Ärzte ohne Grenzen prangern Missstände in Seniorenresidenzen an

Skandalvideo aus Altenheim in Spanien - Pflegerinnen misshandeln Seniorin

  • vonStephan Kippes
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Zwei Altenpflegerinnen werden in Spanien gefeuert, weil sie ein geschmackloses Video auf Instagram stellen, in dem sie die menschliche Würde einer Patientin verletzen.

  • Seniorenresidenz feuert zwei Pflegerinnen wegen Misshandlung eines Pflegefalls
  • Beide Pflegerinnen veröffentlichen ein Video, in dem sie sich über Patientin lustig machen
  • Gewerkschaften warnen vor Überlastung des Personals angesichts steigender Corona-Fallzahlen

Terrassa – Ein beklagenswerter Einzelfall, Folge einer Überbelastung oder ungewollter Einblick in menschliche Abgründe? Die Seniorenresidenz Mossèn Horns in Terrassa in Spanien hat zwei Pflegerinnen entlassen, weil sie eine pflegebedürftige Seniorin misshandelt haben sollen. Die Kündigung basiert auf einem Video, das die beiden Krankenpflegerinnen selbst auf Instagram veröffentlicht haben und das für jeden einsehbar ist.

Skandal-Video aus Altenheim: Pflegerinnen aus Spanien machen sich über Seniorin lustig

Offensichtlich waren die beiden jungen Altenpflegerinnen sich keiner Schuld bewusst. Eine physische Misshandlung ist nicht zu sehen. Schockierend ist vielmehr, wie die beiden Angestellten in dem katalanischen Pflegeheim in der Provinz Barcelona sich über eine pflegebedürftige Person lustig machen und dabei ihre menschliche Würde mit Füßen treten - nur weil ein Pflegefall nicht schnell genug isst oder die Tablette nicht schluckt. Zwischen den geschmacklosen und bitter-ironischen Kommentaren klingt aber auch durch, wovor einige Regionalregierungen wie die in Valencia oder Gewerkschaften warnen – vor der Überbelastung des Personals in vielen Seniorenzentren wegen der Coronavirus-Krise und fehlenden Investitionen.

Coronavirus in Seniorenresidenzen: Infektionsherde nehmen zu

Derzeit erfasst das spanische Gesundheitsministerium 1.100 Infektionsherde in Spanien, ein Anteil von 7,4 Prozent wird den Seniorenresidenzen zugeordnet. „Die Infektionsherde in diesen Zentren sind diejenigen, die uns am meisten sorgen, aber auch diejenigen, in die wir die größten Anstrengungen unternehmen, um sie einzudämmen und eine Ausbreitung zu verhindern“, sagte Fernando Simón, Leiter des nationalen Krisenkoordinationszentrums für Epidemien.

Die Zustände in einigen Pflegeheimen stehen in der Kritik.

Vor dem Hintergrund erneut zunehmender Corona-Infektionszahlen hat auch die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen die Zustände in Seniorenwohnheimen scharf kritisiert. Dringende Maßnahmen seien nötig, um die Bewohner besser zu schützen. Während der Pandemie habe es eine „inakzeptable Vernachlässigung“ der Insassen von Altersheimen gegeben, hieß es in dem Bericht von Ärzten ohne Grenzen.

Ärzte ohne Grenzen prangern die Zustände in Seniorenresidenzen in Spanien an

Die Virusausbreitung habe ein strukturelles Defizit an Ressourcen, medizinischer Aufsicht und Notfallplanung in den Altersheimen landesweit aufgedeckt, hieß es. „Diese Kombination hat es unmöglich gemacht, angemessen auf die Pandemie zu reagieren. In Altersheimen fehlten notwendige Ressourcen für Gesundheit und Pflege. Das hat sich direkt auf die Gesundheit der Bewohner ausgewirkt“, sagte Ximena di Lollo, die für die Unterstützung von Altersheimen zuständige Landeskoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen.

„Die entsetzlich hohe Todesrate von älteren Bürgern in Pflegeheimen während der schlimmsten Monate der Pandemie im Frühjahr darf sich nicht wiederholen“, sagt Di Lollo. Nach Angaben des Madrider Ministeriums für Gesundheit starben zwischen dem 6. April und dem 20. Juni 27.359 Bewohner in den mehr als 5.000 Altersheimen des Landes. Diese hohe Sterblichkeit war laut Bericht die Folge ernster Mängel beim Management der Pflegeheime sowie in der Koordination zwischen den verschiedenen Behörden und Betreibern.

Im Bericht wird unter anderem ein Feuerwehrchef zitiert, der Desinfektionsaktionen in Altersheimen geleitet habe. Heimmitarbeiter hätten aus „Angst, die Kontrolle zu verlieren“, die Senioren gegen deren Willen zum Teil in den Zimmern eingesperrt, heißt es. „Es gab viele geschlossene Türen, zum Teil mit Schlüssel abgeschlossen, und Menschen, die an den Türen klopften und inständig darum baten, rausgehen zu dürfen. Ein Horror“. (mit dpa)

Rubriklistenbild: © Ángel García

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