Von ETA bis FRAP

Wenn alte Wunden aufbrechen: Podemos-Chef Iglesias als Sohn eines Terroristen beschimpft

  • vonStephan Kippes
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Nicht alle, die sich necken, lieben sich auch. Die Hintergründe der Attacke der spitzzüngigen PP-Sprecherin gegen den Podemos-Chef Pablo Iglesias.

  • Vizeministerpräsident als „Botschafter der ETA“ und „Sohn eines Terroristen“ beschimpft
  • Warum Pablo Iglesias sich ausgerechnet als „Sohn eines FRAP“ gegenüber einem Kommunistenführer bezeichnet
  • Was FRAP, ETA und Santiago Carrillo mit der spanischen Transición zu tun haben

Madrid – Die Volkspartei PP steckt in einem internen Streit, der sich ausgerechnet um den Vizeministerpräsidenten der spanischen Regierung, Pablo Iglesias, dreht. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Wenig schweißt die Konservativen eigentlich so sehr zusammen wie ihre Abneigung gegen die linke Reizfigur von Podemos. Offensichtlich schoss PP-Sprecherin Cayetana Álvarez-Toledo aber doch über das Ziel des gemäßigten Flügels hinaus, als sie den Vizepräsidenten als “Botschafter der ETA” und „Sohn eines Terroristen“ im Parlament schimpfte.

Attacke mit Folgen: Gemäßigter Flügel fürchtet negative Auswirkungen auf Landtagswahl

Während die Stiftung Faes des Ex-Ministerpräsidenten José María Aznar sich hinter ihr spitzzüngiges politisches Ziehkind Cayetana Álvarez-Toledo stellte, sprach der galicische Ministerpräsident Alberto Núñez Feijóo (PP) von “einem schweren Fehler”. Das politische Schwergewicht innerhalb der PP muss sich am 12. Juli Landtagswahlen stellen und meinte: “Kein Mitglied meiner Partei oder anderer Parteien sollte sich von der Regierung dazu verleiten lassen, Zwietracht zu sähen, zu provozieren oder den Kopf zu verlieren”, sagte er.

Die Anschuldigung der PP-Sprecherin steht auf wackligen Füßen, denn die Sympathien von Javier Iglesias mit der Untergrundorganisation Frente Revolucionario Antifascista Patriótico FRAP währten nur kurze Zeit. Sie beschränkten sich darauf, dass der künftige Vater des Vizeministerpräsidenten in seinen Studententagen in den frühen 1970er Jahren einige Flugblätter verteilte. “Meine ganze terroristische Vergangenheit, der ich nun beschuldigt werde, reduziert sich darauf, drei Flugblätter bei der Demonstration am 1. Mai verteilt zu haben”, sagte Javier Iglesias gegenüber der Zeitung “El Publico”. Wegen illegaler Propaganda wurde er zweimal ins Gefängnis gesteckt, aber nie verurteilt, Als die Gruppe 1975 den Weg des bewaffneten Widerstands gegen die Franco-Diktatur beschritt, hatte Papa Iglesias sich längst von ihr distanziert. Drei Mitglieder der FRAP zählten zu den letzten fünf Opfern, die das Franco-Regime exekutierte. Seinen linken Idealen blieb Papa Iglesias auch als Beamter der Seguridad Social und Pensionär treu.

König Juan Carlos würdigte Santiago Carrillo

Erstaunlich ist, dass die Volkspartei dem Vizepräsidenten und Parteiführer von Podemos auch seine Sympathien für den 2012 verstorbenen Kommunistenführer Santiago Carrillo vorhält. Iglesias hatte Carrillo in einem Kondolenzschreiben gewürdigt und sich als “Kind eines Mitglieds der FRAP” bezeichnet. An diesem Tag würdigte aber selbst der damalige König Juan Carlos bei der Beerdigung den Kommunistenführer als “eine fundamentale Persönlichkeit in der Zeit der Transición von der Diktatur zu der von uns geliebten Demokratie”. Die unsägliche Debatte bringt nur zum Ausdruck, wie oberflächlich die historischen Wunden in der spanischen Volksseele verheilt sind, die diese niemals aufgearbeitete, turbulente Epoche von der Diktatur bis zur Transición in die Demokratie hinterlassen haben, die paradoxerweise weder die 45-jährige Cayetana Álvarez de Toledo noch Podemos-Chef Pablo Iglesias bewusst erlebten.

Beitrag der Kommunisten zur parlamentarischen Monarchie

Ganz anders der mit 97 Jahren verstorbene Gründer und Generalsekretär der kommunistischen Partei PCE von 1960 bis 1982, Santiago Carrillo. Angeblich in nächtelangen Verhandlungen rang er sich durch, dem ersten spanischen Ministerpräsidenten Alfonso Suaréz die Unterstützung der Kommunisten für die parlamentarische Monarchie zusichern. Damit erreichte er die Legalisierung der PCE, entfernte sie aber auch von ihrem Ziel der Restaurierung der Republik. Santiago Carrillo erlang Abgeordneten-Mandat von 1977 bis 1982. Später zersplitterte sich die Partei, und der Flügel Carrillo ging schließlich in der sozialistischen Partei PSOE auf, die PCE in den Vereinten Linken, die heute zu Podemos gehören und mit Alberto Garzón einen Minister im Verbraucherministerium stellen.

Zwei Arten von Widerstand: Unterschied zwischen FRAP und Santiago Carrillo

Von der Verhandlungsfähigkeit der damaligen Politiker und ihrer Bereitschaft, Abstriche zu machen, um etwas Größeres zu erreichen, können sich Politiker von heute von Cayetana Álvarez Toledo bis Pablo Iglesias eine Scheibe abschneiden. Iglesias sah auf Carrillo stets als einen “Kommunisten der Rechten” herab, eben für seine Rolle bei der von vielen Linken stets mit Skepsis betrachteten und von vielen Repressalien begleiteten Transición. Heroischer erschien ihnen etwa die FRAP, die sich dem “Staatsterrorismus” und seiner aus ihrer Sicht damaligen Verkörperung, der Guardia Civil, zur Wehr setzte.

Das Problem der Linken mit der Guardia Civil ist historischer Art

Dieses Kapitel der Geschichte erklärt auch die Vorbehalte der derzeitigen spanischen Regierung aus PSOE und Podemos mit der paramilitärischen Einheit und die derzeitige Krise. Aus dieser Haltung rührt auch her, dass ein Pablo Iglesias keine Vorbehalte verspürt etwa mit baskischen Separatisten aus dem früheren Umfeld der ETA wie etwa Arnaldo Otegi oder die Paetei Euskal Herria Bildu zusammenzuarbeiten. Es ist der Glaube an den Widerstand gegen ein Unrechtsregime, der sie verbindet.

Pablo Iglesias, zweiter Vize-Regierungschef von Spanien, wird im Parlament angegriffen.

Carrillo war kein linker Idealist oder Träumer, sondern ein schon während des Spanischen Bürgerkriegs in Moskau perfekt ausgebildeter Kommunist und gern gesehener Redner etwa bei SED-Parteitagen in der früheren DDR. Sicherlich der einflussreichste Widersacher Francos, aber eben auch eine Führungsfigur des Eurokommunismus. Trotzdem unterstützte er sogar gegen den Willen der PCE die 1954 die Aufnahme Spaniens in die NATO, für die USA und dann auch die Sowjetunion eintraten. Mehrmals schaffte er es, die Intrigen der radikalen Kommunisten und Marxisten mit seinem gemäßigtem Kurs auszuweichen. Die Propagandamaschinerie des Franco-Regimes brachte ihn mit dem Massaker von Paracuellos in Verbindung, als der republikanische Widerstand in Madrid unter Leitung von Carrillo bei der Offensive der Truppen Francos zwischen 2.000 und 5.000 Kriegsgefangene exekutieren ließ. Bis heute ist die Rolle Carrillos bei den Massakern umstrittenen, bis heute nutzt die Volkspartei dies, um Breitseiten auf politische Gegner wie Pablo Iglesias abzufeuern. Historiker wie der Verfasser der Biographie von Santiago Carrillo, Paul Preston, vermuten, dass der Befehl für die Exekutionen von Moskau und der PCE ausging. Carrillo leugnete bis zuletzt, überhaupt etwas davon gewusst zu haben, obwohl er als oberster Befehlshaber des Widerstands eine Schlüsselfigur bei der Verteidigung Madrids war.

Rubriklistenbild: © Pool/EUROPA PRESS/dpa

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