Shopping nach Pandemie

Spanien: Wie Einzelhandel Corona-Krise und Amazon überlebt - Als Zara die Innenstadt verließ

  • vonStefan Wieczorek
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In Spanien steckt der Einzelhandel tief in der Krise - von Amazon über Coronavirus bis Zara. In den Innenstädten kämpfen Händler um die Existenz. Eine Expertin aus Alicante rät: „Die letzte Meile entscheidet.“

  • Einzelhandel in Spanien zittert in Corona-Krise. Händler bangen: Sind Innenstädte bald tot?
  • Selbst Einzelhandels-Riese Zara verlässt die Innenstädte - Und Amazon feiert Erfolge.
  • Expertin für Einzelhandel rät Händlern in Corona-Krise: Nischen suchen, Stärken ausspielen.

Elche - Wohin führt der Weg der Innenstädte von Spanien in der Coronavirus-Krise? Schon zuvor ging es dem Einzelhandel immer schlechter, während Online-Shops, und vor allem das digitale Warenhaus Amazon, immer gefragter wurden. In der Pandemie zog es selbst einen Mode-Giganten wie Zara aus 300 Zentren Spaniens fort. Auch andere führende Läden erwägen den Schritt. Händler bangen: Ist es mit dem Einkaufen in den Städten bald vorbei, und die Zentren bald tot? Experten sagen: Noch ist es auch im Corona-geplagten Spanien nicht soweit. In der Stadt Elche an der Costa Blanca erfuhren wir mehr.

SpanienLand in Europa
Hauptstadt: Madrid
Vorwahl: +34
König: Felipe VI.
Bevölkerung: 46,94 Millionen (2019)

Spanien: Einzelhandel in Corona-Krise - Innenstädte ohne Zara, das Amazon lange trotzte

Als Zara in der Corona-Krise beschloss, zu gehen, konnte sie niemand aufhalten. Kein Flehen der Bürgermeister wie in Almería. Keine trotzige Ankündigung, dass man den Zara-Shop halt in ein Kulturhaus verwandeln werde wie in Elche. Der Rückzug des Vorzeige-Ladens von Handelsriese Inditex an 300 Standorten in Spanien ist ein Erdbeben nicht nur für die Einzelhandel-Branche, sondern auch für die Innenstädte. In Almería hatte Zara 30 Jahre lang das Zentrum geprägt. In Elche handelte es sich beim Laden im alten Stadtkino um einen echten Flagship-Store – einen Kunden- und Touristenmagneten für die Marke Zara und die Stadt.

Mitten in die Coronavirus-Pandemie platzte der Abschied von Zara aus vielen Innenstädten von Spanien. Bisher hatte die spanische Inditex-Gruppe die Welt damit verblüfft, dass an ihr die Krise im Einzelhandel abzuprallen schien, im Gegensatz zu großen US-Marken. Mit ihrem „Fast Fashion“-Modell überflügelte Inditex - selbst in Amazon-Zeiten - die Konkurrenz und schien es sich leisten zu können, auch an kriselnden Standorten zu bestehen. Das Ende der 300 Zaras in Spanien kam 2020 daher überraschend – trotz Corona. Zunächst scheint das Virus der Grund für den großen Schnitt zu sein.

In Corona-Krise rutschte Zara und Inditex in rote Zahlen - Online-Shops boomten

Im Sommer wurde bekannt, dass Textilgigant Inditex aus Spanien wegen der Pandemie in die roten Zahlen rutschte – erstmals seit Börsengang. Um 40,8 Prozent fielen Inditex‘ Verkäufe unter Corona. Im ersten Semester des Steuerjahres 2020-21 nahm die Gruppe „nur“ 1,3 Milliarden Euro ein – vor einem Jahr waren es noch 2,2. Allerdings haben Zara, Bershka, Massimo Dutti und wie die Inditex-Shops noch heißen, es bereits aus den roten Zahlen der ersten Corona-Monate geschafft. Die Herbst-Winter-Produkte liefen gut, erklärte die Gruppe und betonte den Erfolg ihrer Online-Shops.

Im April stieg der Verkauf in Online-Shops bei Inditex um unglaubliche 95 Prozent. Nach dem Lockdown aber kehrte in den Läden bald wieder scheinbare Normalität ein. War der drastische Zug also nötig, das mächtige Alarmsignal mit dem Aus von Zara in 300 Innenstädten? Schließlich ist der Laden auch 2020 in Spanien absoluter Trendsetter, wie die Studie „Top Marcas Favoritas“ von Data Centric ermittelte: 14 der 17 Regionen des Landes gaben Zara als bevorzugte Bekleidungsmarke an. Nun scheinen Kunden, Händler und Gemeinden von der Trendsetterin zu erfahren: Nein, der Verkauf in der City lohnt sich stellenweise nicht mehr.

In Corona-Krise sagte Zara auch Paris Adieu - Einzelhandel in Elche reagiert gelassen

Doch dieser Ansicht sei Zara schon lange vor Corona gewesen, meinen Beobachter des Sektors Einzelhandel. Ein Unternehmensplan von Inditex, dessen Grundzüge vor der Pandemie entstanden sein sollen, will bis 2022 den Anteil der Online-Shops am ganzen Umsatz auf 25 Prozent hieven. Für das Vorhaben kündigte Inditex-Präsident Pablo Isla eine mächtige Investition von 2,7 Milliarden Euro an. Eine sicher wohlüberlegte Weichenstellung also. Nein, leichtfertig und kurzfristig war der große Inditex-Schnitt gewiss nicht. Ein weiterer Hinweis darauf findet sich in Paris. Hier sagte Zara schon am 22. August Adieu.

Dabei hatte die Ikone aus Spanien im schicken Viertel Saint-Germain Armani, Mont Blanc und Co. Gesellschaft geleistet. Auch dieser Abschied schockierte manchen Betrachter vom Einzelhandel. Auf das Renommee von Paris kann Zara, das ja nicht für edle oder hochwertige Ware berühmt ist, eigentlich nicht verzichten. Doch auch hier wird klar: Ein Schnellschuss war der Schritt nicht, sondern Taktik. In Paris weinen sie Zara kaum Tränen nach, wie in Almería oder Huelva. Interessant, wie gefasst die Stadt Elche an der Costa Blanca den Weggang der Inditex-Queen, und die aktuell kritische Corona-Lage generell, hinnimmt..

Innenstadt ohne Zara in Corona-Krise - Händler erwarten Fußgängerzone zum Einkaufen

Signale der Panik sandte Elche im Süden der Costa Blanca in der Corona-Krise auch nach dem Abmarsch von Zara nicht aus. Und das hat sicher weniger damit zu tun, dass Inditex-Läden der Palmenstadt im Shopping-Center erhalten bleiben. Vielmehr damit, dass Elche, anders als etwa Benidorm, wo der Einzehandel stark am Tourismus hängt, in Ruhe selbst eifrig an der Zukunft seines Einzelhandels basteln kann: mit dem Umbau der Corredora, der Verkehrsvene quer durch die Innenstadt, der Fußgängerzone. Ganz neue Perspektiven sollen sich damit für Händler und Menschen, die zum Einkaufen das kriselnde Zentrum aufsuchen, auftun.

Innenstädte von Spanien, hier Elche, bangen in Corona-Krise um Existenz der Händler.

In der Innenstadt von Elche ist von neuer Verkaufs-Wucht des Einzehandels allerdings noch nicht viel zu sehen, wenn man die Corredora in der derzeitigen Corona-Lage besucht. Eher herrscht Endzeitstimmung auf der großen Baustelle, die es nicht geben würde, wenn 2015 im Rathaus die konservative PP am Ruder geblieben wäre. Dann würde statt der Fußgängermeile an der Stelle der alten Markthalle ein Shopping-Center mit Tiefgarage entstehen – ein völlig anderes Modell für den Einzelhandel im 21. Jahrhundert also, als es die sozialistische PSOE, unter herber PP-Kritik, vorantreibt.

Corona-Krise in Spanien: Was Einzelhandel von Online-Shops wie Amazon lernen kann

Gefasst ist die Innenstadt an der Costa Blanca, aber auch beunruhigt. 70 der 250 Lokale der Corredora sind derzeit geschlossen, 28 Prozent der erneuerten Meile zum Einkaufen tot. Nicht wenige Händler befürchten, dass die Baustelle die Kunden weiter vergraule. „Die schwierige Einfahrt ins Zentrum hat Kunden und Besucher in vergangenen Jahren dazu gebracht, lieber ins Einkaufszentrum zu fahren“, bedauert Jaime Javaloyes, Vorsitzender der Händlervereinigung in Elche. Unbedingt müssten an der begehbaren Corredora auch Parkplätze entstehen, sagt Javaloyes, sonst nütze das große Projekt nichts.

Der unkomplizierte Zugang des Kunden zum Produkt ist der Schlüssel zum Überleben in heutigen Amazon- und auch Corona-Zeiten, weiß der Händler aus Spanien. Auf der sogenannten „letzten Meile“, wie Marketingexperten sagen, entscheidet sich das Rennen um den Kunden. „Der Begriff kommt aus dem Online-Handel, hat aber im Einzelhandel generell stark an Bedeutung zugenommen“, erklärt Expertin Ana Espinosa, Wirtschaftsgeographin der Uni Alicante. „Ein Laden muss die letzte Meile optimieren, damit das Produkt schnell und leicht den Kunden erreicht, sonst kauft er dort nicht wieder ein.“

Einkaufen in Amazon- und Corona-Zeiten: Alles muss schnell gehen

Geschuldet ist das neue Konzept für den Einzelhandel der heutigen Lebensweise - auch in Spanien - , in der beim Einkaufen alles fix gehen muss. Der Klient hat ja für nichts mehr Zeit. Die letzte Meile überbrücke im Online-Shop in der Regel ein Lieferdienst, aber auch Abholfächer für verschickte Ware gelten als Optionen für die letzte Meile. „Im Fall der Corredora kann man sagen: Wenn ein Parkplatz fehlt oder der Kunde ein Knöllchen kriegt, kommt er nicht mehr wieder.“ Sprich: Will die Innenstadt mit dem Shopping per Mausklick à la Amazon mithalten, darf sie die Kunden nicht aufhalten oder verärgern.

Doch ist der Zug für physischen Einzelhandel in Spanien und generell nicht längst abgefahren? Nicht unbedingt, sagt die Expertin. „In Sachen Online-Shops schwebt Amazon in anderen Galaxien. Die wissen besser, was der Internet-Nutzer will, als er selbst.“ Aber: „Amazon weiß auch, dass es bei ihm an der letzten Meile hapert. Das Produkt kommt eben nicht immer richtig an.“ Daher bemühte sich Amazon seit längerem um einen Einstieg bei den angesagten Blitz-Lieferdiensten wie Glovo. Im Corona-Sommer klappte es mit Deliveroo: Amazon kaufte 16 Prozent der Briten auf zwei Rädern.

Einzelhandel in Amazon-Zeiten: Händler in Spanien müssen sich Nischen schaffen

Dennoch: „Für einen Riesen wie Amazon bleibt die Logistik ein Problem: Wenn du sie einer anderen Firma anvertraust, hast du keinen Einfluss darauf, wie und ob das Produkt ankommt.“ Viele der gängigen Lieferdienste haben in Spanien alles andere als einen guten Ruf. Daran, so Espinosa, müssen auch Händler mit kleinen Läden denken, die in Amazon-Zeiten bestehen wollen. „Konkurrieren kannst du mit dem Riesen nicht. Aber durchaus Dinge abschauen, aus Fehlern lernen, egal ob du den Weg des reinen Online-Shops gehst oder einen gemischten.“

Auf jeden Fall dürften Geschäfte in den Innenstädten in Spanien nicht länger als „Showroom“ missbraucht werden. „Der Kunde schaut sich ein Produkt im Laden an, bestellt es aber billig bei Amazon. Das gibt es ständig, ist aber frech“, kritisiert Espinosa. Der Einzelhandel vor Ort müsse seine großen Stärken ausspielen und ein personalisiertes Angebot bieten, wirklich beraten und – auch im Produktsortiment – „in die Tiefe“ gehen. „Wichtig ist, dass Händler sich eine Nische schaffen. Etwa Brautkleider oder Honig aus der Region, was auch immer. Dann werden sie sicher mehr bieten als der Gigant, der vermeintlich alles verkauft.“

Händler an Costa Blanca setzt auf Umwelt - Trend für Einzelhandel-Krise in Spanien?

Eine solche Nische hat in Elche einer, der sich als erster neu in der Corredora eingenistet hat. Unter Hausnummer 8, in der Nähe des Rathausplatzes, war die blaue Fassade von Uniagua Gallego bereits Anfang September fertig, kurze Zeit später eröffnete Juan Gallego den neuen Laden in der Innenstadt an der Costa Blanca. „Ich wollte immer ins Zentrum“, so der Händler aus Spanien, der sich in 25 Jahren mit Wasserspendern und Entkalkern einen Namen im Einzelhandel in Elche gemacht hatte.

„Eigentlich wollte ich an Weihnachten loslegen“, erklärt Händler Gallego, „aber dann kam das mit dem Umbau, und ich sah: Es waren schon viele Leute unterwegs. Auch fragten mich viele mit Interesse an meinen Produkten.“ Seine Hoffnung: „Heute denken immer mehr Menschen in Spanien an die Umwelt und wollen lieber einen Entkalker installieren als Wasser in Flaschen zu kaufen“, sagt er. „Mutig“ sei er, sagten ihm Händlerkollegen. Aber wer weiß, vielleicht ist der Mann aus Elche, der Plastikmüll reduzieren will, der richtige neue Trendsetter für den Einzelhandel der Corona- und Amazon-Zeiten und die neuen Meilen, wo man Zara vergeblich sucht.

Rubriklistenbild: © Ángel García

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