Rathaus von Ballesteros de Calatrava in Spaniens La Mancha.
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Klein, aber oho: Das Dorf Ballesteros de Calatrava in Spainens La Mancha kappt die Leitung zu den Stromriesen. Don Quijote würde das gefallen.

Erneuerbare Energien

Strompreis in Spanien: Erste Gemeinde kappt Leitung zu Stromkonzernen und setzt voll auf Erneuerbare Energien

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Eine Kommune in Spaniens La Mancha hat sich energetisch autark gemacht, vollständig auf Erneuerbare Energien umgestellt und will sich so von den Energieriesen abnabeln. Ein Modell für ganz Spanien? Derweil wird den Stromriesen in Spanien Betrug auch bei der Rechnungslegung vorgeworfen. Die Politik gerät unter Zugzwang.

Madrid/Ballesteros de Calatrava - Mögen die immer sichtbarer werdenden Effekte des Klimawandels noch immer viele kalt lassen und auch die Auswirkungen der konventionellen Energieerzeugung auf die Umwelt zu abstrakt sein: Die Stromrechnung spricht eine sehr klare Sprache und entwickelt gerade in diesem Sommer in Spanien eine Überzeugungskraft, die ideologische Barrieren und Gleichgültigkeit recht schnell überwindet.

Ballesteros de Calatrava ist ein kleines Dorf mit rund 400 Einwohnern in der Provinz Ciudad Real, im Süden von Castilla La Mancha, dem Land des Don Quijote. Der kämpfte einst in dieser Landschaft gegen imaginäre Windmühlen und Riesen, die Menschen heute kämpfen gegen ganz reale, die Stromriesen. Ballesteros de Calatrava hat komplett auf Erneuerbare Energien umgestellt und will bis Jahresende die Leitung zu den Stromriesen gekappt haben, zumindest die Zuleitung. Denn geht alles gut, wird das Dorf bald selbst sauberen Strom ins Netz speisen.

Energie-Autonomie in Spanien: Mit der Sonne gegen die "Windmühlen" der Stromriesen und der Politik

Im Zentrum steht dabei eine Photovoltaik-Anlage, der bei der Sonne der Mancha kaum der Nachschub ausgehen wird. Um Installation, Wartung, aber auch die Speicherung und Distribution der Energie aus Eigenanbau kümmert sich das lokale Unternehmen +Inteligencia. Die Investition dafür beläuft sich auf fast lächerlich erscheinende 338.000 Euro, von denen zudem 138.000 Euro von der EU und ihrem "Leader"-Programm getragen werden. Ein Beispiel, dass EU-Schelte gegen die dortige Energiepolitik eine einseitige ist und meist von jenen stammt, die mit den Händen im Schoß darauf warten, dass Brüssel ohne ihr Zutun alle ihre Probleme löst.

Der Stromzähler dreht durch, die Kunden in Spanien auch bald. Strom ist im Juli und August so teuer wie noch nie.

Für den Bürgermeister von Ballesteros de Calatrava ist die Rechnung denkbar einfach: "Wir haben Sonne und wollen sie nutzen", sagt Juan Carlos Moraleda und "sparen dabei Geld". Im ersten Jahr wird die Stromrechnung der Einwohner bereits um ein Fünftel sinken und dann jedes Jahr ein bisschen mehr. Ist die Investition erst refinanziert, zahlen die Ballesteros 80 Prozent weniger für ihren Strom als jetzt. Denn sie sind dann nicht nur von den Stromriesen und dem Markt unabhängig, sie ersparen sich als Selbsterzeuger auch den hohen Steueranteil.

Billiger Strom von der Sonne: Wettbwerbsvorteil gegen die Landflucht in Spanien

Die Sonne Spaniens für die Energieerzeugung zu nutzen, das liegt doch eigentlich auf der Hand. Doch die politische Lobby der Energiekonze hatte dagegen lange gesetzliche Schranken installiert, wie die sogenannte Sonnensteuer und enorme administrative Hürden. Doch heute sind die Erneuerbaren Energien, Dank Gesetzesänderungen und mehr Förderung, die übrigens auch auf Druck und aus Fonds aus Brüssel zustande kamen, für Eigenheimbesitzer, Landwirte und eben auch Gemeinden interessant und machbar. Das haben auch Unternehmen bemerkt, deren Projekte bereits zu Konflikten führen. Traditionelle Agrarregionen und Umweltschützer fürchten um die Landschaft, die durch Meere von Solarpanelen und riesige Windräder verschandeln könnte.

Zum Thema: Sonnenenergie für das eigene Haus in Spanien - So geht es.

Doch die Energieautonomie ist für den Bürgermeister von Ballesteros auch ein Argument, gegen die chronische Landflucht in Spanien vorzugehen. Die Ersparnis bei der Stromrechnung, die ja auch der Stadt zu gute kommt, gibt dem Bürgermeister Handlungsspielraum. So senkt er die Grundsteuer IBI für Neubewohner fünf Jahre um die Hälfte. Moraleda ist zudem überzeugt, "dass die niedrigen Stromkosten bei uns auch Unternehmen anlocken werden", wobei er vor allem auf solche Firmen setzen möchte, die dem Gedanken der nachhaltigen Wirtschaft zugeneigt sind.

Die 15 Dörfer des Campo de Calatrava, zu denen Ballesteros gehört, haben bereits ihr Interesse angemeldet, ebenfalls energetisch autark zu werden und diese Ambitionen durch ein lokales Netz abzusichern. Einige wollen neben Sonnen- auch Windkraftwerke errichten, die dann wirken, wenn die Sonne mal nicht scheint in der Mancha. Don Quijote würde das gefallen.

Strompreis in Spanien: Jede Woche ein neuer Rekord - Stromkonzerne sprechen sich frei

Ist der Weg in Calatrava die Zukunft? Im ländlichen Bereich vielleicht, für die Bewohner der Städte muss aber auch eine politische Lösung her. Fast jede Woche erklimmen die Preise für die Kilowattstunde Strom an der Europäischen Strombörse neue Rekorde. Zum Thema: Strompreise in Spanien jagen Rekorde. Wie stets, ist es vor allem die einfache Bevölkerung und der kleine Selbständige, der unter den hohen Stromkosten ächzt, die die großen Versorger in Spanien natürlich nur notgedrungen weiterreichen, sich aber "keinesfalls daran bereichern", wie Iberdrola, Endesa und Naturgy, die drei großen Stromanbieter, am Freitag in einer Stellungnahme kundtaten.

Preiskartell und Betrug bei Rechnungen? Spaniens Wettbewerbsamt klagt an

Von Liberalisierung des Strommarktes in der EU ist immer wieder die Rede. Bei der Preisbildung herrscht indes eine klare Bevorzugung der Erzeuger, auf Kosten der Kunden und der Erneuerbaren.

Diese Erklärung erfolgte, als vorige Woche bekannt wurde, dass, zusätzlich zu den enormen Stromkosten, rund 240.000 Stromkunden, vor allem private Haushalte und Selbständige, nicht gesetzeskonform erstellte Rechnungen erhalten haben sollen, die - natürlich zufällig - zu ihrem Nachteil ausfallen. Zum Teil bis zu 30 Prozent mehr zahlten die Kunden, erklärte nicht irgendein Verbraucherverein, sondern die Comisión Nacional de los Mercados y la Competencia (CNMC), also die staatliche Wettbewerbsaufsicht, die zwischen den Zeilen auch von einem Preiskartell mit illegalen Absprachen schreibt. Die drei Stromanbieter meinen, sie hätten alle gesetzlichen Normen eingehalten, auch die neuen Vorgaben eingearbeitet und auch keinerlei Beschwerde seitens des CNMC über die Rechnungslegung vorliegen.

Das Umweltministerium in Madrid untersucht zudem mehrere Fälle, wonach die Stromriesen Stauseen illegal geleert hätten, um Strom weiter billig produzieren zu können, ohne diese Ersparnis an die Kunden weiterzugeben und außerdem dabei Bauern, aber auch den Privathaushalten die Wasserversorgung zu gefährden.

Hohe Strompreise in Spanien: Parteien schieben Schuld auf Europäische Union

Und was macht die Politik? Zunächst wiesen sich Rechts und Links mal wieder gegenseitig die Schuld zu, bei der sogenannten Liberalisierung des Strommarktes die Kunden vergessen zu haben. Als beiden ihre dünnen Argumente ausgingen, taten sie, was sie immer tun: auf die Europäische Union verweisen. Diese würde "politische Eingriffe in den Strommarkt untersagen", die Europäische Strombörse sei ja bereits reguliert, der Rest sei Sache des Konsumenten, der müsse eben sparsamer sein, hieß es aus Brüssel.

Das behaupten jedenfalls die großen Parteien in Madrid. Brüssel hat aber nichts dagegen, wenn schwache Stromkunden unterstützt werden oder Abschöpfungssteuern auf die Gewinne der Konzerne erhoben würden - immer dann, wenn die Einnahmen aus solchen sektoralen Steuern ausschließlich auch dem gleichen Sektor zu Gute kämen. Die Umlage für Erneuerbare ist zum Beispiel eine solche Abgabe, die trugen bisher aber fast ausschließlich die Kunden. Das soll sich ändern, ist aber noch nicht schlagend. Und auch die hektisch durchgesetzte Senkung der Mehrwertster auf Strom in Spanien in ist angesichts der Preis-Rallye bereits gänzlich verpufft, die die Regierung noch als Notbremse gegen die Strompreise gepriesen hatte.

Linke in Spanien will gesetztliche Höchstpreise für Atomstrom und Strom aus Wassekraft

Die linken Koalitionspartner von Regierungschef Pedro Sánchez (PSOE) machen jetzt Druck: Stimmen einer "Verstaatlichung" werden laut, sind aber angesichts der Einbindung in die EU reine Phantasien. Konkreter werden die beiden Minister für Konsumentenschutz und Soziale Rechte, Alberto Garzón (Vereinigte Linke)) und Ione Belarra (Podemos). Sie fordern vom Umwelt- und Energieministerium (Teresa Ribera, PSOE) eine Gewinndeckelung für die Erzeuger von Atomkraft und Energie aus Wasserkraft. Die drei Konzerne Endesa, Iberdrola und Naturgy beherrschen diese Stromarten in Spanien vollständig (100 und 96,2 Prozent). Ihr Plan: ein staatlich festgelegter Höchstpreis für Energie aus Wasserkraft und ein Fixpreis für Kernenergie). "Nach unserem Vorschlag würden sich die Familien damit jährlich 1,5 bis 3,2 Milliarden Euro ersparen", meint Podemos. Im besten Falle also etwa 150-200 Euro pro Jahr und Haushalt. Doch von Ankündigungen haben die spanischen Haushalte bereits einen ausreichenden Vorrat.

Zum Thema: Solaranlagen im Orangenhain - Spaniens Landwirtschaft entdeckt die Sonne.

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