Der spanische Ex-Kommissar Villarejo mit Maske und Augenklappe vor dem Gerichtsgebäude.
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Wie eine Figur aus Brechts Dreigroschenoper: Ex-Kommissar José Manuel Villarejo am Tag seiner Freilassung am 3. März 2021.

Spaniens dunkle Mächte

Villarejo: Der Pate von Spaniens „Kloaken“

  • Marco Schicker
    vonMarco Schicker
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Er ist wieder da. Ex-Polizeikommissar Villarejo, finstere Schlüsselfigur in Spaniens großen Korruptionsfällen und Staatsaffären, der V-Mann für Meistbietende, wurde aus der Haft entlassen. Und er sinnt auf Rache.

Madrid – Würde ein Drehbuch-Autor eine Figur wie jene des Ex-Kommissars der Nationalpolizei von Spanien, José Manuel Villarejo, erfinden, man würde ihn wegen maßloser Übertreibung feuern. Selbst für eine neue spanische Netflix-Serie scheint die Story übertrieben. Nach drei Jahren wegen Geldwäsche und Gründung einer kriminellen Organisation im Fall Tándem, hat Villarejo am 3. März das Gefängnis verlassen dürfen, vorerst. Er konnte es nach seiner Anhörung kaum abwarten, die Welt vor den TV-Kameras wissen zu lassen, dass er nun „alle Masken abreißen wird“. Ihm dürstet nach Rache. Und viele Politiker, Wirtschaftsbosse, Prominente, Journalisten und sogar spanische Ex-Regierungschefs und das Königshaus dürften schlaflose Nächte haben.

Vom Polizisten zum Fürst der Finsternis: Korruption und Machtmissbrauch in Spanien als Geschäftsgrundlage

José Manuel Villarejo, 69 und offiziell Rentner, stieg 1973 als Polizist im Baskenland in den Dienst ein, sein Spezialgebiet: Bekämpfung der ETA. Von 1983 bis 1993 ging er in die Privatwirtschaft, baute ein Netzwerk von drei Dutzend Firmen auf, bot Dienste als Privatdetektiv - ohne Zulassung - an und entwickelte sich zum universellen V-Mann der Wirtschaft und der Politik mit besten Verbindungen in die Polizei- und Sicherheitsstrukturen. Er wurde Strippenzieher dessen, was man als „Kloaken“ kennt, Netzwerke, die in staatlichen Strukturen auf eigene Rechnung arbeiten, politische Agenten der Diffamierung und Selbstbereicherung.

Villarejos Geschäft ist die Information und deren Verkauf. Dabei bediente er sich in einer Mischung aus Mafia und Geheimdienst der Erpressung und der Bestechung und soll damit ein Vermögen von 23 Millionen Euro angehäuft haben. Nach 1993 kehrte er als Special Agent für die Secretaría de Estado de Seguridad, SES, in staatliche Dienste zurück, eine Sonderabteilung, die dem spanischen Innenminister unterstellt und allen Polizeistrukturen übergeordnet ist. Dort verfügte er über alle Ressourcen, die für seine „Geschäfte“ nötig waren und leitete seine eigene Polizeieinheit, eine, die es offiziell gar nicht gab. Irgendwann muss ihn die Hybris übermannt haben, denn sein Name taucht in fast jedem größeren Korruptionsfall auf. Ob im Gürtel- oder Kitchen-Prozess-Universum um illegale Parteienfinanzierung der PP – überall sickern Aufzeichnungen von Villarejo durch.

Als Villarejo Spaniens König angriff, schlug der Geheimdienst zurück

Spaniens PP-Schatzmeister Bárcenas war im Visier der eigenen Leute, um Korruption zu vertuschen, so der Vorwurf. Villarejo mischt in der Affäre kräftig mit.

Er spionierte im Auftrag von und gegen Firmen, Minister heuerten ihn gegen separatistische Politiker an, „nebenbei“ machte er Millionen in Äquatorial-Guinea bei einem Skandal rund um die staatliche Ölgesellschaft. Immer spielte er mit den Medien wie mit Marionetten, lieferte mal Informationen, ließ sie mal am ausgestreckten Arm verhungern. Villarejo kam überall zum Zug, wo es etwas zu vertuschen gab, das mit Geld und Macht zu tun hatte. Daher war und ist sein Betätigungsfeld in Spanien unendlich.

Kam er in die juristische Bredouille, hatte er genug Material gegen jeden in der Hand. Er drohte, die Ex-Regierungschefs Mariano Rajoy und José Maria Aznar über die Klinge springen zu lassen, arbeitete aber auch für die PSOE, weshalb die sehr schweigsam beim Thema Villarejo bleibt.

Villarejo steht zudem im Verdacht, im Torre Windsor in Madrid 2005 einen Brand arrangiert zu haben, um Beweise zu vernichten und wurde auch durch handgreifliche Übergriffe aktenkundig. Sogar das spanische Königshaus bringt er in Schwierigkeiten. Denn er tat sich mit Juan Carlos‘ Ex-Geliebter Corinna Larsen zusammen, als diese sich wegen Millionen-Transfers vom spanischen Ex-König erpresst fühlte. Dabei legte er sich mit dem heutigen Ex-Chef des Geheimdienstes CNI an, Félix Sanz Roldán. Der brachte ihn ins Gefängnis, - wegen eines Steuervergehens, wie damals bei Al Capone.

Enteignet und gedemütigt: Villarejo scheint zu allem bereit

Vor der Presse besteht Villarejo nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis unter Auflagen darauf, dass er immer im „Interesse der Öffentlichkeit“ tätig war und sich die dunklen Mächte daher an ihm rächten. Das Absurde daran: in gewissem Sinne hat er recht. Denn mag er auch ein Gangster sein, er hatte es stets mit Seinesgleichen zu tun.

Im Gefängnis habe er um sein Leben gefürchtet, sagt er mit finsterem Blick und der humorigen Attitüde eines Soziopathen vor dem Gerichtsgebäude, wo zwei Dutzend Medienleute auf ihn warten wie auf einen Popstar. Man habe ihn „weggesperrt ohne Hofgang, die Heizung abgestellt“, er habe einen Schlaganfall erlitten, was auch der Grund für seine Augenklappe sei. Und „sie haben mich enteignet“. 60 Liegenschaften, die meisten davon in Benalmádena an der Costa del Sol, hat das Gericht eingezogen, bis geklärt ist, ob auch nur eine davon mit legalen Geldern erworben wurde. Fortsetzung folgt, dafür wird er sorgen. Denn er ist wieder da.

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