Filomena stürzt Madrid ins Chaos

Wintereinbruch in Spanien: Vom Schnee in die Kälte

  • Stephan Kippes
    VonStephan Kippes
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Der Winter hat Spanien fest im Griff. Erst brach mit dem Sturmtief Filomena das Schneechaos über Spanien herein, danach rollt eine Kältewelle übers Land.  

Madrid – Madrid und weite Teile Spaniens haben eine apokalyptische Woche in Weiß erlebt. Das Sturmtief Filomena legte mit den heftigsten Schneefällen seit 50 Jahren am Wochenende Zentralspanien lahm, nur um einer Kältewelle mit teils Minustemperaturen im zweistelligen Bereich Platz zu machen. Mancherorts sieht es in der Hauptstadt aus wie auf einem Schlachtfeld. Tausende Bäume mit aufgebrochenen Kronen reihen sich aneinander, Menschen mit Krücken und verbundenen und vergipsten Armen und Beinen vor den Krankenhäusern, Supermarktregale ohne Frischwaren, verlassene und liegen gebliebene Autos an Straßenrändern der Stadtautobahn M-30, geschlossene Schulen – in und um eine Hauptstadt in Europa.

Madrid im Chaos: Bürgermeister rechnet mit einer Woche Aufräumungsarbeiten

Manche Madrilenen nutzten Besenstiele als Skistöcke, um ihren Weg durch die von Schnee und Eis unpassierbaren und spiegelglatten Straßen zu machen. Der öffentliche Nahverkehr brach komplett zusammen, nur die U-Bahn fuhr noch und entwickelte sich in diesen Tagen ob der Massen in den Abteilen zu Brutstätten für das Coronavirus. Erst am Sonntag nahm der Flughafen Barajas seinen Betrieb wieder auf, am Montag folgten der Schienenverkehr und nun sieht man wieder erste Linienbusse. Viele Straßen in den Vierteln Madrids waren am Mittwoch noch unpassierbar. Bürgermeister José Luis Martínez-Almeida rechnet mindestens mit einer Woche Räumungsarbeiten, um den Normalzustand in der Hauptstadt Madrid wiederherzustellen.

Am Wochenende lud die weiße Pracht zu Schneeballschlachten mitten in der Stadt ein. Viele stießen Warnungen der Gesundheitsbehörden, zu Hause zu bleiben, in den Wind, schnallten sich die Ski an und fuhren Langlauf über die Puerta del Sol und durch die Innenstadt. Ein Mann ließ sich seinen Schlitten von fünf Huskys ziehen und wurde zum Internet-Hit. Lustige Bilder gab es zuhauf in den sozialen Netzwerken zu sehen. Auch sympathische Aktionen wie der Spaziergang des bekannten Nachrichtenmoderators Lorenzo Milá durch sein Viertel in Madrid, bei dem er mit dem Handy festhielt, wie die Bürger aus den Vorhöfen von nebenan sich den ihnen ungewohnten Naturgewalten stellten – manche mit Schaufel, andere mit einem Campingtisch, Häppchen und Bier.

Spanien im Schneechaos: Polarluft und Tiefdruckgebiet bescheren 50 Zentimeter Neuschnee

Dabei sind kalte Winter in der rund 650 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Stadt nicht ungewöhnlich, Schneemassen von bis zu 50 Zentimeter Neuschnee aber wohl. Polarluft aus dem Osten und ein Tiefdruckgebiet südlich von Spanien haben die Wetterkapriolen ausgelöst, die kalte Luft schob sich unter die wärmeren Massen und es kam zu den starken Niederschlägen in Form von Regen und Schnee.

Man sah aber auch Rettungswagen, die nicht mehr durch den Schnee kamen, hörte von Kranken, die in Wohnungen vergeblich auf einen Arzt warteten und sah Pfleger kilometerweit durch den Schnee stapfen, weil sie nur per pedes ihre Hausbesuche abstatten konnten. Menschen mit Allradfahrzeugen boten schließlich an, Ärzte und anderes Hilfspersonal zu ihren Einsätzen zu fahren. Auf dem Land übernahmen Bauern mit Traktoren die Arbeit des Räumdienstes.

Viel der nicht zurückgeschnittenen Bäume hielten dem Schneesturm nicht stand.

Die Wetterkapriolen lösten auch Tragödien aus. In Barcelona erfroren zwei Obdachlose, bei Madrid verstarb ein Mann an einem Herzinfarkt in einem von Schneemassen begrabenen Fahrzeug und bei Fuengirola riss ein über die Ufer getretener Fluss ein Auto mit und zwei der vier Insassen in den Tod.

Spanien versinkt im Schnee: 1.500 Menschen steckten auf verschneiten Straßen fest

Mehr als 1.500 Menschen steckten auf den verschneiten Straßen der Hauptstadtregion in Autos, Bussen und Lastwagen fest. Im ganzen Land mussten rund 700 Autobahnen, Land- und andere Straßen gesperrt werden, ohne Schneeketten war an ein Vorankommen mancherorts nicht zu denken. Ganze Lkw-Flotten steckten fest. Sie konnten auch das Logistikzentrum in Madrid nicht erreichen. Mercamadrid musste dichtmachen und konnte die Supermärkte und zwölf Millionen Spanier nicht mit Obst, Gemüse und Fleisch versorgen. In weiten Teilen Spaniens herrschte gähnende Leere in den Regalen mit Frischwaren.

Anwohner räumen mit Schneeschaufeln und Eispickel den Schnee aus den Straßen, die zu dem Gregorio Maranon Krankenhaus führen.

Einige der Autofahrer konnten bei Temperaturen von bis zu fünf Grad unter Null erst am späten Samstagabend nach mehr als 24 Stunden befreit werden – wie etwa die 58-jährige Giovanna Alfaro. „Ich hatte zum Glück genug Benzin und konnte immer wieder die Heizung meines Wagens anmachen. Bei einigen war der Tank bald leer“, erzählte sie der Zeitung „El País“. Sie habe gesehen, wie vor ihr ein Mann mit Unterkühlung und eine Familie mit vielen Kindern in Sicherheit gebracht worden seien. „Wir sitzen hier seit mehr als 15 Stunden fest, niemand hat uns Wasser, Decken oder Essen gebracht“, sagte Patricia Manzanares im telefonischen Interview im spanischen Fernsehen. Die kleine Clara kam im dichten Schneetreiben auf einer Madrider Autobahn zur Welt. Eine „wundersame Geburt“, jubelte ein TV-Reporter.

Nach Schnee, das Eis: Räumdienste rund um die Uhr im Einsatz

Die Räumdienste arbeiteten seit dem Ende der 30-stündigen Schneefälle am Samstagabend gegen die Uhr, um zumindest die wichtigsten Straßen passierbar zu machen. Am Montag wurden sogar Spitzhacken eingesetzt, um das Eis zu entfernen. Eine erhebliche Gefahr stellten auch von Dächern herabfallende große Eisbrocken dar. Die regionale Regierungschefin Isabel Ayuso rief die Menschen am Sonntag zum Schneeschippen auf, bevor sich die weiße Pracht in eine spiegelglatte Eispiste verwandelt. Nur verfügten die wenigsten Madrilenen über Spaten oder Werkzeug.

Die Katastrophenschutzeinheit UME hat manche Notsituation gelindert.

Als Retter in der Not erwiesen sich einmal mehr die Soldaten der Katastrophenschutzeinheit UME. Wo immer diese 150 Spezialisten Hilfe leisteten, begleitete sie der Applaus vieler Bürger zum nächsten Einsatzort. Das Verteidigungsministerium ordnete auch Soldaten der Bodenstreitkräfte ab, die Leuten in den Dörfern dabei halfen, aus ihren Häusern zu kommen. Verkehrsminister José Luis Ábalos sprach von einer „nie dagewesenen Notlage“, Innenminister Fernando Grande-Marlaska vom „schlimmsten Unwetter seit 50 Jahren“. Der staatliche Wetterdienst Aemet hatte allerdings schon seit Tagen gewarnt, dass es zu heftigen Schneefällen kommen werde und erstmals überhaupt aus diesem Grund die Warnstufe Rot.

Spaniens Innenminister: Schlimmste Unwetter seit 50 Jahren

Madrid und Kastilien La Mancha prüfen nun, ob sie eine Ausweisung als Katastrophengebiet beantragen. Die Schäden sind enorm, viele Bürger leiden Not. Etliche Dörfer sind von der Außenwelt abgeschnitten. Der Ort Villamuelas bekam drei Tag lang keinen Strom. „Die Lage ist zum Verzweifeln“, sagte Bürgermeister Nelson Pérez. In Kastilien-La Mancha, Madrid, Kastilien-León und Aragón herrscht extreme Kälte, am Dienstag galt die Warnstufe Rot in 41 Provinzen. Madrid rechnet in den nächsten Nächten mit Temperaturen von bis zu minus zehn Grad*, berichtet auch merkur.de*.

Der Ort Bello in Teruel erreichte Tiefsttemperaturen von 25 Grad unter Null. Extrem verschlechtert haben sich die Lebensbedingungen im Armenviertel Cañada Real südöstlich von Madrid. In der illegalen Slum-Siedlung haben die rund 4.500 Bewohner schon seit drei Monaten keinen Strom, angeblich, weil das Netz dort immer wieder wegen des hohen Stromverbrauchs von Marihuana-Pflanzungen zusammenbricht – was viele Bewohner bezweifeln, weil es gar keinen Strom mehr gebe, was die Aufzucht dieser Pflanzen unter gegebenen Bedingungen schier unmöglich mache. Die Behörden haben Gasflaschen und Heizstrahler verteilt, nachts herrscht dort zehn Grad unter Null. *costanachrichten.com und merkur.de sind Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Manu Fernandez/dpa

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