Ende Notstand, Auftakt Reisefreiheit

Spanien bereit für Urlauber: Flughäfen-Kontrollen, Appelle an Bevölkerung

  • vonStephan Kippes
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Kurz vor Ende des Notstands korrigierte Spaniens Gesundheitsministerium die Covid-19-Opfer nach oben und mahnte Bürger zur Vorsicht, um neue Coronavirus-Ausbrüche zu vermeiden.

  • Rückfälle und Ausbrüche in Schlachthöfen, bei Gastarbeitern und auf Tierfarmen
  • Gesundheitsministerium erfasst 28.313 Covid-19- Tote, fast 1.200 mehr als bisher
  • Drei Kontrollen müssen Urlauber am Flughäfen durchlaufen

Madrid - Unmittelbar vor Eintritt in die neue Normalität und dem Ende des Notstandsdekrets hat Spaniens oberster Epidemiologe Fernando Simón ein letztes Mal die Fallzahlen der Coronavirus-Krise aktualisiert. 28.313 Covid-19-Tote erfasste das Zentrum für die Koordination für medizinische Notfälle demnach am Freitag, 19. Juni. Das ist ein gewaltiger Anstieg zu den 27.136 Covid-19-Opfern vom Vortag. Dabei handelt es sich aber keineswegs um 1.177 Menschen, die binnen 24 Stunden dem Sars-Cov-2 zum Opfer fielen. Vielmehr frischt das Gesundheitsministerium abermals seine Statistik der mittels PCR-Test erfassten Covid-19-Opfer auf, die seit Anfang Juni nicht mehr stimmte.

Coronavirus in Spanien: Fallzahlen liegen weit unter der realen Zahl der Opfer

Bei der Pressekonferenz räumte Fernando Simón auch unumwunden ein, dass dieses Zahlen stark von denen des ebenfalls öffentlichen Gesundheitsinstituts Carlos III abweicht, dass im Laufe dieses Jahres bereits 43.348 mehr als übliche Todesfälle erfasst hat. Demnach liegt die Sterberate in Spanien bisher also 56 Prozent über dem Normalwert, woraus man schließen kann, dass ein großer Anteil dieser Todesfälle auf Covid-19 zurückzuführen sind. Fernando Simón wollte auch gar nicht ausschließen, dass mit der Veröffentlichung der Todesfälle und ihrer Ursachen durch das Nationale Institut für Statistik INE zum Jahresende die derzeit präsentierten Zahlen noch weiter von realen Fällen abweichen, da es sich bei den 28.313 Covid-19-Opfern des Gesundheitsministeriums wirklich nur um die Personen handelt, bei denen mittels eines PCR-Test das Coronavirus festgestellt worden war. Während der Hochzeit der Epidemien mieden viele Covid-19-Erkrankte die Hospitäler und starben zu Hause und auch viele Opfer in Seniorenresidenzen tauchen in der Statistik nicht auf, da sie niemals getestet wurden.

Spanien steuert auf die neue Normalität zu. Am 21. Juni beginnt sie.

Die 28.300 wird aber die Zahl sein, mit der Spanien am 21. Juni mit dem Ende des Notstandsdekret in die “neue Normalität” eintritt. Es wird die offizielle Zahl sein, von der die Presse sprechen wird, wenn sie über Wiedereinführung der Reisefreiheit im Schengen-Raum und über den Urlaub unter dem Zeichen des Coronavirus berichtet. Sicherlich ist es nicht die reale Zahl der Coronavirus-Opfer, aber sie entspricht einer systematischen Zählung und dient zur Orientierung und ist eine Zäsur nach 100 Tagen Notstand.

Coronavirus in Krankenhäusern: 312 Patienten auf Intensivstationen

Fernando Simón gab erstmals bekannt, dass von 85.000 Betten in den Krankenhäusern Spaniens in der zweiten Aprilhälfte die Hälfte von Covid-19 Patienten belegt waren. Die Kapazitäten auf den Intensivstationen mussten verdoppelt werden, da zu dieser Zeit 5.500 Menschen dort behandelt wurden. Den schlimmsten Tag erlebten die spanischen Krankenhäuser am 11. April, als die Auslastung der Intensivstationen mit 85 Prozent landesweit ihren Zenit erreichte. “Wir waren sehr nahe am Kollaps”, sagte Fernando Simón. Derzeit werden etwa 2.000 Corona-Erkrankte stationär in Spanien behandelt, 312 liegen auf Intensivstationen, was der Virologe als “Rückkehr zur Normalität” bezeichnete. Insgesamt wurden bisher drei Millionen Spanier mit einem PCR-Test auf das Coronavirus getestet.

Vergangenen Monat hat Spanien 982 Coronavirus-Fälle erfasst, die mit 34 lokalen Coronavirus-Ausbrüchen in Verbindung gebracht werden. Neun davon brachen in Schlachthöfen aus, die weiteren Fälle führte das Gesundheitsministerium auf Gastarbeiter zurück, die aus Frankreich zurückkehrten, dann auf eine Firma mit Niederlassungen in Lissabon, auf Seniorenheime, Feste, Gesundheitszentren und eine Nerz-Farm in Teruel. Neun dieser Ausbrüche gelten als aktiv, aber kontrolliert und befinden sich im Baskenland, in Madrid, Valladolid, Cádiz und auf Fuerteventura.

Appell für „neue Normalität“: Bewegungsfreiheit verantwortungsbewusst nutzen

Gesundheitsminister Salvador Illa verwies darauf, dass ab 21. Juni und mit dem Ende des 14 Wochen andauernden Notstands die Behörden keine Autorität mehr haben, die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung einzuschränken. Deswegen müsste alles daran gesetzt werden, Ausbrüche schnell zu erfassen und lokal zu begrenzen. Bei kleinen Ausbrüchen könnten Betroffene wohl auf Grundlage der regionalen Gesetzgebung isoliert werden, sagte Illa und verwies auf das Hotel in Adejae auf Teneriffa zu Beginn der Epidemie. Wohl könnten die Regionen einzelne Bereiche beschränken, etwa die großen Veranstaltungen oder den Diskotheken-Betrieb. Eine allgemeine Einschränkung der Grundrechte würde allerdings einen neuen Ausruf des Notstands erfordern. “Wir empfehlen den Bürgern, trotz der Bewegungsfreiheit ihre Provinz nur zu verlassen, wenn es notwendig ist – solange, bis die Ansteckungsrate bei Null ist. Da fehlt nicht mehr viel, aber ein bisschen”, sagte Fernando Simón und appellierte an die Verantwortung eines jeden einzelnen Bürgers.

Anlass zur Sorge wegen dem Beginn der Urlaubssaison bestünde keine, so Simón, wohl aber zur Vorsicht und Wahrung der Präventionsmaßnahmen wie etwa die Wahrung des Mindestabstands von 1,5 Metern und das Tragen von Atemschutzmasken in öffentlichen geschlossenen Räumen und überall dort im Freien, wo viele Leute sich auf begrenztem Raum aufhalten. “Es besteht ein gewisses Restrisiko, aber es hängt auch vom Verhalten des Einzelnen ab, das daraus kein neuer Ausbruch wird”, sagte Simón. Ein wirkliche Rückkehr zur Normalität wird erst möglich sein, sobald es einen Impfstoff gibt.

Spanien führt Kontrollen an Flughäfen ein: Temperatur wird gemessen, Gesundheit geprüft

Einreisende aus dem Ausland müssen ab Sonntag an den Flughäfen drei Kontrollen durchlaufen. Einmal müssen Touristen ein Dokument mit Angaben über ihre Person und ihren Gesundheitszustand ausfüllen. Ferner wird ihre Temperatur gemessen. Medizinisches Personal prüft mittels einer visuellen Kontrolle, ob Touristen mögliche Covid-Symptome haben, ob sie husten, niesen oder unter Atembeschwerden leiden und möglicherweise untersucht, getestet und isoliert werden müssen. Dafür stellt das Gesundheitwesen 100 Personen ein.

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