König Felipe und Prinzessin Leonor legen zu Ehren der Coronavirus Opfer Blumen an einer Ehrenflamme nieder
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Spaniens Königliche Familie legt beim Festakt zu Ehren der Coronavirus-Opfer am 16. Juli Blumen nieder.

Gedenken an Covid-19-Opfer in Spanien

Spanien in Trauer: Staatsakt für die Opfer des Coronavirus - Innehalten nach dem Chaos

  • vonMarco Schicker
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Ein paar Stunden der Einheit: Spanien gedenkt der Opfer des Coronavirus in einem feierlichen Festakt im Königlichen Schloss in Madrid.

  • 400 geladene Gäste aus Politik und Gesellschaft in Spanien und der EU gedenken in Madrid der Opfer der Coronavirus-Krise.
  • König Felipe VI. spricht beim Staatsakt von den Lektionen und Verpflichtungen, die die Krise hinterlassen habe.
  • Rechte Partei Vox boykottiert Trauerakt.
  • Zelebrierte Einheit beim Festakt in Madrid steht im Gegensatz zum radikalisierten Parteienstreit.

Madrid - „Das ist keine Beerdigung, sondern eine Würdigung. Eine Zeremonie als Mahnung und Begleitung“, erklärt die spanische Regierung zum Festakt in Erinnerung der Opfer des Coronavirus. Spaniens Staatsoberhaupt, König Felipe VI., hatte dazu am Donnerstag, 16. Juli, auf den Zeughaus-Platz des Königlichen Schlosses in Madrid geladen.

Ein Moment des Innehaltens: König Felipe VI., Spaniens Staatsoberhaupt mit Familie beim Trauerakt in Madrid am 16. Juli.

400 Vertreter der Parteien, der Regionen, zivilgesellschaftlicher Organisationen, Protagonisten aus dem Gesundheitswesen, der Sicherheitskräfte und ausgewählte Augenzeugen der Krise versammelten sich im lichten Rund des Hofes des Palacio Real. Stellvertretend traten der Bruder eines in Madrid an Covid-19 verstorbenen Journalisten sowie eine Krankenschwester aus dem Hospital Vall d’Hebron in Barcelona ans Rednerpult. Blumen, eine Flamme, Musik von Johannes Brahms und das Königliche Schloss waren Requisiten und Kulisse.

Warme Worte von Spaniens König bei Staatsakt für Coronavirus-Opfer

Würdig, persönlich und ohne politische Ambitionen sollte der Festakt verlaufen, Spanien wolle "ein Bild der Einheit zwischen seinen Institutionen und der Gesellschaft" abgeben, hieß es unisono von Regierung und Staatsoberhaupt. Die Partei Vox, nach Selbstdefinition Garant der Einheit Spaniens und immerhin drittstärkste Kraft im Parlament, sagte die Teilnahme ab. Dafür kam etwas internationale Prominenz: Die Präsidenten von Europäischer Kommission, Rat und Parlament, Ursula von der Leyen, Charles Michel und David Sassoli, der Außenbeauftragte der EU, Josep Borrell, sowie hohe Vertreter der WHO und der NATO.

Die EU-Spitze erweist den Opfern der Coronavirus-Krise beim Festakt in Madrid am 16. Juli ihre Reverenz.

Doch im Zentrum des Geschehens stand die "Königliche Familie", laut Verfassung das Symbol der Einheit Spaniens, mit dem sich aber nur noch das halbe Land identifiziert, woran vor allem die Eskapaden des Ex-Königs Juan Carlos I. die Schuld tragen. Sein Sohn, Felipe VI. sagte, "dass all die Familien", die Verluste erlitten haben, oft ohne von ihren Liebsten Abschied nehmen zu können, "nicht allein in ihrem Leid sind. Ihr Leid ist unseres, das aller Spanier, die wir hier unter den gleichen Überzeugungen universeller Menschlichkeit und Solidarität vereinigt sind." Dieser Akt könne "das Leid der vielen Familien nicht reparieren", aber vielleicht "den Schmerz lindern", in dem er von der Gesellschaft geteilt werde und "in seiner Erinnerung" bleibe, so Spaniens König.

Die Krise lehrte eine Lektion, ein moralisches Vermächtnis und eine gesellschaftliche Verpflichtung

Spaniens König und Staatsoberhaupt Felipe VI.

Krise als moralische Verpflichtung: Welche Lehren zieht Spanien aus der Coronvirus-Krise?

Das Land könne gleichzeitig stolz sein auf die „demonstrierte Verantwortlichkeit, die die Gesamtheit des spanischen Volkes in dieser so harten und schwierigen Zeit an den Tag legte.“ Die Krise habe „eine Lektion von immensem Wert gelehrt“, die „uns ein moralisches Vermächtnis und eine gesellschaftliche Verpflichtung auferlegt: Vereinen wir unseren ganzen Willen, unsere Fähigkeiten, unser Wissen und unsere Kraft, um mit Vertrauen und Hoffnung in die Zukunft zu schauen. Und tun wir das mit Respekt und Verständnis“, so König Felipe VI.

Gedacht wurde in kurzen Ansprachen der bis heute offiziell anerkannten 28.415 Todesopfer durch Covid-19, aber auch derjenigen, die während der Zeit der Pandemie leiden mussten, ob als Patienten auf der Intensivstation, als Krankenschwester, die wochenlang ihre Kinder nicht zu Gesicht bekam, als Bewohner eines Altersheimes, der Monate in totaler Isolation ausharren musste.

Staatsakt für die Opfer des Coronavirus in Spanien im Königsschloss: 400 Gäste waren am 16. Juli 2020 in den Ehrenhof des Palacio Real in Madrid geladen.

Der Festakt ist damit auch eine Ehrerbietung an die Spanier insgesamt, die, trotz politischem und medialem Getöse, in Summe geduldig, diszipliniert und vor allem solidarisch durch die Krise gingen. Spanien wurde von der Coronavirus-Epidemie bekanntlich mit am härtesten getroffen, das Land verbrachte fast 100 Tage in einem Notstand, dessen Ausgang zunächst ungewiss war, als die Zahlen explodierten.

Eine Stunde relative Einigkeit: Spaniens Zukunft beginnt im Streit

Die dramatische Chronik der Coronavirus-Krise in Spanien zeigt: Mehrfach geriet Spanien an seine Grenzen: Im Gesundheitswesen, als die ersten Intensivstationen in Madrid überfüllt waren, Notspitäler eingerichtet werden mussten, es an sanitärem Material, Beatmungsgeräten und Personal fehlte, weil der Sektor seit Jahren krank gespart wurde. Emotional, als die Nachricht von der Eissporthalle als Leichenschauhaus und die Bilder aus Altersheimen um die Welt gingen, in denen tausende Menschen ihrem Schicksal überlassen wurden, ihnen ärztliche Versorgung versagt worden sein soll. Mindestens 6.000 Menschen überlebten diese "Verwaltung" nicht, Gerichte sollen das aufklären.

Und auch wirtschaftliche, soziale Limits wurden erreicht, Massenarbeitslosigkeit, der Gang in eine erneute Rezession, viele Menschen waren gänzlich ohne Mittel. Ein Grundeinkommen für die ärmsten Spanier und viele, wegen der Eile und dem Mangel an politischem Konsens nicht immer kohärent wirkende Hilfspakete, sollen das abfedern. Geld aus der EU, das bis heute noch nicht da ist, den Weg aus der Krise erleichtern.

Die strukturellen Schwächen des Landes deckte das Coronavirus schonungslos auf. Mag das Land in der Trauer um die Toten für eine Stunde sogar bis in die politische Spitze einig gewesen sein. Bei der Frage, wie Spanien die Zukunft angeht, scheint die politische Spaltung die alte und die Coronavirus-Krise sowie das erlebte Elend schon sehr weit weg zu sein. Der radikalisierte und vulgarisierte Parteienstreit gefährdet zunehmend die Autorität der demokratischen Institutionen insgesamt und den sozialen Zusammenhalt.

Ein dramatischer Auswuchs des Coronavirus zeigte sich in einer Nerzfarm in Aragon, wie merkur.de* berichtete. Die Behörden vermuteten, dass ein infizierter Mitarbeiter das Sars-CoV-2 in die Farm eingeschleppt hat und ließen daraufhin an die 100.000 Tiere töten, um die Infektionskette zu durchbrechen.

Ob Spanien wirklich Lehren aus der Coronavirus-Krise ziehen können wird, die über Notfallvorräte an Masken und Krankenhausbetten hinausgehen und einen echten Fortschritt bedeuten, wird sich erst noch zeigen. Des Königs Wunsch und Worte werden dafür nicht genügen. *merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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