Santana als ein Pulverfass, es ist die Gemeinde mit der höchsten Arbeitslosigkeit in Spanien.

Steine und urbanes Mobiliar flogen bei dem Protest in Linares, über 20 Container brannten und ein Sachschaden von 30.000 Euro entstand. Die Polizisten nahmen 13 Personen fest und beklagten 20 Verletzte in ihren eigenen Reihen. Jaéns Regierungsdelegierte Catalina Madueño ging mit den Randalierern harsch ins Gericht. „Die gewalttätige Reaktion gegen den Polizeikörper, der sich immer vorbildlich den Bürgern zur Seite stellt, ist nicht gerechtfertigt.“ *costanachrichten.com, merkur.de und fr.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © EFE

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