Ein Patient wird auf einer Trage in Spanien von Pflegern in Schutzkleidung ins Krankenhaus geschoben.
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Alte Menschen, vor allem jene in Heimen, leiden wieder am stärksten unter dem Coronavirus in Spanien.

Coronavirus-Tote in Spanien

Übersterblichkeit in Spanien: Coronavirus hat 2020 eine Stadt wie Benidorm ausgelöscht

  • vonMarco Schicker
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Die Daten der Übersterblichkeit in Spanien für 2020 belegen, dass rund 75.000 Menschen wegen Covid-19 gestorben sind, 25.000 mehr als die offizielle Zahl. An dieser Statistik lässt sich zudem der Effekt von Restriktionen und Lockdowns - sowie deren Lockerungen ablesen. Interpretationsspielraum für Leugner und Relativierer lässt sie nicht.

Madrid - Während in Spanien die dritte Welle des Coronavirus fast unkontrolliert zu toben scheint, werten die Statistiker noch das Katastrophen-Jahr 2020 aus. Die statistische Übersterblichkeit (mortality excess) in Spanien betrug von März bis Dezember 2020 80.605 Personen. Das meldet das Statistische Amt Spaniens (INE), das diese Daten direkt über die Registrierung der Totenscheine der kommunalen Meldeämter (registro civil) ermittelt. Seit Beginn dieser Zählung in den 70er Jahren gab es noch nie auch nur annähernd einen so hohen Ausschlag.

Die Übersterblichkeit gibt an, wie viele Menschen mehr gegenüber dem vierjährigen Mittel verstorben sind, wobei Ausschläge durch Grippe- und Hitzewellen, der steigende Anteil älterer Menschen und andere variable Faktoren mit einberechnet werden. Dazu werden die Daten der Meldeämter mit den Meldungen der Krankenhäuser über die Todesursachen zusammengeführt.

Übersterblichkeit wegen Covid-19: Anfang April 2020 starben in Spanien mehr als doppelt so viele Menschen wie in normalen Jahren

Das staatliche Institut Carlos III, das über Daten aller spanischen Krankenhäuser verfügt, bemisst die zusätzliche Sterblichkeit durch Grippe in Spanien 2019/2020 auf rund 3.000, durch die Hitze 2020 auf 1.950 Personen, rund 500 Todesfälle werden aufgrund der veränderten Altersstruktur gegenüber 2019 als "zusätzliche natürliche" geführt.

Übersterblichkeit in Spanien 2020. Die rote Linie gibt die Todesfälle 2020 an, die graue das langfristige Mittel.

Damit verstarben im vergangenen Jahr in Spanien 75.000 Menschen mehr als sonst, eingedenk aller anderen Todesursachen außer Covid-19. Um die Dimension zu illustrieren: Im April und Mai starben in Madrid im gleichen Zeitraum, in dem sonst drei Menschen sterben, fünf. In der Kalenderwoche 14 (Ende März, Anfang April 2020) starben in Spanien 135 Prozent mehr Menschen als in der gleichen Woche des Vorjahres. Die Übersterblichkeit in Spanien hatte 2020 eine Dimension der Einwohnerzahl einer Stadt wie Benidorm oder Torrevieja.

32.575 Personen des Todesüberschusses ergaben sich seit Juli, was die Opferzahl der zweiten Welle des Coronavirus quantifiziert, in der ersten starben demnach rund 47.000 Menschen. Acht spanische Regionen hatten in der zweiten Welle eine höhere Übersterblichkeit als in der ersten.

Ob mit oder an Covid gestorben: Ohne das Coronavirus würden die meisten der 80.000 Spanier noch leben

Insgesamt weicht die offizielle Zahl der Covid-Toten von der Übersterblichkeit um 30.100 Personen ab, bis 3. Januar wurden amtlich 50.800 Todesopfer in Spanien dem Coronavirus zugeordnet. Die Diskrepanz wird erklärt mit den vielen Toten in spanischen Altersheimen, vor allem in Madrid, aber auch in Krankenhäusern der ersten Welle, bei denen keine Testungen stattfanden. Nur ein kleiner, aber laut INE messbarer Anteil der Todesfälle könne auf schlechtere medizinische Behandlung anderer Krankheiten wegen der Überfüllung der Hospitäler zurückzuführen seien.

Diese Menschen sind dann nicht "an" oder "mit", wohl aber wegen Covid-19 gestorben. Oder anders formuliert, ein großer Teil der 80.600 Menschen würde ohne Covid-19 heute noch leben. Bereits im Juli erklärten führende Virologen, dass ohne Restriktionen - so uneinheitlich, inkonsequent oder verspätet sie auch angewendet werden - allein in Spanien mindestens 300.000 Todesopfer mehr zu betrauern sein würden, einige Virologen sprachen sogar von 400.000 bis 500.000, eine Zahl, die sich auch Regierungschef Pedro Sánchez bei einer seiner Zwischenbilanzen zu eigen machte.

Übersterblichkeit auch in Deutschland nachgewiesen

Ablesbar ist die Wirkung der Lockdowns und Restriktionen eben auch an dem Auf und Ab in der Kurve der Übersterblichkeit in Spanien 2020, die, zeitlich versetzt mit dem Anstieg und Abfall der Infektionszahlen kongruiere, so INE. Dies lässt aus Sicht der Virologen wie der Statistiker nur einen Schluss zu: Die Restriktionen so konsequent wie nötig aufrecht erhalten, bis der Impfstoff seine Wirkung entfaltet. Nebenbei wird durch Masken und social distancing auch die Verbreitung der saisonalen Grippe und anderer Ansteckungskrankheiten verringert.

Besonders hartnäckig hält sich die Behauptung, "es starben ja gar nicht mehr Menschen", in Deutschland. Eine relativ starke Grippewelle 2019 und eine schwächere 2020 hatten dazu geführt, dass die statistische Sterblichkeit in Deutschland im Frühjahr sich kaum von jener des Vorjahres unterschied. Das änderte sich zum Jahresende. Denn in Deutschland starben bereits im November 2020 10 Prozent mehr Menschen als im gleichen Monat des Vorjahres und seit Dezember legt die Übersterblichkeit Woche für Woche zu, auf zuletzt +25 Prozent für die letzten Dezemberwochen. Die absoluten Zahlen stimmen fast genau mit den angegebenen Covid-Toten überein.

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