Schulen werden trotz Coronavirus-Krise geöffnet

Schulstart Spanien: Maskenpflicht und Präsenzunterricht komme was wolle

  • vonStephan Kippes
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Der Schulstart in Spanien soll normal verlaufen. Die Regierung will die Schulen nicht erneut schließen, selbst wenn es zu Coronavirus-Fällen kommt.

  • Der Schulunterricht soll in Spanien normal stattfinden.
  • Maskenpflicht und Coronapräventionsmaßnahmen sollen Sicherheit garantieren.
  • Regierung und Regionen einigen sich auf eine gemeinsames Protokoll zum Schulstart.

Madrid – Komme was wolle, die Schule fängt nach der ersten Septemberwoche in Spanien wieder an und mit allem, was zum normalen Unterrichtsbetrieb dazugehört: Klassenunterricht, Schulkantine und Betreuung. Mit dieser Botschaft räumen die spanische Regierung und die Regionalregierungen die Zweifel aus, die in vielen spanischen Haushalten über das neue Schuljahr herrschen. Nur in Ausnahmefällen und bei unkontrollierbaren Ausbreitungen des Coronavirus möchte Spanien die Schulen dichtmachen. Für rund acht Millionen Schüler in Spanien beginnt nach einen halben Jahr Zwangspause wieder der Ernst des Lebens.

Spanien setzt in Schulen auf Präsenzunterricht - Es gibt keinen Plan B

Bildungsministerin Isabel Celáa risikiert sehr viel, da die Regierung die Marschrichtung Klassenunterricht, vorgibt ohne einen Plan B präsentieren. Viele Elternverbände sprachen sich klar gegen Präsenzunterricht aus, Lehrer drohten mit Streiks. Einige Eltern kündigten sogar an, sie würden ihre Kinder nicht in die Schule gehen lassen. Sollte sich die Coronavirus-Pandemie verschlimmern, dürfte die Ministerin wohl nicht mit der lapidaren Erinnerung an die Schulpflicht von sechs bis 16 Jahren davonkommen. Andererseits setzt das Land damit auch ein Zeichen, dass es sich nicht mehr vom Coronavirus sagen lassen will, wo es langzugehen hat. Spanien will zurückkehren in eine gewisse Normalität, ob die Infektionen steigen oder nicht.

Das Abkommen vom Donnerstag stärkt in erster Linie die Bildungshoheit der Regionen. Der Pakt an sich enthält kaum pädagogische Inhalte und schon gar keine Vorgaben, die das Bildungsministerium den Regionen vorgibt. Vielmehr einigen sich Regierung und Regionen auf Coronavirus-Präventivmaßnahmen, die auch dem gesunden Menschenverstand hätten entspringen können. Das häufige Lüften der Klassenzimmer, fünfmal am Schultag die Hände waschen, die Empfehlung zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule zu kommen und eine allgemeine Maskenpflicht für alle Schüler ab sechs Jahren. Die Regionen haben sich darauf geeinigt, dass der Unterricht so oft wie möglich im Freien stattfinden soll. Damit werden die Rathäuser eingespannt, die letztendlich diese Räume in öffentlichen Anlagen zur Verfügung stellen müssen.  Auf die Schulleitungen kommt ein ungeheuerer logistischer Aufwand zu.

 „Diese Maßnahmen reichen, um die Sicherheit zu garantieren. Wir brauchen nicht viele Maßnahmen, sondern welche, die erfüllt werden“, sagte Gesundheitsminister Salvador Illa. Minister Illa machte den reibungslosen Ablauf des Schulbetriebs von der Verhalten der Bürger außerhalb der Schulen verantwortlich.

Die Schulen bleiben auch offen, falls einzelne Schülern und Lehrer sich mit dem Coronavirus infizieren sollte. Nur bei „unkontrollierbaren“ und „allgemeinen“ Ausbreitungen des Virus sollen Institute geschlossen werden. Nicht für das Schuljahr, sondern „für begrenzte Zeiträume von vielleicht zwei Wochen“, sagt Gesundheitsminister Salvador Illa.  Die Entscheidung eine Schule unter Quarantäne zu stellen, obliegt aber nicht dem spanischen Gesundheitsministerium, sondern der jeweiligen Regionalregierung. Allerdings weichen Katalonien und Andalusien von der laxen Regelung ab. Die Andalusier machen dicht bei drei oder mehr Fällen in zwei verschiedenen Klassenzimmern, die Katalanen bereits bei zwei.

Schulstart unter dem Zeichen der Corona-Pandemie - Appell an Verantwortungsbewusstsein

Die Eltern müssen auch nicht wie ursprünglich vorgesehen überall eine Absichtserklärung unterzeichnen, in der sie die Verantwortung übernehmen, dass ihre Kinder nur ohne Fieber in den Unterricht kommen. Es bleibt den einzelnen Regionen überlassen, ob sie diese Erklärung einfordern oder nur mit einem Rundschreiben die Eltern nachdrücklich darauf hinweisen, dass Kinder mit Covid-19-Symptomen nicht in die Schule gehen dürfen. Der Pakt lässt auch offen, wer an jeden Tag vor Unterrichtsbeginn das Fieber der Kinder misst - die Eltern oder die Schulen. Die Politiker pochen mehrmals auf die individuelle Verantwortung der Eltern, was ihnen auch Häme eingebracht hat.

Zu Hause geht es oft anders zu als im Kabinett. Wenig macht das Land, es den Eltern etwas zu erleichtern, verantwortungsvoll zu handeln. Viele Eltern arbeiten in prekären Arbeitsverhältnissen. Ihrem Kind in einer möglichen  Quarantäne zur Seite stehen zu müssen, könnte sie den Job kosten. Die Großeltern können wegen der Infektionsgefahr auch nicht eingespannt werden. Mit dem Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen verhält es sich in der Coronavirus-Krise ähnlich wie mit dem Recht auf Bildung – schön, wenn man sich das leisten kann.

Viele Kinder fürchten sich etwas davor, den ganzen Schultag mit einer Atemschutzmaske verbringen zu müssen. Kinder spielen, rennen, berühren und umarmen sich, sie freuen sich, ihre Klassenkameraden wiederzusehen. All das müssen sie unterdrücken oder den Gegebenheiten anpassen. Für einige Youngsters ist allein der Gedanke daran ein Drama, dass ihre Klassen möglicherweise wegen der Größe neu aufgeteilt müssen und sie vielleicht von ihren Kameraden getrennt werden könnten. Diese auferlegte physische Distanz dürfte auch den Lehrern inbesondere in den Vor- und Grundschulen ihre pädagogische Arbeit erschweren. Kleine Kinder wollen auch mal gedrückt, umarmt, geküsst werden. Nun sollen Lehrer lernen, mit den Augen zu lächeln.

Ab der 3. ESO-Klasse besteht die Möglichkeit, den dann 14-jährigen Schülern den Stoff online in Kombination mit Präsenzunterricht zu vermitteln. Allerdings legt der Pakt keinen genauen Stundenplan fest oder ob und wie die einzelnen Klassen sich mit Online- und Präsenzunterricht abwechseln. Das dürfte gegebenenfalls vor Ort entschieden werden.  Nicht nur die Schulen und Lehrer haben Schwierigkeiten den Online-Unterricht zu organisieren, auch jugendlichen Schülern fällt es den Erfahrungen aus der Quarantänezeit nach mitunter sehr schwer, allein auf sich gestellt diszipliniert einem Videounterricht zu folgen. Aus pädagogischen, sozialen und anderen Gründen herrscht Einigkeit darüber, dass Online-Unterricht keine Lösung sein kann.

Bildungsministerin Isabel Celáa regelt mit Regionen den Schulanfang.

Erziehungsministerin Celáa machte sich vor Monaten für Klassenstärken von nicht mehr als 15 Schülern stark. Es sollen auch feste Gruppen gebildet werden, die stets gemeinsam unterrichtet werden und auch in den gleichen zugewiesenen Zonen die Pausen verbringen. All dies legt der Pakt nicht in diesen Einzelheiten fest. So kann es durchaus vorkommen, dass Anfang September in Madrid 20 Schüler eine Klasse besuchen und in anderen Regionen 15 oder 25. Die Zentralregierung vertraut auf einen Selbstregulierungsprozess, der mit der Anstellung von mehr Lehrern einsetzen soll. Immerhin schießt Madrid zwei Milliarden Euro in die Regionen.

Eine einheitliche Regelung über Coronavirustests verabschiedeten die Politiker ebenfalls nicht. Gesundheitsminister Salvador Illa hielt „flächendeckendes Testen“ ohnehin nicht für sinnvoll und sprach sich eher dafür aus, nach dem „Sieb-Prinzip“ zu verfahren. Letztendlich entschieden aber die Regionen, ob und wie sie testen.

Spanien stärkt im Blldungspakt die Kompetenzen der Regionen

Der vielfach geforderten Covid-Beauftragten für jede Schule bleibt in dem Abkommen außen vor. Damit sollte die medizinische Erstversorgung entlastet werden, die in dieser Phase der Pandemie aufgrund der vielen Tests unter größerem Druck steht als die Krankenhäuser. Offen bleibt, ob die Regionen in allen Schulen diese Position besetzen und mit wem, mit einer medizinischen Fachkraft oder am Ende etwa doch mit dem Sport- und oder Mathelehrer.  Krankenschwestern warnen vor den Problemen, die auf Schulen zukommen können. Kinder haben oft Fieber, sind ständig erkältet. Vor dem Coronavirus gab es eine Paracetamol-Tablette und einen Klaps auf den Allerwertesten - und nun? Was wenn Kind mit solchen Symptomen kommt? Was passiert mit seinen Klassenkameraden und mit seinen Geschwistern und deren Klassenkameraden?

Nichts kann der Regierung garantieren, dass die Lage sich verschlechtert und möglicherweise die Schüler zu einem Online-Unterricht zurückkehren müssen. Das wäre für die Kinder eine Katastrophe. Bereits jetzt steht fest, dass einzelne Orte aufgrund der letzten Häufung von Corona-Fällen keine Chance haben, am Schulstart teilzunehmen, so zum Beispiel das valencianische Dorf Benigànim. Sollte dies eintreten, stehen die Schüler nicht wesentlich besser gerüstet da als im März. Das Erziehungsministerium hat keinen Lehrplan für Online-Unterricht ausgearbeitet, es gibt noch keine Mechanismen, den Online-Unterricht und seine Teilnehmer zu kontrollieren geschweige dann digitales Unterrichtsmaterial oder fundierte Informationen darüber, wie es um eine flächendeckende Ausstattung der Schulen und Familien mit Computern und Internet steht.

Offen ließen die Politiker auch, ob in den ersten Wochen Stoff aus dem Vorjahr wiederholt oder der Wissensstand abgefragt wird. Lehrer haben in den Wochen zuvor immer wieder davor gewarnt, dass das vergangene Schuljahr ein vielerlei Hinsicht ein verlorenes war. Jetzt wird es möglicherweise ein vergessenes. Große Zweifel herrschen, ob die Schüler den Stoff verarbeitet beziehungsweise verinnerlicht haben. Viele Lehrer können nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob wirklich alle Schüler immer den Online-Klassen gefolgt sind oder sich etwa nur eingeloggt haben und dann einer ganz anderen Tätigkeit nachgegangen sind.  

Das Abkommen namens “Declaración de actuaciones coordinadas en Salud Pública frente a la Covid-19 para los centros educativos durante el curso 2020-21 lehnt sich stark an das katalanische Protokoll für den Schulanfang an. Aus politischer Sicht ist es wohl eine Einigung auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner und nicht mal das, weil das Baskenland ausscherte. Mutet also erstmal wie ein kleiner Wurf an, lässt sich aber auch als ein großer Schritt interpretieren. In den vergangenen Jahren hat Spanien auf dem Bildungssektor wenig mehr zustande gebracht als ein Sammelsurium von Fehlschlägen. Kein Staatspakt für Bildung, kein ordentliches Schulgesetz. Dieses Abkommen resultiert aus einer Vielzahl von Konferenzen, in denen die Regionen miteinander und mit der Zentralregierung kooperiert haben. Das kann man durchaus als ein Fundament sehen, auf dem man etwas aufbauen kann.

Rubriklistenbild: © Óscar J.Barroso/dpa

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