Sieben Kohlekraftwerke stillgelegt

Schneller Kohleausstieg in Spanien: Energiewende als Selbstläufer

Spanien hat fast die Hälfte seiner Kohlekraftwerke mit einem Schlag vom Netz genommen. Kaum jemand regt sich darüber auf. Warum die Energiewende ein Selbstläufer ist.

  • Spaniens Abschied vom Kohlestrom vollzieht sich unaufgeregt.
  • Spanische Energiekonzerne treiben Schließung der Meiler wegen hoher Kosten voran.
  • Regierung in Madrid pocht auch Schaffung von Arbeitsplätzen im Sektor der Erneuerbaren Energien.

Madrid - Spanien ist auf bestem Weg, zu den Ländern zu zählen, die am schnellsten den Kohleausstieg bewältigen. So wurden zum 30. Juni auf einen Schlag sieben der insgesamt noch 15 aktiven Kohlekraftwerke stillgelegt. An diesem Tag lief die Genehmigung für die Ausnahme von den Emissionsgrenzwerten der EU ab. Für vier weitere Kohlenmeiler haben die Betreiber auch schon die Schließung beantragt. Mit deren Stilllegung wird in den kommenden zwei Jahren gerechnet. 2025 wird es keinen Kohlestrom mehr geben, der in Spanien produziert wurde. Trotz der Schließung von fast der Hälfte der Kohlekraftwerke, muss das Land aber nicht um seine Stromerzeugung fürchten. Es gibt reichlich Kapazitäten.

Spaniens Energiewende: Keine Diskussion um Kumpels und Kohle

Verglichen mit dem politischen Gezerre, das in Deutschland um den Kohleausstieg tobt – der obendrein erst 2038 endgültig vollzogen sein wird –, vollzieht sich der Abschied von dem umwelt- und klimabelastenden Energieträger in Spanien eher unaufgeregt. Bereits vor eineinhalb Jahren kam das Aus für den Kohleabbau in Spanien. Die letzten Braun- und Steinkohle-Förderstätten wurden dichtgemacht. Ohne staatliche Subventionen war deren Überleben schon seit längerer Zeit nicht mehr möglich, was die EU-Kommission aber untersagte.

Der schnelle Ausstieg aus der Kohle ist allerdings nicht auf eine Forderung aus der Politik zurückzuführen. Anders als in anderen Ländern gibt es keine Vorgaben der linksgerichteten Regierung unter Pedro Sánchez. Noch nicht einmal vom neuen Ministerium für ökologischen Übergang. Das hatte sich sogar einer Länder-Allianz für den Kohleausstieg verweigert. Politisch hält Madrid den Ball flach beim Thema Kohle. Das Thema erledigt sich trotzdem von selbst. Der Betrieb der Kohlekraftwerke in Spanien rechnet sich für Iberdrola, Endesa, Naturgy und Co. einfach nicht mehr.

Kohlestrom in Spanien unrentabler als Erneubare Energien und Gas

Die Gründe sind vielfältiger Natur: Zum einen liegt er in der zunehmenden Fokussierung auf Erneuerbare Energien in der Stromproduktion. Zum anderen im aktuell niedrigen Gaspreis. Spanien verfügt über moderne Gaskraftwerke im kombinierten Zyklus. Der Preisanstieg der Emissionsrechte zählt ebenfalls zu den Gründen. Gerade für Kohlekraftwerke, die viel CO2 ausstoßen, ist der Erwerb der Rechte eine kostenintensive Angelegenheit. Und schließlich sind die neuen Grenzwerte der EU für den Abgasausstoß der Kraftwerke anzuführen. Die Betreiber hätten spezielle Filter in die betagten Meiler installieren oder eine weitere Verlängerung der Ausnahmegenehmigung in Brüssel beantragen müssen. Beides wäre teuer gekommen.

Ein Arbeiter des Wärmekraftwerks in Andorra, Teruel, trägt während einer Demonstration eine gelbe Fahne mit einem Gefahrenschild. Das Werk von ENDESA wird nach 40 Jahren Tätigkeit geschlossen.

Der Wettbewerbsnachteil der Kohle und die Beschlüsse in Brüssel beschleunigen also in Spanien den Ausstieg. Das spiegelt sich auch im sinkenden Anteil an der Stromproduktion wieder. Noch 2018 stammten 14 Prozent des erzeugten Stroms aus der Kohle. Gleichzeitig aber waren die Kohlekraftwerke für 15 Prozent des spanischen Ausstoßes an Treibhausgasen verantwortlich. Schon 2019 sank der Kohleanteil auf rund fünf Prozent. Die Corona-Krise sorgte für einen weiteren Rückgang. Im Mai dieses Jahres war die Kohle nur noch mit 1,4 Prozent an der Stromerzeugung beteiligt. Einige der jetzt stillgelegten Kraftwerke produzierten schon seit Monaten keinen Strom mehr.

Spaniens Kohleausstieg im Eilverfahren: Ende wohl schon 2025

„So wie sich die Dinge entwickeln, glaube ich, dass es 2025 keine Stromproduktion aus Kohle mehr geben wird“, sagt Tatiana Nuño, Spezialistin für Energie und Klimawandel bei Greenpeace, gegenüber der Zeitung „El País“. „Das Szenario, mit dem wir in Sachen vollständige Stilllegung arbeiten, lautet 2025“, bestätigt auch Ana Barreira, Direktorin des Internationalen Instituts für Recht und Umwelt (IIDMA). Andere Quellen des Energiesektors gehen laut „El País“ sogar von einem noch schnelleren endgültigen Kohleausstieg aus.

Immerhin mischt sich die Regierung ein, um den Kohleausstieg für die betroffenen Beschäftigten einigermaßen schmerzfrei zu gestalten. In den elf Kraftwerken, die geschlossen wurden oder deren Schließung beantragt ist, stehen 2.400 direkte und indirekte Arbeitsplätze auf dem Spiel. In einigen Gemeinden ist das Kraftwerk der einzige Arbeitgeber von Bedeutung. Zum einen werden für den Abriss Arbeitskräfte benötigt. Hier bindet die Regierung die Genehmigung an Beschäftigungsgarantien.

Ausstieg ohne Arbeitsplatzverlust: Energieunternehmen müssen in Region investieren

Zum anderen müssen die Energieunternehmen für die Genehmigung zur Schließung eines Kohlekraftwerk eine alternative Investition in der Region vorweisen. Iberdrola beispielsweise baut in Velilla (Palencia) als Ersatz einen großen Windpark, der mehr Mitarbeiter haben wird als das alte Kohlekraftwerk. Inzwischen gibt es zwischen der Regierung und der Energiewirtschaft bereits zwölf sogenannte „Vereinbarungen für einen gerechten Übergang“ für von Schließungen betroffene Kohlebergbau- und Kraftwerksregionen. (von Thomas Liebelt)

Rubriklistenbild: © Javier Escriche/dpa

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