Ein brennender Müllcontainer steht auf einer Straße in Barcelona bei Nacht.
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Brennende Müllcontainer gehörten am Wochenende des 1. November 2020 nicht nur wie hier in Barcelona zum Straßenbild. In rund 30 spanischen Städten kam es zu Ausschreitungen.

Halloween der Gewalt

Heißer Herbst in Spanien: Proteste und Randale wegen Corona-Maßnahmen

  • vonMarco Schicker
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In etwa 30 spanischen Städten von Bilbao über Madrid und Barcelona bis hin zu Sevilla kam es am Halloween-Wochenende zu Protesten von Corona-Gefrusteten und Ausschreitungen zwischen Randalierern und der Polizei. Rechtsextreme Vox gießt Öl ins Feuer, das Chaos kommt ihr gelegen.

Madrid - Madrid, Barcelona, Sevilla, Bilbao, Burgos, Alicante, Valencia, Vitoria, San Sebastián, Gijón, Santander: Was zunächst in vielen Städten in Spanien als als meist unangemeldete Protestaktionen gegen die neuerlichen Restriktionen wegen der Coronavirus-Pandemie in Spanien begann, kippte bald in gewalttätige Übergriffe, Straßenschlachten, Plünderungen und wütende Zerstörung an städtischem Mobiliar.

"Proteste" in Spanien: Plündernde Banden ziehen durch die Städte

Laut Angaben der Polizei handelte es sich in Barcelona am Freitag zunächst um "heterogene Gruppen" von "Systemgegnern", so die Landespolizei Mossos d`Esquadra. Doch nach den Sprechchören der Demonstrationen flogen Zäune und Farbbeutel, Müllcontainer brannten. Flaschen, Steine und Pyrotechnik ging über die Polizisten nieder. Diese wurden dann konkreter und machten "extrem rechte Gruppen sowie Teile der Szene des Nachtlebens" als verantwortlich aus, die "offenbar Chaos inszenieren wollten".

Die Proteste und Randale von mehreren hundert Personen hielten in der katalanischen Haupstadt, aber auch in Sevilla, Burgos und Bilbao die ganze Freitagnacht an und griffen am Samstag auf viele weitere Städte über. In Burgos spricht die Polizei von "gewaltbereiten, teils plündernden Banden". Auch in Sevilla und Bilbao kam es am Freitag zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei mit mehreren Verhaftungen.

Randale in Madrid: Polizei muss illegale Feiern auflösen

Die rund 150 Demonstranten in Logroño (La Rioja) legten zeitweise den öffentlichen Nahverkehr lahm, in mehreren Städten wurden Geschäfte geplündert, Bushaltestellen demoliert. Jugendliche lieferten sich über Stunden regelrechte Straßenkämpfe mit Einsatzkräften. In Madrid, wo unter anderem auch Bankfilialen angegriffen wurden, musste die Polizei zudem bei über 100 illegalen Feiern und Trinkgelage in Lokalen, Hallen und Privatwohnungen intervenieren und sie auflösen und traf auch dabei teils auf gewalttätigen Widerstand. Auch im "Barrio", der Altstadt von Alicante, kam es zu nächtlichen Jagdszenen zwischen gewalttätigen Gruppen und der Polizei, mehere Müllcontainer brannten.

Die Mossos d`Esquadra, die Landespolizei in Katalonien verhaftete mehrere Menschen am Halloween-Wochenende in Barcelona

Am Ende des Allerheiligen/Halloween-Wochenendes stehen landesweit in Spanien rund 100 Verhaftungen und ebensoviele Verletzte, rund die Hälfte davon Polizisten zu Buche. Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez verurteilte die Aktionen auf seinem Twitter-Account mit den Worten "Das gewalttätige und irrationale Verhalten einer kleinen Minderneit ist nicht tolerierbar. Das ist nicht der Weg." Der Bürgermeister von Madrid, José Luis Martínez Almeida, PP, rief dazu auf, die "Ausgangssperre friedlich zu absolvieren." Sie sei nicht nur verpflichtend, sondern auch ein Zeichen von Vorsicht und Solidarität. Die Landesregierung von La Rioja sprach davon, dass "unsere Region verstört und traurig aufgewacht" sei.

Informationskrieg im Internet - Vox zu Ausschreitungen: "Ganz normale Spanier ohne Arbeit"

Im Internet und den Sozialen Netzwerken zeigen Videos unter anderem Gruppen, die mit rechtsextremen Parolen und dem Faschisten-Gruß durch die Straßen laufen. Dennoch versuchten rechte Facebook-Seiten, die Schuld auf Immigranten-Gruppen und Linksradikale zu schieben, denn "dieses Verhalten sei ja typisch für diese Szene". Vox reklamierte, dass ihre Anhänger friedlich demonstriert hätten, dann aber von Gruppen von Ausländern, Linken und "regierungsnahen Provokateuren" unterwandert worden seien. Mehrere Videoaufnahmen aus Barcelona und anderen Städten zeigen indes das Gegenteil: Zunächst weitgehend friedliche Proteste frustrierter Bürger und Coronaleugner werden von rechtsextremen Gruppen "übernommen".

Straßenszenen aus Barcelona nach einem gewaltsamen Halloween-Wochenende.

Die Explosion der Gewalt in so vielen Städten in Spanien in relativ kurzer Zeit, lässt auf ein koordiniertes Vorgehen, auf einen Mastermind schließen. Es gibt zahlreiche Indizien, die nicht nur auf irgendwelche rechten Gruppen als Unterstützer oder Organisatoren hinweisen, sondern direkt zur rechtsextremen Partei Vox führen. So publizierten auf Facebook sowohl die "Widerstandsgruppen" wie lokale Vox-Strukturen teils wort- und bildgleiche Postings. Der katalanische Vox-Chef Ignacio Garriga ließ verlauten, dass es sich nicht um Randalierer handelte, "die sie als Coronaleugner diffamieren, sondern es sind arbeitslose Arbeiter, Väter ohne Einkommen, Selbständige ohne Aufträge, normale Spanier aus Barcelona, die es satt haben eingesperrt und zum Elende gezwungen zu werden".

Vox plant "heißen Herbst" schon seit dem Sommer

Besonders bezeichnend war die Äußerung von Santiago Abascal, dem Parteichef von Vox, der über Twitter indirekt die Urheberschaft der Proteste anerkannte. Er schrieb: "Es gibt mehr Motive denn je, um gegen diese Regierung, die uns ruiniert, zu protestieren. Ich bitte die Polizei, das Versammlungsrecht zu schützen und die Linksextremen, Menas (unbegleitete Jugendliche, Code für junge Immigranten) und Infiltrierten zu identifizieren, die Randale und Plünderungen provozieren". Er erklärte indes nicht, warum Linksextreme gegen eine Regierung protestieren sollten, die er selbst als linksextrem definiert.

Bereits vor Wochen kursierten interne Papiere bei Vox, die "El País" veröffentlichte, worin ein "heißer Herbst" vorhergesagt wird. Die Kader sollten "sehr aufmerksam sein, um bei Demos diverser sozialer Gruppen gegen die Regierung unterstützend einzugreifen." Damals sagte Abascal: "Wenn die Spanier wollen, wird diese Regierung sehr schnell fallen. Wenn die Spanier sich der Schwere der Situation bewusst werden, kann diese Regierung durch gesellschaftliche Mobilisierung gestürzt werden".

Spaniens Regierungschef, Pedro Sánchez, lobt die „verantwortungsvolle Jugend Spaniens“, beim Aufräumen nach den Straßenschlachten:

Die Abstimmungsniederlage beim Misstrauensantrag im Parlament, bei der sich der Vox-Chef Abascal von seinem einstigen PP-Parteifreund und langjährigen Weggefährten, dem PP-Chef Pablo Casado, öffentlich als nicht politikfähig herunterputzen lassen musste, könnte Abascal nun dazu angestiftet haben, wenn nicht das Land anzuzünden, so doch kräftig Öl ins Feuer zu gießen. Das Ziel: Den großteils berechtigten Frust der sozialen Verlierer der Corona- und Wirtschaftskrise zu nutzen, um Chaos zu stiften und sich dann selbst als Retter Spaniens zu profilieren.

Die Rechnung geht noch nicht auf, im Gegenteil: In Logroño räumten Jugendliche am Morgen danach die Trümmer der nächtlichen Schlachten weg und putzten die Straßen. "Um ein Zeichen zu setzen, dass wir jetzt zusammenstehen müssen und dass "die Jugend" nicht schlecht ist", wie einer der Aktivisten sagte.

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