ein elektroauto wird an einer ladestation aufgeladen
+
Mit Steuermitteln will Spanien den Automobilsektor stimulieren. Ob das Geld länger als eine Batterieladung reicht, zweifeln viele an.

Hilfspaket für Dinosaurier Autobranche

Milliarden für Spaniens Autoindustrie: Bis 5.500 Euro Prämie für Neuwagen-Käufer

  • vonMarco Schicker
    schließen

Spanien gewährt der Automobilindustrie Steuererleichterungen und Subventionen von 3,75 Milliarden Euro. Dazu gehören Prämien für Käufer von Neuwagen von 800 bis 5.500 Euro. Die höchsten Zuschüsse gibt es für E-Autos, aber auch Dieselfahrzeuge werden gefördert.

  • Spanien bezahlt Autoindustrie direkte Subventionen, Garantien für Kredite, Zuschüsse für Forschung und Entwicklung und Gelder für Fortbildung.
  • Neuwagenprämie gestaffelt nach Umweltverträglichkeit der Autos und mit Extra-Bonus bei Abgabe von Gebrauchtwagen.
  • Förderung von E-Autos im öffentlichen und privaten Sektor wird vorangetrieben.

Madrid - Obwohl die Höhe und Art der EU-Hilfsgelder noch immer nicht in trockenen Tüchern ist, gibt Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez bereits Geld aus, um seiner wegen des Coronavirus-Notstandes am Boden liegenden Wirtschaft auf die Beine zu helfen. Die Automobilindustrie ist ein besonders heikles Pflaster in Spanien, denn sie weist zunehmende Tendenzen des Zusammenbruchs auf.

Nissan hat kürzlich beschlossen, seine Werke in Barcelona zu schließen und die anderen Stätten in Spanien an Allianz-Partner Renault zu übergeben, das wird direkt 3.000 und indirekt bis zu 25.000 Arbeitsplätze kosten. Die Aluminiumwerke von Alcoa, die Autoindustrie ist Hauptkunde, mit zigtausenden Arbeitsplätzen bluten seit Jahren aus, regelmäßig brennen vor den Werkstoren gewerkschaftliche Autoreifen. Alcoa wurde schon mehrmals gerettet, ohne gerettet zu werden. Und: Die Neuzulassungen in den Autohäusern gingen in den 100 Tagen des Notstandes um bis zu 90 Prozent zurück.

Keine Zeit für Visionen: Spaniens Autoindustrie braucht jetzt Hilfe

Im Angesicht eines zweistelligen Rückgangs des Bruttoinlandsproduktes in Spanien bei gleichzeitigem massiven Anstieg der Arbeitslosenzahlen 2020 scheint auch in Spanien nicht die Zeit zu sein, Fragen über die Sinnhaftigkeit der Notbeatmung einer Branche zu stellen. Es geht um die Verlangsamung des unausweichlichen Wandels, eine Streckung der Kurve, wie beim Coronavirus selbst.

Das Nissan-Werk in Barcelona, Zona Franca, schließt zum Dezember 2020 endgültig, nach 40 Jahren.

Mit der Förderung von Autos, die weniger Abgase produzieren, versucht die spanische Regierung ihren und den Anspruch der EU nach einer ökologischen Krisenbewältigung wenigstens auf dem Papier gerecht zu werden. In der Praxis sieht es indes so aus, dass auch Dieselfahrzeuge, die in anderen Ländern bald gar nicht mehr verkauft werden, gefördert werden. “Wir wollen die enormen Auswirkungen der Covid-Krise 2020 minimieren, während wir gleichzeitig in die Zukunft schauen", sagte Sánchez. Schauen und gehen sind indes zwei gänzlich unterschiedliche Tätigkeiten.

Staat bügelt Versäumnisse einer Branche aus und zahlt am Ende doch drauf

Regierungschef Pedro Sánchez erklärte den Chefs der Autonomen Regionen am vergangenen Sonntag, dass er 515 Millionen Euro direkt in den Automobilsektor als Fördergelder pumpen wird. Dazu kommen Steuerer- und Abgabenerleichterungen sowie Beiträge der Branche selbst. Zusammen ergäben das 3,75 Milliarden Euro für vier Punkte: Direktinvestitionen, Garantien für ICO-Kredite, Zuschüsse für Forschung und Entwicklung und Gelder für die Fortbildung (und womöglich Umschulung) der Mitarbeiter.

Proteste vor dem Werk von Nissan in Barcelona gegen die verkündete Schließung.

Dass es sich hierbei lediglich um einen Impuls handelt, nicht aber um eine strategische Maßnahme für einen Sektor, der bereits in der Krise durch Kurzarbeit oder Freistellung seine Personalkosten dem Staat überließ, um nun wieder die Hand aufzuhalten, ist leicht ersichtlich. Im Grunde erpresst die Autmobilbranche Spanien. Fließt vom Staat kein Geld mehr, stehen Kürzungen, Schließungen und Umsiedlungen im Raum. Fließt Geld, kommt all das später. Denn der Wandel zum E-Auto findet zumindest im Moment in anderen Ländern statt, sowohl bei Produzenten wie bei Käufern.

Gestaffelte Neuwagenrabatte in Spanien: Mit oder ohne Altauto

Für den Endkunden ist natürlich die geplante Prämie beim Kauf eines Neuwagens am interessantesten. Spanien hat mit den ältesten Fuhrpark Europas, im Schnitt sind die Vehikel hier 13 Jahre alt. Was liegt also näher, ihn mit staatlicher Hilfe zu erneuern. Bis zu 350 Millionen Euro kommen dafür aus dem Staatshaushalt.

Der maximale Zuschuss beträgt 5.500 Euro für Privatpersonen. Dafür muss man ein reines E-Auto kaufen und ein mindestens sieben Jahre altes Altauto abliefern. Weitere 1.000 Euro können Händler und/oder Hersteller noch obendrauf legen.

Wir wollen die enormen Auswirkungen der Covid-Krise 2020 minimieren, während wir gleichzeitig in die Zukunft schauen.

Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez

800 bis 1.600 Euro Rabatt wird der Staat, zusammen mit Händler und Hersteller dem Käufer eines Neuwagens gewähren, wenn dieser keinen Gebrauchtwagen abgibt. Voraussetzung: Eine Privatperson oder ein Selbstständiger kauft einen Neuwagen mit mindestens der Abgas- oder Umweltplakette C. Ist sie besser, gibt es mehr Geld. Für Fahrzeuge mit der Etikettierung ECO der Dirección General de Tráfico (DGT) - also mindestens Gas oder Hybrid - steigen die Prämien auf 1.200 bis 2.000 Euro an, für reine E-Autos können sie auf bis 4.000 Euro ansteigen, ohne, dass man dafür ein Altauto abgeben muss.

Für Unternehmen, die ihre Fahrzeugflotte erneuern wollen, wird die Staffelung der Prämien etwas weiter unten angesetzt, sie starten bei 700 Euro, ab dem 30. Fahrzeug pro Unternehmen starten sie bei 600 statt der 800 Euro für Private. Hinzu kann hier wie da ein Rabatt des Herstellers oder des Händlers von bis zu 1.000 Euro kommen. 500 Euro extra gibt es zudem für die Abgabe eines Gebrauchtwagens von mehr als zehn Jahren Alter.

SUVs und Luxus werden nicht gefördert: Extra für Haushalte mit geringen Einkommen

Ausgeschlossen von einem Rabatt werden alle Autos, die mehr als 120 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstoßen, womit die meisten SUVs draußen bleiben dürften. Die EU fordert für dieses Jahr eigentlich eine Grenze von 95 Gramm, aber Corona erzwingt Ausnahmen. Außerdem darf der Angebotspreis des Fahrzeugs nicht 35.000 Euro übersteigen, 45.000 Euro bei Fahrzeugen für Menschen mit mobilen Einschränkungen oder emmissionfreien Fahrzeugen.

So will man auch verhindern, Rabatte an Millionäre zu bezahlen, es sei denn, sie kaufen sich den neuesten Tesla. Und es gibt noch ein soziales Extra: Haushalte mit Einkommen unter 1.500 Euro monatlich bekommen beim Kauf nach obigen Vorgaben eine Sonderprämie von 500 Euro.

Elektrisierung der öffentlichen Fahrzeugflotte

Weitere 100 Millionen Euro stellt der Staat zur Verfügung, um den Fuhrpark öffentlicher Einrichtungen weiter zu elektrisieren. Außerdem erhalten die Kommunen 100 Millionen Euro aus ihren gesetzlich blockierten Überschüssen, wenn sie dafür Elektroautos anschaffen. Der Nachweis, dass sie alte Fahrzeuge ersetzen und die gleiche Funktion erfüllen, ist auch hier Voraussetzung. Zudem gibt es weitere Zuschüsse für Ladestationen.

Während die Branche, die Gewerkschaften und sogar die E-Auto-Lobby den Plan weitgehend begrüßen, bleiben die Umweltschützer von Ecologistas en Acción kritisch. Sie stoßen sich daran, dass Autos mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren überhaupt noch gefördert werden und hätten "die öffentlichen Gelder lieber in den öffentlichen Verkehr" investiert gesehen, vor allem in Infrastrukturen für Fußgänger, Radfahrer und umweltfreundliche Transportmittel in Innenstädten.

  • Marco Schicker
    schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare