Ein Bewohner des Pflegeheims San Jeronimo wird gegen Corona geimpft.
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Die Durchimpfung gilt als einziges Mittel gegen die Pandemie.

Coronavirus breitet sich in Spanien aus

Coronavirus Spanien aktuell: Dritte Welle nimmt Fahrt auf, Impfungen auch

  • vonStephan Kippes
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  • Marco Schicker
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Das Coronavirus ist wieder auf dem Vormarsch in Spanien. Gesundheitsminister Illa warnt vor „harten Wochen“. Bewegungs- und Versammlungsfreiheiten werden weiter eingeschränkt.

  • Intensivstationen in Spaniens Krankenhäusern fast 25 Prozent mit Covid-19-Patienten belegt
  • Behörden reagieren mit neuen Sperrstunden, Einschränkungen in Gastronomie und Abriegelungen
  • Durchimpfung der Bevölkerung schreitet langsam, aber stetig voran

Update, 14. Januar: Coronavirus Spanien aktuell: Tödliche Routine in dritter Welle + Daten, Links, Updates

Tödliche Routine: Dritte Corona-Welle überrollt Spanien

Update, 12. Januar, 11.30 Uhr: Der Chef des Sanitären Krisenstabes der spanischen Regierung, Fernando Simón, erklärte am Montag, 11. Januar, nüchtern und klar, warum die Corona-Zahlen in Spanien wieder so dramatisch steigen: "Wir ließen es uns zu Weihnachten wohl besser gehen als wir sollten". Daher "werden wir einige harte Wochen vor uns haben". Formeln, die fast zur Routine geworden scheinen. Laut Simón sind auch nicht irgendwelche stärker ansteckenden Mutationen Schuld an dem Anstieg, "sondern nur unser Verhalten".

Die Zahlen der "dritten Welle" sind schon jetzt dramatisch, auch wenn der Höhepunkt erst für Mitte Februar erwartet wird: Die 14-Tage-Inzidenz hat sich am 11. Januar binnen eines Monats auf landesweit 435 Fälle pro 100.000 Einwohner mehr als verdoppelt. In Madrid, Kastilien und La Mancha sowie der Region Valencia liegt die Inzidenz über 500, auf den Balearen bei 600, in Extremadura ist sie mit 1.021 völlig außer Kontrolle. Valencia liefert zudem derzeit den höchsten Anteil positiver Tests, fast einer von dreien ist hier positiv und die Region stellt derzeit mit Abstand die meisten Toten: 153 binnen sieben Tagen. Andalusien mit doppelt so vielen Einwohnern meldete im gleichen Zeitraum 60 und hat eine Inzidenz von unter 190. Mehr Aktuelles zur Corona-Lage in Andalusien, der Region Murcia und der Region Valencia.

Die Auslastung der Intensivstationen in Madrid lag am 11. Januar bei 35 Prozent, die Krankenhäuser in Zentralspanien werden zudem noch mit massenweisen Unfallopfern aufgrund der Schneeglätte belastet. Mit über 40 Prozent Auslastung erreichten die UCIs in Katalonien, auf den Balearen und in der Region Valencia wieder eine kritische Dynamik, wohlgemerkt noch vor dem erwarteten Höhepunkt der neuen Welle, die das Potential hat, die anderen beiden in den Schatten zu stellen.

Die Krankenhäuser entlang der Costa Blanca beginnen nun zu improvisieren, das Hospital in Elche wandelte die Hauskapelle zur Krankenstation um, OP-Säle in Orihuela werden zu Intensivstationen und Torrevieja wie Villajoyosa verwandeln "normale" Stationen zu Isolierstationen für die steigenden Covid-Fälle. Landesweit stiegen die Einlieferungen in Krankenhäusern binnen einer Woche um ein Viertel und in die Intensivstationen um 15 Prozent.

Die Zahl der Covid-Toten in Spanien wird weiter und wieder steigen, stark steigen, wie die aktuellen Entwicklungen nahelegen. 401 Covid-bedingte Todesfälle meldete das spanische Gesundheitsministerium allein für das vergangene Wochenende.

Die Regionen passen ihre Restriktionen an die Zahlen an, womit sie naturgemäß zu spät kommen. So schließen die Balearen jetzt einmal wieder die Gastronomie, in anderen Regionen wie den Kastiliens wird sie auf die Terrassen und "To Go" beschränkt, Valencia hat die Zeitfenster verengt, die Sperrstunden und Ausgangssperren ausgeweitet, um private Partys zu verhindern, den Leuten das Feierabendbier zu verleiden, den Gastronomen das Geschäft aber nicht ganz abzudrehen. In Murcia, aber auch in Valencia nimmt die Zahl der Ortschaften zu, die abgeriegelt werden. Die Gastwirtschafts-Branche leidet neben dem nun bald ein Jahr andauernden Umsatzeinbruch vor allem durch die völlige Ungewissheit.

Valencias Regionalchef Ximo Puig warnte zudem vor "bulos", also bösartigen Gerüchten, er hätte den häuslichen Einschluss seiner Bürger schon geplant. Das darf er gar nicht, für eine häusliche Quarantäne bräuchte es einen erweiterten Notstand von Seiten des Regierungschefs und des Parlamentes in Madrid.

Die Covid-Impfkampagne in Spanien ist hingegen immer noch in der Anlaufphase. Bis Montag hatten 406.000 Personen in Spanien ihre erste Dosis erhalten, also noch unter einem Prozent der Gesamtbevölkerung. Begonnen hatte die Kampagne am 27. Dezember. Das Schneechaos in Madrid hatte zudem die Landung von Impfdosen verhindert, die nun aus Vitoria im Baskenland auf dem Straßenweg zu den Verteilerzentren in der Hauptstadt transportiert werden müssen.

Erstmeldung, 8. Januar: Madrid - Die Ausbreitung des Coronavirus nimmt in Spanien wieder besorgniserregende Ausmaße an. 6.498 Neuinfektionen binnen 24 Stunden melden die Gesundheitsbehörden am Donnerstag, die 14-Tages-Inzidenz steigt auf 321 an. „Die Zahlen sind schlecht. Die Inzidenz, der Druck auf die Krankenhäuser, der hohe Anteil Positiver bei den PCR-Tests und die Zahl der Toten steigen. Die Pandemie verschlimmert sich. Es kommen schwere Wochen auf uns zu. Wir wissen, was zu tun ist. Wir müssen die sozialen Kontakte und die Mobilität senken“, sagte Gesundheitsminister Salvador Illa am Freitag.

Coronavirus Spanien: Immer mehr Regionen mit „extremer“ Ansteckungsgefahr

Ob dieser Entwicklung fordern einige Regionen verschärfte Maßnahmen, auch weil die Festtage und Feierlichkeiten sich in den aktuellen Fallzahlen noch nicht voll niederschlagen. Kastilien León plädierte offen für einen zweiwöchigen Hausarrest – kam aber damit nicht durch. Nicht gut sieht die Entwicklung in Katalonien, Madrid und Valencia aus. Diese drei Gebiete vereinten vor Tagen zwei Drittel aller neuen Ansteckungen. Nun liegen die Inzidenzwerte in Katalonien bei 411, in Madrid bei 452 und in Valencia bei 343 - allesamt weit über dem Wert 250, bei dem von einem „extremen“ Ansteckungsrisiko gesprochen wird. In Valencia fällt fast jeder vierte PCR-Test positiv aus. Außer Kontrolle breitet sich das Virus in der Extremadura aus, die einen Inzidenzwert von 716 verzeichnet. Die Balearen kommen auf 529.

Die Region Murcia hat die Landeshauptstadt und Cartagena und Lorca unter Quarantäne gestellt. Katalonien riegelte alle Kommunen ab und auch Valencias Landesministerpräsident Ximo Puig legte die Sperrstunde auf 22 Uhr fest und riegelte ebenfalls die ganze Region bis Ende Januar ab. Ohne triftigen Grund dürfen Valencianer nicht aus- und Auswärtige nicht einreisen. Nun muss die Gastronomie um 17 Uhr dichtmachen und mehr als vier Personen dürfen nicht an einem Tisch sitzen. Viele Orte an der Küste gleichen abends Geisterstädten.

Coronavirus an Costa Blanca: Werden Dénia und umliegende Gemeinden abgeriegelt?

Noch schlimmer erwischt es Oliva und Polop, die abgeriegelt werden. Dort dürfen die Bürger nur noch mit triftigen Grund ihren Wohnort verlassen. Der Nachbar Pego wackelt auch schon und Dénia und die umliegenden Orte an der Costa Blanca verzeichnen Inzidenzwerte über dem Schnitt der Region Valencia von 343. „Die Lage ist ernst. Wir müssen gegen die Resignation ankämpfen, die wir alle verspüren, an unsere Mitmenschen denken und die Vorschriften einhalten“, appellierte Puig ans Verantwortungsbewusstsein der Bürger.

Diese Woche echauffierte sich Spanien über einen illegalen Rave in Barcelona mit 300 Personen, aber in den versteckten Landhäusern brannte in der Silvesternacht bis in den frühen Morgenstunden das Licht und in den Einfahrten standen Dutzende Autos. Auch einige Bilder von dem Andrang von Familien bei Dreikönigs-Auftritten in Valencia spiegeln die soziale Realität wider. Spanier sind bis zu einem gewissen Grad durchaus bereit, ihre Gewohnheiten der Pandemie anzupassen – aber nur bis zu einem gewissen Grad. Und diese Resignation, die Valencias Ministerpräsident anspricht, lässt sich nicht leugnen. Die Pandemie schreitet aber ausgerechnet jetzt rasend schnell voran und es könnte in den nächsten Tagen und Wochen dicke kommen. Die Krankenhäuser in Valencia haben bereits mehr Covid-19- Patienten in stationärer Behandlung als im März und April.

Coronavirus in Andalusien: Acht Gemeinden bei Gibraltar angeriegelt

Mit Sorge verfolgen einige Experten die Entwicklung in Gibraltar. Die Mutation des Coronavirus drückt das britische Gesundheitswesen in die Knie, das mit 960 Infizierten pro 100.000 Einwohnern binnen 14 Tagen mit die höchsten Werte in Europa vermeldet. Nun breitet sich diese sehr ansteckende, aber nicht gefährlichere Variante von Corona auch in der Region Andalusien und vor allem rund um den Affenfelsen aus. Der Campo de Gibraltar verzeichnete am Dienstag 315 Neuinfektionen, womit die Zahl der aktiven Infizierten fast 1.700 beträgt. Die rasante Ausbreitung des Virus in und um La Línea hat die 14-Tages-Inzidenz auf 433 erhöht. Acht Gemeinden im Campo de Gibraltar sind abgeriegelt. Dennoch steht Andalusien mit einer Inzidenz von 187 noch gut im Vergleich mit anderen spanischen Regionen da.

Derweil flackert das Licht am Ende des Tunnels etwas, das mit der Durchimpfung aufgegangen ist. Die Impfkampagne läuft nicht so reibungslos wie viele wünschen. „Das muss sich verbessern. Ich sagte bereits, wir werden bei der Impfung die Geschwindigkeit eines Kreuzfahrtschiffes erreichen und wollen 70 Prozent der Bevölkerung bis Sommer durchimpfen. Und ich glaube, das werden wir schaffen“, sagte Gesundheitsminister Illa. Dennoch hat Spanien bis Dienstag 139.339 Senioren und Pfleger geimpft, am Donnerstag stieg die Zahl auf 207.323 von 743.925 zur Verfügung stehenden Einheiten. Dieses Schutzschild wird täglich größer, zumal seit Mittwoch der Moderna-Impfstoff genehmigt ist, und die EU auch mit den Mitteln von Janssen und Oxford rechnen kann.

Spanien plant in den nächsten drei Monaten ungefähr 2,2 Millionen Menschen zu immunisieren.

Nun gilt es, die Situation in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen zu verfolgen. Dort fällt die Entscheidung, ob weitere Quarantänemaßnahmen kommen. Derzeit benötigen Covid-19 Patienten 24 Prozent der zur Verfügung stehenden Einheiten in den Intensivstationen und lasten die normalen Stationen zu fast zwölf Prozent aus. Die Tendenz geht Woche für Woche nach oben. Einer „extremen“ Belastung sind die UCIs dort ausgesetzt, wo der Anteil jenseits der 25 Prozent liegt. Das ist der Fall auf den Balearen (36), in Katalonien (39), Valencia (35), Madrid (31), La Rioja (35) und in den beiden Kastilien, La Mancha und León. Diesen Gesundheitssystemen droht die Überlastung, wenn der Schwung Neuinfizierter von den Festtagen erkrankt und eine stationäre Behandlung benötigt.

Mit 529 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen 14 Tagen sind die Balearen nach Extremadura an der Grenze zu Portugal (716) die derzeit von Corona am schwersten getroffene Region Spaniens. Mit 707 Infektionen binnen 24 Stunden hätten die Inseln den höchsten Wert seit Ausbruch der Pandemie registriert, sagte die regionale Gesundheitsministerin Patricia Gómez. Besonders schlimm ist die Lage auf Mallorca, wo es innerhalb eines Tages 485 Neuinfektionen gab. Die sogenannte 14-Tage-Inzidenz liegt auf der Insel bei 608. Ab Dienstag müssen alle Restaurants, Bars und Cafés sowie auch alle Kaufhäuser, Einkaufs- und Fitnesszentren für zwei Wochen geschlossen bleiben. Im Einzelhandel sind alle Läden mit einer Verkaufsfläche von mehr als 700 Quadratmetern betroffen. Erlaubt bleibt der Verkauf von Lebensmitteln, Medikamenten und allen Produkten des Grundbedarfs.

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