Spanien und der Krieg

Ukraine helfen, Syrien vergessen: Hilfswerke aus Spanien klagen Doppelmoral an

  • Stefan Wieczorek
    VonStefan Wieczorek
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Leidet Europa an einem „solidarischen Rassismus“? Der Vorwurf, dass der Westen nur vorgibt, auf der Welt Frieden stiften zu wollen, wird im Ukraine-Krieg laut. Mit Kommentar.

Elche – Großzügige Spenden, offene Türen, beherzte Transporte. Eine Welle der Solidarität auch von der Costa Blanca lindert die große Not der Menschen aus der Ukraine. Aber werden in Europa und damit auch Spanien alle, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, gleich behandelt? Wie sieht es etwa mit denen aus Syrien aus? Dort ist auch nach elf Jahren Krieg der Frieden nicht eingekehrt. Die Hälfte der Bevölkerung hat mittlerweile ihr Zuhause verloren. Aber nichts davon ist bei uns zu spüren. Keine offenen Türen, kaum noch die Rede von Spenden oder Hilfsaktionen für syrische Betroffene. Immer lauter wird der Vorwurf einer schreienden Doppelmoral des Westens - auch seiten spanischen Hilfswerken. (Zum Thema: Präsident der Ukraine in Spaniens Parlament)

Syrien Land, Mittlerer Osten
Hauptstadt: Damaskus
Bevölkerung: 17,5 Millionen (2020)

Hilfswerke in Spanien klagen an: Ukraine helfen, Syrien vergessen

Einen „solidarischen Rassismus“ beklagt Joaquina Agulló vom Verein Ayuda a Personas Refugiadas Sirias (APRS), der seit 2015 in Elche für syrische Flüchtlinge einsteht. Zwar sei die Welle der Solidarität mit der Ukraine „lobenswert und gerecht“. Umso mehr aber vermissten die Hilfswerke eine ähnliche Haltung zu anderen Betroffenen auf der Welt, erklärt die Aktivistin von der Costa Blanca der Zeitung „El Español“. „Es ist offensichtlich, dass wir ein rassistisches Gewissen haben“, klagt Agulló. „Wir glauben zwar, dass es nicht so ist, und verteidigen diese Sicht auf den Tod. Aber solange wir erlauben, dass es in Griechenland Flüchtlingslager und in Melilla Direktabschiebungen gibt, aber für Ukrainer der rote Teppich ausgefahren wird, beweist es, dass wir Rassisten sind.“

„Sie rufen dann: Ich bin Ukrainer, bitte hilf mir.“ 

Amer Hajazi (Hilfswerk Apoyo al Pueblo Sirio) über syrische Kinder.

Eine „Schande“ in der vorherrschenden Haltung des Westens sieht auch Ángela Carrillo, Koordinatorin der Hilfswerke für das Sahauri-Volk in Alicante. Sie sehe ja ein, dass ein Westeuropäer in einem Ukrainer eher einen „Verwandten“ sehe als in einem Menschen des Nahen Ostens. „Aber die Gefahr besteht, dass wir auf diese Weise die Solidarität in eine Mode verwandeln, statt die Konflikte auf der Welt wirklich anzugehen, und zwar alle auf dieselbe Weise.“ Die Krönung sei für die Aktivistin gewesen, als Spaniens Regierung kürzlich vor Marokko einknickte und dessen „Autonomieplan“ für die Westsahara akzeptierte. Niemand habe protestiert. Dabei ist die Entscheidung für das Sahraui-Volk ein weiterer Schritt, um „in Vergessenheit zu geraten“ (Zum Thema: Sahraui kritisiert Wende in Spaniens Marokko-Politik).

Syrien, Baluon: Kinder gehen an einem von russischen Luftangriffen zerstörten Gebäude vorbei.

Für Ukrainer, Syrer, Iraker: „Wir machen da keinen Unterschied“

Mit einem Meer aus blau-gelben Flaggen und Friedens-Symbolen demonstriert der Westen Solidarität mit der Ukraine. Doch viele Aktionen und Hashtags seien nur Fassade, klagen die Hilfswerke aus Spanien an. Denn bereits im sprachlichen Ausdruck mache sich die Doppelmoral der westlichen Gesellschaft bemerkbar: „Als ein Kind aus der Ukraine neulich zu Fuß Europa erreichte, galt es als Kind“, berichtet Ángela Carrillo. „Wäre es aber aus Afrika gekommen, hätte man von einem unbegleiteten Minderjährigen geschrieben.“ Es gebe heutzutage eben auch in der Solidarität „eine Klassengesellschaft – dort die Menschen erster und dort die Menschen dritter Klasse“, meint Amer Hajazi, Vorsitzender des spanischen Syrien-Hilfswerks Apoyo al Pueblo Sirio.

Das mache ihn „tieftraurig“. In Syrien gebe es nun sogar Kampagnen, in denen Kinder sich auf Bildern die Augen blau und die Haare blond färbten. „Sie rufen dann: Ich bin Ukrainer, bitte hilf mir.“ Kann man diese Diskriminierung beseitigen? Darauf setzen die Aktivisten von Ayuda a Personas Refugiadas Sirias fest und plädieren etwa bei Vorträgen an Schulen dafür, dass Solidarität nicht von der Hautfarbe abhängen dürfe. Zudem führt die Hilfsvereinigung von der Costa Blanca an mehreren Schulen Spendenkampagnen durch: „für Ukrainer, Syrer, Iraker, Marokkaner. Wir machen da keinen Unterschied“, heißt es.

Kommentar: Gut hinschauen, wo Menschenrechte verletzt werden

Nicht seit gestern werden vor unserer Nase (wir leben in einer globalisierten Medien-Welt) Kinder aus ihren Häusern gebombt, Frauen vergewaltigt, Männer für den Krieg missbraucht. Als Russland in den Syrien-Krieg einstieg, war das quasi ein Probelauf für die jetzige Invasion. Etliche Waffensysteme wurden getestet, offiziell, um den Terror zu stoppen, inoffiziell um Diktator Assad zu retten. Alles auf Kosten unzähliger Zivilisten. Man nahm das halt hin, aus Angst vor dem IS. Aber es gibt nicht nur Syrien. In Jemen tobt seit 2014 ein horrender Krieg. Zum Einsatz im chaotischen Gemetzel kommen auch Waffen aus den USA (dem Land, das Putin als „Mörder“ bezeichnet). Wir sollten nicht in Schwärmerei verfallen, sondern gut hinschauen, wo überall Menschenrechte verletzt werden. Auch seitens der Ukraine ist nicht alles astrein: Trotz aller Demokratie-Beteuerungen werden weiter Nazi-Verbrecher wie Stepan Bandera als Idole verehrt. Morde an prorussischen Oppositionellen werden nicht aufgeklärt. Und können wir es tolerieren, dass im Jahr 2022 Männern verboten wird, zu ihren Familien zu fliehen? Ein klaffender Unterschied herrscht zwischen der fliehenden Masse aus ukrainischen Frauen und Kindern und den Flüchtlingsbooten voller Männer aus Syrien und anderen Krisengebieten.

Zum Thema: Was der Ukraine-Krieg für Spaniens Wirtschaft bedeutet

Rubriklistenbild: © Anas Alkharboutli/dpa

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