Strompreis in Spanien
+
Der Stromzähler dreht durch, die Kunden in Spanien auch bald. Strom ist im Juli so teuer wie noch nie.

Strompreis in Spanien

Kurzschlusshandlung: Stromversorgung in Spanien so teuer wie noch nie - Politik hilflos

  • VonThomas Liebelt
    schließen

Höchster Strompreis aller Zeiten macht Spaniens Bürger wütend, die Politik ist ratlos. Eine Mehrwertsteuersenkung verpufft fast wirkungslos. EU soll Preisbildung neu und diesmal im Sinne der Kunden regeln.

Madrid – Zwischen 9 und 10 Uhr am 21. Juli erreichte der Strom in Spanien den historisch höchsten Preis: 110 Euro kostete da die Megawattstunde an der Iberischen Strombörse im sogenannten Pool, also dem Mix aus Erneuerbaren Energien und traditionellen Energien. Selbst der Tagesschnitt an jenem Dienstag von 106,57 Euro lag noch über dem bisherigen Höchstpreis für Strom vom 11. Januar 2002. Seit geraumer Zeit kennt der Strompreis in Spanien nur einen Weg – den nach oben. Die Regierung reagierte mit einer Kurzschlusshandlung: Sie verabschiedete ein Dekret, dass Steuersenkungen auf der Stromrechnung beinhaltet.

Rekordpreis für Strom: Neue Tarifzeiten beim Strom in Spanien bringen nichts

Stromkunden sind besorgt. Da können sie noch so oft die Waschmaschine in der preisgünstigeren Nachtzeit laufen lassen, der teure Strom macht den Spareffekt zunichte. Die neue zeitliche Staffelung der Strompreise in Spanien verpufft angesichts des heftigen Preisanstiegs. Die Stromrechnung in diesem Monat wird teurer ausfallen als im Juli 2020. Auch die Steuersenkung wird nichts daran ändern.

Das Dekret senkt die Mehrwertsteuer (IVA) auf Strom von 21 auf zehn Prozent. Unternehmen kommt die Regierung mit einer Senkung der siebenprozentigen Stromproduktionssteuer bis September entgegen.

Von Liberalisierung des Strommarktes in der EU ist immer wieder die Rede. Bei der Preisbildung herrscht indes eine klare Bevorzugung der Erzeuger, auf Kosten der Kunden und der Erneuerbaren.

Nach Berechnungen der Verbraucherschutzorganisation Facua-Consumidores en Acción wird die Juli-Stromrechnung für einen Durchschnittskunden um 35 Prozent teurer ausfallen als vor einem Jahr. Im halbregulierten PVPC-Tarif werden im Schnitt 84,35 Euro fällig werden, vor einem Jahr waren es 62,67 Euro. Den Spareffekt der IVA-Senkung beziffert Facua mit 8,44 Euro. Mit einem normalen IVA-Satz von 21 Prozent, meinen die Verbraucherschützer, würde die Juli-Rechnung wohl 92,79 Euro betragen – historischer Rekord. So werde es bei der drittteuersten Stromrechnung in der spanischen Energiegeschichte bleiben.

Preistreiber beim Strom in Spanien und Europa: Missachtung des Anteils preiswerter, erneuerbarer Engergien

Was treibt den Preis derart nach oben? Einmal sicherlich die hohen Tagestemperaturen, die einen höheren Strombedarf bedingen. Ein weiterer Grund liegt in der Eigenart der Preisbildung an der Strombörse. Der Markt belohnt nicht den Einsatz der kostengünstigsten Energien wie Windkraft oder Photovoltaik. Den Preis bestimmt die Energieart, die zuletzt zum Einsatz kommt, um den Strombedarf zu decken. Das ist in der Regel Gas in den Kraftwerken im sogenannten kombinierten Zyklus.

Die Weltmarktpreise für Gas haben deutlich angezogen. Hinzu kommen die Kosten für den CO2-Emissionshandel und die CO2-Steuer auf Gas. Ein preistreibender Effekt entsteht zudem, wenn Erneuerbare Energien witterungsbedingt nicht zur Stromproduktion beitragen können. Derweil wirkt die Regierung hilflos. Energieministerin Teresa Ribera musste einräumen, dass man „nicht mehr machen kann“. Auch Verbraucherminister Alberto Garzón sprach davon, dass der Strommarkt „in den kommenden Monaten sehr angespannt bleibt“.

Europäisches System der Preisbildung am Strommarkt bevorzugt Produzenten statt Verbraucher

Langfristig allerdings hat Ribera schon einiges vor: In einem Schreiben an den Vizepräsidenten der EU-Kommission, Frans Timmermans, plädierte die Ministerin für eine Reform der Preisbildung an den europäischen Strombörsen. Sie steht damit nicht allein auf weiter Flur, da das derzeitige System Stromproduzenten und nicht die Verbraucher bevorzugt. Auch die Zusammensetzung der Stromrechnung in Spanien will Ribera angehen. Geplant sind eine Senkung der Netzentgelte und anderer Abgaben. Auf Dauer, so Ribera, „ist es nicht sinnvoll, dass Verbraucher einen so hohen Strompreis zahlen“.

Zum Thema: Ökostrom und Nachhaltigkeit - Was wurde aus der Grünen Revolution in Spanien?

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare