Schutz vor Ansteckung mit Sars-CoV-2 

Coronavirus verbietet Küsse: Covid-19 wandelt Spaniens Körperkontakte

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Normalität vor Coronavirus: Küssende Menschen in Spanien.
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In Spanien hat das Coronavirus soziale Gewohnheiten und Strukturen auf den Kopf gestellt. Seit März gibt es keine Küsse zur Begrüßung. Ändert Sars-CoV-2 Spanien für immer?

  • Das Coronavirus hat Spaniens Geheimwaffe gegen Krisen - das cariño - ausgeschaltet.
  • In Phase 1 der Covid-19-Deeskalation müssen sich Familien und Liebespaare zurückhalten.
  • Soziologe: Tragödie der Pandemie sind nicht fehlende Küsse, sondern Armut und Isolation.

Alicante - Manch Ausländer in Spanien könnte in Coronavirus-Zeiten heimlich erleichtert sein. Denn seit März ist es vorbei mit den Begrüßungs-Küssen, den streichelnden Händen an Schultern und Arm während eines Gesprächs. Viel - für Menschen aus dem Norden oft zu viel - körperliche Nähe pflegen die Spanier. Doch damit ist es erst einmal vorbei. Die soziale Distanz ist wegen der Pandemie Pflicht, die Angst vor dem Virus Sars-CoV-2 groß. Selbst gute Bekannte schrecken voreinander auf. Und die sonst eng verflochtenen Familien sollen - auch in der Deeskalationspbhase - voreinander auf Abstand gehen.

Traurig sei das, sagen viele Spanier. Die physische Nähe ist hier etwas Essenzielles. Etwas, das Spanien aus der Diktatur führte und auch durch das letzte große Tief. Die Wirtschaftskrise ab 2008, in der tausende Menschen in Arbeitslosigkeit und finanzielle Nöte fielen. Ohne Familienbände, ohne das spanische cariño - „Zärtlichkeit“ - hätte die Krise im Land mit dem löchrigen sozialen Netz für noch größere Dramen gesorgt. Das alles schien lange vorbei, als Ende 2019 Präsident Pedro Sánchez und Vize Pablo Iglesias per „abrazo" - Umarmung - ihre Liaison zelebrierten. Mit Vorfreude küsste und herzte sich ganz Spanien ins neue Jahr 2020.

Distanz und Hygiene: Familien sollten Sars-CoV-2 ernst nehmen

Doch das Coronavirus lauerte schon darauf, Spanien in die größte Gesundheitskrise der jüngeren Geschichte zu schicken: Ein Virus, das Spaniens Geheimwaffe - das zärtliche cariño - ausschaltete. Das herzliche Begrüßen wurde zur Gefahr. Dabei ist das Grüßen so „gesund, weil es Freude schafft, soziale Bände stärkt und uns in Mitglieder einer ausdrücklichen Gruppe verwandelt“, schrieb zuletzt Gonzalo Díaz Meneses, an der Uni Las Palmas Professor in Marketing und Verbraucherverhalten. Wie viele Experten auf der Welt, machte sich Meneses über Begrüßungsformeln in der „neuen Normalität“ von Covid-19 Gedanken.

Coronavirus-Gruß: Wird Social Distancing zur neuen Norm in der Gesellschaft?

Das Coronavirus würde diese Formeln revolutionieren, meint Meneses. Das sei angesichts der Ansteckungsgefahr mit Sars-CoV-2  wichtig. Familien und Bekannte sollten etwa symbolische Verträge signieren, in denen sie sich zu Distanz und Hygiene verpflichten. Mittels Studien sollten Bürger zu alternativen Begrüßungsformen angeregt werden. Dazu zählt Meneses das Winken, Lächeln, Nicken - und auch das „Ellenbogen an Ellenbogen“ oder sogar „Fußspitze an Fußspitze“. „Das könnte sogar Humor hervorrufen, der dazu dienen kann, sich emotional anzunähern", so der Wirtschaftsprofessor.

Coronavirus durch Händeschütteln: Familien in Phase 1 der Deeskalation gefordert

Ähnliches schlug zuletzt Sylvie Briand, die Direktorin des Instituts für Epidemien und Pandemien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) per Tweet (oben) vor. Denn nicht etwa nur die spanischen Küsse und Umarmungen seien in der Pandemie gefährlich, sondern auch das distanziertere Händeschütteln aus Mitteleuropa: „Atemwegsviren können übertragen werden, wenn man sich die Hand gibt und dann die Augen, die Nase und den Mund berührt. Es ist besser, sich mit einer Handgeste, einem Nicken oder einer Verbeugung zu begrüßen", erklärt die WHO auf ihrer Webseite.

Mit Zärtlichkeit in die Demokratie: „Umarmung“ von Juan Genovés (1976)

Auf einmal sind unter Covid-19 die diskreten Grußformen aus Asien „in“. Und in Spanien lebensnotwendig, bei mittlerweile über 28.000 am Coronavirus Gestorbenen. Das distanzierte „Hola" sollte auch in Phase 1 der Deeskalationsperiode gelten, betont das spanische Gesundheitsministerium. Also ebenfalls, wenn sich Familien und Bekannte wieder privat treffen. Mindestens zwei Meter Abstand, keine Küsse, Umarmungen, Händedrücke, heißt es. Unter uns: Nur wenige der Millionen Spanier - aufgewachsen mit Liebkosungen und nach langer Ausgangssperre hungrig nach körperlicher Nähe - hält sich derzeit daran.

Covid-19-sichere Stellungen im Bett: Bald Kondome für den Mund?

Doch in dieser brisanten Coronavirus-Phase ist Enthaltsamkeit geboten, mahnen die Experten. Im Haus und Garten - und auch im Bett. Vorsicht beim Geschlechtsverkehr, mahnt auf Efe der Direktor des andalusischen Instituts für Sexualwissenschaft, Francisco Cabello. Zungenküsse und Stellungen Auge in Auge machten es Sars-CoV-2 leicht, zu überspringen. „Die größte Konzentration des Virus steckt im Speichel“, sagt er. Paare die nicht gemeinsam die Ausgangssperre verbrachten, sollten ihre Liebeskontakte also in sicheren Stellungen, Hündchen oder Löffelchen, pflegen.

Bringt Covid-19 neue Gesetze fürs Verhalten im Bett? Schon lange vor dem Coronavirus führten Notlagen im Gesundheitswesen zum Wandel von Gesellschaften und Liebesspielen. Das Aids-Virus HIV revolutionierte in den 80ern die Einstellung zu Verhütungsmitteln. Männer der ganzen westlichen Welt stülpten sich ein Gummi über - nicht mehr nur um ein Kind zu verhindern, sondern auch, um bei der Bekämpfung der Pandemie zu helfen. Das Kondom für den Mund - das gibt‘s zwar unter Sars-CoV-2 noch nicht. Aber die ersten sinnlichen Mundmasken sind bereits auf dem Markt.

Covid-19-Krise wegen Küssen? Soziologe: „Ein Coronavirus-Faktor unter vielen“

Die Sinnlichkeit in der „neuen Normalität“ werden wir erst am Ende der Covid-19-Pandemie kennen. Aber schauen wir noch in die Vergangenheit: Wie stark war eigentlich der Einfluss der spanischen Zärtlichkeit, der herzlichen Grüße und familiären Bände, für die Virusverbreitung im stark getroffenen Spanien? „Ich glaube, es sind Faktoren unter vielen anderen“, antwortet Daniel La Parra, Soziologe und Epidemologe von der Universität Alicante. Schließlich sei die Coronavirus-Lage ähnlich dramatisch in den USA und Großbritannien, „wo andere Familientraditionen herrschen“.

Nachbarn unter Covid-19: Coronavirus in Spanien soziale Tragödie.

Eher als Begrüßungsformen zählten bei der Pandemie „urbane Faktoren wie die Stadtdichte, die Rolle des Verkehrs und des öffentlichen Transports und auch die Bedeutung von Dienstleistungen wie die Gastronomie. Dann kommen noch Dinge hinzu wie die Größe der Wohnräume oder die Vernetzung mit dem Flugverkehr“, zählt der Experte auf. „All diese Dinge fallen in New York stärker ins Gewicht als in Island. Und eben auch stärker in Madrid und der Lombardei als im Süden Italiens und Spaniens.“ Die wahre gesellschaftliche Tragödie des Coronavirus in Spanien sind laut La Parra nicht die fehlenden Küsse.

Covid-19 trifft besonders Frauen: Begrüßungsformen werden zur Nebensache

Sondern: Der wirtschaftliche Schaden vieler Menschen. „Armut und soziale Ungleichheit nehmen zu“, sagt La Parra. Schwache und Schutzlose seien gesellschaftlich gesehen die Hauptopfer des Virus. Menschen mit kleinen Wohnungen, schlechten Jobs, kaum Bildung „sind weniger vorbereitet, sich vor Ansteckung zu schützen, aber auch, ihr Einkommen zu behalten und die Spirale der Armut zu verlassen“. Große Probleme stelle La Parra in Vierteln mit Migranten oder ethnischen Minderheiten fest. Verstärkt würde deren Isolation durch „rassistische Botschaften, die sich in der Covid-19-Zeit rasend verbreiten“.

Besonders getroffen von der Corona-Krise seien Frauen, die nun zu Hause zugleich „Schule gestalten müssen, im Haushalt viel mehr Aufgaben haben und oft auch noch Pflegebedürftige betreuen müssen“. Zur Nebensache wird da, wie man sich auf der Straße „Hola“ und im Bett „Te quiero“ sagt. Noch etwas habe La Parra unter Covid-19 festgestellt: „Die digitale Welt hat über die analoge Welt die Dominanz übernommen“. Auf einmal wäre etwa - wegen Beruf oder Freizeit - das eigene Haus ein „öffentlicher Raum“. Ob das gut oder schlecht ist - das müsse die Zukunft zeigen.

Die Corona-Krise hat digitale Kontakte stark aufgewertet.

Lange körperliche Distanz wegen Covid-19 könnte soziale Dynamiken ändern

Aber wie hinterlässt Covid-19 unser Spanien, wo die Menschen so innig lieben, grüßen, feiern, streiten und verzeihen? Haben wir es – ohne Abschiedskuss – für immer verloren? „Alles hängt davon ab, wie lange die Pandemie noch dauert. Wenn eher kurz, wird sie bald vergessen sein.“ Eher aber, so La Parra, „werden wir lange mit der körperlichen Distanz leben müssen – und das wird viele unserer sozialen Dynamiken verändern.“ „Es gibt viel Unsicherheit“, sagt der Soziologe und Epidemiologe noch. Also: Auch die, denen die spanischen Küsse nicht so geheuer sind, müssen sich bis zur vollen „neuen Normalität“ noch gedulden.

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