spaniens gesundheitsminister illa bei pressekonferenz
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Spaniens Gesundheitsminister Salvador Illa bei seinem täglichen Coronavirus-Update.

Spanien und der Coronavirus-Notstand

Madrid riskiert Abweisung: Spanien rüstet sich für Phase 1 der Deeskalation des Coronavirus-Notstandes

  • vonMarco Schicker
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Das Rennen um den Eintritt in Phase 1 der Deeskalation vom Notstand wegen des Coronavirus hat in Madrid zu politischen Verwerfungen und einem Rücktritt geführt. Murcia, die Kanarischen Inseln, die Balearen und Andalusien liefern die besten Eckdaten, auch für Valencia stehen die Chancen gut. Gesundheitsminister steht vor „komplizierter Entscheidung ohne Gebrauchsanleitung“.

  • Madrid will in Phase 1 der Deeskalation aus dem Coronaviurs-Notstand, erfüllt aber die Kriterien nicht.
  • Andalusien, Murcia und Valencia haben gute Chancen, ab Montag, 11. Mai, neue Freiheiten zu leben.
  • Große Teile von Katalonien, Castilla y León und andere bleiben in Phase 0.

Madrid - Die Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit der Region Madrid, Carmen Yolanda Fuentes, ist am Donnerstag zurückgetreten, weil sie den Kurs der regionalen Ministerpräsidentin, Isabel Díaz Ayuso, den Übertritt in Phase 1 des Coronavirus-Deeskalationsplanes zu beantragen, nicht verantworten wollte. Sie verweigerte auch ihre Unterschrift auf dem Antrag, den die Region Madrid an das Gesundheitsministerium der Zentralregierung schickte.

Was bedeutet Phase 1 des Deeskalationsplanes? Costanachrichten Chefredakteur Stephan Kippes erklärt alles kurz und bündig im Video:

Coronavirus-Krise in Madrid noch nicht überwunden

Dabei hatte Díaz Ayuso selbst noch am Mittwochmorgen schwere Zweifel daran geäußert, ob Madrid überhaupt den Aufstieg in die nächste Phase des Deeskalationsplanes beantragen solle. Binnen acht Stunden änderte sie ihre Meinung von "ich glaube noch nicht" auf "ich bin fest davon überzeugt, dass wir bereit sind". Hatte sie all "die schrecklichen Bilder, die wir in Madrid sehen mussten" (Ayuso) getilgt oder wurde die PP-Politikerin von der Wirtschaftslobbby "überzeugt", wie Beobachter schreiben. Außerdem lehnt ihre Partei den Notstand grundsätzlich ab.

Madrids oberste Beamtin für Gesundheit, Yolanda Fuentes, trat am Donnerstag zurück.

Die Hauptstadt und ihr Umland stellten 15.000 der 26.000 offiziell gezählten Coronavirus-Toten in Spanien, erst vor wenigen Tagen konnte das Nothospital im Messegelände Ifema geschlossen werden, es bleibt aber in Bereitschaft. Dessen kommissarischer Leiter, Antonio Zapatero, auch Direktor des Krankenhauses Fuenlabrada, wurde übrigens Nachfolger der zurückgetretenen Fuentes.

Lob von Ciudadanos: "Katalonien verantwortungsvoller als Madrid"

Castilla y León hat den Aufstieg in Phase 1 gar nicht erst flächendeckend beantragt. Auch dort regiert die PP mit Hilfe von Ciudadanos. Dessen Vizeministerpräsident Francisco Igea begründete die Zurückhaltung damit, dass „wir unter keinen Umständen eine Entscheidung treffen werden, die uns dann zum Beweinen eines Rückfalls bringt“.

Dass auch andere PP-Regionen vorsichtig handeln können, belegt unter anderem Andalusien. Die Region ist landesweit bei den Cornavirus-Fällen mit am besten aufgestellt, dennoch sollen drei der 33 Gesundheitsbezirke, konkret: Málaga, Granada und der Großraum Granada, nach dem Willen der Regionalregierung noch in Phase 0 verbleiben - schlicht aus Vorsicht. Hingegen verlangt die Region eine frühere Öffnung der Strände als von der Zentralregierung vorgesehen. Ein Wunsch, dem sich auch Parteifreunde von Regierungschef Sánchez wie der Valencianer Ximo Puig anschließen, dessen Comunidad Valenciana auch besonders stark abhängig vom Tourismus ist.

Kataloniens Quim Torra hat ebenfalls nur Teile seiner Region für fit erklärt, die Provinzen und Städte Barcelona, Girona und Teile von Lerída werden auch die kommenden 14 Tage in Phase 0 bleiben. Angesichts der Skepsis des Separatisten gegenüber den Maßnahmen der Zentralregierung ein reifer Entschluss, der ihm sogar überraschendes Lob des politischen Gegners einbrachte: "Nie in meinem politischen Leben hätte ich geglaubt, dass ich so etwas sagen würde, aber Torra hat vernünftiger gehandelt." (als Ayuso), sagte der Ciudadanos-Mann Francisco Igea am Donnerstag.

Raus aus dem Coronavirus-Loch: Murcia, Andalusien und Valencia vorne mit dabei

Die besten Indikatoren und damit auch alle Chancen ab Montag, 11. Mai weitere Lockerungen umsetzen zu dürfen, haben: Murcia, die Kanarischen Inseln, die Balearen, Andalusien sowie Ceuta und Melilla. Darauf folgen Regionen, in denen die Lage recht gut aussieht, in denen es nur punktuell Zweifel über die Reife für die nächste Stufe gibt. Dazu gehören: Valencia, Aragón, Extremadura, Asturien und Galicien. Am Ende der Skala finden sich Regionen, die ganz oder in großen Teilen, die vom Gesundheitsministerium definierten Eckdaten noch nicht erfüllen: Navarra, Baskenland, La Rioja, Madrid, Castilla y León, Castilla-La Mancha sowie Katalonien.

Grafik der Covid-19-Neuinfektionen in Spanien in den vergangenen 14 Tagen pro Autonomer Region. (bis 6. Mai)

Um sich eine Vorstellung über die regionalen Unterschiede zu machen: In Murcia infizierten sich in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner 0,87 Menschen am Coronavirus. In Andalusien 1,27, auf den Kanaren 1,35, auf den Balearen 3,04, in der Comunidad Valenciana 4,9. Am anderen Ende: In Katalonien waren es 24, in Madrid 30 und in Castilla y León 31 Menschen pro 100.000. Bei den Todesfällen der letzten 14 Tage liegen die Regionen bis zu 926 Prozent auseinander, bei den in Krankenhäusern behandelten Fällen diffierieren die Zahlen bis zu 5.600 Prozent.

Covid-19-Neuinfektionen eingrenzen: Manchmal ist weniger mehr

Das Gesundheitsministerium, das am Freitag oder Samstag entscheiden und verkünden muss, welche Regionen in Phase 1 marschieren dürfen, hat einige klar umrissene technische Details festgeschrieben. Dazu gehören neben einer bestimmten Testdichte auch Limits bei Neuinfektionen und der Belegung der UCIs sowie die Kapazität der regionalen Gesundheitsstrukturen, binnen weniger Tage bis zu zwei Intensiv- und bis zu 40 normale Krankenhausbetten pro 10.000 Einwohner aufstocken zu können, sollte es zu einem Rückfall bei den Covid-19-Erkrankten kommen.

Der Direktor des Ifema-Krankenhauses wurde von Madrids Ministerpräsidentin zum neuen Gesundheitschef der Region ernannt:

Andere Aspekte der schweren Entscheidung, die Gesundheitsminister Salvador Illa zu treffen und letztlich zu verantworten haben wird, sind nicht so eindeutig abgrenzbar. So spricht das Ministerium unter anderem davon, dass es einen Unterschied macht, ob es in einer Region zwar relativ viele neue Fälle gibt, die aber in einem Hot Spot, zum Beispiel einem Altenheim, gut ein- und abgrenzbar sind oder ob ein Gebiet zwar wenig Fälle zählt, die aber dafür breit gestreut sind. Man müsse die Mobilität in den einzelnen Gebieten zu Rate ziehen, ob es sich um ländliche oder städtische Gebiete handelt und wie die Altersstruktur aussieht.

Gesundheitsminister entscheidt bis Samstag: Ohne Gebrauchsanweisung

Die Entscheidung, die für den heutigen Freitag, spätestens aber Samstag erwartet wird, wird so tatsächlich eine über "Leben und Tod". Wird sie überwiegend politisch dominiert, so wie in Madrid, kann das gesundheitliche Konsequenzen für die gesamte Bevölkerung nach sich ziehen. Wird sie rein nach epidemiologischen Kriterien gefällt, verschärft sie die Wirtschaftskrise zwangsläufig weiter und wird sie zumindest politisch ausgeschlachtet werden.

"Wir müssen komplizierte Entscheidungen treffen, für die es keine Handlungsanleitung gibt", resümierte Gesundheitsminister Salvador Illa, was ihm dieser Tage bevorsteht. Doch er machte auch klar, dass ein Ziel über allem steht: Einen Neuausbruch des Coronavirus als Epidemie gilt es unbedingt zu vermeiden.

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