Eine aufgeschnittene Wassermelone in Spanien.
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Luxusgut Wassermelone? In Spanien wurde der Preis der saftigen Frucht zum Frust-Indikator der Inflation 2022.

Alles wird teurer

Urlaub oder Wassermelone: Teuerung in Spanien zwischen Statistik, Frust und Galgenhumor

  • VonThomas Liebelt
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  • Marco Schicker
    Marco Schicker
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Laut Statistik verteuerte sich das Leben in Spanien im Mai 2022 übers Jahr um 8,7 Prozent. Doch gefühlt wurde alles viel teurer: Ein Blick in den spanischen Warenkorb und ins spanische Gemüt.

Madrid – Ein sattes Dunkelgrün und möglichst wenig Kerne: So lieben Spanier ihre Wassermelone, die sandía. Gerade jetzt im Sommer – noch dazu bei dieser Hitze – hat die saftige Frucht Hochkonjunktur. Doch dieses Jahr wird ausgerechnet die Wassermelone zum traurigen Symbol für die seit über einem Jahr rasante Teuerung bei Lebensmitteln in Spanien. Ein Gang durch die Supermärkte von Mercadona oder Lidl in der vergangenen Woche zeigte: Im Schnitt kosteten Wassermelonen 1,59 Euro das Kilo. Vor einem Jahr waren es 0,59 Euro. Das ist ein Anstieg von fast 200 Prozent. Wer seine Melone geschnitten haben wollte, war noch schlechter dran: zwischen 1,79 und 1,89 Euro fürs Kilo.

Wassermelonen-Indikator: Lebensmittel verteuern sich in Spanien mehr als alles andere

Kommentare in den Sozialen Netzwerken schmücken diese Entwicklung aus: Wir sind vom „Ich kann mir nicht mehr erlauben, Fisch zu kaufen“ übergegangen zu: „Ich kann mit nicht mehr erlauben, eine Wassermelone zu kaufen“. Eine anderer Nutzer: „Wäre schön, in der Lotterie zu gewinnen, damit ich mir eine Wassermelone kaufen kann.“ Wieder ein anderer meint: „Wir müssen uns entscheiden, kaufen wir uns eine Wassermelone oder fahren wir in den Urlaub.“ Wer alleine lebt, ist in diesen Tagen ohnehin der Dumme. Er zahlt den Single-Satz der Inflation. Für Alleinlebende ist das tägliche Leben noch einmal deutlich teurer als für Paare oder Familien.

In den Supermärkten müssen sich die Mitarbeiter ständig Beschwerden anhören. Unversehens ist die Wassermelone zum Gradmesser für den Frust geworden, den Spaniens Verbraucher über die steigenden Lebensmittelpreise schieben. Diese tragen inzwischen am meisten zur Inflation bei. Auf sie allein entfallen zwei Prozentpunkte der Teuerungsrate von 8,7 Prozent im Mai. Der Anteil ist höher als der von Strom. Insgesamt haben sich Lebensmittel und Getränke laut Nationalem Statistikinstitut (INE) im Schnitt um elf Prozent verteuert. So viel wie noch nie.

Doch der für den Verbraucherpreisindex herangezogene Warenkorb spiegelt naturgemäß nicht die Bedürfnisse jedes Einzelnen, ist ein Quer- und Durchschnitt, denn natürlich setzt sich dieser Warenkorb bei älteren Menschen anders zusammen als in Familien mit kleinen Kindern.

Preise in Spanien: Ausgewählte Produkte und ihre Verteuerung über ein Jahr

Entwicklung der Preise in Spanien laut IPC-Index des Statistikamtes INE. Braune Linie: reale Teuerung, Orange: Core-Inflation (bereinigt um saisonale Schwankungen, Preissprünge durch administrative Eingriffe oder andere kurzzeitige Effekte).

Nachfolgend eine Auswahl von Produkten und Dienstleistungen, die wir alle mehr oder weniger konsumieren und ihre Verteuerung über die vergangenen 12 Monate in Spanien. Auch hier ist es ein Landes- und Jahresschnitt, natürlich kann in Ihrem Supermarkt um die Ecke der Anstieg anders ausgefallen sein und regionale Unterschiede sind ebenfalls zu berücksichtigen.

  • Laut spanischen Statistikamt INE verteurten sich vor allem Grundnahrungsmittel besonders stark: Reis um 10,2 Prozent, Mehl und Getreide um 25,5, Nudeln, Cuscus und Co um satte 27,9 Prozent. Frühstücksflocken, fertiges Müsli usw. hingegen nur um 3,4 Prozent. Die dafür empfohlene Milch wiederum ist 16,7 Prozent teurer als vor einem Jahr, Joghurt um 14,8.
  • Rindfleisch wurde im Schnitt in Spanien um 12,3 Prozent teurer, Schweinefleisch um 7,2 und Geflügel sogar um 13,6 Prozent teurer. Frischer und gefrorener Fisch stieg um 11,7 Prozent. Eier sind um über ein Viertel, 25,3 Prozent teurer.
  • Olivenöl, das in Spanien eigentlich im Übermaß produziert wird, schießt mit einem Preisanstieg von 36,5 Prozent den Vogel ab.
  • Kartoffeln legten laut INE um 6,9 Prozent zu, Zucker wurde 5,8 Prozent teurer, Babynahrung wiederum um 15,5 Prozent. Kaffee legte 11,8 Prozent drauf, Wein 6,7, dafür wurde Bier nur 2,9 Prozent teurer, das ist vielleicht einer der Gründe, warum die Spanier nocht nicht vollständig auf den Barrikaden stehen, solange sie sich ihre caña leisten können.
  • Die Mieten in Spanien stiegen - wohlgemerkt im Schnitt - nur um 1,2 Prozent, aber sagen Sie das mal meinem Vermierte. Auch Wasser aus der Leitung verteuerte sich mit 2,3 Prozent deutlich unter der Inflationsrate, vielleicht sollten wir Gemüse und Obst (Wassermelonen) selber ziehen?
  • Der Strom wurde entgegen des allgemeinen Gefühls "nur" um 30 Prozent teurer, allerdings schon von einem vor einem Jahr sehr hohen Niveau, ohne die Regierungsmaßnahmen zur Senkung des Strompreises in Spanien wäre der Anstieg übrigens dreistellig gewesen, aber auch hier ist ja noch nicht aller Tage Abend.
  • Das Gas in Flaschen, in Spanien für viele die Quelle für Heizung und Warmwasser verteuerte sich nochmals um 33,6 Prozent, dafür kann man sich Beruhigungsmittel noch kaufen, denn Medikamente verteuerten sich nur um 0,3 Prozent.
  • Neuwagen kosteten im Mai 2022 6,7 Prozent mehr als im Mai 2021, sie zu betanken aber 34 Prozent mehr im Falle von Diesel und 23,5 Prozent bei Benzin. Der Umstieg auf das Fahrrad, das in Spanien einen Boom erlebt, wäre eine Option, die 5,2 Prozent teurer wurden, unverändert sind die Preise bei den Zugtickets. Dem Elend im Flugzeug zu entkommen ist indes 9,8 Prozent teurer, denn so viel mehr kosten in diesem Jahr internationale Flüge - dabei steht der Sommer noch bevor.
  • Eine City-Tour kann man sich vielleicht noch leisten, denn Museen, Bibliotheken und Zoos verteuerten sich nur um 3,7 Prozent, an eine Übernachtung außer Haus denken Sie aber lieber nicht, denn Hotels sind um satte 45,4 Prozent teurer als vor einem Jahr, wobei man hier fairerweise einrechnen muss, dass durch die Corona-Flaute Hotels in den vergangenen beiden Jahren in Spanien sehr preiswert waren.

Immerhin, ein Posten ist sogar billiger geworden, nämlich der Mobilfunk, -1,3 Prozent. Damit können wir unser Leid preiswert weitererzählen, sollten uns aber dennoch kurz fassen, denn Handys werden bekanntlich mit dem Luxusgut Strom aufgeladen.

Inflation in Spanien bremst Konsum und so auch Wirtschaftswachstum

Die Folge der Teuerung liegt auf der Hand: Die Spanier schnallen den Gürtel enger. Denn das Realeinkommen wächst nur in einigen Sektoren, in einigen Provinzen sinkt es sogar, etwa solche, wo schlecht bezahlte Kellnerjobs, die es jetzt zwei Jahre gar nicht gab, die Statistik "versauen". In Málaga z.B. stiegen die Mieten binnen eines Jahres um fast zehn Prozent, die Reallöhne aber sanken um fast 4 Prozent.

Spanienweit wird der reale Kaufkraftverlust offiziell mit 3,7 Prozent im ersten Quartal angegeben. Die spanische Nationalbank drosselte zudem erneut ihre Wachstumserwartungen an die spanische Wirtschaft von 4,5 auf 4,1 Prozent, vor allem wegen rückläufigen Konsums. Zwar werde sich das Konsumentenvertrauen in der zweiten Jahreshälfte erholen, so die Zentralbank, aber der private Konsum werde im Vergleich zum Vorjahr allenfalls um schwache 1,4 Prozent zulegen.

Vor allem Personen und Familien mit niedrigen Einkommen, allen voran Rentner, leiden unter den extremen Preisanstiegen.

Die Marktforscher von Kantar stellten per Umfrage Ende März fest, dass 89 Prozent der Haushalte meinen, man könne nicht mehr einkaufen gehen, ohne nicht ganz genau auf den Preis zu achten. 61 Prozent äußerten, aktuell sei kein günstiger Moment, um bestimmte Ausgaben zu tätigen. 45 Prozent der Befragten gaben an, ihren normalen Einkauf bereits reduziert zu haben.

Es gibt Hoffnung für die Wassermelone

Nochmal zur Wassermelone: Laut Erzeugerverbänden sind vor allem Transport und der Handel Schuld an exorbitanten Obst- und Gemüsepreisen, denn die Erzeuger würden die gestiegenen Kosten nicht einmal ansatzweise decken können, die Erzeugerpreise hätten sich lediglich um 4,6 Prozent erhöht, so der Verband MAPA. Hinsichtlich der Wassermelone verweisen die Produzenten auch daraufhin, dass der Saisonauftakt immer etwas teurer ausfällt, sich die Preise aber dann normalisieren, bis hin, dass einem die sandías irgendwann als Sonderangebote hinterhergeworfen werden. Dann schmecken sie übrigens auch am besten.

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