Fiestas mit Coronavirus

Spanien, 12. Oktober: Am Nationafeiertag in Madrid „nix zu feiern“, Corona statt Kolumbus

  • vonStefan Wieczorek
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Der Coronavirus-Notstand in Madrid verdirbt Spanien am 12. Oktober das stolze Nationalfest zum Tag der Entdeckung Amerikas. Ein Moment zum Nachdenken: Ist das Fest der „Hispanität“ überhaupt noch angemessen? Ein Blick zurück von Kolumbus bis zu Apostel Santiago.

Madrid - Ein pompöses Fest ist es normalerweise in Spanien jeden 12. Oktober. 1918 erklärte König Alfonso XIII. den Tag zum Nationalfeiertag, weil Kolumbus am 12. Oktober 1492 die Entdeckung Amerikas gelang. Daher feiert der Tag die „Hispanität“ - die gemeinsamen Wurzeln aller spanischsprachigen Völker. In Madrid führt der König - aktuell Felipe VI. - eine große Militärparade an, die im spanischen Fernsehen zu sehen ist. Auch lokal, etwa an der Costa Blanca, steigen im ganzen Land Fiestas - für Spanien und die Heilige des 12. Oktobers, die Virgen del Pilar. All diese Fiestas macht 2020 jedoch das Coronavirus zunichte.

Kolumbus-TagNationalfeiertag in Spanien
Datum12. Oktober
Wochentag 2020Montag
Spanische BezeichnungenFiesta Nacional, Día del Pilar, Día de la Hispanidad

Am 12. Oktober 2020 verdirbt Corona in Spanien Nationalfeiertag zu Entdeckung Amerikas

In Spanien würde es am 12. Oktober wegen der Corona-Krise nur einen Nationalfeiertag in kleiner Runde geben, erklärte die Regierung von Pedro Sánchez (PSOE) schon im Juli. Statt einer Parade sollte König Felipe VI. einem kleinen Akt am Königspalast in Madrid vorstehen. Nur Vertreter einiger Militär-Einheiten, etwa der Legion, die ihr 100. Jubiläum begeht, wurden erwartet. Nun verhängte Sánchez in Madrid auch noch den Corona-Notstand. Ganz schön sauer sind in Spanier daher einige Patrioten, vor allem die rechte Partei Vox, die am Kolumbus-Tag trotz Pandemie gern die spanische Machtdemonstration gesehen hätte.

Kein Wunder: Steht der Nationalfeiertag am 12. Oktober in Spanien vor allem für konservative Werte: Militär und Verteidigung, politische Macht, Stolz auf die eigene Geschichte. Blickt man zurück, zu Kolumbus, macht das Sinn. Ein mächtiges Kolonialreich begründete seine Entdeckung Amerikas 1492. Vermeintlich wurden Kulturen rund um die Welt unter der spanischen Krone vereint. Doch 2020 sehen das nicht mehr alle so. Vielmehr betonen NGOs oder Kulturvereine die Unterdrückung indigener Völker durch die Eroberer. „Nada que festejar“ - „Nix zu feiern“ - gebe es daher am Kolumbus-Tag in Spanien, schon vor Corona.

Nationalfeiertag in Spanien in Kritik: 12. Oktober Fest des Militärs oder der Kulturen?

Kritiker vom Nationalfeiertag in Spanien fragen: Ist es angemessen, am 12. Oktober ein triumphales Fest der „Hispanität“ zu feiern, bei dem vor allem nationale Streitkräfte gewürdigt werden? Sollte im 21. Jahrhundert nicht eher die kulturelle Vielfalt der spanischsprachigen Welt vorangestellt werden? Oder das große wirtschaftliche und gesellschaftliche Gefälle zwischen Spanien und seinen Ex-Kolonien benannt werden? Alternative Parteien lassen in vielen Rathäusern aus Protest am Kolumbus-Tag bereits statt der National-Flagge in den Farben von Spanien die Flagge der indigenen Völker von Südamerika (Wiphala) schwenken.

Vermutlich lädt die Corona-Krise im Jahr 2020 Spanien dazu ein, seinen Nationalfeiertag oder Kolumbus-Tag neu zu reflektieren. Zu bedenken ist, dass der Feiertag im Kern tatsächlich von den Strapazen erzählt, die die Begegnung von Kulturen mit sich bringt. Das zeigt der 12. Oktober als Tag der Patronin von Spanien und der Guardia Civil, der Virgen del Pilar, „Jungfrau auf der Säule“. Auf einer Säule nämlich soll sie im Jahr 40 nach Christus Apostel Jakobus, spanisch Santiago, bei Zaragoza erschienen sein. Der Patron vom Jakobsweg weilte - so die Sage - in Spanien, um hiesigen Völkern das Evangelium zu verkünden.

12. Oktober: Spanien feiert Virgen del Pilar und Santiago, Gemälde von Goya in Zaragoza.

Nationalfeiertag, 12. Oktober in Spanien: Als aus Apostel Santiago ein Maurentöter wurde

Santiago war jedoch nach Spanien - anders als ein Kolumbus nach Amerika - ohne Heer oder Waffen gereist. Die Legende sagt, dass dem Apostel die Mission so gar nicht gelingen wollte. Als Santiago wieder abreisen wollte, erschien ihm die Virgen del Pilar und sprach ihm Mut zu. Ein Triumph war dem Pilger dennoch nicht vergönnt. Kurz später starb er in Jerusalem den Märtyrertod. Was Santiago nicht mehr erlebte, waren die Früchte der friedfertigen Verkündung: Das Christentum verbreitete sich in Spanien - das ist keine Legende - bis ins 4. Jahrhundert ganz ohne militärische Macht, trotz wiederkehrender Verfolgungen.

Erst im Mittelalter entstand in Spanien das Bild von Santiago als „Matamoros“ - „Maurentöter“ - der auf einem Pferd reitend mit einem Schwert Muslimen Köpfe abschneidet. Gefördert wurde das Bild unter den Katholischen Königen - in Zeiten von Kolumbus und der Entdeckung Amerikas - , in der Inquisition und auch unter dem Diktator Franco im 20. Jahrhundert. Ein solch bewaffneter Apostel passte auch gut zur Militärparade am Nationalfeiertag, 12. Oktober. Dass Santiago überhaupt jemals in Spanien war, ist möglich, aber nicht bewiesen. Dennoch lädt die Figur dazu ein, auch das Bild von der Hispanität neu zu überdenken.

Meinung zu 12. Oktober unter Corona - Spanien sollte Nationalfeiertag überdenken

Vielleicht kann Spanien am Nationalfeiertag 2020, den das Coronavirus verdorben hat, überlegen, ob wirklich ein reicher König, umgeben von hohen Politikern und bewaffneten Männern in den Augen der Menschen des 21. Jahrhunderts noch für eine große „Hispanität“ werben kann. Oder nicht vielleicht Menschen der Kultur aus allen spanischsprachigen Ländern sowie Aktivisten, die die Beseitigung von Armut in Südamerika vorantreiben, die Protagonisten des 12. Oktober werden sollten. Und auch - warum nicht? - ein wehrloser Apostel, der statt Schwert und Geschäftsplan nur eine frohe Botschaft mit im Gepäck hat.

Übrigens feiert am 12. Oktober in Spanien vor allem die Polizeieinheit Guardia Civil (hier ihre Geschichte) die Virgen del Pilar als Patronin. Den meisten Bürgern Spaniens ist die pompöse Feier in Madrid zudem weniger wichtig, als ein nettes Beisammensein an ihren Nationalfeiertag. Doch auch dieses familiäre Element hat die Corona-Krise 2020 stark eingeschränkt, vor allem in der Hauptstadt, wo derzeit Notstand wegen der zweiten Welle der Pandemie herrscht.

Rubriklistenbild: © Stefan Wieczorek

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