Kinder in Spanien warten auf Spaziergang
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Sehnsüchtig warten die Kinder in Spanien auf den 27. April. Dann dürfen sie wieder auf die Straße.

Land in Quarantäne

Spanien will raus: Gesundheitsminister hat in Corona-Zeiten das letzte Wort

  • vonMarco Schicker
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Ab 10. Mai soll die Ausgangssperre in Spanien langsam abgebaut werden. Doch nicht gleichzeitig und überall im gleichen Maße. Die Regierung muss einen Rückfall bei Covid-19 unter allen Umständen vermeiden.

  • Spanier wollen Lockerung der Ausgangssperre.
  • Coronavirus: Nicht in allen Regionen ist die Siutation gleich kritisch.
  • Gastronomie wird wohl zuletzt wieder öffnen.

Madrid - Die Spanier, die seit 14. März in Europa mit die strengsten Auflagen wegen der Coronavirus-Krise erdulden müssen, weil das Virus hier besonders heftig tobt, scharren mit den Hufen. Ein Volk, das praktisch das ganze Jahr über im Freien lebt, will zurück in diese Freiheit. Bis 9. Mai wurden mit dem Notstand auch die Ausgangssperren verlängert - am Mittwoch bestätigte das Parlament das auch formal. Immerhin dürfen ab 27. April Kinder bis 14 Jahre unter Auflagen spazieren gehen: eine Stunde lang, höchstens einen Kilometer vom Haus entfernt, in Begleitung eines im Haushalt wohnenden Erwachsenen, nicht auf Spielplätzen. Wahrscheinlich wird Spanien auch nach dem 10. Mai noch immer im Alarmzustand sein, doch werden die Beschränkungen dann schon „schrittweise und langsam abgebaut“, wie Regierungschef Pedro Sánchez am Mittwoch nochmals betonte.

Weg aus der Corona-Krise: Kein klar definierter Zeitplan

Dass es keinen zeitlich klar definierten Fahrplan für diese Deeskalation geben kann, die „desescalada“, die heute in aller spanischer Munde ist, stellt der Leiter des sanitären Krisenstabs der Regierung, Fernando Simón, als Prämisse. Das Faktotum dieser Krise, wegen seiner täglichen, ruhigen, stichhaltigen Erklärungen vereehrte, gleichzeitig als Überbringer der schlechten Nachrichten wie ein täglicher Albtraum erscheinende Experte, erlebte am eigenen Leib, dass das Coronvirus sich nicht an den Wünschen der Regierung orientert. Simón selbst erkrankte an Covid-19 und kam in Quarantäne.

Die Regierung steckt zwar für ihre scheinbare Zögerlichkeit mediale und oppositionelle Prügel ein, muss sich von den Balkonen wütendes Topfschlagen der Bürger gefallen lassen, denkt aber nicht daran, Hoffnungen zu wecken, denen die Mediziner und die Statistik der Fallzahlen dann wieder einen Strich durch die Rechnung machen könnten. Einen Rückfall, eine zweite Welle will man nicht nur verhindern, sie wäre für das Gesundheitssystem und für Wirtschaft wie Moral im Lande wahrscheinlich nicht mehr auszuhalten. Daher gilt für jeden Schritt, vor oder zurück, das Diktum der Mediziner, der Gesundheitsminister hat das letzte Wort.

Die Gastronomie wird mit als letzte Branche und nur unter Auflagen öffnen dürfen. Hier in der Marina von Alicante.

Was können die Spanier ab 10. Mai erwarten?

„Es gibt Autonome Regionen, Provinzen und Inseln, in denen das Übertragungsrisiko gleich null oder nahe daran ist“, so Simón. In Murcia, auf den Kanaren, in La Rioja sowie den afrikanischen Exklaven Ceuta und Melilla lagen die Neuansteckungen am Mittwoch gegenüber dem Vortag unter einem Prozent. Die Kanareninseln La Gomera und El Hierro sind praktisch virenfrei und könnten als erste wieder aufmachen. Doch Simón bremst. „Es geht nicht nur um das Ausmaß der Epidemie, sondern um die Fähigkeit jederzeit auf sie reagieren zu können, sowohl, was neue schwere Fälle betrifft, also auch die Fähigkeit der Übertragung auf ein Minimum zu verringern.“ Das Problem ist die fehlende Herdenimmunität, selbst in den „besten“ Regionen haben weniger als zwei Prozent Antikörper. Für die Deeskalation sei daher Voraussetzung, dass die medizinische Nahversorgung, also niedergelassene Hausärzte und Gesundheitszentren so besetzt, ausgestattet und ausgebildet sind, dass sie die Lage zu jeder Zeit abbilden und beherrschen können. Also: Testen, testen, testen.

Lockerung der Ausgangssperre: Spazieren bald wieder erlaubt?

Optimistischer zeigen sich andere Experten. Der Professor der andalusischen Gesundheitsakademie, José Martínez Olmos, meint: „Wenn die Entwicklung der Pandemie in den kommenden drei Wochen keinen Rückschlag erleidet, dürfen wir raus.“ Das Szenario würde dann so aussehen, dass die Zentralregierung einzelnen Regionen die Kompetenz gibt in den Gemeinden, in denen die notwendigen Eckdaten erreicht sind, die Ausgangssperre zu lockern. Zunächst würde dann die Spaziererlaubnis von Kindern auch auf andere Bevölkerungsgruppen erweitert, Sport wäre erlaubt, Menschenansammlungen blieben verboten, Masken und Abstand werden das Straßenbild prägen.

Bars und Restaurants werden zuletzt öffnen

Gleichzeitig könnten immer mehr Gewerbe öffnen, auch hier jeweils unter strenger Aufsicht und bei Anwendung von Sicherheitsmaßnahmen. Die schlechte Nachricht, besonders für die geselligen Spaniern: Bars und Restaurants werden die letzten sein, die öffnen dürfen. Diese ersten Gemeinden werden dabei besonders scharf beobachtet werden, gibt es dort Rückfälle, wartet das ganze Land erneut. Interessiert schauen die spanischen Behörden auch ins Ausland und Simón warnt: „Es kann zu jederzeit auch eine Rücknahme von Erleichterungen geben“, erinnert er daran, dass man auch dann noch im „Alarmzustand“ bleibt.

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