Was bei der Covid-19-Bekämpfung schief läuft

Coronavirus in Spanien aktuell: Zahlen, Hintergründe und Entwicklungen - Updates

  • vonStephan Kippes
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  • Marco Schicker
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Deutschland hat Spanien mit einer Reisewarnung stigmatisiert. Die Corona-Fallzahlen liegen nicht überall jenseits des Grenzwerts. Trotzdem hat sich Spanien Versäumnisse zuschulden kommen lassen. - Aktuelles zum Coronavirus in Spanien.

  • Deutschland erklärt Spanien zum Risikogebiet und rät von Reisen ab.
  • Die Grenzwerte an der Costa Blanca und der Costa del Sol liegen weit unter dem Wert, ab dem Berlin eine Reisewarnung ausspricht.
  • Die neuen Ausbrüche sind Versäumnissen bei der Früherkennung geschuldet.

Update, 24. August, 17:22 Uhr: Zu den neuesten Entwicklungen des Coronavirus in Spanien, Expertenstimmen zu den Fallzahlen und den Aussichten der „zweiten Welle“, ein Kommentar und aktuelle Updates.

Coronavirus Spanien aktuell: Überblick

nische Gesundheitsministerium hat am Freiag 8.148 neue positiv Getestete in die Statistik aufgenommen, 3.650 davon wurden in den letzten 24 Stunden registriert. 25 Todesfälle gab es wegen Covid-19 in den letzten 24 Stunden in Spanien. Die Zahl der stationär in Krankenhäusern behandelten Menschen - die eine verlässlichere Tendenz über die Schwere der Krise anzeigt als die PCR-Tests - hat sich in der vergangenen Woche gegenüber der Vorwoche verdoppelt, auf ungefähr 1.800. Sorgen bereitet jetzt auch der bevorstehende Schulstart nach den Sommerferien im September.

Coronavirus Spanien: Neue Quarantänen, Bordells geschlossen

Verschiedene Regionen haben unterschiedliche Maßnahmen angekündigt. Madrid - mit allen 1.199 neuen Positiven binnen 24 Stunden - "empfiehlt" den Menschen der am meisten betroffenen Regionen "zu Hause zu bleiben", hingegen wurde für die Stadt Alcántara in der Provinz Cáceres (Region Extremadura) wieder die Phase 2 des Deeskalationsplans angeordnet. In Castilla y León werden ab Samstag zwei Orte in der Provinz Segovia unter Quarantäne gestellt. Katalonien und Castilla La Manche ordnen die Schließung aller Bordelle an. Das Baskenland spricht - nach 724 neuen Fällen an einem Tag - von "der zweiten Welle". In Katalonien wurde außerdem die Schließung von Bars und Diskotheken auf unbestimmte Zeit verlängert.

Zu den Entwicklungen des Coronavirus in der Region Valencia / Costa Blanca.
Entwicklung des Coronavirus in der Region Murcia / Costa Cálida.
Zur Entwicklung des Coronavirus in der Region Andalusien / Costa del Sol, Costa de la Luz

Wer sich vor der Rückreise nach Deutschland in Spanien auf Coronavirus testen lassen will, findet hier alle Infos dazu.

Update, 21. August, 10.30 Uhr: Die spanische Regierung stimmt die Bevölkerung auf eine härtere Gangart gegen die Coronavirus-Epidemie ein, wohl auch mit Hinblick auf den bevorstehenden Schulanfang im September. „Damit mit niemand im Unklaren ist: Die Dinge laufen nicht gut“, sagte Fernando Simón, Leiter des sanitären Krisenstabes der Regierung.

Simón musste am Donnerstag 7.039 Neuinfizierte in die Statistik aufnehmen, wobei „lediglich“ 3.349 Infektionen auf die vorausgegangenen 24 Stunden zurückzuführen sind. „Die Pandemie ist nicht im ganzen Land außer Kontrolle, aber wohl in einigen konkreten Gebieten.“ Jeden Tag nehmen die Ansteckungen zu. „Wenn wir zu lassen, dass die Zahlen steigen, werden wir - auch wenn es sich um leichte Fälle handelt - am Ende viele Menschen in den Krankenhäusern, viele Patienten in den Intensivstationen und viele Tote haben“, sagte Simón, der diesmal von seiner beruhigenden Art abwich und einen harten Tonfall anschlug.

Die Region Madrid tut sich schwer, das Virus unter Kontrolle zu bringen. Die Fallzahlen liegen dort bei 2.344, es folgen Katalonien mit 1.095, Andalusien mit 599, das Baskenland mit 544, Kastilien und León mit 388 und Aragón mit 350.

Auch die Grenzwerte, die etwa für eine Reisewarnung herangezogen werden, verschlechtern sich. Inzwischen liegt der Durchschnittswert für den Zeitraum von zwei Wochen bei 142,27 Infizierten unter 100.000 Einwohnern Der von der Bundesrepublik Deutschland herangezogene Grenzwert für den Zeitraum von einer Woche liegt bei 75,66, also weit über der 50er-Marke.

Die Anzeichen verdichten sich, dass der Druck auf das Gesundheitswesen sich wieder erhöhen könnte. So stellten die Gesundheitsbehörden in den vergangenen zwei Wochen bei 21.000 Infizierten Symptome einer Covid-19-Erkrankung fest. Im Lauf einer Woche mussten 1.407 Covid-19-Patienten zur stationären Behandlung in Krankenhäuser eingeliefert werden, fast doppelt so viele wie in der Woche zuvor. Die Intensivstationen verzeichneten 90 neue Patienten binnen einer Woche. Die Todesfälle von vergangener Woche belaufen sich auf 122, wobei Simón Schwierigkeiten bei der Erfassung einräumen musste.

Es gibt auch gute Nachrichten. Die Pandemie verläuft derzeit bei weitem nicht so schlimm wie im März. Das Durchschnittsalter der Coronavirus-Infizierten liegt bei Frauen bei 39 und bei den Männern bei 37 Jahren. Zu Corona-Hochzeiten im März mussten sich Menschen im fortgeschrittenen Alter von im Schnitt 62 beziehungsweise 63 Jahren einer Infektion stellen, vor zwei Monaten lag der Schnitt noch bei 53 Jahren.

Die hohen Fallzahlen hängen laut Simón auch mit der hohen Testdichte zusammen. In Spanien führten die Behörden derzeit nicht nur rund 60.000 PCR-Tests am Tag durch, sondern man teste auch in Gebieten mit hohen Infektionsraten. Dies habe zufolge, dass das Durchschnittsalter sinke und bei vielen Personen eine Coronavirusinfektion festgestellt wird, obwohl sie unter gar keinen Covid-19-Krankheitssymptomen leiden. Deswegen benötigten derzeit nur vier Prozent aller Infizierten eine stationäre Behandlung, zu Hochzeiten lag der Anteil bei 55 Prozent. Die Todesrate hat sich auf 0,4 Prozent gesenkt.

Wie viele Politiker appellierte auch Fernando Simón an das Verantwortungsbewusstsein der Jugend. „Wir können nicht zulassen, dass uns die Situation wieder aus den Händen gleitet. Es gilt nicht zu sagen, wir sind jung und uns passiert nichts. Jeder junge Mensch steckt am Ende Mitglieder seiner Familie an und das auch ältere und anfälligere Menschen.“ Er rief sogar „Influencer“ in den Sozialen Netzwerken auf, mitzuhelfen, die Pandemie einzudämmen. „Ich verstehe, dass die Leute ausgehen wollen, aber es gibt verschiedene Arten, Party zu machen. Und ich glaube, dass alle, die in irgendeiner Form Einfluss auf die Gesellschaft nehmen können, auf die Leute einwirken sollten, damit sie sich der Situation entsprechend verhalten.“

Update, 19. August, 17:40 Uhr: Das spanische Gesundheitsministerium hat für die letzten 24 Stunden 3.715 neue positive Tests auf das Coronavirus in die Statistik aufgenommen, mit Nachmeldungen kamen 6.671 Fälle hinzu. In den vergangenen sieben Tagen seien 131 Menschen in Spanien wegen Covid-19 gestorben, - eine Verdopplung gegenüber der gleichen Woche des Vormonats - außerdem wurden 127 weitere Covid-Todesfälle nachgemeldet, so erhöht sich die offizielle Zahl der Todesopfer durch die Pandemie in Spanien auf insgesamt 28.797.

In den vergangenen sieben Tagen wurden in Spanien 1.336 Menschen wegen Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert, 84 davon mussten neu auf die Intensivstation. Spanien zählt derzeit über 1.000 aktive Infektionsherde (ab vier Personen), mit zusammen rund 12.000 Infizierten.

Update, Mittwoch, 19. August, 7.00 Uhr: Das spanische Gesundheitsministerium hat am Dienstag 2.128 neue positive Tests auf das Coronavirus in die Statistik aufgenommen, knapp 300 mehr als am Montag. 704 entfallen auf die Region Madrid. Binnen 24 Stunden mussten zudem 320 Patienten wegen Covid-19 neu in Krankenhäuser eingeliefert werden, 24 kamen neu auf Intensivstationen. Spanien registriert binnen 24 Stunden 24 Tote wegen des Coronavirus.

Fernando Simón, Leiter des sanitären Krisenstabes der Regierung nennt den landesweiten Anstieg "sanft", wiewohl Spanien jetzt europaweit die höchste Quote an positiv Getesteten aufweist. Die Situation in Madrid findet er hingegen "besorgniserregend" auch mit dem bevorstehenden September-Effekt vor Augen (siehe voriges Update).

Am Dienstag traten landesweit in Spanien neue Regeln für die Gastronomie, das Verhalten im öffentlichen Raum und weitere in Kraft, um die Rückfall-Welle in Spanien zu bremsen.

Der „spanische Drosten“, Dr. Fernando Simón, Chef des Sanitären Krisenstabes der Regierung, bei seiner täglichen Pressekonferenz.

Update, Montag, 17. August, 19.20 Uhr: Das spanische Gesundheitsministerium hat am Montag 16.269 neue positive Tests auf das Coronavirus seit Freitag in die Statistik aufgenommen. 5.392 davon entfallen auf die Region Madrid, 2.720 auf Katalonien, gefolgt von Aragón und dem Baskenland mit je über 1.400 Fällen. Außerdem starben laut Ministerium in den letzten beiden Tagen 29 Personen an den Folgen der Erkrankung Covid-19.

Am Montag gab es in Spanien, so Simón weiter, 4.124 wegen Covid-19 in Krankenhaus liegende Patienten, davon 569 auf Intensivstationen. 1.016 bzw. 56 davon kamen allein in der vergangenen Woche hinzu. In den Hospitälern "herrsche keine Überlastung, aber einige Krankenhäuser spüren steigenden Stress beim medizinischen Personal. Einmal weil Sommer ist (Ausfall durch Urlaub), zum Zweiten wegen der wieder steigenden Patientenzahlen und zum dritten, weil man noch immer abarbeitet, was man während der ersten Welle der Coronavirus-Krise nicht erledigen konnte."

Regierung in Spanien fürchtet „Explosive Mischung ab September" in Großstädten

Die Einschätzung von Fernando Simón, Leiter des sanitären Krisenstabes der Regierung der letzten Tage bleibt aufrecht: Ja, das Durchschnittsalter der Positiven geht gegen 40 Jahre, ja, mehr Tests, heißt: mehr positive Ergebnisse. „Heute spüren wir 60-70 Prozent der Infizierten auf, im März und April waren es weniger als 10 Prozent“, so Simón. „Was wir mit den vielen Tests wollen: Aufspüren“, sich einen Überblick über Tendenzen zu schaffen. Das sei vor allem wegen der zu erwartenden „explosiven Mischung ab September“ in Großstädten geboten, dann wenn Urlaubsrückkehrer, Schulanfang und betreuende Großeltern aufeinander treffen. Später käme dann noch die Erkältungs- und Grippesaison hinzu.

Luftbrücke Mallorca: Die Fiesta ist vorbei - Deutsche räumen Balearen, Veranstalter bieten Umbuchungen

Update, 17. August, 12:00 Uhr: Die großen deutschen Reiseveranstalter haben am Wochenende rund 40.000 deutsche Touristen aus Mallorca nach Deutschland zurückgebracht, aber praktisch keine neuen Urlauber auf den Balearen abgeliefert. Der Touristen Hot Spot Spaniens verwaist zusehends, laut Branchenverbänden werden in den kommenden Tagen bis zu 400 Hotels allein auf Mallorca schließen. Große Veranstalter wie TUI sowie die großen Airlines haben ihre Angebote für Mallorca wegen der Reisewarnung des Auswärtigen Amtes praktisch gegen Null gefahren und bieten ihren Kunden Umbuchungen an. Was Reisende von und nach Spanien jetzt beachten sollten.

Katalonien: Binnen einer Woche mussten 400 Menschen wegen Covid-19 ins Krankenhaus

1.169 neue positiv auf das Coronavirus Getestete meldet die Landesregierung Katalonien am Montag, 17. August, für die vergangenen 24 Stunden, 985 waren es am Tag davor. Schon seit einigen Wochen ist die Tendenz erkennbar, dass in Spanien wieder mehr Menschen wegen Covid-19 stationär in Krankenhäusern behandelt werde müssen: 50 Menschen waren es allein am Sonntag in Katalonien, 10 davon werden auf Intensivstationen behandelt. Binnen einer Woche waren es 398 neue Krankenhauspatienten, davon 65 auf den Intensivstationen UCI in Katalonien. Zahlen zur Lage in ganz Spanien werden am frühen Montagabend erwartet.

Rund 3.000 Menschen demonstrierten am 16. August in Madrid gegen die Coronavirus-Maßnahmen der Regierung von Spanien.

In Spaniens Hauptstadt Madrid versammelten sich am Sonntag Unzufriedene und Virusleugner, um gegen die Regierung und deren Maßnahmen gegen das Coronavirus zu protestieren.

Erstmeldung, 15. August, Madrid - Nun gilt das Traumziel Spanien auch für Urlauber aus Deutschland als eine Gefahrenzone. Jedenfalls rät das Auswärtige Amt von Reisen nach Spanien ab, das wegen wieder schnell steigender Infektionszahlen als Coronavirus-Risikogebiet eingestuft ist. Die offizielle Reisewarnung erfasst ganz Spanien mit Ausnahme der abgelegenen Kanarischen Inseln. Eine Reisewarnung ist noch kein Reiseverbot, sie schreckt Urlauber aber ab. Deutschen in Spanien stößt es auch übel auf, man denkt an Verwandte, Freunde oder Familienmitglieder, deren Besuch man womöglich wegen Covid-19-Phobie abschreiben muss und von denen man sich nun irgendwie abgeschnitten fühlt. Wer will schon riskieren, nach einem Strandurlaub in Quarantäne zu müssen oder gar eine Corona-Infektion als Souvenir mit nach Hause zu bringen.

Die Einstufung als Risikogebiet bedeutet, dass für heimkehrende Urlauber eine Testpflicht auf das Coronavirus greift. Eine Reisewarnung geht weiter. Sie soll die Menschen noch entschiedener davon abhalten, in bestimmte Regionen zu reisen. Und sie hat eine positive Seite für Verbraucher: Sie ermöglicht, Buchungen kostenlos zu stornieren.

Reisewarnung wegen Corona: Testpflicht bei Rückkehr für Spanien-Urlauber

Die Testpflicht gilt laut Verordnung für alle, die nach Deutschland aus einem Risikogebiet einreisen. Das heißt: Entweder man lässt sich noch in Spanien höchstens 48 Stunden vor der Abreise auf das Coronavirus testen und legt einen Negativ-Nachweis in deutscher oder englischer Sprache vor oder man muss sich nach der Ankunft in Deutschland testen lassen. Tests im Ausland sind aber selbst zu zahlen, in Deutschland ist es kostenlos möglich. Rückkehrer sollten sich gleich an Flughäfen, Bahnhöfen und Häfen testen lassen - oder später in anderen Testzentren und Praxen ihres Ortes. Teststellen soll man auch unter der ärztlichen Servicetelefonnummer 116 117 erfragen können. Den Test muss man nach Aufforderung des Gesundheitsamts binnen 14 Tagen nach Einreise machen - und in Quarantäne bleiben, bis das Ergebnis da ist. In der Regel dauert es 24 bis 48 Stunden.

Dabei gilt ein Land als Risikogebiet, sofern es das Robert-Koch-Institut RKI „zum Zeitpunkt der Einreise“ auf seiner Internetseite veröffentlicht hat - dies war am Freitagabend der Fall. Aus der EU stehen aktuell auch Luxemburg, die belgische Provinz Antwerpen sowie Teile Rumäniens und Bulgariens auf der Liste der Risikogebiete. Diese Einstufung ist nicht gleichbedeutend mit Reisewarnungen, die das Auswärtige Amt für Länder wie Spanien ausspricht.

Wer aus dem Spanienurlaub zurückkehrt, muss sich auf Corona testen lassen.

Die Entscheidung aus Berlin dürften für die spanische Wirtschaft nur eine weitere Hiobsbotschaft in dieser neuen Normalität sein, die abermals die Balearen sowie die Mittelmeerküste von Katalonien bis nach Andalusien besonders hart trifft. Schließlich rät ja nicht nur Deutschland von Reisen nach Spanien ab, sondern auch andere wichtige Märkte, darunter Großbritannien oder der Nachbar Frankreich. Der Wirtschaftsmotor Spaniens - der Tourismus fuhr normalerweise zwölf Prozent für das Bruttosozialprodukt ein - stottert ja schon seit Jahresbeginn. Das Ausmaß dieser Katastrophe lässt sich für das erste Halbjahr mit Einbrüchen bei den Urlauberzahlen und damit den Ausgaben von um die 70 Prozent gut beziffern. 90 Milliarden Euro spülte der ausländische Tourismus vergangenes Jahr ins Land. Sollten tatsächlich 60 Milliarden wegen des Coronavirus wegbrechen, werden sich vor allem die Menschen an der Mittelmeerküste in diesen vom Tourismus viel zu abhängigen Gebieten im Herbst und Winter sehr warm anziehen müssen.

Zentrales Kriterium für die Einstufung als Risikogebiet ist, in welchen Staaten oder Regionen es in den vergangenen sieben Tagen mehr als 50 Neuinfizierte pro 100 000 Einwohner gegeben hat. Über die Risikogebiete führt das bundeseigene Robert-Koch-Institut (RKI) eine Liste, die fortlaufend aktualisiert wird. Sie umfasst derzeit etwa 130 Staaten von Ägypten über Russland bis zu den USA. Sieben Regionen Spaniens einschließlich Mallorca liegen über diesem Wert, die Balearen kommen auf 80. Scheint viel, absolut aber erfassten PCR-Tests in den vergangenen sieben Tagen 922 Coronavirus-Infizierte auf den Inseln.

Mitnichten Risikogebiet: Fallzahlen an Costa Blanca liegen unter Grenzwert

Die Costa Blanca gilt ebenfalls als ein Risikogebiet, obwohl die ganze Region Valencia, deren Corona-Hotspots rund um die Landeshauptstadt und nur bedingt an der Costa Blanca anzusiedeln sind, auf einen Wert von 27,22 bei absoluten 1.362 positiv Getesteten bei einer Bevölkerung von fast fünf Millionen kommt, jedenfalls laut den Zahlen des spanischen Gesundheitsministeriums. Die Costa Cálida hat absolut nur 468 Infizierte erfasst und erreicht damit einen Wert von 31,33 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen. Auch Andalusien liegt weit darunter. Man hat den Eindruck, dass der Schutz der Bevölkerung vor möglichen Infektionen sehr ernst genommen wird. Hoffentlich nimmt man die Menschen mit ebenso großer Um- und Weitsicht in Schutz, wenn das soziale Elend um sich greift.

Während der frühere Corona-Hotspot Italien die Lage derzeit einigermaßen im Griff hat, kennen die Infektionszahlen in Spanien seit Wochen nur eine Richtung - nach oben. Pro Tag werden zurzeit in dem Land mit gut 47 Millionen Einwohnern fast 3.000 Sars-CoV-2-Neuinfektionen registriert. Das ist wieder so hoch wie im April. Zum Vergleich: In Deutschland mit 83 Millionen Einwohnern waren es am Freitag 1.449, auch das schon sehr beunruhigend. Der spanische Gesundheitsminister Salvador Illa kündigte deshalb am Freitag neue drastische Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus an.

Mit dem Nachtleben ist es vorbei. Diskos und Nachtbars müssen schließen, ab 24 Uhr darf kein Mensch mehr ein Lokal betreten und ab 1 Uhr sitzt jeder auf dem Trockenen. Der Gesundheitsminister wollte Nachtschwärmern keine Schuld an den hohen Ausbrüchen zuschieben, sondern begründete diese Corona-Schutz-Maßnahme mit den verständlich großen Schwierigkeiten, im Falle eines Ausbruchs die Infizierten aufzuspüren. Die Zeit wird zeigen, ob das den Gesundheitsbehörden leichter fällt, wenn die Nachtschwärmer ihre Reviere wechseln. Mitten in den Ferien und bei den Temperaturen im August junge Leute um 1 Uhr ins Bett zu schicken, könnte sich ein als weiterer Flop in den jüngsten Corona-Präventionsmaßnahmen entpuppen. Recht hat der Gesundheitsminister natürlich wenn er sagt, dass Alkohol im Freien nicht konsumiert werden darf. Stoppschilder darf man aber auch nicht überfahren.

Das Rauchen im öffentlichen Raum hat Spanien auch verboten, wenn der Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden kann. Gesundheitsminister Illa appellierte an die Bevölkerung, sich möglichst nicht mehr mit Menschen zu treffen, die nicht in ihrem Haushalt leben. Private Feiern und andere Treffen sollten zudem auf eine Teilnehmerzahl von höchstens zehn Personen beschränkt werden. Bei einer Krisensitzung mit den Vertretern der Regionen in Madrid beschlossen die Politiker insgesamt elf Corona-Schutz-Maßnahmen, wovon einige auch auf eine Erhöhung der Sicherheit in den Altersresidenzen abzielen und andere auf eine Erhöhung der Testdichte - ein Grund übrigens, warum die Fallzahlen steigen.

Derzeit lodern in Spanien rund 850 lokale Ausbrüche. Glücklicherweise leiden die meisten Betroffenen nur unter milden Krankheitssymptomen, was vor allem daran liegt, dass die Infizierten in der Regel jünger sind als im März und April. Trotzdem steigt die Zahl der Corona-Patienten in Krankenhäusern wieder. Die Situation lässt sich aber nicht mit der im Frühjahr vergleichen, als Patienten teilweise auf den Fluren starben und manche Krankenhäuser nicht mehr wussten, wohin mit den Leichen. Aber Ärzte warnen vor einer absehbaren Überlastung. Die Grippezeit rückt unaufhaltsam näher.

Tragisch am Fall Spanien ist, dass die Bevölkerung ohne zu Murren und mit beachtlicher Disziplin der Corona-Pandemie mit den härtesten Quarantäne-Auflagen begegnete - und sie rechtzeitig vor Beginn der Reisezeit in die Knie zwang. Wie aber lässt sich erklären, dass das Land nun in der neuen Normalität abermals harscher von Corona-Ausbrüchen als der Rest Europas heimgesucht wird? Gründe gibt es viele, einmal die Reisezeit. Nicht nur Ausländer, sondern auch Spanier konnten es kaum erwarten, dem Ort wochenlanger Quarantäne zu entfliehen. Dass die Coronazahlen wieder steigen würden, war allen klar. Was überrascht ist lediglich das Ausmaß der Anstiege.

Viele der ersten neuen Ausbrüche entstanden im familiären Umfeld. Zwei Monate mussten Spanier auf Familientreffen verzichten und holten diese dann - vielleicht etwas zu früh - nach. Vorsichtsmaßnahmen wie Maskenpflicht und Abstandsgeboten fielen bei dem ohnehin kontaktfreudigen und familiären Volk vielleicht zu schnell über Bord. Ähnliches passierte auch bei den ersten Treffen mit Freunden, bei Café in der Bar um die Ecke oder im Nachtleben.

Gar nicht vorhanden dürften die Präventionsmaßnahmen bei den ersten Ausbrüchen im Arbeitsumfeld gewesen sein. Die trugen sich in der Landwirtschaft in Aragón und in der Fleischindustrie zu, wo es mitunter barbarisch zugeht und ausländische Immigranten und Erntehelfer in armseligen Hüttensiedlungen regelrecht gepfercht werden. Die Infektionen sprangen schnell auf die Bevölkerung über und brachten Aragón und Katalonien in der Gegend um Lleida in große Schwierigkeiten. Die ersten Reisewarnungen des Auswärtiges Amtes zielten auch Katalonien, Aragón, Navarra und das Baskenland ab.

Spaniens Corona-Fehler: Frühwarnsysteme sind in vielen Regionen zu schwach

Die großen Schwierigkeiten aber, die Ausbrüche dort und anderswo schnell zu lokalisieren und einzudämmen, haben auch einen anderen Grund. Spanien hat nicht genug in Personal investiert, das neue Ausbrüche ausmachen, Infizierte aufspüren und in Quarantäne schicken kann. Eigentlich eine unverständliche Nachlässigkeit der Regierung. Nach all der Omnipräsenz mit Regelungen, TV-Predigten und Kontrollen während der Deeskalation und des Notstands erweckte es nun den Anschein, als ob Ministerpräsident Pedro Sánchez einfach von der Bildfläche verschwinden würde, ohne die Regionen mit einer so essentiell wichtigen Aufgabe in die Pflicht zu nehmen wie die Stärkung ihrer Früherkennungssysteme. 20 bis 30 Fachkräfte benötigt man pro 100.000 Einwohner, um Infektionsherde schnell und konsequent einzudämmen. Spricht Bände, dass Regionen wie Katalonien, Madrid und Aragón , die am wenigstens in dieses Schutzschild investierten, in größte Schwierigkeiten mit neuen Ausbrüchen kamen, während etwa Valencia der Aufspürung von Ausbrüchen eine großere Priorität einräumte und heute besser dasteht.

Als die Zahlen wieder nach oben gingen und die Regionen sich des Malheurs annahmen,. verlor Spanien eine einheitliche Linie bei den Anti-Corona-Maßnahmen. Stattdessen staunten die Bürger jeden Abend vor dem Fernsehen, über diese Batterie von lokal begrenzten Lockdowns, Rückkehren in die Phase 2 des Deeskalationsplans und anderen örtlichen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Es kam ja fast jeden Tag eine andere Maßnahme und am Ende so viele mit so unterschiedlichem Sinn und Erfolg. Nun ist das Land fast an dem Punkt angelangt, dass eine Hälfte der Bevölkerung hypernervös auf Corona reagiert und die andere Hälfte dem Schutz ihrer Gesundheit und dem ihrer Mitmenschen fast mit Gleichmut begegnen. Begleitet wird diese Spaltung von einem starken Aufkommen von Fakenews und Spekulationen über Grenzschließungen und Lockdowns im September. Auf diesem Stand ist Spanien heute, wenige Wochen vor der Rückreisewelle, dem Schulbeginn, der Rückkehr zur Arbeit unter dem Zeichen von Corona..

Rubriklistenbild: © Ministerio de Sanidad

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