Ein Mädchen mit Mundschutz und Gesichtsmaske sitzt an einer markierten Stelle mit einem Tablet in einer Schule.
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In Chile sitzt ein Mädchen mit Mundschutz und Gesichtsmaske an einer markierten Stelle mit einem Tablet in einer Schule.

Unsicherheit bei Familien vor Schulanfang

Spanien: Chaos vor Schulanfang - Coronavirus verunsichert Eltern

  • vonStephan Kippes
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Mitte September sollen Spaniens Kinder wieder in die Schule gehen. Die Eltern wissen nicht, wie der Unterricht ablaufen soll. Und Corona breitet sich weiter aus.

  • Knapp drei Wochen vor Schulanfang wissen Eltern noch nicht, wie und wo ihre Kinder unterrichtet werden.
  • Gewerkschaften werfen Regionen Versagen bei der Schulplanung vor und drohen mit Lehrerstreiks
  • Aufgrund der Coronavirus-Krise zeichnet sich ein Mischmodell aus Klassen- und Onlineunterricht ab.

Madrid – Der Schulanfang rückt unaufhaltsam näher und viele spanische Familien stehen da wie der Ochs vorm Berg. Wegen der Coronavirus-Krise weiß niemand so richtig, ob es zu Unterricht in den Klassen kommen wird, wie der in Spanien aussehen wird, wie lange das Coronavirus das zulässt, ob Eltern im Homeoffice arbeiten, während die Kinder Online-Unterricht bekommen. Kann man Opa und Oma angesichts der fortschreitenden Infektionsgefahr guten Gewissens bei der Kinderbetreuung einspannen? Diese Unsicherheit ist zum Mäuse melken, zumal nicht nur die Schule, sondern für viele Spanier auch die Arbeit wieder losgeht. Viele wissen aber gar nicht wie.

Chaos kurz vor Schulbeginn in Spanien: Gewerkschaften drohen mit Lehrer-Streiks

Die Gewerkschaften unterstellen den Regionalregierungen ein Scheitern bei der Organisation des Schulbetriebs und kündigen Streiks der Lehrer an. Derweil versichert das Bildungministerium, man arbeite seit dem Beginn der Epidemie mit den Regionen eng zusammen, um die Kontinuität des Schulunterrichts garantieren zu können. Am 27. August soll eine Konferenz der regionalen Ministerpräsidenten eine rote Linie festlegen, wie der Unterricht ab Mitte September ablaufen soll.

Unklar ist, ob Spanien sich mit seinen regionalen Unterschieden und Eigenheiten – vorneweg im Baskenland und Katalonien – diesbezüglich einigen kann. Valencias Ministerpräsident Ximo Puig hat bereits durchblicken lassen, dass er aus pädagogischen Gründen von einem Klassenunterricht zumindest in der Vorstufe und Grundschule ausgeht. Murcia will das aber nicht. Das Coronavirus breitet sich derzeit in der Region Valencia auch anders aus als etwa im Baskenland oder Madrid. Die Hauptstadtregion geht “von einem neuen Szenario” aus – mit anderen Worten, kein normaler Unterricht, zumindest nicht in der Sekundarstufe. Bisher weiß niemand so genau, was Mitte September in den Schulen Spaniens und den verschiedenen Regionen passieren wird. Viele Eltern denken bisher auch gar nicht daran, Schulbücher oder Uniformen für ihre Zöglingen zu kaufen. Die Unsicherheit ist zu groß.

“Wir haben den Eindruck, dass alle Regionen, vielleicht mit einigen Ausnahmen wie Valencia, einfach so weitermachen wie vor der Pandemie. Man hat sich wenig Gedanken um eine andere Unterrichtsorganisation oder die Anstellung von Personal gemacht. Also gehen sie das Risiko ein, es weiterlaufen zu lassen und wenn die Dinge sich komplizieren, machen sie die Schulen dicht. Wir Lehrer wollen den Klassenunterricht, den wir für fundamental wichtig halten, damit die sozialen Gräben zwischen den Schülern nicht noch tiefer werden. Aber wir wollen eine sichere Rückkehr zum Unterricht”, brachte der Bildungsbeauftragte der Gewerkschaft CC OO, Francisco García, die Sorgen der Lehrer auf den Punkt.

Unterricht unter Zeichen von Corona: Mehr Lehrer, kleinere Klassen, mehr Räume erforderlich

Die Pandemie erfordert beträchtliche Investitionen in Bildung. Die Klassenstärken müssen eigentlich reduziert werden. Dafür braucht man wiederum mehr Lehrer und Klassenzimmer. Die Räumlichkeiten und auch ihre Ventilation sollten an die Erfordernisse der Pandemie angepasst und möglicherweise müssen die Klassen und Unterricht so organisiert werden, dass sich konstante Kindergruppen von 25 in der Vor- und 20 in der Grundschule bilden lassen. Offen ist, ob für Kinder und Lehrer die Maskenpflicht bestehen soll. Der Leiter des Krisenstabs, Fernando Simón, schlug eine einheitliche Regelung wie die Maskenpflicht für Kinder ab sechs Jahren in den Schulen vor.

Drei Szenarien werden durchgespielt: Klassenunterricht, Videounterricht und ein Mischmodell. Sollte aber drei Tage in der Schule und zwei Tage zu Hause unterricht werden, stellt das viele Eltern vor ein Problem, vor allem bei mehreren Kindern und nicht übereinstimmenden Unterrichtstagen. Mit dem Etat für eine Tagesmutter oder professionelle Kinderbetreuung schaut es in vielen Haushalten mau aus. Oft reicht es nicht für einen zweiten Computer.

Schulanfang mit dem Coronavirus stellt Organisationstalent der Eltern auf harte Probe

Der Schulanfang wird also das Organisationstalent vieler Eltern auf die Probe stellen. Im Improvisieren und dem Finden schneller Lösungen sind die Spanier ja Meister. Manche tendieren dazu, eine kollektive Lösung für ihre individuellen Probleme zu finden, etwa den Unterricht zu Hause zu organisieren, also ein Privatunterricht von mehreren Kindern abgekoppelt von der Schule auf die Beine zu stellen. Dieses Thema gewann an Popularität während der Quarantäne, als viele Familien aufs Land flüchteten und auf die Idee kamen, sie könnten die inzwischen verwaisten Dorfschulen ihrer Kindheit wiederbeleben. So einfach ist das aber nicht. Man stößt auf eine ganze Reihe legaler Probleme.

Die Zeitung “El País” berichtet auch von einem Projekt der Wirtschaftsschule Osmotic, deren Methodik der Gründer Luis Mateos Keim mit einer Elterngruppe anwendet. Es ist ein Eltern-Schule-Kooperationsmodell. Die 20 Eltern des “School Tank” suchen nach Wegen, um Kameras für Lehrer zu finanzieren, Räume in unmittelbarer Nähe der Schule zu finden, die sich als zusätzliche Klassenzimmer nutzen lassen und tüfteln ein Kombinationsmodell zwischen Videounterricht und Klassenunterricht aus, so dass nur die Kinder in die Schule gehen, die nicht online unterrichtet werden können – mit dem Ziel, die Klassen so stark zu reduzieren, dass die Distanz gewahrt und die Ansteckungsgefahr reduziert werden kann.

Sollte ein Kind positiv auf das Coronavirus getestet werden, müssen sich natürlich auch alle anderen Familienmitglieder des gleichen Haushalts einem PCR-Test unterziehen. Wer immer die Betreuung des Kindes in der Quarantäne übernimmt, kann sich dafür von der Arbeit freistellen lassen. Eltern haben auch das Recht auf flexible Arbeitszeiten oder Homeoffice, falls der Schulunterricht irregulär abläuft, etwa bei einem Mischmodell aus Klassen- und Videounterricht oder zeitweisen Schließung der Einrichtung aus Gründen der Pandemie.

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