Mann mit Maske und Coronavirus-Symbol
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Coronavirus schlägt Grippe: Mehr als doppelt so viele Tote 2020 wie während der Grippe-Welle in 2017.

Todesopfer von Covid-19 in Spanien

Coronavirus in Spanien: Nur eine normale Grippe? 45 Prozent mehr Tote als 2019

  • vonStephan Kippes
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  • Stella Kirchner
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In Spanien sind seit vergangenem März 45 Prozent mehr Menschen gestorben als im selben Zeitraum 2019. Doch gehen die Todesopfer alle auf das Konto des Coronavirus? 

  • Coronavirus in Spanien: Das Land beklagte zwischen März und Mai 45 Prozent mehr Tote als in denselben Monaten des letzten Jahres.
  • Die Krankheit Covid-19 forderte vor allem Todesopfer über 70 Jahren und mit Vorerkrankungen.
  • Besonders viele Menschen starben in Madrid und Barcelona, aber auch Alicante und Valencia verzeichneten klar erhöhte Todesraten. In Málaga und Murcia blieb die Zahl der Toten etwa bei der von 2019.
  • Spanier werden immer älter. Seit den 1930ern war die Geburtenrate nicht mehr so niedrig wie jetzt.

Madrid- Schlagzeilen rund um das Coronavirus bestimmen in Spanien die Nachrichten, nach dem Geschmack von einigen Menschen zu sehr. Doch die letzten vom spanischen Statistikinstitut INE präsentierten Daten über die Toten in Spanien widersprechen all jenen, die die Covid-19-Krise provokant als „Grippe-Welle“ abtun. In den ersten 21 Wochen des Jahres 2020, also von Januar bis Ende Mai, gab es in Spanien 24 Prozent mehr Tote als im selben Zeitraum im Jahr 2019. Noch deutlicher fällt der Unterschied aus, wenn man lediglich die Monate März bis Mai mit den Daten aus 2019 vergleicht. In diesen Monaten sind 47.123 Menschen mehr gestorben als im selben Zeitraum in 2019. Das entspricht einer Zunahme der Coronavirus-Todesopfer von 45 Prozent.

Covid-19-Tote in Spanien: Längst nicht alle Fälle erfasst

Spanien zählte während der gesamten Pandemie bis jetzt 28.341 bestätigte Todesfälle, die nachweislich durch Covid-19 ausgelöst wurden, der Großteil entfiel auf den Zeitraum von März bis Mai. Das bedeutet jedoch nicht, dass den anderen beinahe 20.000 Todesopfern, die ebenfalls in diesem Frühjahr mehr verstorben sind als im Vergleichszeitraum im vergangenen Jahr, eine andere Todesursache zugeordnet werden konnte.

Korrektur der Corona-Toten in Spanien: Gesundheitsministerium hebt Zahl deutlich an

Unmittelbar vor Eintritt in die neue Normalität in Spanien und dem Ende des Notstandsdekrets hat Spaniens oberster Epidemiologe Fernando Simón ein letztes Mal die Fallzahlen der Coronavirus-Krise aktualisiert. 28.313 Covid-19-Tote erfasste das Zentrum für die Koordination für medizinische Notfälle demnach am 19. Juni, mit dieser Zahl trat Spanien in die neue Normalität ein.

Das ist ein gewaltiger Anstieg zu den 27.136 Covid-19-Opfern vom Vortag. Dabei handelt es sich aber keineswegs um 1.177 Menschen, die binnen 24 Stunden dem Sars-Cov-2 zum Opfer fielen. Vielmehr frischt das Gesundheitsministerium abermals seine Statistik der mittels PCR-Test erfassten Covid-19-Opfer auf, die seit Anfang Juni nicht mehr stimmte. Fernando Simón räumte ein, dass diese Zahlen stark von denen des ebenfalls öffentlichen Gesundheitsinstituts Carlos III abweicht, das im Laufe dieses Jahres bereits 43.348 mehr Coronavirus-Todesfälle in Spanien erfasst hat als es in den vergangenen Jahren durchschnittlich der Fall war. Demnach liegt die Sterberate 56 Prozent über dem Normalwert, woraus man schließen kann, dass ein großer Anteil dieser Todesfälle auf Covid-19 zurückzuführen sind.

Die groß angelegte Antikörper-Studie „ENE-Covid-19“ vom staatlichen Labor Carlos III. hat zudem herausgefunden, dass etwa 5 Prozent aller Spanier Antikörper gegen Sars-CoV-2 gebildet haben, also dass etwa 2,35 Millionen Spanier schon an Covid-19 erkrankt waren, ob mit oder ohne Symptomen. Erfasst mit einem positiven Testergebnis auf das Sars-CoV-2 wurden allerdings lediglich 248.469 Personen. Es ist also wahrscheinlich, dass einige der verbliebenen zwei Millionen an Covid-19 erkrankten Spanier ebenfalls zu der stark erhöhten Sterberate im Jahr 2020 beigetragen haben.

Tote durch Corona in Spanien: Vor allem Ältere und Kranke

Bei den erfassten Todesopfern in Spanien ist jedoch zu konstatieren, dass ganz besonders Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen betroffen waren. Nur 14 Prozent der an Covid-19 Verstorbenen waren nach Angaben des spanischen Gesundheitsministeriums unter 70 Jahren alt und nur 5 Prozent starben, ohne eine Vorerkrankung gehabt zu haben.

Besonders Ältere sind an Covid-19 verstorben.

Das Argument, was viele Gegner der strikten Maßnahmen gegen das Coronavirus vorbringen, die Menschen wären wahrscheinlich sonst an anderen Leiden gestorben, ist jedoch nicht stichhaltig, da auch im Jahr 2019 Spanier schon unter chronischen Krankheiten litten. Trotzdem sind von März bis Mai 2020 45 Prozent mehr Spanier verstorben als im vergleichbaren Abschnitt des Jahres 2019. Auch wenn man sich die Zahlen im Langzeitvergleich anschaut, merkt man, dass auch Grippewellen wie beispielsweise im Jahr 2017 nur etwa halb so viele Menschenleben forderte wie die Coronavirus-Pandemie – und das ohne eine Ausgangssperre oder Ähnliches.

Coronavirus bringt mehr Tote als Grippewelle 2017.

Coronavirus-Tote in Spanien: Madrid und Barcelona machen einen Großteil der Fälle aus

Nicht jede Region in Spanien verzeichnet während der Coronavirus-Pandemie aber einen so großen Anstieg der Todesopfer wie der spanische Durchschnitt, tatsächlich sind es die Provinzen Madrid und Barcelona, die für einen Großteil aller zusätzlichen Todesfälle verantwortlich waren. In der ersten Hälfte des Jahres 2020 starben mit 27.543 mehr als doppelt so viele Madrilenen wie im Vergleichszeitraum im Jahr 2019 und Barcelona verzeichnete mit knapp 22.000 Toten ebenfalls etwa doppelt so viele wie im ersten Halbjahr des vorherigen Jahres. Die Provinz Valencia, die nach Madrid und Barcelona die dritt meisten Todesopfer betrauern musste, kommt nur noch auf 6.678 und Alicante dahinter auf 3.937. Valencias Todesfälle gingen um 1.000 nach oben und Alicante um 600. In Málaga verstarben 2019 fast genauso viele Menschen wie in diesem Jahr, auch in Murcia zeigt sich praktisch kein Unterschied.

Von den 47.123 Toten, die 2020 mehr gestorben sind als 2019, kamen allein 27.295, also mehr als die Hälfte, in den Metropolen Madrid und Barcelona ums Leben – den Orten in Spanien, die am dichtesten besiedelt sind und auch diejenigen Orte, die von Beginn der Pandemie an betroffen waren. Die alarmierenden Zustände in den beiden Großstädten sorgten jedenfalls dafür, dass der Notstand ausgerufen wurde und alle Spanier zwei Monate lang zu Hause bleiben mussten, dass die Mobilität stark eingeschränkt wurde und die Grenzen geschlossen wurden.

Viele Todesfälle in Madrid und Barcelona: In den Metropolen sind 2020 mehr als doppelt so viele Menschen gestorben wie in 2020.

Über die Wirkungen einer flächendeckenden Ausgangssperre gibt es auch in der Wissenschaft Differenzen, einige Virologen forderten noch strengere Ausgangsbeschränkungen, andere Regierungen wie Deutschland oder Südkorea setzten hingegen eher auf große Testintensität und konkrete Isolierung von bestätigten Fällen. Die Schwierigkeit einer Beurteilung liegt vor allem darin, dass nicht ermittelt werden kann, wie sich das Sars-CoV-2 ausgebreitet hätte, wenn strengere oder lockerere Maßnahmen ergriffen worden wären. Modellrechnungen können gerade bei einem neuen Erreger eher Mutmaßungen als Tatsachen wiederspiegeln. Außerdem müssen auch die unterschiedlichen Krankenhaus- und Intensivkapazitäten der Länder bei solch einer Entscheidung herangezogen werden.

Coronavirus-Tote ohne Covid-19: Spanien setzte Operationen aus

Im Zusammenhang der Covid-19-Toten wird auch vergessen, dass Spaniens gesamtes Gesundheitssystem sich ausschließlich auf die Eindämmung des Coronavirus konzentriert hatte. Sogenannte „nicht lebensnotwendige" Operationen wurden ausgelassen, um die spanischen Krankenhäuser nicht zu sehr zu strapazieren. Allein in Alicante reiche die Warteliste für Operationstermine über ein Jahr im Voraus, berichtet ein Vertreter des Gewerkschaftsdachverbandes CC.OO. den Costanachrichten. Einige Menschen mussten monatelang mit Verletzungen abwarten, bis sich die Coronavirus-Lage entspannt hatte.

Coronavirus: Spaniens Gesellschaft altert weiter

Die Spanierinnen bekommen immer weniger Babys und die Gesellschaft altert weiter.

Zweifellos wurde Spanien aber seine alte Bevölkerung zum Verhängnis, was eine hohe Sterblichkeitsrate an Covid-19 zur Folge hatte. Im Durchschnitt sind die Spanier 44,9 Jahre alt und gehören damit mit den Italienern und Deutschen zu den ältesten Europäern. Die Geburtenrate sinkt stetig. Letzten Berechnungen zufolge bekommt eine spanische Frau im Durchschnitt 1,23 Kinder. Das sind fast 30 Prozent weniger als noch 2009, so wenig Nachwuchs bekam das Land zuletzt Ende der 30er Jahren während des Spanischen Bürgerkriegs.

Den starken Rückgang der letzten zehn Jahre führen Demografen auch vor allem auf die Finanzkrise ab 2008 und die damit verbundene wirtschaftliche Instabilität in Spanien zurück. Die aktuell noch viel angeknackstere Wirtschaft als noch im letzten Jahr wird wahrscheinlich noch einmal für einen starken Rückgang der Geburtenrate und somit eine stetig alternde und für Pandemien anfälligere Bevölkerung sorgen.

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