Erich Honecker und Juan Carlos I. stehen beim Staatsempfang 1988 in Madrid.
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Erich Honecker bei seinem Staatsbesuch 1988 in Spanien mit König Juan Carlos I. Ein Jahr später war die DDR schon Geschichte.

30 Jahre deutsche Einheit

Spanien und die DDR: Der kleine König in Madrid

  • vonMarco Schicker
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Beziehungen, Winkelzüge und Anekdoten in den Beziehungen Spanien - DDR, anlässlich 30 Jahre deutscher Wiedervereinigung 2020. 

Madrid/Berlin - 30 Jahre Wiedervereinigung, 30 Jahre Ende der Teilung Deutschlands: Ein epochales Ereignis für ganz Europa – und für viele ganz persönlich. Doch immer mehr Menschen kennen die DDR nur noch vom Hörensagen, bald schon ist die zweite Nachwendegeneration volljährig. Die Costanachrichten wollen das Jubiläum mit einer Rückschau in die offiziellen, teils absurden Beziehungen zwischen Spanien und der DDR würdigen.

Operation Bolero-Paprika: Spanische Kommunisten kommen in die DDR

1949 wurde die Deutsche Demokratische Republik auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges und unter Anleitung aus Moskau gegründet, schon Anfang der 50er Jahre kamen rund 500 spanische Republikaner, vor allem Mitglieder der verbotenen Kommunistischen Partei, PCE, in die DDR. Sie waren nach dem Spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) in höchster Not nach Frankreich geflohen, viele von ihnen kämpften dort später gegen die deutsche Besatzung.

Doch jetzt galten sie der französischen Regierung als fünfte Kolonne der stalinistischen Sowjetunion und mussten weg. Die DDR nahm sich ihrer an, die Aktion lief unter dem absurden Decknamen „Bolero-Paprika“. Ein Code, der die kulturelle Ignoranz ostdeutscher Funktionäre offenbarte, in dem man einen kubanischen Tanz und ein amerikanisches Gemüse, das man wohl vom Balaton kannte und daher irgendwie exotisch genug klang, zu einem spanischen Etikett verklebte.

Auf der Flucht vor Franco: In der DDR zunächst willkommen, dann misstrauisch beäugt

Sie waren zunächst sehr willkommen die spanischen Kommunisten, konnte man so nicht nur einmal mehr den Franco-Faschismus brandmarken, sondern auch das angeblich demokratische Frankreich als Komplizen vorführen. Der Antifaschismus der DDR-Führung war zunächst echt, über die deutschen Spanienkämpfer, von denen - die überlebten - nicht wenige jetzt den Ton im „demokratischen“ Deutschland angaben, gab es auch emotionale Bande. Mit der Zeit verkam er allerdings immer mehr zum starren Kult, einem Ritual der Selbstrechtfertigung, einschließlich aller Untaten.

Auch die Begeisterung der Machthaber für die spanischen Neubürger kühlte sich bald ab, als diese nicht zur Niederschlagung der Volksaufstände 1953 in der DDR oder 1956 in Ungarn jubelten. Die alten Kampfgenossen, die noch dazu in den Westen reisen konnten, wurden zum Teil selbst Objekte der Überwachung.

DDR: Erstes Ostblock-Land mit diplomatischen Beziehung zum Spanien Francos

Dass die DDR 1973 das erste Land des Ostblocks war, das diplomatische Beziehungen zu Franco-Spanien aufnahm, wusste in beiden Ländern kaum jemand. Erich Honecker, gerade an die Macht gelangt, wollte die Isolation seines Landes durchbrechen, versuchte anfänglich sogar nach innen einige Reformen, die allerdings an Apparat und Ideologie und daraus resultierend am Mangel ökonomischer Potenz scheiterten.

Die Ost-West-Annäherungspolitik eines Willy Brandt und die Sicherheitskonferenz von Helsinki brachten etwas Entspannung in den Kalten Krieg, eine Atmosphäre des Dialogs, die die DDR für sich nutzen wollte. Auch dem Franco-Regime kam die Anerkennung durch ein sich antifaschistisch postulierendes Land zupass, so schlimm könne ja das Regime nicht sein, wenn selbst die Sozialisten ihnen die Hand reichten. Die DDR versprach sich vor allem auch ökonomische Vorteile, denn Spanien war nicht in der EG und machte daher seine eigenen Regeln. Es war zum Beispiel nicht an die Cocom gebunden, die sensibles Exportgut in den Ostblock sperrte, darunter vor allem auch Hochtechnologie.

Viele ehemalige Spanienkämpfer - hier eine Ehrung der DDR-Post für die Internationalen Brigaden - waren später Teil der DDR-Elite. Was anfangs ehrlicher Antifaschismus war, wurde später zur starren Ideologie.

1975, nur Monate vor Francos Tod und nach nicht einmal zwei Jahren Dauer, wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen der DDR und Spanien jäh abgebrochen. Offiziell aus Protest gegen zwei 1974 vollstreckte Todesurteile, darunter gegen den Deutschen Georg Michael Welzel, der wegen Polizistenmordes und Raub in Tarragona qualvoll an der Garrotte starb. Er wurde von der Franco-Justiz als „gewöhnlicher Krimineller“ hingerichtet, um das gleichzeitig gegen einen Anarchisten vollstreckte Todesurteil nicht so politisch aussehen zu lassen. Doch der DDR-Protest war Vorwand, denn der Cottbusser Welzel war ein dreifach gescheiterter Republikflüchtling und von Westdeutschland freigekauft worden. Ein Ausgebürgerter also, „dem die DDR keine Träne nachweint“, wie Stasi-Chef Mielke noch 1989 so einfühlsam sagte.

ETA „gegen Interessen der Arbeiterklasse“ - DDR-Hilfe für verbotene spanische Gewerkschaft

Vielmehr dürften Druck aus Moskau und die Enttäuschung über die magere ökonomische Ausbeute der neuen Verbindung ausschlaggebend für den Abbruch der diplomatischen Beziehungen gewesen sein. Die politisch riskante Beziehung zahlte sich schlicht nicht aus. Zudem konnte die BRD, die mit kaum einer Diktatur der Welt Berührungsängste hatte, entsprechend Druck auf Spanien ausüben, um Franco allzu gedeihliche Geschäfte mit der DDR auszureden.

Bekanntlich hatte die DDR RAF-Terroristen aktiv unterstützt, die ETA hingegen wurde von der Stasi zwar beobachtet, passte aber mit ihrem „radikalen Nationalismus“ nicht ins Bild des klassenkämpferischen Internationalismus. Zwar war der DDR jede Kraft recht, die das „kapitalistische System“ destabilisierte, doch im Auszug einer Stasiakte kann man nachlesen, dass die ETA „unrealistische und gegen die Interessen der Arbeiterklasse gerichtete Ziele“ verfolge und man „die Kader nicht mal als Sozialdemokraten qualifizieren kann, viele der Führer sind nationalistische Konservative“. Eine Einschätzung die auch heute noch auf Teile des baskischen wie katalanischen Separtismus zutrifft.

Anders verhielt es sich mit den Comisiones Obreras, CC.OO., der unter Franco verbotenen Gewerkschaft. Die DDR-Staatsgewerkschaft FDGB half den Kollegen, wo sie konnte, auch mit heimlichen Hilfslieferungen, damit Strukturen in Spanien überdauern konnten. Doch diese solidarischen Gesten sollten bald der neuen Pragmatik weichen und wurden schrittweise unterbunden.

Die Stasi und Spanien: Geldwäsche auf den Kanaren

Wie weit diese Pragmatik ging, erfährt die Öffentlichkeit erst nach der Wende, durch die Stasi-Akten. Seit den 70er Jahren hat die Stasi über ein Firmengeflecht und mit Umwegen über die Schweiz Gelder auf den Kanarischen Inseln geparkt und waschen lassen, unter anderem, um Mittel für ihre Westspione zu verschleiern. Man bediente sich dabei unter anderem des früheren Nazis Ottokar Hermann, der sich bald den Sowjets als Westspion andiente und für die Stasi in den Tourismus auf den Kanaren-Inseln investierte, übrigens auch mit Hilfe westdeutscher Unternehmer. Bis heute sollen Hotels bestehen, die aus diesem Konsortium hervorgegangen sind.

Dazu passt eine weitere Insel-Anekdote, eine höhnische Illustration der Schizophrenie des DDR-Staates: Der „Spiegel“ schreibt 1987, dass der damalige DDR-Botschafter in Spanien, Harry Spindler, sich darüber beschwert, dass die „Vorschläge seiner Regierung für den gegenseitigen Reiseverkehr seit mehr als zwei Jahren nicht ernsthaft von der spanischen Regierung verfolgt“ würden. „Dabei wollten DDR-Bewohner gerne reisen: Die Leute haben Geld, sie möchten reisen und es ausgeben", wird Spindler zitiert.

Wirre Politik der DDR: Reise als Kaufkraftabschöpfung

Diese organisierten Reisen liefen in der DDR unter dem Label „Kaufkraftabschöpfung“, zum Beispiel nach Kuba oder Bulgarien, und es dürfte kein Zufall sein, dass man sich weit im Atlantik liegende Inseln für die beschränkte Reisefreiheit ausgesucht hatte. Von dort konnte niemand abhauen und die Hotels hatte man ja schon installiert. Bekanntlich kam die Geschichte weiteren dahingehenden Verrenkungen zuvor.

Die DDR kämpfte in den 80er Jahren ums wirtschaftliche und politische Überleben, Honecker gewann mit seiner Sturheit gegenüber den Reformbemühungen Gorbatschows selbst in Moskau keinen Blumentopf mehr. 1987 konnte er mit seinem offiziellen Besuch in Bonn seinen größten außenpolitischen Erfolg erzielen, 1988 wollte er die Anerkennung der DDR in der Welt durch den ersten und einzigen Staatsbesuch in Spanien festigen. In Felipe González sahen seine Berater einen Befürworter des Status quo in der DDR, also einen vermeintlichen Verbündeten gegen Gorbatschows offener werdenden Kreml. Honecker kam Anfang Oktober 1988 nach Madrid, besuchte das Grab seines Freundes und ehemaligen Spanienkämpfers Hans Beimler, der in Madrid gefallen war.

Doch die Gespräche mit PSOE-Chef González verliefen ernüchternd, Hinweise auf Mauer und Menschenrechte nervten die DDR-Delegation, die vor allem Geschäfte machen wollte. Bei der Überreichung der Stadtschlüssel im Rathaus Madrid rief ihm ein PP-Mann vor laufenden Kameras sogar zu: „Mach die Mauer weg!“ - In der Uni Complutense de Madrid überreichte man ihm wiederum die Goldene Ehrennadel.

Höhepunkt für Honecker: Staatsbesuch in Spanien 1988 - Zu Gast beim echten König

Immerhin wurde der kleine König aus Berlin vom echten König Juan Carlos I. - immerhin dem Ziehsohn Francos - mit militärischen Ehren und dann noch zu einem Bankett empfangen „in einem Spanien, dessen Volk aktiv dem sozialen Fortschritt“ verpflichtet sei, wie der Gastgeber in seinem Toast artikulierte. Am Rande erwähnte er „Reisefreiheit für alle“. Die Expo in Sevilla 1992 und Olympia in Barcelona im selben Jahr standen vor der Tür und Spanien hatte hohes Interesse daran, sich von der DDR in Sportfragen beraten zu lassen. Immerhin hatte das kleine Land in Seoul gerade Rang zwei im Olympischen Medaillenspiegel erreicht. Die Aufklärung von Doping war damals noch kein wirkliches Thema.

Honecker soll angesichts des pompösen Empfangs am Königlichen Palast von Madrid geäußert haben, dass man das Berliner Stadtschloss wieder aufbauen solle, das seine eigene Partei hatte sprengen lassen. Das ist mittlerweile geschehen, wenn auch unter gänzlich anderen historischen Vorzeichen als sie sich Honecker ausmalte. Er besichtigte dann in Barcelona die Baustellen für Olympia. Sein Gastgeber war der katalanische Präsident Jordi Pujol, dessen Name noch heute als Pate der Separatistenbewegung, aber auch der Korruption durch Gerichtssäle und Medien geistert. Der begrüßte ihn mit den Worten, dass es doch „einige Parallelen“ zwischen Katalanen und Deutschen gäbe, „so verbindet uns die Freude an der Arbeit“. Und Pujol hieß Honecker „willkommen in unserer tausendjährigen Nation“.

Honecker in Barcelona: Nationalistisches von Pujol

Pujol grenzte sich schon damals von Spanien ab, in dem er die Katalanen als fleißiger und historisch würdiger, also als etwas Höheres hinstellte als die Spanier. Dieser völkische Chauvinismus ist bis heute eines der Mittel des separatistischen Marketings in Katalonien und bei Weitem nicht auf die konservativen Befürworter der staatlichen Unabhängigkeit beschränkt. Für die Internationalisten aus der DDR ein befremdliches Thema, zumal Pujol als mehrfach verhafteter Widerstandskämpfer gegen Franco einen gewissen Ruf in der DDR genoss. Einem deutschen Kommunisten indes von einer tausendjährigen Nation vorzuschwärmen, erschien nur absurd.

DDR - Spanien: Im Fußball siegt der Sozialismus

Die DDR schaffte noch mit viel Ach und Krach die 40 Jahre, ein Jahr nach Honnis Besuch in Spanien war das Land Geschichte, Kataloniens Separatisten kämpfen 30 Jahre danach noch immer um die "Teilung" und die Familie Pujol darum, nicht wegen Korruption in den Knast zu müssen. Immerhin: Im Fußball weist „die Zone“ eine astreine Bilanz gegenüber Spanien auf: Zwei Siege, drei Unentschieden bei 3:1 Toren stehen zu Buche – natürlich ein klarer Fall der moralischen Überlegenheit des Sozialismus.

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