In einer leeren Schulklasse in Spanien liegen Stühle auf dem Tisch.
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Coronavirus-Pause in Spanien: Im September erst öffnen wieder die Schulen.

Kinder dürfen in Klassen

Schulen in Spanien beenden Corona-Pause, Eltern sauer: „Bars und Playas wichtiger?!“

  • vonStefan Wieczorek
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Kinder ohne Masken, Unterricht im Freien: Spanien überrascht nach Corona-Pause mit Rückkehr zur Schule im September. Hat die Politik Schulen und Kinder vernachlässigt?

  • Schulen in Spanien öffnen im September wieder - mit Coronavirus-sicheren "Modulen".
  • Spanische Regierung begründet Plan mit neuen Studien zu Sars-CoV-2 und Kinder.
  • Eltern weiter vor schweren Monaten - Madrid öffnet Sommerschulen am 1. Juli.

Madrid - Die Regierung von Spanien hat einen Plan für die Rückkehr zur Schule veröffentlicht. Zum neuen Schuljahr im September kehren die Kinder in die Klassenräume zurück. Kein Unterricht übers Internet mehr also in den Grundschulen, wie im Coronavirus-Alarmzustand, das bezeichnete Bildungsministerin Isabel Celáa (PSOE) am Freitag, 12. Juni, als "absolut" sicher. Die Ankündigung bringt Erleichterung für die Familien, die drei Monate lang irgendwie Schule, Arbeit und Haushalt unter einen Hut und ein Dach bringen mussten. Doch die Lösung aus Madrid verwundert auch.

Denn: Bei der Rückkehr in die Schule werden die Kinder in der Klasse keine Sicherheitsabstände einhalten müssen - und sich frei bewegen dürfen „wie Familienmitglieder oder Bewohner einer Hausgemeinschaft“, so Celáa. Allerdings würden die Klassen auf 15 bis 20 Kinder gekürzt. Coronavirus-freie „Module“ oder „Blasen“ („burbujas“) entstünden auf diese Weise unter den Schülern bis zehn Jahre. Im Rest der Schule, unter Lehrern etwa, würden die in der Covid-19-Krise bewährten Sicherheitsabstände von „mindestens 1,5 Metern“ gelten.

Kinder doch keine Coronavirus-Schleudern: Spanien hakt erste Hypothese ab

In den Coronavirus-freien „Modulen“ würden Masken und Abstände flexibel gehandhabt. Alles sei „gut geplant“ und von neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen belegt, versicherte Celáa. Aktuelle Studien kämen zum Schluss, dass Kinder eben nicht die Sars-Cov-2-Virenschleudern seien, als die man sie zu Beginn der Pandemie verdächtigt hatte. Die damalige Hypothese, so Celáa, sei für die Regierung nicht mehr aktuell. Die Ministerin habe bereits die autonomen Regionen Spaniens beauftragt, für den Schulbeginn im September die Räume zu „optimieren“.

Das bedeutet: In den Grundschulen in Spanien sollen etwa Bibliotheken, Kantinen oder Mehrzweckräume für den Unterricht zur Verfügung gestellt werden, und auch der Hof. Celáa: „Nutzen wir das gute Wetter“. Außerhalb der sicheren Module müssten Kinder ab sechs Jahren Masken tragen - ganz gemäß der Vorgaben Spaniens für die „neue Normalität“, die ab 21. Juni gelten soll. Für Eltern sind die Ankündigungen immens wichtig. Bisher hat es unter Müttern und Vätern oft geheißen: „Ich glaube nicht, dass es im September wieder losgeht“.

Coronavirus in Spanien: So genossen Kinder ersten Ausgang in Alicante.

Covid-19-Sommerschule für Zuhause zum Preis von einem Monatsgehalt

Aber nun ist es offiziell: Im September geht die Schule für spanische Kinder in den Klassen weiter. Ein großes Aufatmen müsste durchs Land gehen. Doch das tut es nicht. Denn bis September sind es noch zweieinhalb Monate, die mit Zeit und Aktivitäten für die Kinder gestaltet werden müssen. Tausende Eltern in Spanien sind verzweifelt. Denn wie sollen sie die Ferien verbringen? In Alicante etwa endet das Schuljahr wegen des Feiertags zu den Hogueras schon am 18. Juni. Ferienangebote wie sonst, etwa die Sommerschulen fehlen wegen des Covid-19-Risikos weitestgehend.

Es gibt zwar Alternativen zu den Sommerschulen. Sie sind jedoch teuer. Ein Beispiel aus Alicante. Hier bietet Enlody Sport, das in öffentlichen Grundschulen Sommer-Aktivitäten anbietet, diesmal das Programm "Monitor a domicilio" an. An die fünf Kinder gleichzeitig werden von einem Betreuer in einem Haushalt betreut, es gibt Geschichten, Basteln, Förderunterricht. Aber dafür bezahlen die Eltern pro Woche knapp 300 Euro - für ein Kind. Für viele Alicantiner ist der Preis ein Monatsgehalt. Etwa für Ana María Martínez aus Alicante, die für eine Bank arbeitet. (Video: Kinder vor Ende der Ausgangssperre in Spanien)

In Madrid öffnen nach Coronavirus-Pause am 1. Juli Schulen mit Sommer-Freizeiten

Kurzfristig freinehmen dürfe die Mutter zweier Grundschulkinder aus Alicante laut ihres Arbeitgebers nicht. Ihr Mann, der als Beamter im Rathaus einer anderen Gemeinde arbeitet, durfte in den letzten Wochen abends arbeiten, muss aber ab Ende des Alarmzustands am 21. Juni wieder wie planmäßig morgens arbeiten. Also werden sich die beiden Eltern nicht mehr bei der Kinderbetreuung abwechseln können. Drei Monate haben sie in der Wohnung in einer Hochhaussiedlung ausgeharrt. „Meine Kinder halten es kaum noch aus, ärgern sich nur noch gegenseitig“, so Martínez.

Spanien verhängte in der Corona-Krise eine Ausgangssperre.

In Madrid sähe es für die Familie eventuell besser aus. Hier kündigte das Rathaus gerade an, am 1. Juli Kindergärten und Grundschulen mit Sommer-Angeboten zu öffnen und auch ab 15. Juli Freizeiten zu veranstalten. Dazu hat das Rathaus ab dem 21. Juni, wenn Spanien den Alarmzustand verlässt, das Recht. Auch Andalusien kam Schulministerin Celáa zuvor, als es schon am 6. Juni ankündigte, Schulen im September mit vollen Klassen zu öffnen. Wohlgemerkt: Beide Regionen, Madrid und Andalusien, sind von Celáas Gegnern, der konservativen PP, regiert.

Coronavirus-Konflikte in Spanien: „Politik ignorierte Kinder“ versus „Bildung für Regierung Priorität“

Ein Konsens aller wichtigen Parteien in Spanien zum Thema Schul-Rückkehr nach der Corona-Krise fehlt jedoch. Das ist nichts Neues. Politische Gefechte werden in Spanien traditionell über die Schulpolitik ausgetragen - auf den Rücken der Kinder und Familien. Jedoch geht nach den Monaten unter Covid-19 vielen Eltern, unabhängig von der politischen Gesinnung, die Puste aus. „Es geht einfach nicht mehr“, sagt Mutter Martínez aus Alicante. Zu den Großeltern die Kinder bringen, wie bei der letzten großen Notlage, der Finanzkrise, ist angesichts der Gefährdung der Senioren nicht geboten.

Fangen wieder Oma und Opa in Spanien die Not mit der Kinderbetreuung auf?

In vielen Familien Spaniens wird jedoch im Coronavirus-Sommer genau so - durch die Hilfe von Angehörigen - wieder die Kinderbetreuung gerettet werden müssen. Martínez traurig: „Die Politik hat in der Pandemie die Kinder nicht ernst genommen, ihre Gesundheit - körperlich und mental - ignoriert, und auch jetzt löst sie ihr Bedürfnis als letztes, nach den Bars, nach den Stränden.“ Anders sieht es Bildungsministerin Celáa: "Die Bildung ist eine Priorität für diese Regierung", begann ihr neuester Tweet zum Thema Schulöffnung nach der Covid-19-Krise.

Spanien: Rückkehr der Schule im September nach Coronavirus-Pause in Kurzform

  • Kinder bis zehn Jahre (vierte Grundschul-Klasse) lernen in reduzierten Gruppen ("Modulen", "Blasen") bis 20 Schüler ohne dort Sicherheitsabstände einhalten und Masken tragen zu müssen.
  • Für die Durchführung des Plans sollen an den Schulen Bibliotheken, Mehrzweckräume und auch der Hof für den Unterricht genutzt werden.
  • Ab elf Jahren müssen Schüler den Coronavirus-Abstand von mindestens 1,5 Metern einhalten und in der Klasse Masken tragen, wenn sie vom Stuhl aufstehen. Dasselbe gilt für Sekundar- und Oberstufe.
  • Die Kantine an den Schulen wird zeitlich und räumlich ganz neu organisiert, sodass sich die Schüler verschiedener Klassen nicht mischen.
  • Auch in den Pausen sollen Schüler sich nicht mit anderen Klassen mischen.
  • Jede Schule bietet ein Coronavirus-Expertenteam auf, das die Schüler empfängt und begleitet.
  • Lehrer sollen langes Haar nicht offen tragen, auf Schmuck möglichst verzichten und Kleidung täglich gut waschen.
  • Eltern sollen von Lehrern möglichst außerhalb der Schule informiert und betreut werden.
  • Kinder sollen auf dem Schulweg möglichst das Fahrrad nutzen statt Auto oder Bus.
  • Stefan Wieczorek
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