Torero mit Santiago abascal rauchen Zigarren
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„Echte“ Spanier: Der Torero Morante de la Puebla mit Vox-Chef Santiago Abascal am Rande einer Corrida...

Polemik um Stierkämpfe

Stierkampf in Spanien: Wenn sich Toreros selbst auf die Hörner nehmen

  • Marco Schicker
    VonMarco Schicker
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Der Stierkampf in Spanien verliert an Akzeptanz und kommt nur schwer aus der Corona-Pause. Die Szene radikalisiert sich, die Stierkampfarena wird immer häufiger zur Bühne rechter Ideologie, aber auch linker Doppelmoral. Als ein Torero in Gijón jetzt vor Publikum die Stiere „Feminista“ und „Nigeriano“ niedermetzelte, stach er sich ins eigene Knie. Eine Posse aus Asturien.

Gijón/Madrid - 133 Jahre alt ist die Stierkampfarena von Gijón, "El Bibio", im schönen Asturien in Nordspanien. Nach einer quälend langen Unterbrechung durch die Coronavirus-Pandemie, sollte am Sonntag des 15. August hier endlich wieder die jährliche Feria taurina, das sommerliche Spektakel der Stierkämpfe steigen. Und was für ein Spektakel es wurde.

Einer der eingeladenden Toreros, ein Star der Szene, Morante de la Puebla, trat auf und erlegte unter dem Jubel des fachkundigen Publikums zwei Stiere der Zucht des Daniel Ruiz. Ihre Namen: "Feminista" und "Nigeriano". Noch am gleichen Abend trat die Bürgermeisterin von Gijón, Ana González, vor die Presse und schäumte: "Das war es dann jetzt mit Stierkämpfen in Gijón", erklärte die PSOE-Politikerin. Man werde die Konzession für den Betreiber der Arena nicht verlängern, "wir werden es nicht hinnehmen, dass der Stierkampf zur Verbreitung einer Ideologie benutzt wird, die gegen die Menschenrechte ist. Wir sind in einer Stadt, die für gleiche Rechte für Männer und Frauen eintritt, die an die Integration glaubt und daher werden wir solche Sachen nicht zulassen". Der "Stierkampf war in unserer Stadt schon seit Jahren umstritten", so González, doch der Veranstalter habe mit seiner diesjährigen Aktion gleich "mehrere rote Linien" überschritten.

Gijón: Verbot für Stierkampf nach Tötung von "Feminista" und "Nigeriano" - PP sieht Freiheit in Gefahr

Die Stadt verzichtet mit dem Ende des Stierkampfes auf Einnahmen von 50.000 Euro von Seiten des Konzessionärs, "und auf 133 Jahre Tradition und 6,7 Millionen Euro Einnahmen allein durch die Feria im August", schob die örtlichen Handelskammer bedauernd nach. Die Regionalregierung Asturiens, ebenfalls PSOE, "unterstützt die Entscheidungen der örtlichen Bürgermeister". Die PP hingegen schäumt, die "Entscheidung ist bedauerlich und skandalös", so die Volkspartei. Die "sektiererischen" Sozialisten mischten sich mal wieder in Dinge ein, die sie nichts angingen und "verweigerten den Menschen die Freiheit". Die PP baute in Gijón einen Stand auf und sammelte Unterschriften gegen das Ende des Stierkampfes in ihrer Stadt. Eine Demonstration soll bald folgen.

Der Vox-Torero: PR-Kampagnen der "echten" Spanier

„Feminista“ zum Abschlachten freigegeben. Der Skandal bedeutete das Ende des Stierkampfes in Gijón. Vorerst.

Der Torero Morante de la Puebla ist ein enger Freund des Chefs der rechtsextremen Partei Vox und speziell von dessen Chef Santiago Abascal, der ihn regelmäßig bei den Stierkämpfen besuchte, sich in "Helden"-Pose mit ihm ablichten ließ und durch seine PR-Maschinerie praktisch sponsort. Sich in den Arenen und mit Stierkämpfern zu zeigen, ist eine Art Glaubensbekenntnis der Rechten zu den "wahren spanischen Werten", der Identität Spaniens, die von der Linken angegriffen würde. Auch die PP-Landesministerpräsidentin von Madrid, Isabel Díaz Ayuso, die sich für keinen Griff in die populistische Mottenkiste zu schade ist, hat das Potential erkannt. Sie setzte nur Tage vor der Landtagswahl in Madrid 2021 in Las Ventas, Spaniens größter Stierkampfarena, ein Stierkampfspektakel an, das ebenfalls unter "ihrem" Motto "Freiheit" lief. Sie gewann die Wahl haushoch. Ayuso kündigte an, Las Ventas ganz zu schließen, sollten die Stiere eines Tages verboten werden. Andere Arenen, wie die Plaza de Toros in Alicante suchen längst nach unblutigen Alternativen für die stimmungsvollen Arenen.

Züchter der Stiere "Feminista" und "Nigeriano": Nach den Müttern benannt

Zudem sei alles nur ein Missverständnis, erklärt der Züchter der Stiere Daniel Ruiz hinsichtlich des Skandals in Gijón, denn "die toros bravos, die Kampfstiere, erben ihre Namen von ihren Müttern", "jeder, der sich ein bisschen mit Stierkampf befasst, weiß das doch", erklärte er in "El País". Daher gab es bereits vorher diverse "Feminista" und "Nigeriano", die Geschwister der jetzt im Rampenlicht gemordeten Stiere, die zum Beispiel 2017 "auftraten", ohne, dass das damals zu so einer Polemik geführt habe. Dass aber auch die Stiermütter ihre Namen vom Züchter erhalten und nicht vom Dorfpfarrer oder per göttlichem Gebot, das erwähnte Ruiz freilich nicht, der nicht erklären mochte, wie um alles in der Welt man dazu kommt, Stieren, die rituell geschlachtet werden sollen als "Feminist" und "Nigerianer" zu bezeichnen. Andere Züchter benennen ihre Tiere nach Musikinstrumenten, Blumen, Landschaften. Und auf die Idee, Kampfstiere "Franco", "Abascal" oder "Falange" zu nennen, ist bisher auch noch niemand gekommen. Warum wohl?

Aus für Stierkampf in Gijón: Kritik kommt auch von Links

"Comunista" hingegen schon, Kommunist, hieß einmal ein Stier. Der sollte am 2. Juli 1939 durch den damaligen Superstar-Torero Manolete in Sevilla getötet werden. Doch die PR-Strategen Francos wollten, nur Wochen nach dem Ende des blutigen Spanischen Bürgerkrieges, nicht noch in der frischen Wunde herumstochern lassen, so wurde der Stier kurzerhand in "Mirador", in Ausguck, umbenannt. Nun, die Aussichten, die sich Spanien 1939 boten, sind heute bekannt. Gelernt hat die Szene indes nichts.

Doch Feuer bekommt die Bürgermeisterin auch von linken Gruppen, Tierschützern wie Feministen gleichermaßen. Denn ihre Entscheidung sei "eine Heuchelei" sondergleichen. Ihr sei es nie um den Tierschutz gegangen, sonst hätte sie 2016 die Lizenz für "El Bibio" gar nicht erst erteilt. Nur jetzt, wo sie sich als "Feministin" darstellen könne, habe sie gehandelt. Das kritisierte jetzt auch ein Kommentator der führenden Tageszeitung Spaniens "El País", was die Ambivalenz der Spanier mit dem Thema einmal mehr belegt. Denn seine Zeitung - die eher der linken Landeshälfte zugeneigt ist - leistet sich noch immer ihre "Corridas"-Seiten, auf denen sie in einer Mischung aus Feuilleton und Sportberichterstattung über die Stierkämpfe berichtet, so wie über Theaterpremieren oder Fußballspiele.

Subventionen für Stierkampf in Spanien: "Tradition" nicht tot zu kriegen

Diese zögerliche Haltung, der anachronistischen Tierquälerei ein für alle mal ein Ende zu setzen, zieht sich durch das ganze Land und ist keine Domäne der Rechten. Im staatlichen Fernsehen gibt es noch immer jeden Samstag die Sendung "Tendido Cero" (nach dem Tor 0, aus dem die Stiere auf den Platz stürmen), bei der alte weiße Männer romantisierend vom Stierkampf fachsimpeln. Und auch die Linksregierung des Pedro Sánchez zog Kritik auf sich, als herauskam, dass Stierkämpfer bei den Corona-Hilfen als "Künstler" und die Zuchtbetriebe als landwirtschaftliche Betriebe als "essentiell" eingestuft und entsprechend mit Ausfallgeldern und Subventionen bedacht wurden, während viele Selbständige leer ausgingen oder lange auf ein wenig Unterstützung warten mussten.

Madrids Landeschefin Isabel Díaz Ayuso, PP, als Verteidigerin und devote Schülerin des Stierkampfes. Hier in „Las Ventas“, Madrid.

Gesamtgesellschaftlich nimmt die Akzeptanz für die blutige Tradition des Stierkampfes in Spanien ab, auch wenn man nicht unterschätzen darf, wie tief in manchen Regionen wie um Pamplona mit seinen Sanfermines, in Andalusien, aber auch in den Dörfern Valencias, der Stierkampf und die Fiestas taurinas in der Alltags- und Festkultur der Menschen verankert ist. Doch die Zeichen der Zeit ändern sich: Corona scheint der Entwicklung nur weiteren Schwung zu verleihen. In diesem Jahr wurden bis Ende Juli rund 250 Stierkampfveranstaltungen in Spanien abgehalten, 1.425 waren es 2019. Die Zahl der getöteten Stiere sank von 7.200 2019 auf 549 im Laufe dieses Jahres.

Argumente der Taurinos: "Wer die Stiere schützen will, muss Stierkämpfe zulassen" - Doppelmoral auch bei Tierfreunden?

Laut den Berufsverbänden, voran UCTL, seien 5.000 Stiere auf ihren Weiden "überfällig", 10.000 Tiere insgesamt stünden bereit. 347 von vor Corona fast 1.100 Zuchtbetrieben haben geschlossen oder umgestellt, die Aufzucht eines Stieres auf "Kampfgewicht" koste zwischen 4.500 und 5.000 Euro. Auf 200 Millionen Euro beliefen sich bisher die Corona-Verluste der Züchter, auf weitere 150 Millionen Euro jene der Veranstalter. Laut ANOET, dem Nationalen Verband der Stierspektakel, hatte ihre Branche direkt und indirekt 2019 4,2 Milliarden Euro erwirtschaftet, 0,34 Prozent der Wirtschaftsleistung Spaniens. 60.000 Menschen seien im Stierkampf Spaniens, einschließlich der Zucht, beschäftigt. Die Branche beklagt, dass selbst PP-geführte Kommunen mit Subventionen und der Unterstützung des Stierkampfes immer zögerlicher werden. Madrids Isabel Ayuso aber ist mal wieder die Rettung für die Super-Spanier. Sie erhöhte die zugelassene Zuschauerzahl in Las Ventas gerade auf 50 Prozent und "wünscht" sich wieder jede Woche Kämpfe.

Wer die Stiere schützen will, müsse sie töten, so lautet die verquere Logik der Taurinos, denn ohne den Stierkampf würden die Zuchten schließen und die Rassen aussterben. So argumentiert auch die Fleischbranche. Wären Morgen alle Spanier Veganer, gäbe es keine galicischen Rinder und keine Manchego-Schafe mehr. Zudem sei die Kritik am Stierkampf bigott: Würden doch die Stiere paradiesisch leben, während die Spanier wie auch die besonders kritischen Mittel- und Nordeuropäer billigstes Fleisch aus quälerischer Massentierhaltung konsumieren und ihre Haustiere aus lauter Egoismus oft regelrecht zu Tode lieben. Oder wer geht mit seinem großen Hund, den er auf kleinstem Raum hält, tatsächlich jeden Tag 30 Kilometer laufen, wie es artgerecht wäre?

Apropos Doppelmoral: Twitter hat den Account des „Vox-Toreros“ Morante de la Puebla gesperrt. Die Verherrlichung blutrünstiger Shows sei gegen die „Gemeinschaftsregeln“. Die Hasstiraden gegen Menschen, die von Vox tagtäglich über Twitter zwitschern aber, scheinen konform mit den „Gemeinschaftsregeln“.

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