Tierschützer verkleiden sich als Fleischpakete, um gegen die Grausamkeit gegenüber Nutztieren zu demonstrieren.
+
Tierschützer demonstrieren gegen die Grausamkeit gegenüber Nutztieren.

Demonstrationen gegen Vivotecnia

Tierversuche in Spanien: Video über Tierquälereien sorgt für Empörung

  • Stephan Kippes
    VonStephan Kippes
    schließen

In mehreren Städten in Spanien finden Demonstrationen gegen Tierversuche statt. Auslöser ist ein Video, das brutale Misshandlungen von Hunden im Institut Vivotecnia in Madrid zeigt.

Madrid - Bei den Videoaufnahmen stockt einem der Atem. Die am 8. April von der Tierschutzorganisation Cruelty Free International (CFI) im Internet veröffentlichten Bilder zeigen äußerst brutale Misshandlungen an Labortieren in Spanien, die angeblich im Institut Vivotecnia stattgefunden haben. Man sieht in den Aufnahmen Hunde, auch Affen, Kaninchen, Nagetiere und Schweine, die von Laborangestellten auf sadistische Weise gequält werden. Einige Tiere werden geschlagen, an den Pfoten aufgehängt, sie werden blutend liegengelassen und an einem Hund werden die Genitalien mit einem Gesicht bemalt.

Tierversuche in Spanien am Pranger: Ehemalige Mitarbeiterin filmt Misshandlungen bei Vivotecnia

Die Aufnahmen sollen aus den Jahren 2018 bis 2020 von einer anonymen ehemaligen Mitarbeiterin von Vivotecnia stammen, die zuvor angeblich die Institutsleitung über die brutalen und täglich vorkommenden Entgleisungen bei Tierversuchen in Kenntnis gesetzt hatte, ohne dass etwas zum Schutz der Tiere unternommen wurde. Die Madrider Landesregierung hat nach der Veröffentlichung einstweilig den Betrieb des Instituts stillgelegt, während die Umweltbrigade Seprona der Guardia Civil und die Staatsanwaltschaft gegen Umweltvergehen die Videos prüfen und ihrer Herkunft nachgehen. Den Behörden liegen angeblich mehrstündige Aufnahmen und ein Bericht über 70 Seiten vor. Mehrere Tierschutzorganisationen haben Anzeige erstattet, darunter die Tierschutzpartei Pacma.

Es befinden sich immer noch fast 900 Labortiere in der Anlage von Vivotecnia in Tres Cantos bei Madrid, darunter 130 Hunde der Rasse Beagle. Die Labortiere stehen derzeit unter Überwachung eines Tierarztes der Landesregierung und einiger Veterinäre des Laboratoriums Vivotecnia, was die Tierschützer überhaupt nicht zufrieden stellt. Sie drängen bei Demonstrationen auf die Räumung der Anlagen. Eine Forderung, der die Landesregierung angeblich aus rechtlichen Gründen nicht nachkommen kann, da es dort derzeit zu keinen Misshandlungen gegen die Tiere komme. Irgendetwas muss aber bei der Überwachung der Tierversuche schief gelaufen sein, da Institute wie Vivotecnia auch unter Kontrolle einer Ethik-Kommission stehen müssen. Niemand aber hat bis zur Veröffentlichung des Videos Alarm geschlagen.

Der Madrider Regierung unter Isabel Díaz Ayuso liegt daran zu verhindern, dass der Fall von Misshandlungen von Tieren und die Empörung über Tierversuche die Landtagswahl am 4. Mai beeinflussen. Das scheint nicht zu glücken. Das Video geht längst im Internet viral, die Demonstrationen von Tierschützern in mehreren Städten darunter auch in Almería und Valencia nehmen zu, Medien greifen sie auf und sogar die Abendnachrichten im Fernsehen und die britische Zeitung The Guardian berichten über den Skandal. Spanien steht kurz vor einer Debatte über Tierversuche, die Zentralregierung hat bereits angekündigt, solche Laboratorien mit Tierversuchen wie das von Vivotecnia künftig per Videokamera überwachen zu wollen. Ob das reicht, um die empörten Gemüter zu besänftigen, bleibt abzuwarten. Die aufgeheizte Stimmung ist von tiefem gegenseitigen Misstrauen geprägt.

Tierversuche in Spanien am Pranger: Mitarbeiter von Vivotecnia sehen sich Anfeindungen ausgesetzt

Derweil bemüht sich die Tierschutzorganisation CFI um den Status eines Whistleblowers für die Person, die die Misshandlungen filmte. Noch ist offen, ob auch der zuständige Richter die Anonymität der Frau akzeptiert. Die Person gilt in Tierschutzkreisen als Heldin, sieht sich angeblich auch Anfeindungen ausgesetzt. Auch Mitarbeiter und ehemalige Angestellte des Instituts klagen über Hetzkampagnen im Internet, einige werden in Sozialen Netzwerken als “Mörder” beschimpft, anderen mit drohendem Unterton geraten, auf ihre Familien aufzupassen. Die Guardia Civil geht auch diesbezüglich Anzeigen nach. Bis heute ist noch nicht geklärt, wie verbreitet diese Misshandlungen waren und wer von ihnen wusste beziehungsweise sie duldete. Ein ehemaliger Mitarbeiter versichert gegenüber der Zeitung “El País” solche Vorkommnisse niemals dort gesehen zu haben. Das Institut Vivotecnia beschäftigt 170 Personen und führt pharmazeutische und biotechnologische Forschungen an kosmetischen, chemischen, medizinischen oder landwirtschaftlichen Produkten durch. Es werden Tiere benutzt, um zu prüfen wie verträglich beziehungsweise giftig die Produkte beziehungsweise bestimmte Inhaltsstoffe sind.

Der Tierversuchs-Skandal könnte die spanische Regierung in Erklärungsnot bringen, da auch öffentliche Einrichtungen wie das Nationale Institut für Krebsforschung, die letztendlich dem Ministerium für Wissenschaft und Forschung unterstellt sind, zu den Auftraggebern von Vivotecnia zählen. Noch aber sieht der zuständige Minister Pedro Duque keinen Handlungsbedarf. Um die Gesetzgebung zu ändern, so Duque, müssten generelle Missstände bei Tierversuchen vorliegen, was seiner Meinung nach aktuellem Informationsstand nicht der Fall sei. Bleibt daran zu erinnern, dass Tierversuche bei der Forschung vieler Produkte und Medikamente gesetzlich vorgeschrieben sind.

Nach Angaben der Landesregierung der Region Madrid werden Anlagen wie die von Vivotecnia einmal jährlich überprüft und dabei habe man keine Unregelmäßigkeiten feststellen können. Das Institut hat bisher in einem Kommuniqué nur seine “Betroffenheit” zum Ausdruck gebracht, nähere Äußerungen zu den Vorfällen waren Vivotecnia bis dato nicht zu entlocken. Auf der Website warb man mit angeblich hohen Standards was die Haltung von Labortieren betrifft. Die Seite ist inzwischen gesperrt, während das geheim gefilmte Video zirkuliert und eine ganz andere Sprache spricht..

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare