Eine Mitarbeiterin des Gesundheitswesens hält eine Schale in der Hand, in der Spritzen mit dem Coronavirus-Impfstoff von Biontech/Pfizer liegen.
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Die Impfkampagne hat in Spanien begonnen.

Durchimpfung begleitet von steigenden Fallzahlen

Coronavirus in Spanien: Angst vor den Infektionswellen und Hoffen auf den Impfstoff

  • vonStephan Kippes
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Spanien schreitet voran mit der Durchimpfung gegen Covid-19. Die Hoffnung auf ein Ende der Coronavirus-Pandemie wird indes von den steigenden Infektionszahlen getrübt.  

Málaga/Valencia – sk. Die 96-jährige Araceli Hidalgo aus einer Seniorenresidenz in Guadalajara spürte am Sonntag nur einen kleinen Pieks, für Spanien aber ist mit ihrer Spritze die größte Impfkampagne aller Zeiten angelaufen. Sogar Gesundheitsminister Salvador Illa umgab ein Hauch von Pathos, als er diesen Moment „den Anfang vom Ende“ des Coronavirus nannte, der ihm am Montag wieder abhanden gekommen sein dürfte. Denn die ersehnte erste reguläre Lieferung von 350.000 Dosen des Impfstoffs Biontech Pfizer aus Belgien verzögerte sich um 24 Stunden – angeblich wegen logistischer Probleme bei der Kontrolle der Kühlung. Der Impfstoff muss zwischen 60 und 80 Grad unter Null gelagert werden. Nicht alles läuft immer so glatt, wie man es sich wünscht.

Coronavirus Spanien: Hoffen auf Impfstoff, Bangen angesichts der Neuinfektionen

In Spanien breitet sich eine seltsame Mischung aus Euphorie, Angst und unterdrückter Panik aus. Mit der Impfung scheint die Rettung in Sicht. Doch es ist ein Hoffen und Bangen. Vor dem sicheren Ufer taucht eine Mutation des Virus in Großbritannien auf, die das dortige Gesundheitswesen an den Rand des Kollaps bringt. Diese als sehr ansteckend, aber nicht gefährlicher geltende Variante des Sars-CoV-2 hat man nun auch in Elche festgestellt – fünf Fälle soll es in der gesamten Region Valencia bereits geben. Der letzten Erhebung im Jahr 2020 zufolge verzeichnete das Land Valencia 2.832 Neuinfektionen an Silvester, davon fallen 862 auf die Provinz Alicante, binnen 24 Stunden. Schreiten die Infektionen an der Costa Blanca in dem Rhythmus voran, kann ein Madrilene bald drei Kreuzzeichen machen, dass Valencianer in keine Zweitwohnsitze in der Hauptstadtregion flüchten können.

In einigen Krankenhäusern der Provinz Alicante ist die Situation mittlerweile angespannter als während der ersten Welle im Frühling, Elche etwa leitet wieder Patienten in andere Kliniken weiter. Das medizinische Personal badet nun die Folgen der Brückenfeiertage Anfang Dezember aus. Allein in der Provinz Alicante liegen 108 Covid-19 Patienten auf der Intensivstation, in der Region Valencia 283. Der große Schwung an Covid-19-Erkrankten dürfte wohl erst ab Mitte Januar auf die Krankenhäuser zukommen, wenn all diejenigen eine medizinische Betreuung benötigen, die sich über die Weihnachtsfeiertage und an Silvester mit dem Coronavirus infiziert haben. Genau dieser Tendenz steuern die Gesundheitsbehörden entgegen. Mit den Restriktionen wollten sie den erwartenden Rückschlag nicht nur abfedern, sondern wegen der Impfung auch zeitlich hinauszögern. „Unsere Position ist ganz anders, falls wir es schaffen, dass der Rückschlag nicht vor Ende Januar kommt. Dann ist die Impfung der Risikogruppen schon weiter fortgeschritten“, sagte der Chefvirologe und Leiter des spanischen Krisenzentrums, Fernando Simón.

Coronavirus an Costa Blanca: Ansteckungsrisiko und Inzidenzwert höher als in Deutschland

Die Fallzahlen vom Mittwoch aus der Region Valencia sind besorgniserregend. Am Tag vor Silvester muss man in 211 Kommunen das Ansteckungsrisiko als „extrem hoch“ einstufen, da die 14-Tages-Inzidenz über 250 liegt. In kleinen Orten schnellt so ein statistischer Wert schnell nach oben, der ja die Infektionszahlen in einem Zeitraum von 14 Tagen misst und auf 100.000 Einwohner hochrechnet. Da kommt ein 5.000-Seelenörtchen wie El Verger bei Dénia mit 120 Neuinfektionen und fast alle davon in einer Seniorenresidenz gleich auf einen apokalyptisch anmutenden Inzidenz-Wert von 2.500. Doch auch Nachbarorte wie Pego und Ondara liegen jenseits der 500 und Dénia steuert direkt darauf zu. Krass mutet auch an, wie schnell die Infektionsrate steigt. Der Kreis Marina Alta verzeichnete noch am 21. Dezember eine Inzidenz von 296, eine Woche später liegt der Wert bei 466.

Die Ansteckungsgefahr nimmt in der Region rapide zu, und der Inzidenz-Wert von 390 ist ungewöhnlich hoch für Valencia – zumal die Region ja abgeriegelt ist. Von den 211 kritischen Kommunen verzeichnen 27 eine Inzidenz über 1.000 und das ist unabhängig von der Größe des Ortes zu viel. Vor allem, da 23 Prozent aller PCR-Tests in der Region Valencia derzeit positiv ausfallen, von zehn Getesteten tragen zwei das Virus in sich. Man hat fast den Eindruck, Valencia folgt in dieser Phase der Pandemie den Balearen, die sich im Nu von einem Corona-Musterschüler zu einem Corona-Hotspot mit einer Inzidenz von fast 531 entwickelten. Wirklich gut steht dagegen Andalusien mit 141 da.

Coronavirus in Spanien: Mit 10.000 Neuinfektionen ins neue Jahr

Spanien ging mit einer 14-Tages-Inzidenz von 279,53 ins neue Jahr, im Vergleich dazu verzeichnete Deutschland 377,7. die Schweiz 620 und Österreich 312,8. Am 31. Dezember erfasste das Gesundheitsministerium 10.217 Neuinfektionen, damit haben sich fast zwei Millionen Menschen in Spanien 2020 infiziert und sind mit einem PCR-Test positiv auf das Coronavirus getestet worden. Über 50.000 haben die Krankheit nicht überlebt. allein vergangene Woche starben 622 Menschen mit Covid-19. In dem Zeitraum von sieben Tagen benötigten 2.181 Covid-19-Patienten eine stationäre Behandlung, 213 mussten in die Intensivstation eingewiesen werden. Etwas gesunken ist der Anteil von 9,5 Prozent, den Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern ausmachen. An Silvester konnten 1.684 Patienten mit Covid-19 die Krankenhäuser gesund verlassen, deutlich mehr als die 1.316 Einweisungen. Allerdings bleibt der Anteil in den Intensivstationen mit über 21 Prozent hoch.

Derweil läuft in Spanien und in Europa die Durchimpfung der Bevölkerung an. In den kommenden zwölf Wochen rechnet die Regierung in Madrid mit insgesamt rund 4,6 Millionen Impfdosen, mit denen knapp 2,3 Millionen der 47 Millionen Bürger Spaniens geimpft werden sollen. Bis zum Sommer soll das Gros der Bevölkerung immunisiert sein. Allerdings kommen zuerst die Bewohner der Seniorenresidenzen, das medizinische Personal und Pflegebedürftige an die Reihe, voraussichtlich ab April wird die restliche Bevölkerung geimpft. Der Termin wird nach jetzigen Stand von den Gesundheitsbehörden – also meist dem Centro de Salud – vergeben.

Impfung gegen Covid-19 in Spanien: Keine Pflicht, aber Registrierung

Bisher gibt es noch keine klare Regelung, ob die Durchimpfung auch Ausländer mit einbezieht, die keine Residenten in Spanien sind und nicht der Seguridad Social angehören. Nach bisherigen Stand haben Nichtresidenten nur einen Anspruch auf Notfallbehandlung.

Die Impfung soll in Spanien freiwillig bleiben, aber Gesundheitsminister Salvador Illa will diejenigen registrieren, die die Einladung zur Impfung ausschlagen und die entsprechenden, nicht öffentlichen Daten den europäischen Partnern zur Verfügung stellen – unter strenger Berücksichtigung des Datenschutzes, versteht sich. Damit löste er einen Sturm der Entrüstung aus – der allerdings im Ausland heftiger ausfiel als in Spanien selbst, wo es nur geringe Vorbehalte gibt. Trotzdem ruderte Illa wieder etwas zurück und versicherte, es ginge ausschließlich um klinische Daten, und auch bei anderen Impfstoffen fände ein Datenaustausch innerhalb der EU statt, etwa bei der Erstellung internationaler Impfbescheinigungen.

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