Spanien und der Seat 600

Der Seat 600: Wie 633 Kubik in Spanien den sozialen Wandel auslösten

Man kann auch klein sein, um große Dinge zu erreichen: Der Seat 600 war ein kleines Auto, das mit Spanien ein großes Land umkrempelte.

  • Mit dem Seat 600 stieg Spanien vom Eselskarren aufs Automobil um.
  • 633 Kubikzentimeter lösten einen sozialen Wandel sondergleichen aus.
  • Den Seat 600 gab es 1957 für umgerechnet 380 Euro - man musste drei Jahre lang auf ihn warten.

Dénia - Retro-Autos sind heute hip: Vom Fiat 500 über den Cooper stechen sie mit ihren geschwungenen Formen aus dem langweiligen Einerlei der Massenproduktion heraus. Ein Original gibt es in Spanien* nur eins. Was der Seat 600 dem Spanier bedeutet, lässt sich allenfalls mit der Beziehung der Franzosen zur Ente oder der Deutschen zum Käfer vergleichen. Kurz bevor dieses Ei auf vier Rädern das Land aus seinem Dornröschenschlaf 1957 rüttelte, kamen in Spanien gerade mal drei Autos auf 1.000 Einwohner, berichtet costanachrichten.com*.

Seat 600
Produktionszeitraum1957–1973
KlasseKleinwagen
KarosserieversionenLimousine, Cabriolimousine
MotorenOttomotoren: 0,63–0,77 Liter (16–23,5 kW)
NachfolgemodellSeat 850

Und wie er die Blicke an der Costa Blanca* auf sich zieht! Florentino Palacios genießt es, mit dem giftgrünen Kleinstwagen sämtliche Bänke und Blöcke zu umfahren, die jedem Auto die Zufahrt auf die verkehrsberuhigte Plaça de Mariana Pineda in Dénias Fischerviertel Baix La Mar eigentlich versperren. Aber so ein Seat 600 kommt eben überall hin und überall durch. „Nach Madrid und bis in den Himmel“, sagt der Chef der 1966 gegründeten Werkstatt Taller Florentino. Sogar mit überhitzter Kühlung.

Ein letzter Tritt aufs Gaspedal, der Seat 600 knört wie ein in Rage gebrachter Föhn. Die Leute auf der Plaza schauen verdutzt auf, lassen ihr Frühstück stehen und dackeln dem auf die Plaza rollenden Kultwägelchen entgehen. Bevor Florentino Palacios die Selbstmördertüren verkehrt herum aufmacht, schlägt ihm schon ein Schwall Stimmen entgegen. „Mensch, so einen habe ich auch gehabt!“ Der Alte beugt sich hinein. Das ist noch ein Tacho, was für ein Lenkrad. „Das war mein erstes Auto“, meint ein anderer. Foto hier, Foto da. „Schau, ein Seat 600. Was für Erinnerungen!“

Der Seat 600 machte Spanien mobil

Mit der „pelotilla“ (das Bällchen) hat Spanien das Autofahren* gelernt. „Der Seat 600 hat die Leute aus den Dörfern befreit, hat sie zum Strand gebracht. Mit ihm wurden wir mobil. Es war unser Käfer“, sagt Florentino Palacios, Gründer des Clubs Amigos del Seat 600 in Dénia. Die 633 Kubikzentimeter lösten einen sozialen Wandel sondergleichen in dem immer noch von den Nachwehen des Bürgerkriegs zermürbten Land aus.

1971 war jedes vierte Auto auf Spaniens Straßen ein Seat 600. Als 1973 der etwa 800.000. und letzte in Franca bei Barcelona vom Band lief, verabschiedeten die Arbeiter ihren Liebling auf vier Rädern mit einem großen Plakat. „Als Prinz bist du gekommen, als König stirbst du“, stand darauf. Sie huldigten diesem Lizenzbau des Fiat 600, der Spaniern die Freiheit ein großes Stück näher brachte und ganz neue Horizonte eröffnete. Der Spruch aus dem 18. Jahrhundert, „de Madrid al cielo“ (von Madrid zum Himmel), verlor mit dem Seat 600 seine Transzendenz, von nun an konnte auch der kleine Mann die Hauptstadt und viele andere Ziele erreichen. So machte sich der Seat 600 sowohl im kollektiven Unterbewusstsein als auch als Exportschlager zu so etwas wie einer Marke für ein neues Spanien.

Seat 600 kam als Kind der Franco-Diktatur zur Welt und fuhr Spanien in die Demokratie

Dabei kam der Seat 600 in Spanien als ein Kind der Franco-Diktatur zur Welt, gezeugt mit dem Ziel der Motorisierung der Untertanen. 1950 hob das spanische Institut für Industrie (INI) die Marke Seat – steht für Sociedad Española de Automóviles de Turismo – aus der Taufe. Die spanische Automobilgesellschaft unter der Leitung von José Ortiz Echagüe verfügte über ein Kapital von 600 Millionen Peseten, 51 Prozent der Aktien hielt das INI, 42 Prozent die spanische Zentralbank und sieben Prozent der italienische Automobilkonzern Fiat.

Um überhaupt in der Lage zu sein, ein Automobil komplett in Spanien zu produzieren, verstaatlichte das Regime kurzerhand die Metallindustrie. Drei Jahre später lief mit dem Seat 1400, baugleich zum Fiat 1400, das erste Fahrzeug im Werk in Barcelona vom Band. Was Seat aber zur Mobilisierung der Massen brauchte, war ein günstigeres Auto.

Florentino Palacios mit seinem Seat 600.

Das kam mit dem zweiten Modell, dem Seat 600, der 1957 zu einem Preis von 65.000 Peseten (etwa 380 Euro) auf den spanischen Markt kam und ihn revolutionieren sollte. Seat musste seine Belegschaft auf 5.000 Personen erhöhen, binnen eines Jahres versechsfachte sich die Auto-Produktion. Die Wartezeiten für einen Seat 600 lagen bei drei Jahren. Bereits 1960 baute Seat 30.000 Fahrzeuge pro Jahr. „Die Spanier stiegen vom Eselskarren auf den 600 um. In vielen Haushalten gab es ein Auto, bevor es einen Fernseher oder einen elektrischen Kühlschrank gab“, sagte der damalige Werkschef und Ingenieur Silvio del Arco. Ohne den 600 wäre auch der Strohwitwer Rodríguez nie ins Rollen gekommen, der seine Familie den Sommer über an den Strand schickte, selbst in der Stadt arbeitete und von Schwedinnen und Bikinis träumte.

Seat 600 trug in Spanien zur wirtschaftlichen Öffnung bei

Vier Jahre später beschäftigte Seat bereits 10.000 Angestellte und produzierte 300 Autos pro Tag. Der Konzern begann die ersten Autos zu exportieren, die Familienlimousine 1500 und den Seat 850 – ein stärkerer Seat 600 – auf den Markt zu bringen. 1969 baute Seat sein millionstes Auto. Noch bevor den 600 im Jahr 1973 das Zeitliche segnete, verhalf er Seat dazu, zum bedeutendsten Industriebetrieb Spaniens aufzusteigen, der 55.000 Autos pro Jahr in 28 Länder exportierte, regelmäßig neue Modelle wie den 127, den 1430 und 1600 herausbrachte. Diese 633 Kubikzentimeter warfen den Wirtschaftsmotor eines ganzen Landes an und trugen zu einer wirtschaftlichen Öffnung Spaniens nach außen bei.

Während dieser 600er-Epoche stampfte Seat ein eigenes Viertel mit günstigen Mietwohnungen rund um das Werk in der Zona Franca aus dem Boden. Dort arbeitete, lebte, liebte, gebar und spielte eine Generation mit dem Seat 600. „Der Werkschef hat mich so angesprochen: ,Du bist doch der Paco vom Seat 600.‘ Mein Spielplatz war das Seat-Werk“, sagte Francesc Prieto. Wie sein Vater bemühten sich viele Leute in Spanien mit Empfehlungsschreiben vom Pfarrer, Militär und der Guardia Civil um einen begehrten Arbeitsplatz im Autowerk. „Das war der Traum der Mittelklasse. Seat gab dir belegte Brote und deinen Kindern eine Schule“, sagte Prieto.

Mit dem Seat 600 fuhr Spanien im Auto zum Strand

Am Wochenende ging es dann im Seat 600 auf zum Strand. Die ganze Familie samt Kanarienvogel quetschten sich ins Ei, das Gepäck kam hoch aufs Dach. Man kann sich heute kaum vorstellen, wer da alles im Seat 600 Platz gefunden haben soll. Sogar Spaniens Altkönig Juan Carlos hat einen in seinem Fuhrpark stehen. Der Kleine war hart im Nehmen. Fünf Erwachsene und sechs Kinder im Seat 600 von Cartagena bis nach Murcia - kein Problem für das Kult-Auto. Dem 600 eilte bald der Ruf voraus, unter allen Bedingungen anzuspringen und immer sein Ziel zu erreichen.

Man musste kein Mechaniker sein, um mit dem zurechtzukommen, was sich da unter der Heckklappe verbarg. Solide und simpel. Es empfahl sich aber, immer eine Flasche Wasser und eine Kette zum Antrieb des Kühlventilators im Seat 600 zu haben. Böse Stimmen halten dem Auto auch 40 Jahre nach Produktionsstopp noch seine Anfälligkeit für hohe Temperaturen vor. Doch wenn das Kühlwasser mal gekocht haben sollte, hieß es eigentlich nur warten, nachfüllen, weiterfahren. Der 600er soll nie jemanden in Spanien im Stich gelassen haben.

Spaniens Seat 600: Zuverlässiger Alleskönner

Daher kann Florentino Palacios nicht verstehen, wie Leute dem Kleinstwagen ankreiden können, dass die Kühlung des Heckmotors mit 21,5 beziehungsweise ab 1950 mit 28,5 Pferdestärken leicht überhitzt. „Das mit der Kühlung ist ein demagogisches Geschwätz. Der Seat 600 war zuerst ein Auto der Apotheker und Ärzte. Dann kam er als Gebrauchter unters Volks, und es stimmt, der wurde oft hart herangenommen, sechs, acht oder zehn passten da rein, und dann wurde er im Stadtverkehr von Madrid oder Barcelona heruntergefahren. Dass irgendwann das Kühlsystem und die Kompression in Mitleidenschaft gezogen werden, das ist normal. Wenn du den 600 ein wenig wartest, dann bringt er dich auch heute noch von Spanien bis nach Deutschland und wieder zurück, und zwar ohne Probleme“, meint Palacios, dessen Beziehung zu dem Kleinstwagen auch nach 50 Jahren nichts an Leidenschaft verloren hat.

An die tausend Seat 600 hat der Werkstattmeister über die Jahre zerlegt, restauriert, um- und zusammengebaut, über 20 selbst besessen. Es ist eine blecherne Liebe. Mit seinen Rundungen und Ausbeulungen. Palacios wollte als Bub Mechaniker werden, erlernte aber in den 60er Jahren erst das Handwerk des Spenglers oder Karosseriebauers. Der Seat 600 zählte zu den ersten Autos mit reiner Metallstruktur. „Es ist ein dankbares Blech, es ist ein kleines, aber solides Auto. Damit kann man einen Lkw abschleppen. Mit den Stoßstangen von heute ist das gar nicht zu vergleichen“, sagt er.Mangels adäquaten Werkzeugs war Erfindergeist gefragt. „Ich habe gelernt, mit nichts zu arbeiten, wie ein Kind aus dem Nichts etwas zu erfinden. Das verschafft mir heute noch große Befriedigung“, sagt Palacios.

Der Seat 600 hat in Spanien über 30 Fanclubs

Der Seat 600 sorgt heute in allen Farben als Strandbuggy, Cabriolet, Roadster, Oldtimer, Rallyeauto, Lieferwagen, Mercedes oder rollendes Atlético-de-Madrid-Fanbüro für Aufsehen. Manche tragen sogar klanghafte Namen wie D’Artagnan oder Bauchnabel in Anspielung darauf, dass jeder einen hat.

Mit den Jahren scheint die sympathische Kugel nicht an Attraktivität zu verlieren. Über 30 Clubs halten in Spanien das Andenken in Ehren. Mit 100 Seat 600 schifften Palacios und Gleichgesinnte schon von Dénia nach Ibiza zu einer Ausfahrt über. Der Club Amigos del Seat 600 führte sogar eine Erhebung durch und erfasste 10.600 gemeldete Modelle in Spanien. Inzwischen dürften es mehr sein.

„Der 600 hat etwas Besonderes. Wenn die Produktion eines Autos eingestellt wird, verschwindet es normalerweise vom Markt. Der Seat 600 nicht. Die stehen noch in Werkstätten, Garagen, Gärten, Ställen oder rotten irgendwo in der Landschaft vor sich hin“, sagt Palacios. Einige warten nur darauf, wieder anzuspringen. Das tut ein Seat 600 bekanntlich immer. Wenn man überlegt, dass die Dinger heute schon ab 3.000 Euro zu haben sind. Was für ein Schnäppchen. *costanachrichten.com ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Ángel García

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